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39 Articles

Russland/Wildbahn

Sibiriens Moore brennen

Posted by Sascha Preiß on

So großmächtig, imperial und besserwisserisch Russland in jüngster Zeit auf internationaler Bühne auftritt, so hilflos und überfordert steht es vor den vielen Problemen im Inland. Seit Jahren brennen allsommerlich die russischen Wälder. Seit einigen Jahren tauen die Permafrostböden. Und in Ostsibirien trocknen die Torfböden, brennen aus und der Rauch verpestet die Luft. Die regionalen Behörden beschwichtigen und die Anwohner haben keine Vorstellung vom Problem. Hin und wieder helfen Greenpeace-Aktivisten auf eigene Kosten, doch auch sie können nur in kleinem Rahmen helfen. Die sibirische Natur wird irreparable Schäden davontragen.

Eine Reportage von Udo Lielischkies im ARD-Weltspiegel: https://www.tagesschau.de/ausland/russland-301.html

Anti-Terror/Russland

Klare Feindbilder

Posted by Sascha Preiß on

Die Berichterstattung zu Russland und den mit Russland zusammenhängenden Ereignissen ist inzwischen eine einzige Propaganda-Schlacht geworden, so scheint es. Am ehemals kleinen, bescheidenen Online-Medium russland.ru (inzwischen russland.news), ein deutschsprachiges News-Magazin aus Russland, dessen Artikel in diesem Blog öfter verlinkt wurden, ist die Veränderung von offener, kritischer, interessierter Berichterstattung vor wenigen Jahren zu einem heute sich der politischen Agenda anpassenden Journal mit offenkundig großer finanzieller Ausstattung sehr gut abzulesen. Das Archiv der Seite von 2003 bis 2013 enthält alle Artikel im ehemaligen Design, reduziert und nicht besonders modern, dafür inhaltlich liberal wie z.B. dieser Artikel, der über das Hilfegesuch von Künstlern an den damaligen Präsidenten Medwedjew für den Prozess zur Ausstellung „Verbotene Kunst 2006“. Ganz oben auf der Seite stand damals noch „Ungebunden, unabhängig und überparteilich“.

Inzwischen hat die Seite einen Relaunch erfahren, es gibt „coole“ News für Jugendliche, Spezialseiten für Moskau und Petersburg, einen TV-Kanal mit Filmchen, die von jungen Frauen moderiert werden (was stark an den Stil von RTdeutsch erinnert) und in den sozialen Medien ist man breit aufgestellt (facebook, twitter, tumblr, youtube, google+, instagram, pinterest) – offenbar ist hier massiv Geld investiert worden. Auf der Seite ist auch gar nicht mehr von Unabhängigkeit die Rede, im Impressum sind lediglich Gründungsdatum vermerkt und dass man beim Ministerium für Presse-, Fernseh- und Radioangelegenheiten in Russland registriert ist.

Inhaltlich ist man inzwischen völlig auf die offizielle russische Linie eingebogen: Russland ist umgeben von Feinden, und insbesondere die NATO und allen voran die USA bedrohen das sonst so friedliche Land. Der jüngste Artikel auf russland.news über die Verlegung deutscher Soldaten nach Litauen, im Zuge der vergangenen Sommer beschlossenen Truppen-Verlegung nach Polen und ins Baltikum, ist auch dementsprechend reißerisch aufgemacht: betitelt mit „Vormarsch nach Osten“ und illustriert mit einem Bild marschierender Wehrmachtssoldaten, lässt der Beitrag keinen Zweifel an der ideologischen Ausrichtung. Der nicht als Kommentar gekennzeichnete Beitrag setzt die in Litauen stationierten Bundeswehrsoldaten mit dem Eroberungskrieg Hitlers gleich (oder lässt es als Drohgebärde im Reich der Möglichkeiten) und setzt damit eindeutige Paradigmen, wer Täter und wer Opfer ist bzw zukünftig sein wird, sollte es zu militärischen Auseinandersetzungen kommen. Dass die NATO sich zu diesem durchaus kritikwürdigen Schritt entschlossen hatte nach der Krim-Annexion und dem trotz Minsk-Abkommen nie ernsthaft unterbrochenen Krieg in der Ostukraine, der massiv von russischer militärischer Seite Unterstützung erfährt, wird selbstverständlich mit keiner Silbe erwähnt. Der Text ist brachiale, vor keiner Absurdität zurückschreckende Propaganda. Tiefer kann ein ursprünglich harmloses, durchaus interessantes Online-Medium nicht sinken.

Anti-Terror/Grenzenlos/Russland

Die Möwe im Irkutsker Gebiet

Posted by Sascha Preiß on

Am 1. Dezember 2015 veröffentlichte Alexej Nawalnij, einer der bekanntesten Oppositionspolitiker Russlands und Leiter des Fonds zur Korruptionsbekämpfung, einen Film und einen Untersuchungsbericht, der sich mit dem russischen Generalstaatsanwalt Juri Jakowlewitsch Tschaika beschäftigt. Der Hauptvorwurf: Tschaika, seine Familie und Freunde bilden ein mafiöse Struktur, die sich mit hochkriminellen Methoden an Russland bereichern und das Geld ins Ausland bringen.

Ein wichtiger Teil der Untersuchungen zum Fall Tschaika beschäftigt sich mit Geschäften seines Sohnes Artjom im Irkutsker Gebiet zwischen den Jahren 2002 und 2011. Tschaika stammt aus Irkutsk, hat dort studiert und 20 Jahre gearbeitet. Viele seiner Kontakte stehen auch seinem älteren Sohn zur Verfügung, Mentoren, Unterstützer und Günstlinge. Und diese nutzt er, um 2002 eine einträgliche Reederei im nördlichen Oblastgebiet um Ust-Kut‘ zu übernehmen und auszubeuten: die Reedereidirektoren Peretoltchin und Palennij weigern sich, die Firma abzugeben. Am 30.12.2002 wird Palennij erhängt in seiner Garage aufgefunden, sein Tod wird als Selbstmord angegeben und nie untersucht. Erst 2012 veröffentlicht die oppositionelle Zeitung „Novaja Gazeta“ einen Bericht, in dem dieser Tod als Mord enttarnt wird und die Spur zu Artjom Tschaika führt. Ein zweiter Fall betrifft eine Salzmiene im Westteil des Irkutsker Gebietes.

