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Russland/Wildbahn

Sibiriens Moore brennen

Posted by Sascha Preiß on

So großmächtig, imperial und besserwisserisch Russland in jüngster Zeit auf internationaler Bühne auftritt, so hilflos und überfordert steht es vor den vielen Problemen im Inland. Seit Jahren brennen allsommerlich die russischen Wälder. Seit einigen Jahren tauen die Permafrostböden. Und in Ostsibirien trocknen die Torfböden, brennen aus und der Rauch verpestet die Luft. Die regionalen Behörden beschwichtigen und die Anwohner haben keine Vorstellung vom Problem. Hin und wieder helfen Greenpeace-Aktivisten auf eigene Kosten, doch auch sie können nur in kleinem Rahmen helfen. Die sibirische Natur wird irreparable Schäden davontragen.

Eine Reportage von Udo Lielischkies im ARD-Weltspiegel: https://www.tagesschau.de/ausland/russland-301.html

Irkutsk/Wildbahn

In der Zoogalerie

Posted by Sascha Preiß on

Letzten Sommer war Lili dann erstmals im Irkutsker Zoo. Weil es dort ziemlich eng ist, die Tiere in minimalen Gehegezellen leben und die Sonne ihr übriges tat, nennt sie diesen Ort seither nur noch „Stinkerzoo“. Was sie keineswegs daran hinderte, mir ebenfalls einen Besuch abzutrotzen. Mehrere Jahre habe ich mich erfolgreich vor einem Besuch gedrückt, nach dem Bericht vom vergangenen Sommer fiel mein Interesse daran noch weiter – jetzt fiel mir keine Ausrede mehr ein und ich habe es also hinter mich gebracht.

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Zoologische Gärten sind in den meisten Fällen wissenschaftlich begleitete Parkanlagen, oft mit einer recht interessanten zoohistorischen und auch architektonischen Geschichte. Der älteste Zoo Sibiriens wurde 1933 in Nowosibirsk begründet und beherbergt heute auf einer Fläche von 60 ha über 10.000 Tiere von über 700 Arten. Der Park ist so populär, dass er bei einer Internet-Abstimmung über die 10 interessantesten touristischen Attraktionen Russlands für den sibirischen Raum derzeit den 3. Platz belegt (nach dem Baikal-See und einem Denkmal für Hausschuhe in Tomsk).

Nun, der Irkutsker Zoo ist ein bisschen kleiner und entspricht nicht ganz den Anforderungen eines Parks, weshalb er offiziell nur „Zoogalerie“ genannt wird. Diese Galerie befindet sich neben dem Puppentheater am Eingang zum ehemaligen Erholungspark, einem derzeit etwas ungepflegten Gelände oberhalb des Stadtzentrums. Ein erster Zoo wurde 1989 eröffnet, das war eine kleine fahrende Galerie, die Irkutsker Zoologen organisiert hatten und 1995 aus finanziellen Gründen die Arbeit einstellen musste. Die Tiere verblieben im Besitz des Irkutsker Gebietsmuseum, und das Ehepaar Vadim und Ljudmila Ivushkin versuchten, einen neuen Zoo aufzubauen. Mit Hilfe einer Soros-Stiftung konnten die Tiere und ein Pavillon mit 70m² im ehemaligen Erholungspark erworben werden. Die heutige Galerie eröffnete im Juni 2005 und beherbergt derzeit auf 400m² Tiere aus 200 Arten. Die meisten Tiere sind aus anderen russischen Regionen (Vladivostok, Krasnojarsk, Krasnodar) durch Aufgabe oder Umgestaltung von Zoogärten nach Irkutsk gebracht, oft in schlechtem Zustand. Tiere gefährdeter Arten werden allerdings nicht aufgenommen, weil die Möglichkeiten für Unterbringung und Pflege nicht gegeben sind. Da der Zoo als private Einrichtung keine öffentliche Förderung erhält, finanziert er sich ausschließlich aus Eintrittsgeldern und dem Verkauf von Luftballons, Spielzeug u.ä. Die Haltung und Versorgung der Tiere ist daher auch nichts für Tierliebhaber und Tierschützer. Die Gehege sind allesamt zu klein und keineswegs artgerecht. Ein Braunbär etwa lebt auf einem ca. 5m² kleinen Areal, an seinem Gehege ist ein Hinweis angebracht, dass man ihn jederzeit füttern kann und er besonders Brötchen mag. Die kleinen Vogelkäfige sind vollkommen zugekotet und mit zu vielen Tieren belegt; die meisten Wasserbecken für Schildkröten, drei Varane oder ein Krokodil sind ziemlich dreckig; die Tiere haben in den Käfigen keine Möglichkeit des Rückzugs und sind stets den Betrachtern und den an die Scheiben klopfenden Kinder- und Erwachsenenhänden ausgesetzt – wie Bilder in einer Galerie. Der Eintritt kostet 250,- Rubel (6,20 €), fotografieren, auch mit Blitzlicht, ist für weitere 50,- Rubel (1,20 €) gestattet.

