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Das Wetter/Irkutsk/Ulica

Der Frühling

Posted by Sascha Preiß on

Für Miroslav Krleža

Seit Tagen bewege ich mich nur noch gebückt, beinah kriechend durch diese Welt, die, wie ich mir so sehnlichst wünsche, nach Erblühendem duften sollte, aber meist nur nach Erbrochenem riecht, und nach den ganzen anderen Abfällen und Resten, Hinterlassenschaften und Exkrementen der langsam, sehr langsam sich verziehenden sibirischen Jahreszeit. Denn was da nun alles wieder zum Vorschein kommt, was da in den Schneebergen und Eismassen der letzten fünf Monate so insgesamt hinein sediert ist und nun dem Tageslicht entgegen taut, dabei wie längst vergessene Fossilien zu Tage tritt, das kann gar nicht anders als stinken, gewaltig und erbarmungslos, den ergrauten Himmeln dieser Stadt entgegen. Und so spült sich im ringsum Tauenden, Tropfenden, Nässenden, Wässernden und Erweichenden die gesamte Kloake des vergangenen Halbjahres nach oben, an die trockene, jeden Geruch aufgreifende Luft, um sogleich in Fäulnis und Verderb zu schwelgen, und was dereinst ein Apfel war oder eine Aubergine, wer auch immer diese und warum hingeworfen hat, erscheint nun, als bräunliches, entformtes Sediment, verfault, vergammelt und unzureichend konserviert, garniert und angerichtet mit zerfaserten Zigarettenstummeln, zerbrochenen Flaschen, zu Brei geschmolzenem Herbstlaub, kaum zersetztem Hundekot oder gleich erfrorenen, vereisten und nun zum Vorschein kommenden Hunden und Katzen, schmutzigen, nassfelligen, zerzausten Geschöpfen der Straße, von denen in jedem Frühjahr unzählige nachwachsen, denn die Überlebenden haben sich zusammengerottet auf Spielplätzen und von unten wärmenden Gullideckeln, die Gestorbenen, nun freigelegten Tiere aber sind die Kadaver eines sibirisch herzlosen, entseelenden Frostes, ihres Grabes beraubt, neben den Gehwegen im Schlamm steckend, Gesicht bzw Schnauze dem grauen Schneeberg noch zugewandt, der Körper noch halb eingefroren, ein kaltes, nässendes, schwarzes Auge aber ist schon zum Vorschein gekommen und starrt kalt und wild zugleich in diese Welt voll nassen Drecks, unbetrauert und umgeben von Mülltüten, Bierdosen und zu braunem Schlamm aufgeweichten Papphülsen von Silvesterböllern.

Im Frühjahr kehren sie zurück, die untoten Seelen, Zombieland, ein Horror für das Empfinden zarter Frühlingssuchender, von Valentinstag bis Ostern mit blühender Hoffnung bewaffnet, doch nimmt man eigentlich hiervon gewohnheitsmäßig keine Notiz, trabt stur und regungslos wie eh und je durch die graubraun überquellenden Straßen und Wege, die sich schon bald erneut vereist haben, mit Schnee dünn überfärbt haben werden, unter reißendem Heulen und mit beißenden Wind, denn die Frühlinge hier dauern ewig und lassen sich durch nichts beschleunigen und können so viele neue Eisstürme über den schmutzigen Landstrich hinweg ziehen lassen, wie Bittgesuche und Gebete in den Kirchen für eine baldige Genesung der Angehörigen von der Virusinfektion auf die Gesichter der Ikonen geseufzt oder dürr glimmende, mild wärmende Kerzen zur Abwendung von Unheil in den Andachtsräumen aufgestellt werden, denn zu einfach soll es den Menschen nicht gemacht sein, alles muss errungen und ertrotzt werden, alles muss klaglos und ohne Zorn ertragen sein, bis die letzte Sehnsucht verdunstet ist. Dann vielleicht wird der eine oder andere Ast freigegeben und darf knospen, weit nach dem Frühlingsfest, nicht vor Ende der Fastenzeit, womöglich noch nicht einmal vor Pfingsten.

