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Irkutsk/Ulica

Über den Humor von Stadtplanern

Posted by Sascha Preiß on

Die nachfolgend vorgestellte Straße befindet sich mitten im Stadtzentrum von Irkutsk, unweit des Zentralmarktes, der Oper und der Kreuzerhöhungskirche. Und vor allem in historisch wahrem, asphaltfreiem Zustand. Trekking-Begeisterten und Freunden individueller Stadterkundungen abseits der Mainstream-Sehenswürdigkeiten soll dieses Kleinod wärmstens ans Herz gelegt sein. Denn gerade zur Zeit des sibirischen Tauwetters, aber auch im feuchten Herbst, entwickelt dieser Ort erst seinen eigentlichen, besonderen Charme.

Man beginne die Tour am Fuße der Straße bei den offenen Müllcontainern, um die herum Wind, Hunde und unkontrollierte Wurfleistungen allerlei Reste auf die Straße verteilt haben (Bild 1). Dann arbeite man sich durch die Schlucht die leichte Anhöhe hinauf, weniger experimentierfreudige Wanderer können auf die gebrechliche Holztreppe links daneben zurückgreifen (Bilder 2, 3). Ist man oben auf dem Plateau angekommen, sieht man sich unweigerlich der Herausforderung ausgesetzt, sich einen Weg durch die Fahrspuren zu bahnen – es ist dies eine authentische und ungekünstelte Begegnung mit der sibirischen Stadt von vor ca. 150 Jahren (Bilder 4, 5). Der Weg endet am Aufeinandertreffen der nun absolvierten Straße mit einer halbasphaltierten Querung – genau da, wo erneut Müllcontainer platziert wurden (Bild 6). Man sollte an dieser Stelle innehalten: der Anblick der Fußbekleidung wird unvergesslich bleiben.

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Der Name dieser Straße darf bei all dem nicht vergessen werden: ulica Grjasnowa, die Grjasnow-Straße. Grjasnow ist der Familienname einer in der Straßenbeschilderung nicht näher bezeichneten russischen Persönlichkeit; der Nachname wiederum leitet sich vom durchaus treffenden Adjektiv „schmutzig“ ab. Manche Stadtplaner verwirklichen auf diese Weise offenkundig ihre Anfälle von Humor.

(Fotos: Jenny.)

Das Wetter/Irkutsk/Ulica

Der Frühling

Posted by Sascha Preiß on

Für Miroslav Krleža

Seit Tagen bewege ich mich nur noch gebückt, beinah kriechend durch diese Welt, die, wie ich mir so sehnlichst wünsche, nach Erblühendem duften sollte, aber meist nur nach Erbrochenem riecht, und nach den ganzen anderen Abfällen und Resten, Hinterlassenschaften und Exkrementen der langsam, sehr langsam sich verziehenden sibirischen Jahreszeit. Denn was da nun alles wieder zum Vorschein kommt, was da in den Schneebergen und Eismassen der letzten fünf Monate so insgesamt hinein sediert ist und nun dem Tageslicht entgegen taut, dabei wie längst vergessene Fossilien zu Tage tritt, das kann gar nicht anders als stinken, gewaltig und erbarmungslos, den ergrauten Himmeln dieser Stadt entgegen. Und so spült sich im ringsum Tauenden, Tropfenden, Nässenden, Wässernden und Erweichenden die gesamte Kloake des vergangenen Halbjahres nach oben, an die trockene, jeden Geruch aufgreifende Luft, um sogleich in Fäulnis und Verderb zu schwelgen, und was dereinst ein Apfel war oder eine Aubergine, wer auch immer diese und warum hingeworfen hat, erscheint nun, als bräunliches, entformtes Sediment, verfault, vergammelt und unzureichend konserviert, garniert und angerichtet mit zerfaserten Zigarettenstummeln, zerbrochenen Flaschen, zu Brei geschmolzenem Herbstlaub, kaum zersetztem Hundekot oder gleich erfrorenen, vereisten und nun zum Vorschein kommenden Hunden und Katzen, schmutzigen, nassfelligen, zerzausten Geschöpfen der Straße, von denen in jedem Frühjahr unzählige nachwachsen, denn die Überlebenden haben sich zusammengerottet auf Spielplätzen und von unten wärmenden Gullideckeln, die Gestorbenen, nun freigelegten Tiere aber sind die Kadaver eines sibirisch herzlosen, entseelenden Frostes, ihres Grabes beraubt, neben den Gehwegen im Schlamm steckend, Gesicht bzw Schnauze dem grauen Schneeberg noch zugewandt, der Körper noch halb eingefroren, ein kaltes, nässendes, schwarzes Auge aber ist schon zum Vorschein gekommen und starrt kalt und wild zugleich in diese Welt voll nassen Drecks, unbetrauert und umgeben von Mülltüten, Bierdosen und zu braunem Schlamm aufgeweichten Papphülsen von Silvesterböllern.

