Meteore des Alltags

Na, sagte sie und schaute dabei betrübt in den verbeulten, zerkratzten, entfärbten und bei wärmerem Wetter ganz sicher stinkenden Mülleimer, wobei ich mir nicht sicher war, was sie dort hätte finden können, denn der Seitenspiegel lag nun einmal direkt auf den Straßenbahngleisen und auch sonst waren die ganzen übrigen Splitter und Bruchstücke ringsumher verteilt, nur eben nicht dort, wo sie gerade hinblickte, so sauber wird das hier ja eben nicht gehandhabt, aber vielleicht erregte gerade das ihr ganzes Mitleid. Denn an dem Auto, das da so wunderschön quer über den Gleisen stand und seit einer Stunde den Vormittagsverkehr ordentlich zum Erliegen brachte, konnte es kaum liegen, so erhaben spiegelte sich die aufgehende Sonne im schwarzen Edellack des hinteren Kotflügels, denn diese Wagenteile sind üblicherweise in dieser besonders schmutzigen Phase dieser Jahreszeit farblich kaum mehr auszumachen, hier aber leuchtete etwas ganz gewaltig und zeigte Besitz und Herrschaft an und ließ uns die Augen übergehen, so dass von Meitleid ganz sicher keine Rede sein konnte, eher Bewunderung, Staunen, Anbetung, irgend so etwas mit offenem Mund und viel Schweigen jedenfalls, und für Schweigen war aller Anlass geboten.

Denn der vordere Teil des herrschaftlichen Autos lag verbeult, zerquetscht und auseinandergebröckelt wie ein frisches Blätterteigcroisson nach einem kräftigen Biss mitten auf der Straße herum, und hineingebissen hatte die Bahn mit der Nummer 5 und hatte wohl auch irgendwas vom herrschaftlichen Fahrer erwischt, oder das regelmäßige Aufscheinen bläulichen Lichts am Mülleimer hatte eine andere Ursache als den Krankenwagen, dem gerade etwas, das wie ein weiß verpackter Riegel aussah, in seinen großen Bauch geschoben wurde, das zweite Frühstück bereits, und wenn das erst das Frühstück war, denn bis um 12 Uhr war noch reichlich Zeit, musste ja etwas Gewaltiges als Mittag und dann Abendessen anstehen, meine Herrschaften.

Aber sie wendete ihren Blick vom Mülleimer nicht ab und fragte, ob ich lieber von einem Meteorit erschlagen werden möchte oder im Straßenverkehr als Herr oder Knecht draufgehen wolle, dabei könnten wir doch im Augenblick von Glück sprechen, denn weder lebten wir in Tschelyabinsk, und wir hatten diese russische Stadt im Ural nie zu Gesicht bekommen oder dies irgendwann vor, noch besäßen wir ein Auto, mit dem wir uns um Kopf und Kragen fahren könnten wie es wohl hier vor mehr als einer Stunde geschehen sei, noch wären wir heute ganz früh am Morgen, was das erste Frühstück zur Folge gehabt hatte, über einen Fußgängerüberweg gegangen, denn dieses wäre hier schließlich eine der sichersten Methoden, nachfolgend überhaupt nicht mehr weiterzugehen bzw einfach nur liegen zu bleiben, wie es dem 15jährigen Mädchen eben passiert sei.

Wollen wir nur hoffen, ergänzte sie nach einer Pause, in der sie ihren Blick vom Mülleimer abwendete und mit ihrem Mobiltelefon den Kotzfleck der Straßenbahnfahrerin anvisierte, den diese wenig später nach dem Zusammenstoß ihres Gefährts mit dem Auto und ihrer Erkenntnis, was genau da also passiert sei, direkt neben ihren Straßenbahnwagen gesetzt hatte und der inzwischen schon fast vollständig gefroren war, wollen wir nur hoffen, dass hier ein Fall besonderer Koinzidenz vorliegt und die Straßenbahn das erste Unglück also gerächt hat, wobei ihr Telefon den schmatzenden Laut der erfolgten Aufnahme von sich gab und bald darauf hatte sich dieses Bild auch schon auf irgendeine Festplatte in der elektronischen Cloud gesetzt, himmelherrgott, was heute alles möglich war, womöglich neben das 15jährige Mädchen und den herrschaftlichen Fahrer, der sich noch im Sterben keiner Unschuld bewusst wurde, schließlich hatte er ja das große glänzende Auto und die anderen mussten Respekt zollen, ob nun Straßenbahn oder Mädchen, und die aufgehende Sonne hatte ja gezeigt, wie es geht, wenn die Wolken erst einmal weg sind und der Himmel frei, so wie die Straßen für die Herrschaften frei zu sein haben, frei von Schuld vor allem, denn der Fahrer des Autos, unter dem das Mädchen für immer liegen geblieben war, war einfach weitergefahren, von sowas lässt man sich doch nicht aufhalten.

Denn so sind sie, die Meteore, die hier täglich aus heiterem Himmel herniedersausen und so ihre tiefen Spuren in die Verkehrsadern fressen, denn kein Stadtkörper verträgt so viele und regelmäßige Speisungen von Unfall- bzw Leichenwagen auf Dauer, irgendwann wird einem ganz gewaltig übel und irgendwie wäre es doch einfach schade drum, wenn vom Großen und Ganzen dieser Siedlung nur das übrig bleiben würde, was die Straßenbahnfahrerin auf dem Asphalt hinterlassen hat oder was in den Mülleimern am Straßenrand so zu finden sei, wenn es wärmer würde. Und was das betrifft, sei mir, sagte ich also, durchaus so ein echter interstellarer Gesteinsbrocken auf dem Kopf lieber als diese wilden Asteroiden des Alltags, aber man hat ja keine große Wahl der Qual, und wenn jetzt gleich die Reste des Autos weggeräumt sind und die Fahrerin was gegessen und ein Tee getrunken hat, können wir vielleicht endlich weiterfahren. Na, sagte sie und schaute betrübt in den Mülleimer, obwohl es da immer noch nichts zu sehen gab, vielleicht.

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