Diese Tage haben auch mich taub gemacht, stumm und mürrisch, denn wen würde es nicht schockieren, verstören, enttäuschen, müsste er wie ich sich in dieser überflutenden Welt voll Abfall und Morast bewegen, in Erwartung von so etwas wie Krokussen oder Narzissen. Der Schlamm setzt sich überall fest, auf allen Wegen, in allen Kleidern, in den Handschuhen und Schals, auf den Wangen, in den Augen und Haaren, im Gemüt. Von den Sohlen spritzt er die Hacken hinauf, krallt sich wie giftiger Samen an allen erreichbaren Wirten fest, pflanzt sich fort, trägt sich in die Autos, Marschrutkas, Busse und Straßenbahnen, in die Treppenhäuser und Wohnungen, in alle Räume, auf die Sofas und Betten, frisst sich in die Blicke, in die Worte, in die Sätze, verschlammt die Gedanken. Ich, wie alle anderen auch, lebe im Schlamm, im schwarzen Schleim, im Dreck und Morast, ich schlafe in ihm, ich atme ihn ein und esse ihn, ohne dass ich das verhindern könnte. Jede Berühung ist eine potentielle Verseuchung, eine Ansteckung, eine toxische Gefährdung, jeder Versuch einer Waschung, eines Bades oder einer Reinigung ist eine Verblendung, denn selbstverständlich ist auch das Wasser in den Leitungen befallen und verseucht und ungeeignet, den Morast abzuspülen. Und jede Speise und jeder Teller und jede Gabel und jedes Glas ist ebenso befallen. Ich habe keine andere Wahl, also ergebe ich mich dieser Flut, versuche mich nicht gegen sie zu wehren, denn es ist vergebens, es ist Sibirien und es ist ein wenig hold blickender Frühling unter der kalten Sonne, hier belebt sich nichts, hier wird Totes sichtbar, und dieses schwemmt sich durch die Stadt, bis es von der trockenen Luft aufgesogen und an anderer Stelle wieder ausgespien wird, und ich krieche entlang, ausgezehrt, hungrig, gereizt, trocken hustend, den Blick stur auf die schmutzig vereisten, aufgetauten, erneut vereisten Wege gerichtet, um nichts anderes sehen zu müssen, denn ringsum ist alles des selben Anblicks, Geruchs und Geschmacks. Einige weitere Tage und Wochen lang.

der-fruehling-2013

Das Wetter/minimal stories

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Posted by Sascha Preiß on

Die beiden jungen Apothekerinnen haben bei dieser sibirischen Sommerhitze wenig zu tun. Schon mehrere Tage wurde es über 30° warm und auch durch diesem Sonntag Nachmittag weht kein Lüftchen. Die übliche Arznei-Kundschaft, 40-70jährige, die sich über handgeschriebene Einkaufslisten mit Schmerz- und Heilmittelchen versorgen, bleibt fern. So ist der junge Mann, der eine Großpackung Windeln kauft, beinah schon ein Ereignis, den die beiden Frauen neugierig und argwöhnisch zugleich betrachten. Als er nach weiteren Einkäufen erneut an der Apotheke vorbeikommt, stehen die beiden gelangweilten Frauen vor dem Laden. Eine verdrückt sich in die Ecke des kleinen Vorbaus und versucht unübersehbar, die Bierflasche unter verschränkten Armen zu verstecken. Als ihr selbst klar wird, dass dies nur unzureichend gelingt, wendet sie sich verschämt der Wand zu. Das Bild einer sich am Nachmittag während der Arbeit betrinkenden Apothekerin ist ihr offenkundig peinlich. Der Mine ihrer Kollegin ist dazu keinerlei Kommentar zu entnehmen.

Ästhetik/Das Wetter

Vorfreude

Posted by Sascha Preiß on

Nachdem in der vorigen Woche in ganz Russland Masleniza gefeiert wurde, bei dem zum Abschluss eine Strohpuppe unter Bitten um Vergebung der begangenen Sünden verbrannt und zugleich auch der Winter verabschiedet bzw der Frühling willkommen geheißen wird, dekorieren auch die Bekleidungshersteller in der Stadt ihre Werbetafeln nun von Pelzmotive auf Frühlingskollektion um. Das mag angesichts enormer Schneemengen auf den Straßen und morgendlichen -25° noch etwas verfrüht erscheinen, doch zur Vorbeugung gegen Depressionen ist es ein wahrscheinlich geeignetes Mittel. Das Model auf dem folgenden Plakat hat vermutlich eine besonders große Masleniza-Puppe verbrannt und die neue Jahreszeit umso intensiver herbeigesehnt, gegen die schier unerschöpfliche Lebens- und Frühlings-Vorfreude, die im einnehmend variablen Minenspiel hervorbricht, ist schließlich (noch) kaum ein Kraut gewachsen:

Hoffen wir, dass das Jahr nach dem 4. März vielleicht sogar noch ein bisschen bunter und munterer werde, als es uns verheißen ist!