Im Frühjahr kehren sie zurück, die untoten Seelen, Zombieland, ein Horror für das Empfinden zarter Frühlingssuchender, von Valentinstag bis Ostern mit blühender Hoffnung bewaffnet, doch nimmt man eigentlich hiervon gewohnheitsmäßig keine Notiz, trabt stur und regungslos wie eh und je durch die graubraun überquellenden Straßen und Wege, die sich schon bald erneut vereist haben, mit Schnee dünn überfärbt haben werden, unter reißendem Heulen und mit beißenden Wind, denn die Frühlinge hier dauern ewig und lassen sich durch nichts beschleunigen und können so viele neue Eisstürme über den schmutzigen Landstrich hinweg ziehen lassen, wie Bittgesuche und Gebete in den Kirchen für eine baldige Genesung der Angehörigen von der Virusinfektion auf die Gesichter der Ikonen geseufzt oder dürr glimmende, mild wärmende Kerzen zur Abwendung von Unheil in den Andachtsräumen aufgestellt werden, denn zu einfach soll es den Menschen nicht gemacht sein, alles muss errungen und ertrotzt werden, alles muss klaglos und ohne Zorn ertragen sein, bis die letzte Sehnsucht verdunstet ist. Dann vielleicht wird der eine oder andere Ast freigegeben und darf knospen, weit nach dem Frühlingsfest, nicht vor Ende der Fastenzeit, womöglich noch nicht einmal vor Pfingsten.

Diese Tage haben auch mich taub gemacht, stumm und mürrisch, denn wen würde es nicht schockieren, verstören, enttäuschen, müsste er wie ich sich in dieser überflutenden Welt voll Abfall und Morast bewegen, in Erwartung von so etwas wie Krokussen oder Narzissen. Der Schlamm setzt sich überall fest, auf allen Wegen, in allen Kleidern, in den Handschuhen und Schals, auf den Wangen, in den Augen und Haaren, im Gemüt. Von den Sohlen spritzt er die Hacken hinauf, krallt sich wie giftiger Samen an allen erreichbaren Wirten fest, pflanzt sich fort, trägt sich in die Autos, Marschrutkas, Busse und Straßenbahnen, in die Treppenhäuser und Wohnungen, in alle Räume, auf die Sofas und Betten, frisst sich in die Blicke, in die Worte, in die Sätze, verschlammt die Gedanken. Ich, wie alle anderen auch, lebe im Schlamm, im schwarzen Schleim, im Dreck und Morast, ich schlafe in ihm, ich atme ihn ein und esse ihn, ohne dass ich das verhindern könnte. Jede Berühung ist eine potentielle Verseuchung, eine Ansteckung, eine toxische Gefährdung, jeder Versuch einer Waschung, eines Bades oder einer Reinigung ist eine Verblendung, denn selbstverständlich ist auch das Wasser in den Leitungen befallen und verseucht und ungeeignet, den Morast abzuspülen. Und jede Speise und jeder Teller und jede Gabel und jedes Glas ist ebenso befallen. Ich habe keine andere Wahl, also ergebe ich mich dieser Flut, versuche mich nicht gegen sie zu wehren, denn es ist vergebens, es ist Sibirien und es ist ein wenig hold blickender Frühling unter der kalten Sonne, hier belebt sich nichts, hier wird Totes sichtbar, und dieses schwemmt sich durch die Stadt, bis es von der trockenen Luft aufgesogen und an anderer Stelle wieder ausgespien wird, und ich krieche entlang, ausgezehrt, hungrig, gereizt, trocken hustend, den Blick stur auf die schmutzig vereisten, aufgetauten, erneut vereisten Wege gerichtet, um nichts anderes sehen zu müssen, denn ringsum ist alles des selben Anblicks, Geruchs und Geschmacks. Einige weitere Tage und Wochen lang.

der-fruehling-2013

Russland/Ulica/Begraben

Meteore des Alltags

Posted by Sascha Preiß on

Na, sagte sie und schaute dabei betrübt in den verbeulten, zerkratzten, entfärbten und bei wärmerem Wetter ganz sicher stinkenden Mülleimer, wobei ich mir nicht sicher war, was sie dort hätte finden können, denn der Seitenspiegel lag nun einmal direkt auf den Straßenbahngleisen und auch sonst waren die ganzen übrigen Splitter und Bruchstücke ringsumher verteilt, nur eben nicht dort, wo sie gerade hinblickte, so sauber wird das hier ja eben nicht gehandhabt, aber vielleicht erregte gerade das ihr ganzes Mitleid. Denn an dem Auto, das da so wunderschön quer über den Gleisen stand und seit einer Stunde den Vormittagsverkehr ordentlich zum Erliegen brachte, konnte es kaum liegen, so erhaben spiegelte sich die aufgehende Sonne im schwarzen Edellack des hinteren Kotflügels, denn diese Wagenteile sind üblicherweise in dieser besonders schmutzigen Phase dieser Jahreszeit farblich kaum mehr auszumachen, hier aber leuchtete etwas ganz gewaltig und zeigte Besitz und Herrschaft an und ließ uns die Augen übergehen, so dass von Meitleid ganz sicher keine Rede sein konnte, eher Bewunderung, Staunen, Anbetung, irgend so etwas mit offenem Mund und viel Schweigen jedenfalls, und für Schweigen war aller Anlass geboten.

