In den Fängen des „Krokodils“

Anlässlich des Besuches von Präsident Medwedjew in Irkutsk und der begonnenen Suche nach Lösungen für das Drogenproblem Russlands, veröffentlicht der Irkutskblog eine gekürzte Fassung eines Artikels aus der unabhängigen Zeitung Vostochnaja Sibirskaja Prawda. Die Reportage des Autors Bert Kork beschreibt einen Polizeieinsatz und vorangegangene Untersuchungen gegen eine Gruppe von Drogenabhängigen in der Kleinstadt Schelechow. Die Perspektive von Seiten der Beobachtungs- und Kontrollorgane verlässt der Autor dabei nie. Weitergehende Überlegungen zur Größenordnung des Konsums der Droge Desomorphin bzw. „Krokodil“ speziell oder des gesamten Drogenkonsums in Schelechow (und ganz Ostsibirien) stellt der Artikel leider ebensowenig an, wie Betrachtungen zu möglichen Auswirkungen von Drogenabhängigkeit auf die Demographie Russlands oder eine Analyse des Drogenkonsums als soziales und innergesellschaftliches Problem, wie es im Interview mit Evgenij Rojsmann anklingt. Die Reportage gibt allerdings Aufschluss über die öffentliche Wahrnehmung von und den Umgang mit Abhängigen (Tendenz zur Personalisierung, Verengung auf kriminelle Klein- und Problemgruppen, fehlende Persönlichkeitsrechte in der Berichterstattung, Strafvollzug als Lösungsansatz) und ist damit neben der Information über das gravierende Drogenproblem hinaus auch als Quelle zur Berichterstattung über Drogenkonsum im sibirischen Raum interessant.

Der russische Originaltext ist am 12.03.2011 erschienen und hier abrufbar. Die Fotos entstammen ebenfalls dem Artikel und sind als Slideshow hier zu sehen.

In den Fängen des „Krokodils“

Von Bert Kork

Die Paradoxie der Situation von Rauschgiftsucht und Drogenhandel im Irkutsker Gebiet besteht darin, dass, trotzdem Irkutsk in der russischen Statistik zur Drogenabhängigkeit einen vorderen Platz belegt, die Liste der verbotenen Präparate hier erfreulich stabil bleibt. Seit die Drogenwelle im letzten Jahrzehnt unser Land erreicht hat, ist der Genuss von Hydrochlorid-Diazetylmorphin, allgemein bekannt als Heroin, umgangssprachlich auch „Poroshok“ (Pulver), „Bjelyj“ (Das Weiße), „Hexogen“ oder einfach „Gex“ und „Geroi“ (Held) genannt, bei russischen Drogenkonsumenten nach wie vor am beliebtesten. Das ist deshalb erfreulich, da sowohl Ärzte als auch Rechtschutzorgane den Kampf gegen die Drogen angenommen haben – sie kennen die hiesigen Verbreitungswege der Drogenhändler und die Wirkung des Stoffes auf den Organismus gut.

Nach dem ersten Stich wird die Haut schuppig und der Körper fängt an zu faulen. (Das Foto wurde von "Gorod bez Narkotikov" zur Verfügung gestellt.)

Rauchmischungen wie „Dzhiwash“ und „Solej“ sind an Sibirien vorübergegangen (oder erst gar nicht bis zu uns gelangt) – geben Sie zu, Sie haben davon noch nie gehört. Aber im europäischen Russland richten Menschen damit ihren Verstand zu Grunde und sterben daran. Pilze und Halluzinogene sind für uns zu exotisch. Doch die Keime des ‚Neuen Bösen‘ treiben tief in den Osten aus. Meist wird in Berichten auf „synthetische Drogen“ verwiesen – Amphetamine und Ecstasy, die „Drogen der goldenen Jugend“. Vor Kurzem erschien jedoch ein neues Übel: Desomorphin, auch „Krokodil“ genannt. Krokodil kann von jedermann zu Hause aus codeinhaltigen Tabletten in Verbindung mit toxischen Substanzen hergestellt werden. Desomorphin macht die Haut zunächst schuppig, dann „verfault“ der Körper. Krokodil tauchte plötzlich von irgendwoher auf, als niemand es erwartet hatte.