Der Film zeichnet ein extrem düsteres Bild eines Landes, das in den Spitzenfunktionen von sowohl enorm vermögenden als auch zutiefst kriminell handelnden Personen besetzt ist: Es ist ein Geflecht aus Funktionären, Politikern, Juristen und Unternehmern, das kaum zu entwirren scheint und ganz gleich den Strukturen einer (Mafia-)Familie sich gegenseitig schützt und stärkt. Juri Tschaika reagierte auf den Film mit Anschuldigen, dieser sei auf Bestellung angefertigt. Offizielle Untersuchungen gegen den Generalstaatsanwalt Juri Tschaika, die den schweren Verdacht jahrelanger Protektion krimineller Geschäfte verfolgen würden, sind bis heute nicht erfolgt.

Der vollständige Bericht ist unter http://chaika.navalny.com in russischer Sprache einsehbar. Den Film kann man mit englischen Untertiteln via youtube sehen.

Anti-Terror/Baikal/Russland

Russland von nah und fern: Zur Medienkritik in Deutschland

Posted by Sascha Preiß on

2014 war ein miserables Jahr für die russisch-europäischen Beziehungen. Die innerukrainischen politischen Proteste, die am 18. Februar mit 80 Toten eskalierten, führten schließlich zur Flucht des Präsidenten und seiner Absetzung, einer vollständigen politischen Reorganisation der Ukraine, zum illegalen Verlust der Halbinsel Krim und zum Bürgerkrieg im Osten des Landes, bei dem im Sommer ein völlig unbeteiligtes Verkehrsflugzeug abgeschossen wurde. Ereignisse, die bei allen beteiligten Parteien (Ukraine, Russland, EU, USA) bislang nur Verlierer hervorgebracht haben: in erster Linie die Bevölkerung der Ukraine – man geht bislang von rund 4500 Toten aus, mehreren Hunderttausend Flüchtlingen, einer desaströsen Versorgungslage und kaum Hoffnung auf Beendigung des Konfliktes -; durch Sanktionsregelungen enorm belastete politische und wirtschaftliche Beziehungen, die bislang keineswegs geholfen haben, den Konflikt irgendwie zu entschärfen; eine von extremer Abwertung und starker Rezession betroffene russische Währung und Wirtschaft; eine Renaissance simplifizierender Denk- und Handlungsmuster aus dem Kalten Krieg. Diese gesamteuropäische Katastrophe, vor einem Jahr noch absolut undenkbar, wurde medial außerordentlich breit und intensiv diskutiert. In Deutschland löste die Berichterstattung in den großen überregionalen Medien (ARD/ZDF, Deutschlandradio, Zeit, Süddeutsche, Spiegel etc) z.T. sehr heftige, z.T. sehr berechtigte Kritik aus, da sie als zu einseitig, deutlich propagandistisch und abwertend gegenüber der russischen Seite wahrgenommen wurde. Das Unbehagen gegenüber den politischen Ereignissen, ihren Akteuren und der medialen Darstellung äußerte sich schließlich in einem hohen Vertrauensverlust gerade in die Medien, der sich zu klassischen Verschwörungstheorien (Medien sind in der Hand einer kleinen Gruppe, diese verbreiten amerikanisch gesteuerte bzw staatlich kontrollierte Propaganda und seien daher sowieso nur eine „Lügenpresse“, mit der man sicherheitshalber den Kontakt meiden sollte) auswuchs.

In dieser Situation reiste ich im August für etwas mehr als drei Wochen zu Freunden nach Irkutsk und an den Baikal. Als ich wieder zurückkehrte, war ich sehr müde und irritiert. Mein Onkel fragte mich per Mail, ob ich es nicht bereuen würde, wieder in Deutschland zu sein angesichts einer antirussischen Medienlandschaft. Doch ich hatte im medialen Russland gerade etwas ganz anderes erlebt: antiwestlicher, antiamerikanischer, antiukrainischer, unversöhnlicher Zorn.

Damals in Kroatien habe ich erstaunt zugehört, als davon erzählt wurde, wie der Krieg die Familien zerstörte. Beinahe von einem auf den anderen Tag zerstritten sich Ehepaare, trennten sich auf nimmer Wiedersehen oder schlugen sich die Schädel ein. Vormals interkulturelle Familien, die sich scheinbar von einem auf den anderen Tag, während und nach dem Krieg „reinigten“. Was für ein unbegreiflicher Wahnsinn hatte die Leute ergriffen! Es waren Erzählungen, greifbar nahe, aber mir blieb nichts als stumm, fasziniert, geschüttelt vor Irrsinn und Kälte zuzuhören.

Sibirien ist normalerweise eine Gegend, in der man vor Krieg ziemlich sicher ist. Das letzte Mal wurde dort während der Eroberung des Landes durch die Kosaken geschossen, vor 350 Jahren. Und doch spürte man die permanente Anwesenheit eines Krieges in mehr als 5000km Entfernung. Da ich von noch etwas weiter weg angereist war – am Baikal bohrte ich ein Holzschild an einen Mast mit der genauen km-Angabe der direkten Luftlinie – wurde ich von allen Seiten gefragt, was denn aus meiner (exemplarisch deutsch-europäischen) Perspektive da hinten, im Grenzland, in der Ukraine los ist. Ich sprach mit sehr vielen, mit Schauspielern, Studenten, Kindergärtnerinnen, Taxifahrern, Dozenten, Wachpersonal, Verkäuferinnen, Bankangestellten, Juristen, unserem ehemaligen Kindermädchen, Freunden, Freunden und nochmals Freunden. Irgendwann hing mir das Thema zum Hals raus. Am Anfang war ich vorsichtig und bemüht, meine Gedanken überhaupt erst einmal auf russisch zu formulieren, dann diplomatisch zu bleiben, denn ich hatte die Frage wohl erwartet, nach dem Beginn der Sanktionen, doch war ich mir uneins meiner eigenen Haltung. Ich verabscheute die russische Politik, weil sie nationalistisch war und Kritik nicht duldete, ich war allerdings auch mit der europäischen Politik nicht einverstanden, weil sie es sich wie so oft viel zu einfach machte und auf Russland wie auf ein ungezogenes Kind blickte. Im Grunde wusste ich: ich war insgesamt nicht einverstanden, aber das ist natürlich keine sehr schwierige Haltung angesichts eines Krieges. Und dann erfuhr ich, wie sehr der Krieg bereits in den Menschen war. Denn sehr sehr viele Russen haben mit der Ukraine zu tun, alle haben Bekannte, Verwandte, Freunde dort. Alle fiebern sie mit und alle schauen sie mit Erregung und Schmerz auf das, was geschieht. Zumindest auf das, was sie von den Geschehnissen sehen können. Und das war etwas ziemlich anderes als das, was ich zu sehen bekam auf der anderen Seite der Ukraine. Wobei ich in diesem Augenblick nicht unbedingt hätte entscheiden wollen, was davon näher an der Realität lag. Jedenfalls erzählte Ediks Frau Anna, die ich gleich in den ersten Tagen traf, von ihren Großeltern in Wladiwostok, seit über 60 Jahren verheiratet, sie Ukrainerin, er Russe, und dass sich plötzlich niemand mehr wagt, in ihrer Gegenwart über die Ukraine zu sprechen, denn die Alten bekommen sich sofort in die Haare. Vollkommen unversöhnlich: Plötzlich stehen sich alte Freunde als Feinde gegenüber oder gehen im Streit getrennte Wege. Ein tiefer Riss steckte in den Familien, und mir war er nicht nachvollziehbar. Eine Freundin, später, bei einer Diskussion auf Facebook, formulierte es völkisch-national: ich könne es nicht verstehen, da ich kein Russe sei. (Eine sehr weit verbreitete Haltung, nicht nur in Russland.)