Denn der vordere Teil des herrschaftlichen Autos lag verbeult, zerquetscht und auseinandergebröckelt wie ein frisches Blätterteigcroisson nach einem kräftigen Biss mitten auf der Straße herum, und hineingebissen hatte die Bahn mit der Nummer 5 und hatte wohl auch irgendwas vom herrschaftlichen Fahrer erwischt, oder das regelmäßige Aufscheinen bläulichen Lichts am Mülleimer hatte eine andere Ursache als den Krankenwagen, dem gerade etwas, das wie ein weiß verpackter Riegel aussah, in seinen großen Bauch geschoben wurde, das zweite Frühstück bereits, und wenn das erst das Frühstück war, denn bis um 12 Uhr war noch reichlich Zeit, musste ja etwas Gewaltiges als Mittag und dann Abendessen anstehen, meine Herrschaften.

Aber sie wendete ihren Blick vom Mülleimer nicht ab und fragte, ob ich lieber von einem Meteorit erschlagen werden möchte oder im Straßenverkehr als Herr oder Knecht draufgehen wolle, dabei könnten wir doch im Augenblick von Glück sprechen, denn weder lebten wir in Tschelyabinsk, und wir hatten diese russische Stadt im Ural nie zu Gesicht bekommen oder dies irgendwann vor, noch besäßen wir ein Auto, mit dem wir uns um Kopf und Kragen fahren könnten wie es wohl hier vor mehr als einer Stunde geschehen sei, noch wären wir heute ganz früh am Morgen, was das erste Frühstück zur Folge gehabt hatte, über einen Fußgängerüberweg gegangen, denn dieses wäre hier schließlich eine der sichersten Methoden, nachfolgend überhaupt nicht mehr weiterzugehen bzw einfach nur liegen zu bleiben, wie es dem 15jährigen Mädchen eben passiert sei.

Wollen wir nur hoffen, ergänzte sie nach einer Pause, in der sie ihren Blick vom Mülleimer abwendete und mit ihrem Mobiltelefon den Kotzfleck der Straßenbahnfahrerin anvisierte, den diese wenig später nach dem Zusammenstoß ihres Gefährts mit dem Auto und ihrer Erkenntnis, was genau da also passiert sei, direkt neben ihren Straßenbahnwagen gesetzt hatte und der inzwischen schon fast vollständig gefroren war, wollen wir nur hoffen, dass hier ein Fall besonderer Koinzidenz vorliegt und die Straßenbahn das erste Unglück also gerächt hat, wobei ihr Telefon den schmatzenden Laut der erfolgten Aufnahme von sich gab und bald darauf hatte sich dieses Bild auch schon auf irgendeine Festplatte in der elektronischen Cloud gesetzt, himmelherrgott, was heute alles möglich war, womöglich neben das 15jährige Mädchen und den herrschaftlichen Fahrer, der sich noch im Sterben keiner Unschuld bewusst wurde, schließlich hatte er ja das große glänzende Auto und die anderen mussten Respekt zollen, ob nun Straßenbahn oder Mädchen, und die aufgehende Sonne hatte ja gezeigt, wie es geht, wenn die Wolken erst einmal weg sind und der Himmel frei, so wie die Straßen für die Herrschaften frei zu sein haben, frei von Schuld vor allem, denn der Fahrer des Autos, unter dem das Mädchen für immer liegen geblieben war, war einfach weitergefahren, von sowas lässt man sich doch nicht aufhalten.

Denn so sind sie, die Meteore, die hier täglich aus heiterem Himmel herniedersausen und so ihre tiefen Spuren in die Verkehrsadern fressen, denn kein Stadtkörper verträgt so viele und regelmäßige Speisungen von Unfall- bzw Leichenwagen auf Dauer, irgendwann wird einem ganz gewaltig übel und irgendwie wäre es doch einfach schade drum, wenn vom Großen und Ganzen dieser Siedlung nur das übrig bleiben würde, was die Straßenbahnfahrerin auf dem Asphalt hinterlassen hat oder was in den Mülleimern am Straßenrand so zu finden sei, wenn es wärmer würde. Und was das betrifft, sei mir, sagte ich also, durchaus so ein echter interstellarer Gesteinsbrocken auf dem Kopf lieber als diese wilden Asteroiden des Alltags, aber man hat ja keine große Wahl der Qual, und wenn jetzt gleich die Reste des Autos weggeräumt sind und die Fahrerin was gegessen und ein Tee getrunken hat, können wir vielleicht endlich weiterfahren. Na, sagte sie und schaute betrübt in den Mülleimer, obwohl es da immer noch nichts zu sehen gab, vielleicht.