1. Relativ intakt

Das kleine, industriell und zugleich religiös geprägte Schelechow, rund 20 km von Irkutsk gelegen, wird recht selten in Berichten des „Föderalen Dienstes der Russischen Föderation zur Kontrolle über den Drogenkonsum“ (FDKD) erwähnt. Zur Stadt wurde die einstige Arbeitersiedlung vor weniger als 50 Jahren: bei der Volkszählung 1967 zählte man in Schelechow 27.000 Menschen, und bis heute hat sich ihre Bevölkerungszahl verdoppelt, im vorigen Jahr waren es 49.900 Seelen. Das Leben verläuft dort zwischen Aluminiumfabrik, Kabelfabrik und Bekleidungswerk und jeder ist mit jedem irgendwie bekannt. Wo sollen hier Drogensüchtige herkommen? Ein typisches, glückliches Städtchen.

Sehr bezeichnend ist, dass es in Schelechow keine Narkologen gibt. Deshalb wurden seit jeher Verhaftete zur Untersuchung nach Irkutsk geschickt. Alptraum und Alltag eines Drogensüchtigen ist der Artikel 6.9 im Verwaltungsgesetzbuch. Hier steht: Es ist strafbar, im Alkoholrausch in der Öffentlichkeit zu erscheinen. Dies gilt in Schelechow jedoch schon lange nicht mehr. Tatjana, die Leiterin der Einsatzgruppe sagt: „Wir haben Abhängige gefragt: ‚Ist Ihnen der Artikel 6.9 bekannt?‘ Es stellte sich heraus, dass der Artikel nur Drogensüchtigen bekannt ist, die in Irkutsk verhaftet worden sind.“

Diese aufschlussreiche Geschichte ereignete sich im Herbst des letzten Jahres: Der FDKD beobachtete mit verstärkter Aufmerksamkeit einen unauffälligen Ausläufer des Epizentrums und konnte so die „Drogenfiliale“ von Irka Kossaja „schließen“, die sich im vierten Bezirk als eine von vielen Dealern betätigte. Und wie bereits erwähnt, in Kleinstädten kennt jeder jeden, das gilt insbesondere auch für Drogenabhängige. Die Großhändler erschraken gewaltig, Irka würde erzählen, wo sie selbst das Heroin beschaffte – und die Lieferungen des „Pulvers“ in Kleinpackungen an die Untergrundläden der Stadt und zum Einzelverkauf wurden aus Konspirationszwecken auf einige Zeit unterbrochen.

Es wurde still. Der Winter dauerte lange, Neujahr 2011 kam. Manche Abhängige fuhren nach Irkutsk, um sich mit dem Stoff zu versorgen. Andere nutzten den erzwungenen Entzug und machten eine Kur in verschiedenen Heilanstalten – um die Dosis herabzusetzen, um die Venen zu reinigen, um sich Vitamininjektionen geben zu lassen und um den ruinierten Gesundheitszustand zu verbessern. Und da erhielt der FDKD Hinweise, jemand in Schelechow versuche, Desomorphin herzustellen. Die Untersuchung brachte jedoch keine Ergebnisse, weil die Großhändler wieder angefangen hatten, Heroin zu verkaufen. Es gab keine Notwendigkeit mehr, nach alternativen Drogen zu suchen: Es ist einfacher, eine fertige Dosis zu kaufen, anstatt sich um Tabletten und Reagenzien zu bemühen, sich in einer Wohnung zu versammeln und hinter verschlossenen Türen eilig Chemikalien zu mixen.

Anfang Februar 2011 gab es erneut Hinweise auf den Ausbruchs des Krokodilkonsums in Schelechow. Der Informant gab an, dass sich eine stabile Gruppe von 6 – 10 Leuten gebildet habe, die an Desomorphin „ziemlich festhingen“ und völlig von Heroin „übergesiedelt“ seien. Und außerdem würden sie es sehr aktiv unter ihnen bekannten Drogenabhängigen verbreiten. So erfuhr die Einsatzgruppe von den Brüdern Molodije.

2. Eine erfolgreiche Reise

Die Molodije-Brüder zeichneten sich immer durch scharfen Verstand und lebhaften Geist aus, obwohl sie durch den Konsum synthetischer Opiate über einen Oberschulabschluss nicht hinaus kamen. Als das Heroin aus den bekannten Ladentischen verschwand, beschlossen sie, „sich zu erholen“ und Ende November fuhr einer von ihnen nach Kazan in die Betreuungsstelle für Suchtkranke, der andere wurde auf seinen Wunsch vom lokalen Roten Kreuz ins Rehablitationszentrum für Rauschgiftsüchtige nach Tschita geschickt.