Es ist sicherlich ein Verdienst des Paares Ivushkin, sich der verlassenen, kranken Tiere aus Irkutsk oder anderen Regionen anzunehmen und diese pflegend zu versorgen. Leider ist der Zustand ihrer Einrichtung, die von Kindern und manchen Erwachsenen als Attraktion verstanden wird, ziemlich bedauerlich und ein Fall für den WWF. Denn mehrere Bären und Wölfe, einen Löwen, einen Leoparden, einen Luchs, ein mongolisches Yak, ein Emu, mehrere Geier, Falken, Kraniche, Affen usw auf 400m² unterzubringen, ist eine ziemliche Qual. Immerhin wurde vergangenen Juni verkündet, dass der Bürgermeister eine Kommission zur Entwicklung des Zooparks einberufen hat und nach einem geeigneten Gelände von mindestens 12-15 ha, erweiterbar auf 30 ha, sucht. Was aus diesen Plänen inzwischen geworden ist, ist allerdings – wie gewöhnlich – unbekannt.

Wildbahn

Fang den Yeti

Posted by Sascha Preiß on

…und weil sonst nichts los ist: Irgendwas mit Schneemensch und Sibirien geht immer. http://german.ruvr.ru/2012_10_28/92638107/ Besonders aufregend, dass der Yeti direkt aus der Hölle, genauer: der „Asasskaja-Hölle“ (es gibt also mehrere, diese liegt bei Kemerovo) kommt.

Die Existenz des Yetis war selbstverständlich erwartet worden, schließlich dient das Höllenwesen zum Touristenfang wie sonst nur Nessi in Schottland und Frodo in Neuseeland. Seit 2009: http://www.russland-news.de/sibirische_provinz_geht_mit_dem_yeti_auf_touristenfang_23739.html

Und seither beschäftigt er offenbar die „Wissenschaft“. http://www.handelsblatt.com/panorama/aus-aller-welt/haarreste-gefunden-russen-wollen-mit-yeti-tourismus-ankurbeln/4739810.html

Sogar zu ethnologischen Studien hat man es gebracht: http://german.ruvr.ru/2012_08_02/83753200/ Und wer jetzt nicht weiß, was ein Hominologe so macht und was Kryptozoologie ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Kryptozoologie

In Kürze gibt es eine ernstzunehmende Veröffentlichung von den Kindern Erich von Dänikens zum Thema.

Irkutsk/Russland/Wildbahn

Neue Mieter

Posted by Sascha Preiß on

Da waren wir also gerade neu eingezogen, vor wenigen Wochen, nach der Geburt von Tolja, und ich beschäftigte mich mit Lilis erstem Ins-Bett-Bringen in der neuen Wohnung, da klingelte es gegen halb 10 Uhr abends an der Tür. Eine junge Frau in häuslich formloser Kleidung, T-Shirt, Sporthose, unbestrumpfte Füße in hellblauen Plastesandalen, und begrüßte mich.

– Also Sie sind unsere neuen Nachbarn, ja? Ich wohne nämlich unter Ihnen und da wollte ich Sie bitten, nach 21 Uhr nicht mehr so laut zu sein. Wenn Sie nämlich so laut trampeln, wackeln unsere Deckenlampen. Aber ich sehe, Sie haben ein Kind, na wir haben auch eins und deshalb wäre es schön, wenn es bei Ihnen etwas ruhiger wäre, nicht wahr?

Und damit ging sie auch wieder davon. Ich fühlte mich ein bisschen überfahren. Hatte die Dame das jetzt ernst gemeint, hatte ich das richtig verstanden? Lili war in meiner Wahrnehmung nicht mehr als sonst durch ihr Zimmer gelaufen und hatte keinerlei Stampforgien veranstaltet. Sollte der von außen doch recht solide wirkende Hochhausneubau derart hellhörig sein und das Gehen eines 13kg schweren Kindes die Deckenbeleuchtung der tiefergelegenen Etage ernsthaft in Schwingung versetzen können? Warum mussten ausgerechnet unsere Nachbarn der Inbegriff von Kleinstbürgertum sein, dass sie eine halbe Stunde nach ihrem persönlichen Ruhebedürfnistermin sofort ringsum ermahnen gingen? Auf jeden Fall begann das neue Wohnen mehr oder weniger großartig.

Die folgenden Abende bemühte ich mich, Lili so ruhig wie möglich ins Bett zu bringen. Offenbar mit Erfolg, denn vier Tage nach dem Auftritt der Frau klingelte es erneut an unserer Tür, diesmal sogar schon zwei Minuten nach 21 Uhr. Draußen stand ein angetrunkener, nach Zigarette duftender junger Mann. (Ich Idiot, schoss es mir durch den Kopf, wie oft hat man dir eingeschärft, Unbekannten keinesfalls die Tür zu öffnen. Aber es war zu spät.)

– Sie sind unsere Nachbarn, ich wohne unter Ihnen. Und ich wollte mich bei Ihnen bedanken: Wegen Ihnen können wir nämlich jetzt endlich wieder schlafen. (Leider war er zu betrunken, um meinen dummen Gesichtsausdruck zu kommentieren. Ich hatte keine Ahnung, wovon er redete.)

– Meinen Sie das ernst, ist das irgendwie ironisch gemeint? (Ich hatte die Befürchtung, gleich setzt der Mann zu einer Schimpf- und Rauftirade an.)

Statt dessen guckte er ausnehmend blöd und verstand gar nicht, was ich von ihm wollte, und ich fand es sehr schade, aus Furcht vor seiner Reaktion nicht lachen zu dürfen. Wir einigten uns darauf, dass er sich bedankte und ich nicht wusste wofür und er feststellte, dass wir Ausländer waren und er mir das Du anbot. Das war schön, denn seither grüßen wir uns per Handschlag und man hat so ein bisschen das Gefühl, in diesem Haus nicht ganz allein zu sein.