Das war eine Warnung, den Weg des Versöhnlichen zu suchen, des Diplomatischen. Denn während ich nach meiner Sicht gefragt wurde, interessierte mich doch auch die Sicht meiner Freunde. Insbesondere unter den jungen Leuten gab es viele, die eindeutig auf der russischen Seite standen und die Übernahme der Krim als „schon immer unsere Insel“ verteidigten. Manche freuten sich auch über die Sanktionen, denn nun könne Russland sich von der „amerikanischen Wirtschaft“ befreien und eigene Wege entwickeln. Ein Tontechniker schwärmte von den Fortschritten der russischen Atomenergiegewinnung, denn es gäbe bereits eine ganz neue Generation von Reaktoren, die in der Lage wären, den Atommüll zu fast hundert Prozent in Energie umzusetzen, so dass diese Energieform vollständig sauber sei. Und hochgradig effizient, denn alle regenerativen Energien hätten miserable Energiebilanzen (von Windkraft würden nicht einmal 15% in Strom umgesetzt, von Sonne noch weniger etc), aber aus Atomen gewinne man über 90% ihrer Energie – weshalb Europa auf rückständige Formen setzen und daher bald auf russische Energie angewiesen sein würde, den Sanktionen sei Dank. Es gab aber auch ganz eindeutig weniger begeisterte Töne, wenn auch deutlich seltener. Manche überlegten ganz offen, das Land zu verlassen. Nicht allein aus pazifistischen Gründen, sondern weil das Klima insgesamt giftig wurde. Aggressiv. Politiker forderten in TV-Talkshows einen Eroberungskrieg bis nach Kiew.

Was in der Ukraine passierte, war ganz offensichtlich ein innersowjetischer Krieg, ein Sezessionskrieg, der nicht zu gewinnen war, in dem es nur eindeutige Haltungen gab, ja oder nein, in dem Differenzierungen bereits Differenzen bedeuteten und damit problematisch waren, ein Kampf, bei dem man sich zu entscheiden hatte, auf wessen Seite man stand – ein zutiefst nationalistischer Konflikt. Vladimir Sorokin sprach deshalb auch von den Geburtswehen, mit denen man sich von der Sowjetunion verabschiedete, indem Russland die Ukraine zur Welt brächte als eigenständiges Wesen.

Wie heftig diese Wehen schmerzten und welcher Furor sich damit verband, erlebte ich nach der Hälfte meines Aufenthaltes, als ich bei Edik an einem ruhigen Nachmittag fernsah. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht gesehen, wie im russischen TV über den Konflikt berichtet wurde. Jetzt sah ich es. Erster Kanal. Vesti. NTV. Die Nachrichten über die Lage in der Ukraine präsentierten ausschließlich Verbrechen der ukrainischen Armee an der russischen Bevölkerung (gern dargeboten von einer heulend berichtenden alten Frau vor ihrem Haus, ein ewig wirkungsvoller Topos in der Darstellung) und Mitglieder des „Rechten Sektor“, die irgendeine Forderung an den Ministerpräsidenten stellten und damit den faschistischen Kern der politischen Ukraine bezeugen sollten. Während man also den Medien in Deutschland Einseitigkeit vorwarf, dachte ich mir, was müsste man diesen Nachrichten attestieren? Doch erst, nachdem ich eine Sondersendung zu einem Konzert des in Russland außerordentlich populären Musikers Andrej Makarevich gesehen hatte, wusste ich, wie tief die Euromaidan-Ereignisse Russland irritiert und verstört hatten. Makarevich, der alle wichtigen Staatspreise Russlands als Künstler erhalten hatte, die man erhalten kann und sowohl Solo auftrat als auch mit seiner Band „Mashina Vremeni“ (von Dmitri Medwedjew als seine Lieblingsband bezeichnet), hatte sich nach Putins Ankündgung zur erneuten Präsidentschaft als deutlicher Kritiker der russischen Politik offenbart und hatte dabei keineswegs an Ansehen verloren. Bei einem Konzert in Irkutsk 2012 kamen nicht nur viele KollegInnen von uns, sondern als letzter Zuschauer erschien Viktor Kondrashov im Saal, damals Bürgermeister von Irkutsk und Mitglied von „Edinnaja Rossija“. Nun aber, im August 2014, war Makarevich in tiefste politische Ungnade gefallen, nachdem er bei den Moskauer Bürgermeisterwahlen 2013 den Oppositionskandidaten Navalniy unterstützt hatte und Anfang 2014 am Moskauer Friedensmarsch teilgenommen und sich damit deutlich gegen die russische Unterstützung der Separatisten gestellt hatte, war er im August auf Einladung der ukrainischen Seite nach Svjatogorsk gereist und hatte dort ein Konzert vor Flüchtlingen des Donezker und Lugansker Gebietes gespielt. Aus Sicht des russischen Fernsehens eine Todsünde: Makarevich wurde als Volksverräter, Lügner, Jude und Unterstützer des Faschismus beschimpft, er wurde herabgewürdigt, lächerlich gemacht und beleidigt – für ein Konzert vor (mehrheitlich) ukrainischen Kriegsflüchtlingen. Im Umkehrschluss zu seiner Aufforderung an die Separatisten von Donezk und Lugansk, doch einfach nach Russland zu migrieren statt den Krieg zu forcieren, wurde ihm nahegelegt, die russische Staatsbürgerschaft zurückzugeben und die ukrainische anzunehmen. Abgeordnete der Duma forderten die Aberkennung sämtlicher Auszeichnungen, da Makarevich schon lange ein „Unterstützer des Faschismus“ sei und er „die Seite der Feinde Russlands“ gewählt habe. Die Diskussion über Makarevichs Konzert und die ihm voll tief empfundener Verachtung angedrohten Strafen, dazu die Darstellung Makarevichs in den Medien fand ich schockierend. Mir war bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, welcher Zorn in die russische Gesellschaft gefahren ist, mit welcher Unversöhnlichkeit die Meinungen und Ansichten aufeinanderprallen. Und welche Gewalt im Sprechen über und in der Darstellung von anderen Meinungen herrscht. Makarevich wurde ohne jeglichen Respekt behandelt, seine Beweggründe lächerlich gemacht und als idiotisch abgekanzelt. Ich hatte den Eindruck, dass eine Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage ist, sich selbst in ihrer Meinungsvielfalt zuzuhören, sondern einen unbarmherzigen Furor betreibt aufgrund eines Konzertes für Flüchtlinge (!!!), dass diese Gesellschaft dabei ist, sich selbst zu zerstören.