Irkutsk/minimal stories/Ulica

Suburbia

Posted by Sascha Preiß on

Die Hunde blicken drohend, als sie vorüber laufen. Irgendetwas muss sie von ihren üblichen Quartieren vertrieben haben. In einer ungewöhnlich großen Gruppe, beinah zehn Tiere, sind sie auf der Suche nach einer ruhigeren Ecke ihres Reviers und laufen über die frequentierte Straße. Die Autos sind vom Straßenschlamm verdreckt. Ein dunkler, schwerer Off-Roader, aus dem dunkle, schwere Gitarrenriffs dröhnen, biegt in den Innenhof ein und bremst hart vor der Haustür. Niemand steigt aus. Stattdessen ertönt bestimmt die Hupe. Etwas weiter steht eine Limousine mit laufendem Motor herum, ohne Insassen. Die Sandkästen des Spielplatzes sind zugeschneit, vereist, teilweise wieder aufgetaut, Dreck und Matsch. Im Sommer liegen hier die Hunde, die Mütter mit ihren Kleinkindern an verbogener Schaukel, Wippe und Karussel ignorierend. Unter den Bänken, auf denen pelzig die Hofältesten bei besserem Wetter sitzen und die verdorbene Jugend von heute beklagen, liegen ein paar Bierflaschen. Können aber auch vom umgestoßenen Mülleimer sein. Zwei Jungs übernehmen den Platz, um zu bolzen. Der eine drischt den Ball in Richtung Tor, verfehlt es klar und trifft ein parkendes Auto. Von der minutenlangen Alarmanlage lassen sie sich nicht stören. Auch hinter den Gardinen keine Regung. Es ist an diesem arbeitsfreien Montag mal einfach gar nichts los.

Irkutsk/Technik/Ulica

Nach der Sommerpause

Posted by Sascha Preiß on

Die Sommer in Irkutsk bekomme ich leider überhaupt nicht mit, weil alle Familienangehörigen, Verwandten und Freunde immer darauf bestehen, dass wir den Sommer bei ihnen in Deutschland verbringen, und wir uns natürlich auch auf die Freunde, Verwandten, Familienangehörigen freuen, ebenso wie auf die nicht ganz so trockene, deutlich weniger staubige Luft in Europa. Auch wenn die Reisen hin und wieder zurück sehr strapaziös sind, doch das muss dann eben sein. Und für einige Zeit ist die Stadt am Baikal dann auch für uns sehr weit weg. So weit, dass man sich gar nicht vorstellen kann, was da so in der Zwischenzeit los ist.

Doch tat sich Erstaunliches: Zuerst machte die Red Rocks Tour in Irkutsk halt. Das ist eine kulturelle Werbetournee für die Winterspiele Sotschi 2014, und für diese Tour durch insgesamt 20 russische Städte vom 15. April bis 15. September von Rostov am Don bis Irkutsk und zurück nach Kaliningrad konnten namhafte russische und internationale Künstler gewonnen werden: So spielten am 4.August in Irkutsk (nach der Hymne für die Sotschi-Spiele) tatsächlich die New Yorker Hercules and Love Affair mal so eben kostenlos auf dem zentralen Square Kirowa. Und anderswo traten Panic! At the Disco oder Röyksopp auf. Man kann ja von den Spielen 2014 halten, was man will, das Land wird professionell auf das Ereignis eingestimmt. (Mir z.B. hatte noch vor unserem Sommerurlaub eine Kollegin eine 25-Rubel-Sondermünze „Sotschi 2014“ geschenkt, als Glücksbringer.) Und ich habs verpasst…