Also hielten wir das Pärchen, dass uns manchmal mit ihrem kleinen Kindchen im Lift begegnet, für skurrile Vögel mit überzogen spießiger Attitüde. Sie hielt das Kind vor fremden Blicken bedeckt, er wirkte bei jedem Sehen betrunken, aber fuhr ein endgeiles weißes Motorrad. Sie klingelten seither nie wieder und ich nahm an, der Auftritt der Frau war tatsächlich ein Flehen in erster Sekunde und der Mann hatte ganz ernsthaft Dankbarkeit geäußert. Ich machte mir Sorgen, was in diesen unseren Räumen wohl ehedem abgegangen sein mag. Bis es heute Mittag gegen halb 1 wieder klingelte, diesmal an der Haustür unten. Ich erwartete niemanden, unser Kindermädchen ging ans Domofon.

– Wer ist denn da?

– Ich.

– Wer ist bitte ich?

– Na ich eben.

– So.

– Ja.

– Und was wollen Sie?

– Was will ich schon wollen?

– Nun, das möchte ich gerne wissen.

– Was ich halt will.

– Und was ist das?

– Na — ficken.

– Äh.

– Nicht wahr?

– Und da kommen Sie hierher? —

Das Kindermädchen kam irritiert-amüsiert zurück. Die Sache mit der schaukelnden Deckenbeleuchtung nahm Gestalt an – in etwa jene, welche sich gerade enttäuscht mit weiblicher Begleitung vom Hauseingang entfernte: Wir wohnten in einem ehemaligen Stundenhotel. Der Kerl, der soeben abgeblitzt war, hatte die neuesten Entwicklungen nicht mibekommen und musste sich mit seiner Mittagsbüropausengeliebten – in Russland macht jedes Büro zwischen 12 und 13 Uhr Mittagspause – ein anderes Lager fürs Schäferstündchen suchen. Da unsere Nachbarn gleich am ersten Abend um Zurückhaltung bei eventuell geplanter Ruhestörung baten, muss es vorher ein hochfrequentiertes Domizil gewesen sein. Und wenn man sich so umhörte, bei weitem nicht das Einzige. Ein paar Etagen über der Wohnung unseres Kindermädchens ging es ebenfalls heiß her, wie sie verriet. Und in unserem Wohnviertel, wie so ziemlich überall in der Stadt, finden sich an Laternenmasten angeklebte Zettel, die für Stunden- oder Tageshotels werben, pro Nacht 600 Rubel, etwa 15 Euro, dazu Handynummern. Wer unser Appartement professionell betrieben hat, ist nicht so wichtig, es lässt sich eine ganze Menge vorstellen. Angesichts einer Wohnungssituation, die Frischverliebten wenig Spielraum lässt – hohe Preise, geringes Einkommen -, sind vermutlich nicht wenige froh über jedes Angebot, seinen Trieben freien Lauf lassen zu können, und sei es auch des Ehebruchs wegen. Auf Nachbarn kann man da klar wenig Rücksicht nehmen. Zumal jetzt, wo der Frühling auch in Irkutsk endlich Knospen treibt, wird die Jagd- und Spielsaison vermutlich noch das eine oder andere verirrte Pärchen an die guten alten Plätze führen. Leider ist für die zwischen zwei Bürostühlen wild gewordenen Tiere mit dem Einzug der neuen Mieter eine weitere Höhle urbar gemacht, aber selbst wenn ich da jetzt ganz viel Verständnis für aufbringe – es ist mir total egal und wir sind sehr froh, für unsere gewachsene Familie ein schönes Zuhause gefunden zu haben.

Wildbahn

Ein Gast im Hausflur

Posted by Sascha Preiß on

Vorhin bin ich wieder einmal nach Hause gekommen. Auf dem ersten Treppenabsatz saß ein junges Kätzchen, sah mich an, ob es von mir irgendetwas zu erwarten hätte. Sah mir nach. Auf dem Treppenabsatz vor unserer Wohnungstür eine kleine Schale mit Milch und etwas Futter. Daran kann ich mich zukünftig beteiligen, ansonsten bin ich meiner Katzenhaarallergie ausgeliefert und werde das Tierchen leider nicht adoptieren können.

Dies ist ein Déja-vu. Damals in Kasachstan traf ich schon einmal ein Kätzchen in meinem Treppenhaus an. Womöglich sind herrenlose Katzenjungen nichts Ungewöhnliches in russischen Treppenhäusern, auf jeden Fall werden Tiere gut versorgt. Das Kätzchen und die Gesänge der Nacht hielten mich damals wach. Die folgende Geschichte ist das Resultat dieser Heimkehr von vor sechs Jahren. Ich gehe davon aus, diese Nacht ruhiger verlaufen wird.