Und was immer auch in den deutschen Medien (ohne Boulevard-Zeitungen) zu sehen, lesen oder hören ist, wie deutlich die Darstellung auch für eine Sichtweise Partei ergreift oder selbst propagandistisch ist – die hiesigen Medien sind nach wie vor in der Lage, sich selbst wahrzunehmen und Kritik an sich und ihren Beiträgen und Kritik an politisch gefärbten Darstellungen zu üben, einzufordern und wiederzugeben. Derart gewalttätige Beleidigungen, die einem Exorzismus gleichen und das Ziel haben, abweichende Meinungen zu unterdrücken, findet man allerdings hier nicht.

Irkutsk/Kulinarisches/Russland

Die vorletzte Nacht

Posted by Sascha Preiß on

In 30 Stunden werden wir – vorerst – Irkutsk verlassen, unser Aufenthalt in Sibirien nähert sich dem Ende. Es ist die vorletzte Nacht in der Stadt, in der wir fünf Jahre lebten, in der sich unsere Familie verdoppelte. Es ist eine ruhige Nacht, der Regen hat aufgehört, irgendwo bellt ein Hund irgendetwas an, irgendwo werden von Gespinstmotten befallene Apfelbäume gefällt, irgendwo streitet sich wer und nebenan wird sich geliebt; eine völlig normale Nacht führt zu einem nicht weiter bedeutendem Tag, und es fühlt sich gut an. Immer wieder sind wir in den letzten Tagen bei Verabschiedungen von Freunden und Kollegen gefragt worden, was wir aus „dem rauen, wilden, unzivilisierten Sibirien“ mitnehmen, was wir vermissen werden.

– den herrlichen Winter, ganz sicher. Viel Schnee, viel Sonne, viel blauer Himmel. Bei -30° einen Sonnenbrand zu bekommen, klingt paradox, ist aber hier nichts Besonderes. Und es ist einfach so: der Winter ist die eigentliche sibirische Jahreszeit.

Mit dem Hundeschlitten über einen zugefrorenen Fluss brettern

Mit dem Hundeschlitten über einen zugefrorenen Fluss brettern

– die Natur, diese unsinnig weite, unglaublich schöne Welt jenseits der Stadt, in der Leben nach anderem Maß geschieht. Auch: die Beeren, die Früchte, die auf den Märkten angeboten werden.

Steppenlandschaft bei Jelanzy

Steppenlandschaft bei Jelanzy

– die Kunst, Fisch zuzubereiten. Gekocht, geräuchert, roh, gesalzen, gefroren, getrocknet oder gebraten – ich habe nirgends besseren Fisch gegessen. Ignorieren Sie die hier sehr populäre kulinarische Mode Sushi. Aber essen Sie auch nur wenig Omul, die Bestände brauchen Erholung.

Kleiner Fischverkauf bei Listwjanka im Winter

Kleiner Fischverkauf bei Listwjanka im Winter

– überhaupt die Kunst des Selbermachens. Ob es die eigene Ernte von der Datscha oder die im Wald gesammelten Beeren und Kräuter sind: wenig ist wichtiger als selber Rezepturen ausprobieren und anbieten. Die Dekanin kostet einen Salat während einer Lehrstuhlfeier. Wer hat den gemacht, blickt sie beinah drohend ins Kollegium. Eine jüngere Dozentin meldet sich. Die Dekanin zitiert diese mit dem Zeigefinger zu sich: Rezept, sofort. Selbstgemachtes verspricht Anerkennung. (Und überhaupt, diese Geselligkeit.)

Jahreswechselfeier im Kreis der Kollegen

Jahreswechselfeier im Kreis der Kollegen

– die überfordernde Herzlichkeit der Menschen, wenn man sich ihnen geöffnet hat. Mit Musik z.B. (selbstgemacht, Gitarre) geht das. Herzlichkeit ist Vertrauen. Edik war wirklich sauer, weil wir das Versprechen gebrochen, dem gegebenem Wort misstraut hatten. Wir haben zweimal für knapp zwei Wochen sein Haus am Baikal gehütet, er bestand darauf, dass wir und unsere Angehörigen dort seither kostenlos wohnen. Meine Schwiegermutter ließ dennoch Rubelscheine liegen. Inakzeptabel. Selbstverständlich überraschte ich ihn mit einem unangekündigtem Besuch und alles war gut.

Ohne Gitarre ist das Land leer

Ohne Gitarre ist das Land leer

– die Torten, heute z.B. Lilis Geburtstagstorte. Quietschbunt und zuckersüß, umwerfend.