Das Wetter/Interkultur

Frühlings Erwarten

Posted by Sascha Preiß on

Die junge Journalistin, nach dem Genuss von zwei Tassen Kaffee, blieb auf ihrem Stuhl sitzen. Seit einigen Tagen sei sie auffällig müde, unangenehm schlaff und antriebslos, vielen ihrer Kollegen ginge es ähnlich. Der Chefredakteur erkläre dies im Übrigen nicht mit der anstehenden Wahl und der ihr folgenden, inoffiziell wenig optimistisch genannten Zukunft, wohingegen sie in den Artikeln ihrer Zeitung stets Stabilität, Entwicklung und positive Einflussnahme auf die Leserschaft verkündeten; er erkläre es sich persönlich und der gesamten Redaktion zur Kenntnisnahme rein kosmologisch, mit einer besonderen Konstellation von Sonnenwinden und dem Magnetfeld der Erde. Sie hingegen halte Astrologie und vergleichbare äußere Einflüsse für Hokus-Pokus und vermute etwas anderes, aber wie könne sie das beschreiben:

Voriges Jahr war sie zu dieser Zeit in Europa und erlebte den Übergang vom Winter zum Frühling zwei Mal, zuerst dort, dann hier. Wie die Krokusse sich aus dem Boden reckten und die ersten Knospen an den Bäumen ans Licht wuchsen, so schnell und augenscheinlich hatte sie diese Befreiung noch nie erfahren. Hier jedoch benötige die Natur etwa anderthalb Monate länger für den Beginn eines neuen Lebenszyklus, und wochenlang schmelze Schnee, taue Eis und gefriere wieder, und vermenge sich mit Schmutz und Erde, kreiere Schlamm und hinterließe einen graubraunen klebrigen Film überall in der Stadt und kahle, trübe Baumgerippe. Sie aber, in diesem Jahr sei ihr das also bewusst geworden, erwarte bereits jetzt sehnsüchtig den Anblick von Grün und den spezifischen Geruch frischer Blätter, sie sehne den Frühling herbei, dass er so früh eintreffe wie ein Jahr zuvor. Und dies, da vergeblich, ermüde.

Sie konstatiere bei sich eine fehlende Übereinstimmung ihrer inneren biologischen Uhr mit der realen sibirischen Lebenswelt, woraus eine grundsätzliche Enttäuschung resultiere und sich als Vorfrühjahrsmüdigkeit äußere. Da sei eine Hoffnung in ihr, ein Urverlangen nach Farbe, vermutlich in der ganzen Gattung Mensch, vor vielen Jahrtausenden von der Evolution in ihnen hinterlassen, die gegen die unverbrauchten Reste eines Winterschlafs der Gene nicht ankomme. Sibirien sei daher im März eigentlich nicht zu ertragen, eine hoffnungsfeindliche Umgebung, ein riesiger depressiver Landstrich. Um sich über die Enttäuschung hinweg zu trösten, wähle sie übermäßigen Kaffeegenuss, ihr Chefredakteur kosmische Strahlung. Vielleicht sei es sinnvoll, ein blühendes Veilchen bei sich zu tragen, die Möhre vor dem Eselskarren, ein Taschenspielertrick zwar, aber irgendwas müsse sie sich einfallen lassen. Wahrscheinlich aber, sagte sie nach einer Pause, sei in einer Woche, nach Verkündung des Ergebnisses, auch dies hinfällig. Dann erhob sie sich schweren Herzens, zog sich langsam an, Schal, Mütze, dicke Jacke, wünschte alles Gute und ging.

Ästhetik/Das Wetter/Universität

Beglückender Frost

Posted by Sascha Preiß on

(Alexander Kluge zum 80.Geburtstag)

Die alte Biologin wusste aus ihrem Leben vorrangig die Winter zu berichten, als im Tropenhaus des Botanischen Gartens ein Großteil der Pflanzen erfroren. Bei anhaltenden Außentemperaturen von unter -40° hielt die Gebäudeisolierung nicht stand und die Heizanlagen konnten die notwendige Luftinnentemperatur von rund 50° nicht mehr gewährleisten.

– Der Frost ist nicht außergewöhnlich, solche Kälteperioden sind normal im Winter. Auch die Materialermüdung etwa alle 10 Jahre ist normal.