Nachtgedanken bei gleißendem Sonnenlicht

Ich bin nach Hause gekommen. Im Hausflur fand ich eine weiße Plastikschale umgekippt vor, ein paar Möhren, Grünzeug, Wasser. Für wen denn das, hier im unwohnlichen Hausflur. Ich erinnerte mich, vor kurzem hatte ein obdachloses Paar vor meiner Tür übernachtet. Aber das war doch zu abwegig, ihnen eine Plastikschale mit Gemüse hinzustellen. Ich ging weiter, die Treppe hinauf. Aus einer dunklen Ecke blickte mich mit enormen Augen ein ganz kleines Kätzchen an, wenige Wochen oder nur Tage alt. Es rührte sich nicht, saß ganz klein in seiner Ecke und schaute nach mir. Ich zwinkerte ihm zu, als erwartete ich, dass es dadurch zu einem Lächeln verführt würde. Natürlich keinerlei Regung. Wir sahen uns noch eine Weile an, dann ging ich weiter. Ich hatte keine Lust auf eine streichelnde Annäherung. Mag es noch lange in seiner dunklen Ecke sitzen und meinen Schritten ängstlich lauschen, bevor es zum Futternapf zurückkehrte. Ich schloss die Wohnung auf, hinter mir wieder ab. Setzte mich. Schaltete den Laptop ein. Tat dieses und jenes. Musik, 5’nizza novyj djen, immer und immer wieder. Schrieb Emails. Versuchte einen Film aus einer anderen Wirklichkeit, einer sorgfältig verborgenen und beinah heilen Welt. Keinerlei Müdigkeit. Schlafen konnte ich nicht, so spät es auch immer war. Ich war nach Hause gekommen und fand ein Kätzchen in einer vorborgenen Ecke. Dann ging ich doch schlafen, den Film sah ich nicht zu ende. Ich legte mich in die Dunkelheit, wälzte mich unter der warmen Decke. Presste das Kissen an mich. Drehte mich hin und her. Aus purer Gewohnheit wohl muss ich eingeschlafen sein. Ich erwachte, es war noch immer dunkel. Ich hatte erwartet, dass ich in der Nacht erwachen würde, wenn ich mich schlafen legte. Ich warf mich hin und her. Presste das Kissen an mich. Ich kam nach Hause und konnte nicht schlafen. Wie spät es auch immer sein mochte. Ein Vogel rief sein lautes, monotones Lied. Eine große Terz aufwärts, immer und immer wieder. Bis auf diesen Vogel schien die Nacht ruhig zu sein. Ich drehte mich auf die andere Seite, das Kissen an mich gepresst, die Decke mit den Beinen immer wieder zurechtschiebend. Ohne Decke war es zu kalt, mit zu warm. Der Vogel rief. Ein Auto fuhr. Ich hörte deutliche Lustschreie einer Frau. Der Hinterhof war groß und bot nachts viel Platz für intensive Geräusche. Der Vogel rief unbeeindruckt weiter. Die Frau schrie. Ich hörte beiden eine Weile zu. Ich überlegte, aus welcher Wohnung die Lustschreie kommen könnten und wo der Vogel sitzt. Irgendwo entfernt hob ein Hund zu bellen an. Ein seltsames Terzett aus Rufen. Die Tiere kontinuierlich, die Frau immer mal wieder, mal lauter, mal leiser, mal länger, mal kürzer. Plötzlich eine Männerstimme, mahnte die Frau in ihrer Lust zur Nachtruhe. Danach eine relative Stille, nur Vogel und Hund. Dann ein neuer Ton, ein Schnarchen drang durch ein Fenster, leise, aber deutlich. Bald setzte auch die Frau wieder ein. Ein zweiter Vogel variierte das Lied des ersten, der daraufhin aufgab. Ich warf mich hin und her. Arbeitete mich an der Decke und meiner richtigen Liegeposition ab. Presste das Kissen an mich. Ich war nach Hause gekommen, sie hatte mir gegenüber gesessen. Ihre Gedanken waren so intensiv wie traurig. Ich war erstaunt, dass ich ihre fremde Sprache verstand, sie aber überhaupt nicht. Ich war nach Hause gekommen und hörte den Nachtgeräuschen zu. Frau, Vogel, Hund. Der Schnarcher war verstummt. Derb setzte mein Kühlschrank ein, brachte den spärlichen Inhalt wieder auf Kühlmaß Stufe 4. Im Hausflur konnte man Schritte vernehmen. Der Vogel rief unaufhörlich, der Hund bellte immer weiter. Die Frau schrie ihre Lust in die Nacht. Im Hinterhof gab es bald darauf einen energischen Wortwechsel, die Frau ließ ihre Lust leiser werden. Ich drehte mich zur Seite. Der Kühlschrank beendete seine Kühlungsrunde. Ich war nach Hause gekommen und dachte an die Augen der Nacht. An das schneeblasse Gesicht ihrer Gedanken. Ich hörte in die hinterhöfliche Nacht. Ich war nach Hause gekommen und fand eine weiße Schale und ein Kätzchen. Ich schloss die Wohnung auf und hinter mir zu. Ich war nach Hause gekommen und setzte mich. Machte dies und jenes. Ich war nach Hause gekommen und wie erwartet wieder erwacht. Ich war nach Hause gekommen und begann immer wieder von vorn, alles aufzuzählen. Ich presste das Kissen an mich. Der Vogel rief, ein anderer antortete endlich, ein anderes Lied. Ich lauschte in die