Alles Bunte und Süße zum 4. Geburtstag, Lili!

Alles Bunte und Süße zum 4. Geburtstag, Lili!

– die ziemliche Gelassenheit im Umgang mit Regeln, der auch eine Gelassenheit im Umgang mit Zeit ist. Ein oder zwei illustrative Episoden zu erzählen, bin ich aber leider gerade zu müde, vielleicht morgen…….

Und dann, übermorgen, wenn wir wieder in Deutschland sind, fällt mir wohl noch unendlich mehr ein, was in diese Liste gehörte. Doch zuvor: eine geruhsame Nacht, Irkutsk.

minimal stories/Russland

minimal story 26

Posted by Sascha Preiß on

Kaum war ich aus dem Auto gestiegen, das mich vom Baikal zurück nach Hause gebracht hatte, kam der junge Mann schon auf mich zugerannt. „Kein Witz: In welcher Stadt bin ich?“ Er war etwa 25 Jahre, hatte ein sonnengerötetes Gesicht und trug unauffällige Kleidung. Der verhetzte, leicht panische Ausdruck in seinen Augen überzeugte mich. „In Irkutsk“, antwortete ich, woraufhin er sich an den Kopf fasste und tief Luft holte. Als er ausgeatmet hatte, fragte er drängend: „Wie komme ich zum Flughafen?“ Ich stand neben dem Auto mit meinem Gepäck in der Hand und wollte diesen verirrten jungen Menschen auch einiges fragen, von wo er denn her sei, denn ein benötigtes Flugzeug deutete auf eine etwas entferntere Region Russlands hin; oder wie es ihn so sehr durch das Land geweht hatte, dass er die Orientierung verloren hatte. Statt dessen erklärte ich ihm ein bisschen zu ausführlich den Weg zum Flughafen. Es schien, als ob er zuhörte, während er doch beständig in die Gegend schaute, auf der Suche nach etwas, was ihm Halt böte, das er wiedererkennen oder begreifen könne, das diese unwirklichen Kulissen als gewaltigen Scherz entlarven ließen; als suche er verzweifelt denjenigen, der auf ihn zuläuft und ihm freudestrahlend das Versteck der Kamera offenbart. Aber er dankte nur für meine Wegbeschreibung und murmelte eine Erklärung seiner Lage vor sich hin, dass er mit Kumpels in ..(vernuschelt).. am 1. Mai unterwegs gewesen wäre und schließlich hier aufgewacht sei, allein und ohne Pass und dass er nicht wisse, was das alles soll. Ich wünschte ihm etwas dümmlich „Viel Glück“ und hatte doch Zweifel, als er so ungefähr in die Richtung trottelte, die ich ihm genannt hatte. Trotzdem konnte ich mir beim Hinterherblicken ein breites Grinsen nicht verkneifen.

Begraben/Russland/Ulica

Meteore des Alltags

Posted by Sascha Preiß on

Na, sagte sie und schaute dabei betrübt in den verbeulten, zerkratzten, entfärbten und bei wärmerem Wetter ganz sicher stinkenden Mülleimer, wobei ich mir nicht sicher war, was sie dort hätte finden können, denn der Seitenspiegel lag nun einmal direkt auf den Straßenbahngleisen und auch sonst waren die ganzen übrigen Splitter und Bruchstücke ringsumher verteilt, nur eben nicht dort, wo sie gerade hinblickte, so sauber wird das hier ja eben nicht gehandhabt, aber vielleicht erregte gerade das ihr ganzes Mitleid. Denn an dem Auto, das da so wunderschön quer über den Gleisen stand und seit einer Stunde den Vormittagsverkehr ordentlich zum Erliegen brachte, konnte es kaum liegen, so erhaben spiegelte sich die aufgehende Sonne im schwarzen Edellack des hinteren Kotflügels, denn diese Wagenteile sind üblicherweise in dieser besonders schmutzigen Phase dieser Jahreszeit farblich kaum mehr auszumachen, hier aber leuchtete etwas ganz gewaltig und zeigte Besitz und Herrschaft an und ließ uns die Augen übergehen, so dass von Meitleid ganz sicher keine Rede sein konnte, eher Bewunderung, Staunen, Anbetung, irgend so etwas mit offenem Mund und viel Schweigen jedenfalls, und für Schweigen war aller Anlass geboten.

Denn der vordere Teil des herrschaftlichen Autos lag verbeult, zerquetscht und auseinandergebröckelt wie ein frisches Blätterteigcroisson nach einem kräftigen Biss mitten auf der Straße herum, und hineingebissen hatte die Bahn mit der Nummer 5 und hatte wohl auch irgendwas vom herrschaftlichen Fahrer erwischt, oder das regelmäßige Aufscheinen bläulichen Lichts am Mülleimer hatte eine andere Ursache als den Krankenwagen, dem gerade etwas, das wie ein weiß verpackter Riegel aussah, in seinen großen Bauch geschoben wurde, das zweite Frühstück bereits, und wenn das erst das Frühstück war, denn bis um 12 Uhr war noch reichlich Zeit, musste ja etwas Gewaltiges als Mittag und dann Abendessen anstehen, meine Herrschaften.

Aber sie wendete ihren Blick vom Mülleimer nicht ab und fragte, ob ich lieber von einem Meteorit erschlagen werden möchte oder im Straßenverkehr als Herr oder Knecht draufgehen wolle, dabei könnten wir doch im Augenblick von Glück sprechen, denn weder lebten wir in Tschelyabinsk, und wir hatten diese russische Stadt im Ural nie zu Gesicht bekommen oder dies irgendwann vor, noch besäßen wir ein Auto, mit dem wir uns um Kopf und Kragen fahren könnten wie es wohl hier vor mehr als einer Stunde geschehen sei, noch wären wir heute ganz früh am Morgen, was das erste Frühstück zur Folge gehabt hatte, über einen Fußgängerüberweg gegangen, denn dieses wäre hier schließlich eine der sichersten Methoden, nachfolgend überhaupt nicht mehr weiterzugehen bzw einfach nur liegen zu bleiben, wie es dem 15jährigen Mädchen eben passiert sei.