– Sie waren darauf vorbereitet, dass ein Teil Ihrer Forschungsgrundlage regelmäßig vernichtet wird?

– Selbstverständlich. Wobei es uns mit jedem Mal besser gelang, das Sterben aufzuhalten, wenn auch nie ganz zu verhindern. Vielleicht wollten wir das auch gar nicht.

– Sie hatten Interesse am Massensterben?

– Ein emotionales. Es ging um Betreuung.

– Und um den Einsatz für die Wiederbelebung?

– Eher um soziales Verhalten. Aufbau und Erhalt eines botanischen Gartens in diesen Breitengraden ist schön für die Forschung. Starb ein Teil oder war ein großer Teil davon bedroht, konnte ich eine ansteckende Begeisterung bei mir und den Kollegen beobachten, das Aufwallen des Schutz- und Fürsorgeinstinktes, gesellschaftliche Wärme. War der Garten gerettet und verteidigt, nahm das innerkollegiale Interesse ab, die gemeinschaftliche Aufgabe war getan. Die intensiven Tage empfand ich, auch angesichts der Außentemperaturen, als beglückend.

– Die Katastrophe als Katalysator – aber Sie haben nie den Prozess beschleunigt?

– Ich hätte die Heizung abstellen können, ja. Doch Glück kann man nicht verschulden, es muss eintreffen.

– Warum braucht man in einer Region mit mindestens sechs Monaten unter 0° einen tropischen Garten?

– Wer braucht schon Glück, meinen Sie? Es ist ja nicht so, dass strenge Frosteinwirkung automatisch zu gesellschaftlicher Wärme führt. Es kommt auf die glücklichen Umstände an. Ein Ausschnitt aus dem tropischen Klima wirkt wie ein unterhaltsamer Science-Fiction-Film. Die Besucherzahlen sind in den letzten Dekaden stark gestiegen.

– Hat sich der Frosteinbruch in die Tropenhäuser auch gewinnbringend auf Ihre Forschungsarbeiten ausgewirkt?

– Aus wissenschaftlicher Sicht spielt die Beglückung des Forschungspersonals eine zu vernachlässigende Rolle. Wäre ich nicht primär an der Fauna interessiert, wüsste ich es aber sicher besser.

 

Wesentliche Eigenschaften, ohne welche die Menschheit nicht überlebt hätte, stammen aus der Eiszeit. So z.B. die für Warmblüter wichtige Unterscheidung zwischen heiß und kalt: Grundlage aller GEFÜHLE. Insofern kann man sagen, dass wir Menschen aus der Kälte stammen. Zugleich wird man aber beobachten können, dass Herzenskälte dauerhaft nicht zu ertragen ist. – A.K.

 

Das Wetter/Irkutsk

„Unser Schnee lässt sich schlecht zu Bällen verarbeiten“

Posted by Sascha Preiß on

In Deutschland wird seit einigen Tagen über die angekündigte sibirische Kältewelle gesprochen. Mit Peter Wagner, Redakteur bei jetzt.de, dem Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung, war ich gestern Abend zu einem Skype-Chat verabredet. Nachfolgend das dort erstveröffentlichte vollständige Interview über gefriergetrocknete Kleidung, eingecremte Gelenke und verrückte deutsche Radfahrer.

Seit dreieinhalb Jahren lebt Sascha Preiß, 35, in Sibirien. Er arbeitet dort als Lektor des Deutschen Akademischen Austauschdienstes an der Technischen Universität von Irkutsk. Aufmerksame jetzt.de-Leser kennen ihn unter dem Usernamen ruebezahl und verfolgen vielleicht auch seinen Irkutskblog, in dem er sein Leben in Russland beschreibt und fotografiert. (Die Bilder im Text unten entstammen dem Blog.) Im Skype-Chat mit jetzt.de erzählt Sascha vom Leben in der Kälte – als Einstimmung auf Hoch „Cooper“, das Deutschland bis Ende der Woche tiefgefroren haben soll.   

jetzt.de: Sascha, bei mir in München ist es jetzt 10 Uhr, bei dir 18 Uhr. Wie kalt ist es?
Sascha:
Minus 27 Grad. Es ist also etwas wärmer geworden.

Wie kalt war es gestern?
Minus 41 Grad.

War es dein Wunsch, in diese Ecke der Welt zu ziehen, um dort zu arbeiten?
Ja, ich wollte schon immer mal in Russland leben und arbeiten. Ich habe zuvor ein Jahr in Kasachstan gearbeitet, später zwei Jahre in Kroatien. Und als sich die Möglichkeit bot, in Baikal-Nähe zu leben, habe ich mich beworben und die Stelle bekommen.