Nacht. Ich drehte mich zur Seite. Ich träumte, wie in einem Haus aus Pappe, dessen Räume ich nachts wechselte, mich plötzlich eine alte Bekannte küsste, obwohl ich das nicht wollte. Dann bin ich mit einem Freund durch die Stadt gegangen. Soldaten versperrten den Weg, es geht hier nicht lang, Richtung Magdeburger Allee hat die Rebellion begonnen. In der ganzen Stadt hat die Rebellion begonnen, es geht nur noch die Johannesstraße hinauf. Meine Geburtsstadt lag in seltsamen dunklen Licht. Soldaten spritzten Kinder mit Schläuchen weiß an, damit sie sich in der weißen Fassade dieses Hauses verstecken konnten. Die ganze Häuserfront bestand aus weißgefärbten Kindern, die sich kaum bewegten. Ich überlegte, ob das eine so gute Tarnung war. Wir gingen in ein italienisches Restaurant. Eine Maschine produzierte unaufhörlich grüne Nudeln, die sie in eine Lostrommel warf. Der Mann hinter dem Thresen sagte, wenn die erste blaue Nudel produziert ist, wird das Restaurant geschlossen. In einer Glasvitrine lag ein halber toter Mann, der langsam in einen Zerkleinerungsapparat gezogen wurde, wo er zu Teig für Pizza und Nudeln verarbeitet wurde. Der Mann hinter dem Thresen schöpfte aus der Lostrommel eine Handvoll blauer Nudeln. Es ist vorbei, wir nehmen keine Bestellungen mehr entgegen. Wir gingen einen Bergpfad entlang. Zwei Punks stritten sich um eine Jacke. Mein Freund versuchte zu schlichten. Ich wusste, dass das keine gute Idee war. Ich kannte diesen Moment. Es war der Moment, den ich nicht sehen wollte. Die Punks, in ihrer eigenen, verborgenen, meinem Freund unverständlichen Konversation gestört, wandten sich feindselig an ihn. Ich wusste, sie würden ihm auf brutalste Weise das Gesicht zerschlagen. Diese Szene war berühmt für ihre unerwartet heftige, brutale Härte. Ich drehte mich weg. Ich konnte nicht mitansehen, wie mein Freund zerdroschen wurde. Ich erwachte erneut. Die Vögel riefen, nun schon sehr zahlreich. Wie spät es auch immer sein mochte. Die Frau war nicht mehr zu hören. Auch der Hund hatte aufgehört zu bellen. Ich schwitzte im Nacken, mir war kalt. Ich drehte mich um und grub mich in die Decke. Drehte mich auf den Bauch, das Kissen an mich gepresst. Ich hörte in die Nacht. Ich dachte an meinen Freund und die berühmte brutale Szene. Ich stand auf und schaute auf die Uhr. Die Zeiger waren schlecht in der Dunkelheit zu erkennen. Halb sechs. Ich legte mich wieder hin, warf mich hin und her. Deutlich konnte ich den Lautsprechermuezzin der großen Moschee hören, er rief zum Morgengebet. Ein Auto fuhr eilig, vielleicht zum Gebet. Ich war nach Hause gekommen und fand ein Kätzchen ängstlich in der Ecke. Ich erzählte mir auf dem Bauch liegend alles noch einmal. Ich war nach Hause gekommen und ich schloss die Wohnung ab. Ich müsste das alles jetzt aufschreiben. Ich sollte jetzt aufstehen, das Licht einschalten und die ganze Geschichte von vorne aufschreiben. Ich war wach genug dafür, ich könnte diese Geschichte verstehen. Wie ich ihre Gedanken verstanden, aber nicht begriffen hatte, als sie mir vor ein paar Stunden gegenüber saß. Bevor ich nach Hause gekommen war und mich hin und her wälzte. Ich begann noch einmal von vorn. Ich war nach Hause gekommen und hatte meine Wohnung vorgefunden. Ich wusste, dass ich nichts aufschreiben würde. Jetzt nicht, später nicht. Ich würde weiter nur in die Nacht hören und immer wieder bei der Haustür beginnen. Ich war nach Hause gekommen und ein Kätzchen blickte mich mit enormen Augen an. Ich war nach Hause gekommen, bis ich erneut einschlief. Und ich erneut noch vor Tagesanbruch aufwachen würde. Ich wusste, dass ich aufwachen würde, als ich mich ins Bett legte. Ich wachte immer auf, wenn ich – nach Hause gekommen war. Deshalb wollte ich nicht ins Bett. Und dann das Liegen und Nicht-Einschlafen-Können. Warum war ich nach Hause gekommen. Ich drehte mich um und verfluchte diese lauten Vögel mit ihrem monotonen Rufen. Ich war nach Hause gekommen und auch die Frau ließ wieder ihre Lustschreie vernehmen. Der Kühlschrank drehte eine neue Runde. Der Muezzin war nicht mehr zu hören. Ich wälzte mich auf die andere Seite. Auf die andere Seite. Auf die andere Seite. Ich blieb lange liegen. Nach Hause gekommen, das Kätzchen, Nacht, die enormen Augen und das weiße Gesicht ihrer Gedanken. Ob ich sie geküsste hatte oder sie mich oder ob es nur ein über die Mundwinkel verrutschter Abschied gewesen war, ich war doch nach Hause gekommen. Und hörte in die Nacht aus meiner dunklen Ecke.