Gleichzeitig wurde unter dem Titel „Allee der Innovationen“ der Versuch gestartet, den öffentlichen Personennahverkehr der Stadt ein bisschen zu modernisieren. Zumindest optisch. Noch im Juni fand an meiner Universität eine Konferenz zu Transport und Verkehrsplanung statt, bei der es u.a. um die Frage ging, wie man den enormen Staus in den russischen Städten Herr werden könnte. Der jetzige Modellversuch an insgesamt 10 Haltestellen setzt bereits NACH der Beantwortung dieser Frage ein, sieht todschick aus und ist obendrein tatsächlich innovativ: denn es wird erstmals Solarenergie verwendet. In einer Region, die für sich in Anspruch nimmt, 300 Sonnentage im Jahr zu haben und damit gleich viele wie Sotschi (weswegen die Winterolympiade dann hundertprozentig sehr telegen sein wird), gibt es bislang absolut keinerlei Bemühungen, diese Energiequelle irgendwie nutzbar zu machen. Nun also auf Bus- bzw Straßenbahnwartehäuschen zum Betrieb der Beleuchtung, der WLAN-Spots und für die Anzeige, wann die nächste Bahn zu erwarten sein wird (letzteres kann als vage Vorraussage prognostiziert werden, denn bei so viel Stau und Unfällen ist auf absolut nichts Verlass). Wann die Häuschen mit dem schönen Titel „Intellektueller Haltestellen-Komplex“ tatsächlich den Betrieb aufnehmen, ist bislang unklar. Auf jeden Fall sollen sie erst einmal im Winter auf Tauglichkeit und Beständigkeit getestet werden, und wenn das zufriedenstellend verlief, soll die gesamte Stadt aufgerüstet werden. Was dann eine echte Herkules-Aufgabe sein wird.

Nicht ganz so futuristisch, aber dennoch sehr ungewöhnlich, war der vergangene Sonntag. Denn während in London die Paralympics stattfinden und in Irkutsk die irkutsker Medaillengewinner der „normalen“ Olympiade herzlich empfangen werden, gab es im zentralen Stadion eine paralympische Wettbewerbsveranstaltung zu Ehren des Irkutsker Oblastes: einige Dutzend RollstuhlfahrerInnen lieferten sich mehrere 75m-Sprintrennen, weil in diesem Jahr das Irkutsker Gebiet 75 Jahre alt wird. Das Spektakuläre an der etwas seltsamen Sportveranstaltung war die Tatsache, dass ausschließlich RollstuhlfahrerInnen (Männer, Frauen, Kinder) zugelassen waren, die sonst in der Öffentlichkeit absolut nicht in Erscheinung treten. Weil es schlicht unmöglich ist: Allein das Haus, in dem wir wohnen, ist etwa 5 Jahre alt – und man kann es nur über eine kleine, aber steile Treppe betreten, schon ein Kinderwagen ist nicht vorgesehen, um wieviel weniger ein Rollstuhl? Und schön auch, dass es neue Wartehäuschen gibt, aber Bus oder Bahn sind schon für ältere Menschen eine echte Herausforderung, der Höhenunterschied von Straße zu Innenraum liegt bei über einem Meter, einzig mittels vier Stufen zu überwinden. Fragen, die man sich also stellen könnte, wären z.B.: Wo und wie leben RollstuhlfahrerInnen, wie halten sie sich sportlich fit und wie kommen sie zu einem solchen Sportereignis? Wieviele gibt es überhaupt? Und wo ist die Klinik im Irkutsker Gebiet, die über rollstuhlgerechte Eingänge verfügt? ——-

Jetzt lebe ich schon vier Jahre in dieser Gegend und hab das alles immer noch nicht verstanden.

Irkutsk/Russland/Ulica

Mit dem Bus durch die Stadt

Posted by Sascha Preiß on

Nach dem hochverdienten Sieg der Sbornaja gegen die Auswahl Tschechiens gestern Nacht sah man sehr vereinzelt Autos begeistert hupend und fahnenschwenkend durch die Stadt fahren. Die EM 2012 wird, wie auch alle vorherigen Europameisterschaften und die meisten Weltmeisterschaften, in Irkutsk zwar wahrgenommen – es gibt tatsächlich Cafés und Kneipen, die wenigstens die russischen Spiele live ab 03.45 Uhr zeigen -, aber Fußball ist in Sibirien kein Sport, der die Leute von den Sitzen bzw aus den Betten reißt, selbst wenn es um die Nationalmannschaft geht. Zumal die ja zu einem Drittel aus Spielern von Zenit St. Petersburg besteht (was die tageszeitung in eine sehr hübsche Titelzeile umsetzte).

Statt also patriotische Trikolores an den irkutsker Autos kann man seit inzwischen einem Monat ein ganz anderes Gefährt patriotischer Prägung durch die Stadt fahren sehen: den Stalinobus.

Busaufschrift: "Ich möchte das Glas erheben auf die Gesundheit des sowjetischen Volkes, vor allem auf die des russischen Volkes." Marschall J. Stalin beim Empfang im Kreml am 24. Mai 1945

Der Bus in all seiner Pracht bezieht sich selbstverständlich auf den Großen vaterländischen Krieg und den Tag des Sieges der Sowjetarmee über das nationalsozialistische Deutschland. Die Würdigung für diesen außerordentlich verlustreich erarbeiteten Sieg erfährt ausschließlich der verkitschte Oberbefehlshaber der Roten Armee, während die offiziellen Feierlichkeiten allgemein das russische Volk und die Verdienste der Rote Armee (Veteranen) ehren. Irgendwelche „Verfehlungen“ des Diktators (brutale Kollektivierung der Landwirtschaft, rücksichtslose Industrialisierung, Massenterror und GULag) bleiben ausgeblendet für den Glanz des Sieges. Stalin als „problematische Figur“ der russischen Geschichte spielt im offiziellen Gedenken (und bislang auch im öffentlichen Raum) keine Rolle. Indes: Er wird offenkundig wieder salonfähig.