Wollen wir nur hoffen, ergänzte sie nach einer Pause, in der sie ihren Blick vom Mülleimer abwendete und mit ihrem Mobiltelefon den Kotzfleck der Straßenbahnfahrerin anvisierte, den diese wenig später nach dem Zusammenstoß ihres Gefährts mit dem Auto und ihrer Erkenntnis, was genau da also passiert sei, direkt neben ihren Straßenbahnwagen gesetzt hatte und der inzwischen schon fast vollständig gefroren war, wollen wir nur hoffen, dass hier ein Fall besonderer Koinzidenz vorliegt und die Straßenbahn das erste Unglück also gerächt hat, wobei ihr Telefon den schmatzenden Laut der erfolgten Aufnahme von sich gab und bald darauf hatte sich dieses Bild auch schon auf irgendeine Festplatte in der elektronischen Cloud gesetzt, himmelherrgott, was heute alles möglich war, womöglich neben das 15jährige Mädchen und den herrschaftlichen Fahrer, der sich noch im Sterben keiner Unschuld bewusst wurde, schließlich hatte er ja das große glänzende Auto und die anderen mussten Respekt zollen, ob nun Straßenbahn oder Mädchen, und die aufgehende Sonne hatte ja gezeigt, wie es geht, wenn die Wolken erst einmal weg sind und der Himmel frei, so wie die Straßen für die Herrschaften frei zu sein haben, frei von Schuld vor allem, denn der Fahrer des Autos, unter dem das Mädchen für immer liegen geblieben war, war einfach weitergefahren, von sowas lässt man sich doch nicht aufhalten.

Denn so sind sie, die Meteore, die hier täglich aus heiterem Himmel herniedersausen und so ihre tiefen Spuren in die Verkehrsadern fressen, denn kein Stadtkörper verträgt so viele und regelmäßige Speisungen von Unfall- bzw Leichenwagen auf Dauer, irgendwann wird einem ganz gewaltig übel und irgendwie wäre es doch einfach schade drum, wenn vom Großen und Ganzen dieser Siedlung nur das übrig bleiben würde, was die Straßenbahnfahrerin auf dem Asphalt hinterlassen hat oder was in den Mülleimern am Straßenrand so zu finden sei, wenn es wärmer würde. Und was das betrifft, sei mir, sagte ich also, durchaus so ein echter interstellarer Gesteinsbrocken auf dem Kopf lieber als diese wilden Asteroiden des Alltags, aber man hat ja keine große Wahl der Qual, und wenn jetzt gleich die Reste des Autos weggeräumt sind und die Fahrerin was gegessen und ein Tee getrunken hat, können wir vielleicht endlich weiterfahren. Na, sagte sie und schaute betrübt in den Mülleimer, obwohl es da immer noch nichts zu sehen gab, vielleicht.

Baikal/Grenzenlos/Russland

Baikalwasser

Posted by Sascha Preiß on

Ich wollte eben irgendwas tun, ganz konkret, praktisch, weil ich ein praktischer Mensch bin, da kam mir die Verteilung in den Sinn, von oben nach unten, geografisch gesehen, räumlich, ganz konkret und praktisch, wo doch die Ressourcen so dermaßen ungerecht eingerichtet sind, nicht wahr, dass einem die Tränen kommen, dass man sie gar nicht mehr zurückhalten kann, nicht wahr, wenn man ein ehrlich empfindsamer Mensch ist, nicht gleichgültig dem harten Schicksal gegenüber, das man da unten erdulden muss, wegen dem sich die Leute dort seit beinah ewig ans Kreuz nageln, und das ist doch bedauernswert, da kann man doch gar nicht still sitzen und sein Wässerchen genießen, geweiht oder nicht, auch und schon gar nicht in unseren trockenen, ungläubigen, verwilderten, kontinentalen Breiten, Tiefen oder Höhen, wie Sie wollen. Und wenn jemand Durst hat, da muss man doch helfen, dachte ich mir, wenn dort quasi alles übern Jordan geht und die Meere schon seit Ewigkeiten tot sind und immer toter werden, jeden Tag ein paar Tote mehr, dann kann man eben nicht nein sagen, dann darf man nicht hartherzig und erbarmungslos sein, denn die zahlen ja auch prächtig, und ein jeden rührt das zu tiefst in der Seele, denn wo ein Mitgefühl, da auch ein Verdienst. Das war doch die größte Idee überhaupt, seit Jelzin sich zu Tode gesoffen hat, dass war einfach unsere Natur in Form von Wladimir, dem Dicken, eine selbstzufriedene Frohnatur, die überquillt vor theatraler, clownesker Energie, weil sie sprudelt, wie sie nur im TV kann, und manchmal sagen auch fette Männer in verschwitzten Hemden lustige Sachen, und das rechne ich ihm hoch an, dass er am nächsten Tag schon vergessen hätte, wovon er sprach, wenns nicht die Zeitungen aufgeschrieben hätten, und so floss eins ins andere, denn ich mochte diese Sache, also sagte ich: Ey, Wladimir!, und er sagte: Mensch, dawaj!, und so schütteten wir einfach unsere wilde, rauhe, endlose und beinah unberührte Natur – vergessen Sie so Popelkram wie Zellulose – dort in die Wüste, auf dass denen dort noch mal richtig was blühe, denn seien Sie ehrlich zu sich selbst, sagte der Dicke energisch: Unser Land hat nichts, was es anbieten könnte der Welt, außer seine Natur, und jetzt lassen wir mal den ganzen Mumpitz von wegen Öl und Gas und Holz und wiedergeborenen prähistorischen Blümchen weg, sondern konzentrieren wir uns auf das Wesentliche, ohne das das Leben ja einfach unmöglich ist, und da fließt nun mal seit Jahrtausenden der Rubel hektoliterweise ungenutzt durch unsere riesigen, menschenleeren, entvölkerten und seelenlosen Gegenden, wo es keiner braucht, während woanders die Leute ihr schönes Geld für Gewehre und so Sachen rausschmeißen, wovon sie täglich noch untoter werden als die versalzenen Meere und vertrocknenden Flüsse, aus denen sie leider schlürfen müssen, das muss man sich mal vorstellen: tiefste russische Lebensfreude, reinste Seele, klar und kalt, an überhitzte Mittelmeergemüter ohne Vorhaut, für 4 Dollar die 0,33l-Flasche! Damit hat man sich dann ne heilige Nase am See verdient.