(23.IV.05)

Anti-Terror/Irkutsk/Ulica/Wildbahn

Irkutsker Schießereien

Posted by Sascha Preiß on

Dieser Blogeintrag verdient eigentlich einen reißerischen Kriminalfilm-Titel: 2011 ist nicht das beste Jahr in dieser Stadt. Während nämlich die meisten Irkutsker am vergangenen Samstag das Stadtfest mit großem Karneval begingen, gerieten ein Mercedes-Fahrer und der Fahrer eines Schulbusses derart in Streit, dass der Fahrer des Mercedes schließlich auf den Bus schoss. Nach eigener Aussage, weil der Schulbus seinem Auto den Weg versperrte, auf dem er seine hochschwangere Frau ins Krankenhaus fahren wollte. Glücklicherweise wurde niemand verletzt.

Gut, mag man jetzt sagen, sowas kommt eben vor, zumal im wilden Osten Sibiriens. Deutlich weniger beruhigend dafür der heutige Montag: Erschossen wurde heute ein Mitarbeiter einer Inkassofirma vor dem Irkutsker Gebietsgericht. Drei unbekannte Männer in Sportkleidung eröffneten kurzerhand das Feuer auf den Mann, als er aus dem Auto steigen und die Einnahmen abgeben wollte. Die Täter konnten mit über 2 Mio Rubeln entkommen.

Verhaftet hingegen wurden zwei dringend Tatverdächtige, die für einen aufsehenerregenden Doppelmord an Straßenwächtern verantwortlich gemacht wurden. In den frühen Morgenstunden des 12. April wurde über Polizeifunk Hilfe bei der Verfolgung eines Autos angefordert, das Auto eines außerbehördlichen Straßenwachdienstes konnte das verdächtige Fahrzeug anhalten. Die beiden Insassen des „Zhiguli“ stiegen umgehend aus und schossen ein Dutzend mal auf die Wachdienstmitarbeiter, zwei starben, ein dritter wurde schwer verletzt.

Ebenfalls Aufsehen erregte die Mordserie in Akademgorodok. In diesem Stadtteil abseits des Stadtzentrums wurden zwischen Dezember 2010 und März 2011 mindestens 6 Menschen ermordet. Anfang März wurde nach zwei weiteren Morden eine Bürgerwehr gebildet, schließlich patrouillierte die Polizei durch nahezu alle Straßen, auch der Bürgermeister machte die Mordserie zu einer Angelegenheit unter seiner persönlichen Kontrolle. Anfang April wurden zwei verdächtige junge Männer verhaftet, die zumindest einen Mord zugaben. Inzwischen wurde ihre Untersuchungshaft, die heute abgelaufen wäre, bis Oktober verlängert, sie sollen unter psychologische Beobachtung gestellt werden.

Außerdem lieferte sich ein Mann am 22.Februar mit Mitarbeitern der Wachfirmen im Einkausfzentrum „Passage“ eine ausgiebige Schießerei, bei der glücklicherweise niemand verletzt wurde, aber der Schütze festgenommen werden konnte. Woher er seine Waffen hatte, ist unbekannt, vermutlich wollte er von Firmen im Einkaufszentrum Geld erpressen.

Im Dezember 2010 hat ein betrunkener Mann seine Nachbarin erschossen und ihren Mann schwer verletzt. Was genau zu dieser Tat geführt hat, wurde nicht mehr mitgeteilt. Ein Familienstreit hingegen war Anlass dafür, dass ein pensionierter Polizist seinen Schwiegersohn mit einem Jagdgewehr erschoss, seine Tochter schwer verletzte und sich anschließend selbst tötete. Und im März 2010 wurde der Prozess gegen die Gruppe „Die Magie des Blutes“ eröffnet, die mindestens 5 brutale Morde und mehrere schwerwiegende Misshandlungen zu verantworten hat. Ein 21jähriger hatte mit vier minderjährigen Schülern aus reiner Mordlust seine Opfern zu Tode gequält, indem ihnen u.a. nacheinander die Arme und Beine abgeschnitten oder mit Steinen zertrümmert wurden.

Man möge mir also meine kurze Panik verzeihen, als gestern ein junger Mann die Straßenbahn mit einer Kettensäge betrat. Aber er setzte sich einfach nur ganz vorne hin und stieg zwei Stationen später wieder aus, ohne von der Säge Gebrauch gemacht zu haben. Sehr angenehm, zur Abwechslung.

Grenzenlos/Wildbahn

Neues aus dem sibirischen Weltall

Posted by Sascha Preiß on

Begeben wir uns einmal in die Welt der Wunder. Russland ist ja nun ziemlich groß bzw „unsinnig groß“ (Daniel Kehlmann). Groß genug auf jeden Fall, dass die Wahrscheinlichkeit, in Russland Landungen von Außerirdischen beobachten zu können, deutlich (unsinnig) größer ist als etwa in den USA, obwohl es dort nach Einschätzung der Filmproduzenten beinah täglich der Fall ist. Aber auch Russland bzw die (noch viel unsinnig größere) Sowjetunion ist reich an Sichtungen unbekannter Flugobjekte und/oder wundervollen Phänomenen, die mit der Anwesenheit erdferner Lebenwesen erklärt wurden. Vorzugsweise tauchten UFOs in Moskau auf oder das ganze Land wurde außerirdisch infiziert; relativ viel diskutiert in UFO-Fachkreisen ist die Sichtung von Woronesch, die angeblich auch offiziell bestätigt wurde, einen Monat vor dem Fall der Berliner Mauer.