Der Bus bzw das käufliche Busdesign fährt seit 2010 durch Russland. Initiiert von einigen Enthusiasten aus St. Petersburg – hoffentlich nicht aus dem Umkreis von Zenit -, kann man für jede beliebige Stadt und beinah jeden beliebigen Bustyp die Plakatierung erwerben. Der „Bus des Sieges“ ist recht modern im Internet breit aufgestellt: via Facebook, Twitter, vKontakte und diverse Blogs wird die Existenz des Busses russlandweit dokumentiert. Allerdings ist die Beliebtheit dieses Werbeprojekts in Sachen russischer Geschichtsrevanchismus derzeit nicht überzubewerten: Gerade einmal 65 Twitter-Follower, 104 „Gefällt-mir“-Bekenntnisse bei Facebook und 651 vKontakte-Mitglieder (dem innerrussischen Facebook-Klon) lassen momentan keine Massenbewegung vermuten. Und durchaus gibt es neben erwartbaren Verherrlichungen des „Generalissimus“ (Frau Afanassjewa etwa meint, dass „mit diesem Namen die ruhmreichste Epoche unserer Geschichte“ verbunden sei) auch Kritik an der Aktion (Herr Stomachin nennt die Initiatoren „stalinischen, rotfaschistischen Abschaum“). Dennoch ist gegenwärtig eine zunehmende Positivdeutung Stalins zu beobachten. Auch die Kommunistische Partei wirbt seit den Präsidentschaftswahlen ganz offen mit ihm, auf der Startseite des Webauftritts ist das nach Stalin benannte „Antikorruptionskomittee“ verlinkt. Mit entsprechender Härte sollen dort die Verfehlungen der gegenwärtigen politischen Elite Russlands aufgedeckt und, vielleicht, verfolgt werden: Ziel kann nur ein (stalinistisch) sauberes Russland sein.

Auch hier gibt es von keiner Seite hörbaren Protest. Wie auch: Gefragt, wer Stalin denn so war und was er so gemacht hat, wird man z.B. von Schülern und Studierenden nicht allzu viel in Erfahrung bringen. Weshalb es da auch nicht weiter ins Gewicht fällt, dass etwa zu Beginn einer russlandweiten Schüler-Olympiade für Fremdsprachen die russische Hymne gespielt wird und diese mit einem Film zur russischen Geschichte bebildert ist, in dem von Lenin bis Putin/Medwedjew sämtliche Staatschefs bzw Präsidenten der Sowjetunion und Russlands in einer völlig selbstverständlichen Ahnengalerie zu sehen sind. Kontinuität und Fortschritt, oder auch Stabilität und Entwicklung (Wahlslogan von Einiges Russland) – eine Programmatik, die mit einem positiv-patriotischen, kritiklosen Bezug zur Sowjetunion ihre eigene Bedeutung erhält.

Für den Busfahrer ist es nichts weiter als ein Arbeitsplatz. Wohin die Reise geht und wie lange er noch das jahrelang aus der Öffentlichkeit verschwundene, aber liebevoll geheiligte Potentatenabbild durch die Stadt fahren muss, ist ihm unbekannt. Meine Befürchtung: Weit über die Dauer der EM hinaus, mag die (St. Petersburger) Sbornaja noch so eindrucksvoll auftreten – der (St. Petersburger, aber auch Moskauer) Umgang mit Stalin wird sich wohl als deutlich zählebiger erweisen. Perspektivisch die Einschätzung von Stefan Creuzberger: „Stalin symbolisiert den Aufstieg der UdSSR zur Welt- und Supermacht – ein Status, den […] die gegenwärtige Führung in Moskau wieder zurückerlangen möchte.“ (Sehr anregend der Aufsatz „Stalinismus und Erinnerungskultur“. In: APuZ 49-50/2011, S. 42-47, ebenso die Bücher „Stalin. Machtpolitiker und Ideologe“ (Creuzberger), „Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus“ (Jörg Baberowski) und „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“ (Baberowski).)