Zu welcher Jahreszeit bist du damals angekommen?
Damals war es früher Herbst und als wir mit dem Flugzeug, einer alten TU-134, von Nowosibirsk aus ankamen, hat es ziemlich geregnet. Wenig erfreulich im ersten Moment, weil dadurch von der Stadt absolut nichts zu sehen war. Aber das hat sich schnell gebessert. Die Stadt empfand ich damals im Herbst als wirklich sehr schön. Und auch im Winter!

Das Wetter/Irkutsk/Russland

Frohe Weihnachten!

Posted by Sascha Preiß on

Heute, da die russlandweiten Anti-Wahl-Proteste einen weiteren Höhepunkt erreicht haben, fiel nun also den sechsten Tag in Folge in Irkutsk Schnee und die für den örtlichen Demonstrationsplatz am Station „Trud“ angekündigten Proteste so gut wie aus. Es kamen offenbar so wenige, dass selbst die Berichterstattung nicht mehr lohnt. Andererseits hatte ja vor einer Woche der Bürgermeister selbst sein ganzes politisches Gewicht in den Ring geworfen, als er nach Putins 4,5stündiger TV-Fragestunde (bzw moderierte Monologe) ebenfalls zu der Behauptung griff, die Proteste gegen die Wahl in Irkutsk seien von „ausländischen Sonderdiensten“ finanziert und sowieso gegenstandslos, weil ja in Irkutsk nicht wirklich etwas zu beanstanden sei: Also werde er, Viktor Kondraschow, ab sofort mit einem weißen Helm gegen die „Weißen Bänder“ (die Putin als Kondome verhöhnt hatte) vorgehen.

Wie auch immer Putin (von Medwedjew hat in den vergangenen Monaten in Russland niemand mehr gesprochen, obwohl er ja eigentlich Präsident ist, aber offenkundig derart unwichtig, dass selbst seine nett gemeinten Ansprachen unerhört vergehen) nun auf die neuerlichen Proteste reagieren wird – schaut man sich die Liste seiner Präsidentschaftsgegner an, muss man sich noch immer um seine Wiederwahl keine Sorgen machen.

Sorgen hingegen muss man sich allmählich um eine touristische Attraktion am Baikalufer machen: Der Betrieb der Baikalrundbahn könnte im kommenden Jahr mangels Geldes eingestellt werden. Noch wird die Strecke vom Südufer des Sees (Sljudjanka) zum Port Baikal regelmäßig angeboten, doch ein durchgehender Verkehr von Irkutsk und wieder zurück ist vorerst auf Eis gelegt. Bislang jedenfalls konnte man für alles, was schief zu gehen drohte, nach Putin rufen, und wenn er kam, wurde alles irgendwie gut. Ob das auch im kommenden Jahr so bleibt, ist ungewiss.

Und apropos: Es ist, wie eingangs erwähnt, Winter und ein ganz wunderbarer dazu, vielleicht auch deshalb, weil die winterliche Idylle so gar nicht zur politischen Situation passen will.

Allen LeserInnen des Irkutskblogs wünsche ich ein fröhliches Weihnachtsfest, с рождеством!

Das Wetter/Ulica

Ein weiteres Hochlicht

Posted by Sascha Preiß on

Vor einem Jahr, ganz unerwartet, tauchte bzw trat in Irkutsk ein gewisser Thomas Anders auf, um mal wieder etwas von sich hören zu lassen. Ziemlich genau das Gleiche wird sich dieses Jahr im Oktober wiederholen. Angekündigt auf seiner Website (Meldung 22 vom 23.August) und mit einem einnehmenden, vorfreudigen Lächeln auf dem Plakat wird das Konzert als Best-Of-Show mit den unvermeidlichen „größten Hits der letzten 25 Jahre“ – und damit sind reichlich Lieder aus den Zeiten des Zeitgenössischen Gesprächs (Современный разговор bzw Modern Talking) inklusive.