Nun ist es aber so, dass sich auch in den unendlichen Weiten Sibiriens hin und wieder Außerirdische den Hobbyfotografen zeigen. Die jüngste Sichtung eines UFO-Absturzes fand Anfang März 2011 ganz in der Nähe des Baikalsees bei Irkutsk statt. Die Anwohner mehrerer Dörfer waren durch Licht, Knall und Geruch derart irritiert, dass sich schließlich der Katastrophenschutz um die Sache kümmern musste. Auch wenn bei der Suche erwartbarerweise nicht allzu viel Sinnvolles zum Vorschein kam, das mit Außerirdischen zu tun gehabt hätte – ein YouTube-Video brachte ordentlich Schwung in die rasch abebbende Aufregung: Darin zu sehen ist ein überhaupt nicht großes, sondern zerbrechlich kleines, offenbar durch den Absturz letal verletztes Alien, das eigentlich niedlich wirken könnte, wenn es nicht leicht nach gegrilltem Hühnchen aussähe. Das Video bzw das Alien ist bis heute knapp 10 Millionen mal angeschaut worden. Der Film ist selbstverständlich nur ein netter Schülerstreich, der kleine Außerirdische besteht eben wirklich u.a. aus Hühnerhaut. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn es so ein Knirps quer durch die Galaxien (per Anhalter?) bis an den Baikal geschafft hätte. Ob er die Region dann ebenfalls mit Natur und Erholung assoziieren würde, ist eine andere Frage.

Und das ist der Unterschied zwischen Russland und den USA: was im wahnsinnig großen Russland als Handyfilm im Internet endet, wird dort unsinnig gewaltig auf die Leinwände der Multiplexsäle projeziert. Dabei fände ich es mal einen interessanten Versuch, einen Alien-Film aus Sicht der russischen Provinz zu erzählen.

– Hast du gehört, die haben ein Alien gefunden.

– Sowas kommt vor.

– Das soll nur so groß wie ein Hühnchen sein.

– Zu klein für guten Schaschlik.

– Vor allem Kopf und Leber sollen enorm groß sein.

– Den trink ich trotzdem untern Tisch.

– Und was, wenn es viele von denen gibt, sie sich hier vermehren und bleiben wollen?

– Gegen unsere Bürokratie haben die keine Chance.

(etc)

Anti-Terror/Irkutsk/Russland/Wildbahn

In den Fängen des „Krokodils“

Posted by Sascha Preiß on

Anlässlich des Besuches von Präsident Medwedjew in Irkutsk und der begonnenen Suche nach Lösungen für das Drogenproblem Russlands, veröffentlicht der Irkutskblog eine gekürzte Fassung eines Artikels aus der unabhängigen Zeitung Vostochnaja Sibirskaja Prawda. Die Reportage des Autors Bert Kork beschreibt einen Polizeieinsatz und vorangegangene Untersuchungen gegen eine Gruppe von Drogenabhängigen in der Kleinstadt Schelechow. Die Perspektive von Seiten der Beobachtungs- und Kontrollorgane verlässt der Autor dabei nie. Weitergehende Überlegungen zur Größenordnung des Konsums der Droge Desomorphin bzw. „Krokodil“ speziell oder des gesamten Drogenkonsums in Schelechow (und ganz Ostsibirien) stellt der Artikel leider ebensowenig an, wie Betrachtungen zu möglichen Auswirkungen von Drogenabhängigkeit auf die Demographie Russlands oder eine Analyse des Drogenkonsums als soziales und innergesellschaftliches Problem, wie es im Interview mit Evgenij Rojsmann anklingt. Die Reportage gibt allerdings Aufschluss über die öffentliche Wahrnehmung von und den Umgang mit Abhängigen (Tendenz zur Personalisierung, Verengung auf kriminelle Klein- und Problemgruppen, fehlende Persönlichkeitsrechte in der Berichterstattung, Strafvollzug als Lösungsansatz) und ist damit neben der Information über das gravierende Drogenproblem hinaus auch als Quelle zur Berichterstattung über Drogenkonsum im sibirischen Raum interessant.

Der russische Originaltext ist am 12.03.2011 erschienen und hier abrufbar. Die Fotos entstammen ebenfalls dem Artikel und sind als Slideshow hier zu sehen.

In den Fängen des „Krokodils“

Von Bert Kork

Die Paradoxie der Situation von Rauschgiftsucht und Drogenhandel im Irkutsker Gebiet besteht darin, dass, trotzdem Irkutsk in der russischen Statistik zur Drogenabhängigkeit einen vorderen Platz belegt, die Liste der verbotenen Präparate hier erfreulich stabil bleibt. Seit die Drogenwelle im letzten Jahrzehnt unser Land erreicht hat, ist der Genuss von Hydrochlorid-Diazetylmorphin, allgemein bekannt als Heroin, umgangssprachlich auch „Poroshok“ (Pulver), „Bjelyj“ (Das Weiße), „Hexogen“ oder einfach „Gex“ und „Geroi“ (Held) genannt, bei russischen Drogenkonsumenten nach wie vor am beliebtesten. Das ist deshalb erfreulich, da sowohl Ärzte als auch Rechtschutzorgane den Kampf gegen die Drogen angenommen haben – sie kennen die hiesigen Verbreitungswege der Drogenhändler und die Wirkung des Stoffes auf den Organismus gut.

Nach dem ersten Stich wird die Haut schuppig und der Körper fängt an zu faulen. (Das Foto wurde von "Gorod bez Narkotikov" zur Verfügung gestellt.)