Das Wetter/Liljana/Ulica

Betrachtung des Frühlings

Posted by Sascha Preiß on
minimal stories/Ulica

Anmerkung zur Situation des russischen Sports

Posted by Sascha Preiß on

Die hochgewachsene Studentin in Turnschuhen und Sportjacke tritt leichten Schrittes aus dem Bus auf die Straße. In der Hand hält sie eine daumennagelgroße Papierkugel, wahrscheinlich ein eingewickelter Kaugummi. An der Bordsteinkante hält sie inne und peilt den Mülleimer an. Routiniert wirft sie den Abfall zum Korb, konzentriert verfolgt sie, wie die Kugel deutlich vorbeifliegt. Ebenso routiniert ärgert sie sich kurz und geht schnell weiter. Ein Student in einer Bosco-Jacke, der dies beobachtete, hat inzwischen seine Zigarette aufgeraucht und geht auf den Bus zu. An der Bordsteinkante dreht er sich um und wirft die Zigarette Richtung Korb. Er trifft ebenfalls nicht. Auch wenn sportliche Ertüchtigung zum schulischen und universitären Pflichtprogramm in Russland gehört: Die Erschütterungen im Selbstverständnis aufgrund des schlechten Abschneidens bei den vergangenen beiden Olympischen Spielen in Peking und Vancouver sind nach wie vor deutlich sichtbar.

Anti-Terror/Irkutsk/Statistik/Ulica

Der verschwundene Schal der Maria Wolkonskaja

Posted by Sascha Preiß on

Inzwischen ist die Situation wieder unter Kontrolle. Es wurden Schuldige gesucht und gefunden und der Bürgermeister hat mit den zuständigen Polizeiorganen Statements über das Ende der Stadtpanik abgegeben. Außerdem wurde sicherheitshalber ein bekiffter Busfahrer dingfest gemacht und der gestohlene Schal von Maria Wolkonskaja ist endlich auch wieder da.

Mit dem Schal der berühmtesten Dekabristin der Stadt verhält es sich so: In den 1970er Jahren wurde dem Museum der Schal von Marina Perfiljewa übergeben. Nach ihrer Aussage sei dies der Schal, den Maria Wolkonskaja von der Irkutsker Waise Varvara Rodionova als Hochzeitsgeschenk erhielt. Nach fünf Jahren verschwand der Schal aus dem Museum und galt als verschollen. Anfang der 2000er Jahre tauchte ein ähnlicher Schal beim Heimatmuseum des Tschitaer Gebietes auf (19 Bahnstunden von Irkutsk entfernt). Bei einem Fotovergleich des verschwundenen Schals von Frau Wolkonskaja mit dem nun aufgetauchten wurde festgestellt, dass die Schals identisch seien. Aufgrund von Überlegungen zur Berufsethik und eingedenk der Tatsache, dass der Schal als Erinnerungsreliquie unauflösbar mit der Geschichte Irkutsks verbunden ist, wurde im Heimatmuseum Tschita beschlossen, den Schal dem Irkutsker Dekabristenmuseum zurückzugeben. Das geschah schließlich, nach etwa zehn Jahren, vor wenigen Tagen. Morgen wird im Dekabristenmuseum der zurückgekehrte Schal präsentiert, dann bis zum 9. März erstmals wieder gezeigt, bevor er für einige Jahre zur Restauration verschwindet und erst danach endgültig öffentlich zugänglich sein wird.

Man kann anhand des Schals auf jeden Fall feststellen, dass Dinge, die verschwinden, auch wieder auftauchen, es braucht nur ein bisschen Zeit. Was sind schon 19 Bahnstunden oder zehn Jahre, wenn der Schal über 25 Jahre verschollen war und selbst über 150 Jahre alt ist. Auf keinen Fall lohnt es sich, wegen abhanden gekommenen Sachen in Panik zu verfallen. Es ist eine glückliche Fügung, dass just im Moment der Rückkehr des verlorenen Schals nun also auch Polizei und Bürgermeister ein Ende der öffentlichen Unruhe anmahnen.