Wie zeitgenössisch dieses Gespräch in Deutschland inzwischen geworden ist, verrät uns, die wir uns jederzeit brennend dafür interessieren, Spiegel Online mit einer Rezension zu Anders‘ demnächst erscheinender Autobiografie 100 Prozent Anders. Überraschenderweise ist es ein Ex-Kollege-Beschimpfungswälzer, wie es der Ex-Kollege vor Jahren auch schon konnte. Meine Neugier hält sich nun in Grenzen zu erfahren, ob man sich nach dem Irkutsker Konzert ins Russische übersetzte Exemplare vom Meistersänger wird signieren lassen können oder ob das russische Publikum, dessen allgemeiner Musikgeschmack eher zur Nostalgie neigt, irgendetwas von den Dieter-Thomas-Quärelen erfahren möchte und nicht lieber andächtig den alten Hits in neuer Showchoreografie beiwohnen möchte. Schließlich sind die beiden Gesprächigen der berühmteste und beständigste deutsche Musikexportschlager im russischen Riesenreich. Allein die Feierlichkeiten zum gestrigen Irkutsker Stadtjubiläum wurden mit einer You’re my heart, you’re my soul-Eurodanceversion eingeläutet. Bei so viel Ehre muss der Meister dann eben auch ab und an persönlich den Glanz guter alter Zeiten versprühen. Und es ist unbedingt davon auszugehen, dass dies nicht das letzte Mal gewesen sein wird.

Auf dass auch die nächsten 350 Jahre Irkutsk Anders leuchten mögen!

Ästhetik/Das Wetter/Statistik/Ulica

Da kriegst die Motten

Posted by Sascha Preiß on

Schmetterlinge sind eine feine Sache. Wenigstens solange sie das tun, was man von diesen Viechern erwartet: möglichst bunt durch sommerliche Gegenden flattern und sich von Sammlern in Styropor-Glas-Vitrinen aufnadeln lassen. Dann gibt es aber leider auch noch Schmetterlinge, die irgendwie anders drauf sind und Ärger in der urbanen Botanik verbreiten. Seit Jahren schlägt man sich z.B. in Europa mit Miniermotten herum, welche vorrangig die erhabenen Rosskastanien zu unansehnlichen Greisen zerfressen. Zur Behandlung der kranken Bäume gehen Natur und Chemieindustrie eine ganz ansehnliche Symbiose ein (Sexuallockstoffe!), dass man glauben mag, der unansehnliche Falter möge sich eines Tages doch verpisst haben.

Vor einem ähnlichen Problem steht nun auf einmal Irkutsk: zum Auftakt der Tourismus-Saison spinnen irgendwelche dämlichen Schmetterlingsinsekten in der Stadt herum, im wahrsten Wortsinn.

Inwieweit sich die Irkutsker Stadtverwaltung mit subtil-biologischer Schmetterlings-bekämpfung beschäftigen wird, lässt sich zweifelsfrei erahnen: Für die Behandlung von ca 40.000 von Gespinstmotten befallenen Bäumen (Stand: 15.06.) stehen 700.000 Rubel zur Verfügung, ca. 17.500 Euro. Da es der mit der Behandlung beauftragte Dmitri Kakunin als stellvertretender Vorsitzender der Abteilung für Straßenbau und Transportwesen der Stadtverwaltung nicht so genau nimmt mit der biologischen Klassifizierung des Übeltäters – der Artikel spricht von Läusen, wobei das Krankheitsbild der vorrangig befallenen Apfelbäume sehr augenscheinlich nicht auf Läuse hindeutet -, wird sich wohl auch die Wahl der Bekämpfung auf entsprechend gezielte Maßnahmen beschränken: Chemie ist vergleichsweise effektiv, zudem schnell und billig. Und noch billigere Gastarbeiter erledigen eifrig alles, womit sich sonst niemand die Bronchien versauen möchte. Wie genau die Behandlung der massiv befallenen Bäume aussehen wird, ist aber noch längst nicht entschieden, für Sofortmaßnahmen lässt man sich sicherheitshalber 2-3 Wochen Zeit. Täglich sind damit mehr Bäume eingesponnen und die knapp bemessene Summe – bei 40.000 Bäumen kostete die Behandlung eines Baumes 2,30 € bzw 92 Rubel – schrumpft weiter. Bleibt zu hoffen, dass Irkutsk ähnliche Bilder wie aus dem kroatischen Osijek erspart bleiben, als man dort schnell und günstig gegen zu viele Mücken vorgegangen ist:

Fragen nach Ursachen des massiven irkutsker Befalls, insbesondere in den zentrumsfernen „Schlafsilobezirken“ Novo-Lenino und Irkutsk-2, sind im übrigen noch nirgendwo angesprochen worden. Aber muss ja auch nicht. So ein paar olle Schmetterlinge bekommt man schon irgendwie klein, wetten?