Rauchmischungen wie „Dzhiwash“ und „Solej“ sind an Sibirien vorübergegangen (oder erst gar nicht bis zu uns gelangt) – geben Sie zu, Sie haben davon noch nie gehört. Aber im europäischen Russland richten Menschen damit ihren Verstand zu Grunde und sterben daran. Pilze und Halluzinogene sind für uns zu exotisch. Doch die Keime des ‚Neuen Bösen‘ treiben tief in den Osten aus. Meist wird in Berichten auf „synthetische Drogen“ verwiesen – Amphetamine und Ecstasy, die „Drogen der goldenen Jugend“. Vor Kurzem erschien jedoch ein neues Übel: Desomorphin, auch „Krokodil“ genannt. Krokodil kann von jedermann zu Hause aus codeinhaltigen Tabletten in Verbindung mit toxischen Substanzen hergestellt werden. Desomorphin macht die Haut zunächst schuppig, dann „verfault“ der Körper. Krokodil tauchte plötzlich von irgendwoher auf, als niemand es erwartet hatte.

Irkutsk/Statistik/Wildbahn

HIV in der Stadt

Posted by Sascha Preiß on

Irkutsk, das Paris des Ostens! Touristen, Nachtclubs mit Schaumpartys, Hotels mit Frauenservice für alleinreisende Männer, Vergnügungscenter und so weiter. Die Innenstadtfassaden leuchten, die Gehwege, Straßen und Grünanlagen werden alljährlich erneuert, auf dass die ostsibirische Metropole zum 350jährigen Stadtjubiläum 2011 glänzen und strahlen möge.

Nur ein bisschen stört die neueste offizielle Statistik über HIV-Infektionen der vergangenen 5 Jahre, die für den 2,5Mio Einwohner fassenden Oblast erstellt wurde. Danach ist Irkutsk zum zweitinfektiösesten Oblast ganz Russlands aufgestiegen. Zu Beginn des Jahres 2010 wurden 29.359 Personen mit HIV-Infektion registriert, also 1,2% der Gesamtbevölkerung. Vor Beginn des von der Regierung entwickelten Anti-AIDS-Projektes 2006 waren 19.429 Menschen als infiziert bekannt. Jährlich kommen also etwa 2.000 neue Infektionen hinzu, das sind 5,5 pro Tag. Weiterhin wurden im erhobenen Zeitraum 4.307 Kinder von infizierten Müttern zur Welt gebracht, allein 733 im Jahr 2009.

Nicht genannt werden die Orte, in denen die Infektionsrate am höchsten liegt. Ebensowenig, welche möglichen Gründe zu dieser katastrophalen Lage geführt haben und wie sich das auf die Sterberate in Irkutsk auswirkt. Aber vor allem: wie hoch der Anteil unter den jungen Menschen des Oblastes, aber auch ganz Russlands ist, da die höchste Ansteckungsgefahr vorrangig in der Bevölkerungsgruppe 16 bis 35 Jahre liegt.

Behauptungen, dass etwa wilder Klo-Sex Minderjähriger in Nachtclubs zu solchen Zahlen führt, sind wohl eher porno-fantastischer Unsinn. Resoluter ist da schon der Vorschlag, man solle doch einfach alle „diese Mädchen“, die auf Parkplätzen und Straßen herumstehen, gemeinsam mit den Drogenabhängigen einsperren. Erstaunlich selten hingegen wird das Thema Verhütung angesprochen.

Tatsächlich wird lieber einmal mehr abgetrieben als zum Kondom gegriffen. Seiten wie www.aborti.ru geben umfangreich Auskunft über Abtreibungsarten und was alles zu tun und zu beachten ist, auch wenn grundsätzlich für das ungeborene Leben plädiert wird. Über Verhütung ist allerdings nichts zu erfahren. Interessanter ist, dass sich diese und andere Seiten fast ausschließlich an Frauen richten. Nicht nur, dass die jungen Frauen die Risiken eines Schwangerschaftsabbruches beinah allein zu tragen hätten – ihnen wird in der Regel auch die Verantwortung für eine Schwangerschaft zugesprochen. Über Verantwortung des Mannes beim Sex wird mehrheitlich, etwa im russischen Wikipedia-Eintrag zu Problemen rund um Schwangerschaftsabbrüche, geschwiegen.

Insofern ist fraglich, ob aus den Statistiken sinnvolle Schlüsse gezogen werden oder ob das glitzernde Irkutsk im kommenden Jubiläumsjahr nicht doch auch den Aufstieg an die Spitze der russischen HIV-Charts „feiern“ wird.

Grenzenlos/Interkultur/Kulinarisches/Technik/Wildbahn

Wer glaubt mir das jetzt?

Posted by Sascha Preiß on

Da weilt man auf Einladung in Tuwa, dem geographischen Mittelpunkt Asiens.

Zu eigenen Ehren findet die traditionelle Schlachtung, gemeinsame Zubereitung und Verspeisung eines Schafes statt, zuerst im Dorf, ausgerechnet in der ul. Internationalnaja, dann am Ufer des Jenissej bis Sonnenuntergang.

Nach altem Brauch wird für die Gäste ein Schaf geschlachtet: ein kurzer Einschnitt in die Brust des Tieres, dann fasst ein Mann mit der Hand ins Innere und erstickt das Schaf durch Zudrücken der Aorta. Die Regel stammt noch von Dschingis Khan: nicht ein Tropfen Blut des Tieres darf die Erde benetzen. Das gestockte Blut muss ich dann essen. Nationalgericht! eurasisches magazin

UND DANN VERSAGT DIE SCHEIẞVERFICKTE DIGITALVERKACKTE MODERNE DRECKSTECHNIK!

Keine Fotos.