Und die konnten wir dann in die Luft halten und das Aroma genießen. Obwohl: Unsere Luft ist so trocken, so staubig und so ohne Feuchtigkeit, verwüstet regelrecht, und die Schornsteine in der Stadt tun ihr Übriges, da fühlt man sich meist wie ein geräucherter Omul, den man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte, solange es noch welche gibt, aber wir haben hier von allem dermaßen viel, eigentlich, da können die da unten nur von träumen, wenn sie tot sind. Hier sind Robben und Fische und Angler ohne Lateinkenntnisse und durchs Eis eingebrochene Fahrzeuge und verkrüppelte Kiefern und jede Menge Mülldeponien in freier Wildbahn, weil Platz, so viel Platz, dass wir für unsere Anlage gar nicht wussten, wo bauen, weil alles frei, keinen störts, und das ist ja quasi paradiesisch, aber wie anders doch in Jerusalem, komplementäre Welten, weil es da ringsum hauptsächlich Probleme mit dem Bauen und dem Platz gibt, was wir ja für uns wahrlich nicht behaupten können, hier ist ja alles viel zu groß, viel zu breit, viel zu viel und sowieso unendlich, entgrenzt, quasi irre, dass ein einzelner Mann das gar nicht erfassen könnte, weshalb unsere Firma auch von mehreren Leuten geleitet wird. Schauen Sie unseren See, er ist ein Wunder, ein Mirakel, ein Menetekel, voller Schekel, ein Brunnen und Quell reinster Freude, bzw eigentlich, recht und halbwegs nüchtern besehen, ein Unding von einem See, niemand weiß so recht, wieso der sich ausgerechnet hier, wo sowieso noch nie, jedenfalls nicht in prähistorischer Perspektive, etwas war und wahrscheinlich auch so bald nichts wirklich sein wird, denn der See bricht mit der kümmerlichen Geschwindigkeit von allerhöchsten 2cm pro Jahr auseinander und wird wohl auch ein bisschen tiefer dabei, man weiß es nicht, also auf die Jahre hochgerechnet haben wir in 50 Jahren gerademal einen einzigen Meter Ost-West-Ausdehnung hinter uns gebracht, wobei die Ufer an der breitesten Stelle nicht ganz 40km auseinander liegen, wofür sie also ungefähr 50x1000x40 = 2 Millionen Jahre gebraucht haben müssen, die gleiche Geschwindigkeit von Anfang an vorausgesetzt, Pi mal Daumen. Und nur ein Mal, ein einziges klitzekleines Mälchen hat man daran herumgebastelt, und prompt ging Alexanders zaristische Eisenbahn zur Hälfte baden. Aber als wir das Wasser wieder abpumpten und verschifften, konnte sie ja wieder auftauchen, das war wie einen Schatz heben, wie präparierte Amphoren für ehemalige Präsidenten im Tauchgang, super Aktion das, aber konnte man ahnen, dass so bald sich alles auflöst und weggespült wird, was bis dahin als Stabilität und Entwicklung ins Land gemeißelt wurde?

Ja man konnte, also sagen wir uns: Der ganze Baikal, der hier rumliegt, völlig umsonst, und die Leute tun nichts anderes, als sich das nur anzuschauen und kommen extra hierher, um romantisch zu werden, als sei es das Größte und Schönste, ist ja schließlich auch das Einzige, was es hier gibt und was man hier machen kann: Baikalspotting. Oder, hihi, nach dem Genuss von frischem Wässerchen, Baikalpissing, macht am meisten Spaß nachts, wenns schön kalt ist, nach der Banja, dann nackig rein ins Wasser und Wowa mit seiner riesen Wampe der Selbstzufriedenheit blieb am Ufer stehen, entblößte seinen ungeheuren, im Mondlicht bedrohlich farblos schimmernden Leib, in dessen unterer Mitte ein schnuckelig kleines Pimmelchen baumelte, das er ergriff, und pisste so gewaltige Mengen dampfenden Urins in den arschkalten See, dass wir daran sicher ersoffen wären, wenn uns Wowas viehisches Gelächter nicht gerettet hätte, und danach mussten wir uns selbstverständlich mit guten, sündhaft teurem Wässerchen reinigen, ist doch einleuchtend. Aber weil das natürlich wenig Zukunft zur Folge hat, zumindest keine rosige, muss man eingreifen, handeln, vor allem handeln, einen Markt schaffen, also logische Folge: verkaufen, alles, radikal und ratzekahl, in 300 Jahren spätestens sollte alles weg sein, wahrscheinlich, so lange noch mussten die Leute hier auf ihre Zukunft trinken, bevor sie endlich losgehen könnte, mit den vielen schönen Schekeln, die uns die durstigen Israelis dafür in unseren Rachen schmeißen würden. So fing es damals an, getan fast eh’s gedacht, und schwupps, schon stand die Anlage an der Angara und der Fluss wurde abgezapft und in schönstes Plastik verpfropft und die ersten Ladungen wurden verfrachtet. Da war nicht mehr viel Zeit, sie drängte, die allgemeine Stimmung im Land war so komisch, so ohne Humor und Wässerchen, dass man ahnte, es geht vielleicht doch nicht mehr so lange, wie der See den Bach runterfließt, also nehmen wir uns noch schnell, was uns gehören soll, bevor einer kommt, der meint, er müsse jetzt selbst hier nach Gold tauchen.

Aber so ist das dann, irgendwann ist man nur noch von Flaschen umgeben und nachher nur noch von Kalashnikows, und bald sieht man kein Wasser mehr und vom Land nur noch kleine Ausschnitte hinter hohen Mauern, weil irgendeiner pisst dir immer ins Glas und hatte bessere Verbindungen. So werden dann die folgenden 300 Jahre auch zugebracht sein. Nehmen Sie doch ein Glas, auf die Freundschaft und den Weltfrieden!

Kulinarisches/Russland

Nüchtern soll das Jahr beginnen

Posted by Sascha Preiß on

Während die Supermärkte sich vor dem Jahreswechsel noch kistenweise Sekt, Wodka und Bier in die Verkaufsräume stellten, beginnt 2013 in Russland mit dem durchaus ernst zu nehmenden Versuch, die Dinge etwas nüchterner zu betrachten. Nicht allein, dass die Preise für Wodka deutlich angehoben wurden. Auch sind in den vielen kleinen Kiosken der Innenstädte seit 1. Januar der Verkauf alkoholischer Getränke verboten.