Auch wenn diese Unruhe durch das Verschwinden von Personen ausgelöst wurde. Üblicherweise werden in den ersten anderthalb Monaten des Jahres mehr als 65 Personen des Irkutsker Gebietes als vermisst gemeldet, in diesem Jahr verschwanden allein 25 Leute aus Irkutsk. An den Haltestellen, Laternenmasten und Häuserwänden kleben Zettel mit Fotos und Beschreibungen der Vermissten. In diesem Jahr nun schien es, als wären deutlich mehr Menschen als üblich abhanden gekommen, es verbreitete sich das Gerücht, eine Bande würde gezielt Personen fangen und sie zu Organspendezwecken obskuren Ärzten übergeben. Offensichtlich sahen sich die Behörden einem gewaltigen Ansturm an Vermisstenmeldungen und Anfragen Verunsicherter gegenüber, so dass schließlich ein Mitarbeiter des Chefarztes für Organtransplantation im Gebietskrankenhaus um offizielle Stellungnahme gebeten wurde: Es gebe aufs ganze Jahr verteilt gerade einmal 20 entsprechende Operationen, ein Anstieg sei unbekannt und unwahrscheinlich. Man bitte also gemeinsam mit der Polizei, den Gerüchten kein Gehör zu schenken. Dieser Schritt an die Öffentlichkeit war von so ausbleibender Wirkung, so dass man sich entschied, noch einmal sehr deutlich nachzulegen: Der Gebietsgouverneur Dmitri Mesenzev, ehemaliger Kandidat für die Präsidentschaftswahl im März, dem inkorrekte Unterschriften als Ausschlussgrund zur Last gelegt wurde, verfügte daher, dass die Verbreitung irreführender Gerüchte als Straftatbestand zur Unruhestiftung wider die öffentliche Ordnung zu werten sei und die Polizei nun also die Gerüchteköche zu verfolgen habe. Schließlich seien von den 65 als vermisst Gemeldeten inzwischen 59 wieder aufgetaucht oder gefunden. Man sollte sich nicht wundern, dass diese Ankündigung durchaus Verwunderung auslöste: Sucht eigentlich auch jemand die Vermissten? Man muss sich nun klar werden, dass das Vertrauen in die Organe öffentlicher Ordnungshütung traditionell nicht das höchste in Russland ist. Ein Freund berichtete mir den Fall seiner verschwundenen Nachbarstochter vom vergangenen Jahr. Die Meldung ihres Verschwindens auf der Polizeidienststelle habe zunächst keinerlei Aktivität ausgelöst, denn erst nach einer Inkubationszeit von mindestens 10 Tagen schalte sich die Polizei ein, da in den überwiegenden Fällen, siehe der verschwundene Schal der Maria Wolkonskaja, kehrten die Vermissten irgendwann von selbst zurück. Tatsächlich wurde das Mädchen gefunden, kurz nach Ablauf der polizeilichen Schonfrist, vergewaltigt, bereits über eine Woche tot, ermordet, um Spuren zu verwischen, mit ihrem Schal. Die Polizei reagierte und konnte den Täter innerhalb eines Tages aufgrund von SMS, die beim Telefonanbieter abrufbar waren, ausfindig machen und festnehmen. Einer der wenigen Fälle, bei dem die Vermisste nicht mehr zurückkehrte. Angesichts der gewöhnlichen Erfolgsquote ist das zweifellos tragisch zu nennen.

Nun also wurden die Gerüchteverbreiter gesucht und in kurzer Zeit, deren Betriebsamkeit man nicht hektisch nennen sollte, auch gefunden. Nun fehlen nur noch 6 aus 65. Es besteht kein ernsthafter Anlass zur Sorge. Eine schriftliche Anfrage nach Tschita wurde bereits versendet, um auch Möglichkeiten außerhalb des Irkutsker Gebietes in Betracht zu ziehen. Es ist also bitte wieder ruhig.

Taxi/Ulica

Eine Kränkung

Posted by Sascha Preiß on

Sehr spät nachts oder sehr früh morgens, je nach Blickwinkel, musste er von seiner Wohnung am Stadtrand zum Flughafen. Das Flugzeug ging um 5 Uhr und das eigene Auto dort eine Woche stehen lassen, kam nicht in Frage, seine Frau brauchte es für den Kinderschultransport. Die großen Taxiunternehmen arbeiten rund um die Uhr, haben keine erhöhten Nachttarife und sind auch sonst recht zuverlässig. Die Frau am Telefon in der Zentrale kannte seine Handynummer und seine Adresse, wollte nur wissen, wohin es ging. Der Rückruf, dass das Taxi eingetroffen sei, erfolgte schnell. Inzwischen werden auch SMS versandt mit den Informationen Autotyp, Kennzeichen, Fahrpreis. In seinem Fall handelte es sich um ein weißes Auto, das Kennzeichen begann mit einer 5 oder so. An der Einfahrt warteten zwei Taxen, weiß, ähnliche Nummern. Ein unverhältnismäßiger Zufall, er stieg ins falsche. Nach einiger Zeit ein erneuter Rückruf aus der Zentrale, ob er nun endlich mal einzusteigen gedenke. Er war aber bereits am Flughafen, entdeckte den Irrtum. Der Frau im Hörer war nicht nach Verständnis zumute, begann eine beleidigte Kaskade über Nachtarbeit, Schwierigkeiten bei der Suche nach vertrauenswürdigen Taxifahrern, Gleichgültigkeit der Kunden, finanzielle Folgen. Er versuchte eine Erläuterung, sie steigerte sich in Vorwürfe, brüllte in den Hörer, fluchte, erklärte ihn zur Unperson und fällte das Urteil: Wir werden Sie nicht mehr bedienen! Das war ihm egal, es gab genügend andere Unternehmen, nur der Furor der Verletzung erstaunte ihn.