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Diesen Pavillion, in dem sich gern die Intellktuellen des Mikroraions trafen, wird man seit Neujahr vermissen.

Grund für diesen Angriff auf das Russland-Stereotyp schlechthin ist der enorme Alkoholismus, an dem jährlich etwa eine halbe Million Menschen in Russland sterben. Im abgelaufenen Jahr traten mehrere Regelungen in Kraft mit dem Ziel, den Alkoholkonsum einzuschränken. So wurde Werbung für Hochprozentiges und Bier in beinah allen Medien untersagt. Dazu gibt es gesetzliche Versuche, den Alkoholkonsum in Flugzeugen vollständig zu verbieten. Bereits verboten ist der Verkauf von hochprozentigem Alkohol nach 22 Uhr. Und die bereits seit 2010 regional geltende Ausgangssperre für Jugendliche soll insbesondere den Alkoholkonsum Minderjähriger begrenzen. Wobei stark bezweifelt wird, ob diese Maßnahmen tatsächlich greifen.

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„Nur ein nüchternes Russland wird groß!“ Beworben wird ein Seminar für neue medizinische Ausnüchterungstechnologien.

Immerhin aber gibt es inzwischen auch Versuche, Nüchternheit jenseits von Alkoholverboten attraktiv zu machen. Insbesondere nationalistische Gruppen betrachten die russische Alkoholsucht als größtes Hemmnis gegen staatliche Prosperität. Auf vkontakte.ru, dem russischen Facebook, gibt es jährlich verschiedene Aktionen, den Jahreswechsel russisch zu feiern, also nüchtern und am Neujahrstag mit einem ordentlichen Skilanglauf. Und Gennadi Onishchenko, der Vorsitzende der russischen Verbraucherschutzbehörde, der nicht nur am geplanten und sehr weitreichenden Rauchverbot in Russland beteiligt ist, warb vor dem Jahreswechsel für ein alkoholfreies Fest im Kreis der Familie.

Wobei das neue Jahr wenig hoffnungsvoll begann: am Abend des 1.1.2013 wurde ein junger Mann auf dem zugefrorenen Irkutsker Stausee von einem betrunkenen Autofahrer überfahren und starb.

Architektur/Irkutsk/Russland/Statistik

Produktive Arbeit

Posted by Sascha Preiß on

Die Sache mit den Ausländern ist für Inländer so ziemlich überall ein irgendwie unangenehmes Thema. Denn so ein Migrant, ist er erstmal da, schafft, scheints, hauptsächlich Probleme. Deswegen sind in vielen Ländern, z.B. in Deutschland, viele Inländer, die befürchten allerhand vom Ausländer und sogar, dass sich das Inland schließlich abschafft. So in ähnlich auch in Russland. Nur schreiben die Inländer da keine Bücher, sondern sie marschieren, z.B. durch Moskau. Oder sie machen Gesetze, die unerwünschten Umgang mit dem Ausländer zur verbotenen Tat werden lässt. Ich bin auch Ausländer in Russland und verrate jetzt mal was: Das ist eigentlich alles doch nur gut gemeint. Zum Wohle des Volkes. Schöner unsere Städte und Gemeinden. Wirklich!

Wie zum Beispiel diese schöne Broschüre aus St. Petersburg, die den Ausländern, die hier „Arbeitsmigranten“ heißen und sonst eher mit dem aus Deutschland importierten Begriff „Gastarbeiter“ bezeichnet werden, das Leben so leicht wie möglich machen soll, damit sie gute Arbeit leisten, über die sich die Inländer freuen können. Gastarbeiter eben. Daher sind sie auch konsequent als Werkzeug abgebildet. Ist ja auch so, die meisten Ausländer kommen nach Russland, um hier zu arbeiten, meist im Baugewerbe. Werkzeuge eben. Wo ist das Problem? Ist doch nur gut gemeint.

In Irkutsk aber scheint es mit der Qualität der Gastarbeiterarbeit nicht mehr so zum Besten zu stehen. Jedenfalls möchte der Gouverneur des Irkutsker Gebietes nicht mehr ganz so viele Gastarbeiter, sondern ab 2013 nur noch halb so viele. Und die andere Hälfte soll mit den Inländern gefüllt werden, die zur freien Arbeitsverfügung stehen: Studenten. Damit nämlich kann man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: auf ganz legalem Weg wird man die nicht ganz so populären Leute los, und gleichzeitig erhöhe sich nach Ansicht des Gouverneurs die Qualität der Arbeit. „Daran glaube ich“, sagt der Gouverneur.

Ist es eigentlich von Bedeutung, dass seit Jahren sich die Zahl der Einwohner im Irkutsker Gebiet verringert? Ist es wichtig, dass deutlich mehr Menschen aus Irkutsk weggehen als dass sie aus dem Ausland kommen und bleiben? Für die Forderung von weniger Ausländern ja sowieso noch nie gewesen. Und wenn schon Migranten, dann sollten sie bitte schon was können, wenn sie ihre Arbeitskraft in Russland einzusetzen gedenken. Oder es darf der eigene Nachwuchs endlich ran.

Der Irkutsker Gouverneur hat, scheints, den Glauben an die Schaffenskraft der jungen Leute entdeckt: Mit den Klügsten und Aktivsten der Jugend von heute, die die tollsten Vorschläge zur Entwicklung des Irkutsker Gebietes machen, möchte er sich fortan treffen. Es ist wirklich zu begrüßen, dass die Jugendlichen in diesem Umfang von der Politik ernst genommen und mit einbezogen werden. Das scheint die richtige Balance zwischen theoretischer und produktiver Arbeit, zwischen Geist und Körper, zwischen ideellen und materiellen Werten. Früher mal gab es mal in Deutschland ein wunderschönes Lied, das die Euphorie über die jugendliche Schaffenskraft ganz hervorragend ausdrückte bzw diese Kraft beim Singen überhaupt erst hervorbrachte: Und es wäre doch wirklich zu begrüßen, wenn es in Russland gelänge, das so wichtige, so migrantisierte, so vernachlässigte Baugewerbe mit neuer Schaffenskraft zu neuem Leben zu erwecken. Denn es gilt mehr denn je: Schöner unsere Städte und Gemeinden!