In Tschita ist es jedoch eigenartigerweise vollkommen unmöglich, Heroin zu kaufen. Deshalb sind lokale Süchtige gezwungen, alternative Methoden zu verwerten, um high zu werden. Eine davon ist momentan die Synthese von Desomorphin zu Hause. In Kazan muss die Nähe des europäischen Teils Russlands eine verderbliche Rolle gespielt haben: Desomorphin ist in dieser Stadt ebenfalls in Umlauf. Eine buddhistische Weisheit lautet: Von Fisch wirst du den ganzen Tag satt sein. Wer das Fischen lernt, wird immer satt sein. Die Brüder Molodije kamen Mitte Januar zurück in ihre Heimatstadt, im Gepäck das neue Rezept – unabhängig voneinander brachten sie nach Schelechow das Know-how der Krokodilsherstellung.

Um "Krokodil" herzustellen, braucht man eine Menge giftige Stoffe – Benzin, Schwefel, Salzsäure...

Es dauerte nicht lange, bis sich Gleichgesinnte fanden – darunter lokale Drogensüchtige wie Wassota, Kabron, Lebed, Tschetschelan, Zombie und Piwowar. Das Startkapital wurde für die Reagenzien ausgegeben – in der Praxis des FDKD nennt man sie Präkursoren, das sind chemischen Stoffe, die bei der Anfertigung von Drogen verwendet werden und deshalb strikter Erfassung und Kontrolle bedürfen. Ferner zeigte die Gruppe kaum Originalität – ein und dasselbe Schema kennzeichnet in der Regel eine Gruppe Drogensüchtiger, die in Heimproduktion Drogen anfertigen.

Die wichtigste Rolle spielt der „Sieder“ oder „Koch“, der seine „Küche“ beherrscht (das bedeutet nicht nur die Beherrschung der richtigen Handgriffe, sondern auch die genaue Anwendung der benötigten Substanzen). Mit ihm arbeiten einige „Helfer“, die weniger an der „Mischung“ beteiligt sind, als vielmehr die ungeduldigen Süchtigen vertreiben. Die zweitwichtigste Rolle spielt der Besitzer der Wohnung, in der sich die ganze Gesellschaft trifft und die Zeit nach der Injektion „chillt“. Alle anderen sind die Statisten, die auf einen Schuss warten und wenn nötig für die ganze Gesellschaft codeinhaltige Tabletten besorgen müssen.

Aus diesem Grund wurde die Gesellschaft schnell größer. Die Brüder Molodije brauchten für die Krokodilsynthese einen unaufhörlichen Vorrat an kostenlosen Tabletten. Die Brüder hatten weder Geld für Tabletten, noch eine Wohnung zum „Kochen“, sie besuchten Bekannte, blieben bei ihnen, riefen ihren kleinen Kreis an und stellten die Bedingungen: Wo jeder wann zu sein hat und was man mitbringen muss. Im Strafgesetzbuch wird das die Organisation des Nestes genannt. Information dazu bekam die FDKD-Einsatzgruppe durch bestimmte [ungenannte – A.d.Ü.] Kanäle.

3. Ewgenij Rojsmann: „Russen töten Russen“

Desomorphin ist für unser Gebiet das neue ‚Böse‘. Deshalb haben wir beschlossen, darüber mit einem Menschen zu sprechen, der schon lange erfolgreich gegen Drogen- bzw. Desomorphinkonsum kämpft. Wir riefen in Ekaterinburg an, um mit Ewgenij Rojsmann, dem Gründer der Stiftung Gorod bes narkotikov („Stadt ohne Drogen“) zu sprechen.

Ewgenij Rojsmann: „Die für Anfertigung des Krokodils notwendigen Stoffe werden in Apotheken verkauft, und durchschnittliche russische Frauen verkaufen sie an Altersgenossen ihrer Söhne, und sie wissen genau, wofür man diese Stoffe braucht“.

– Was ist „Krokodil“ und woher kommt diese Droge?

– „Krokodil“ ist eine starke, rasch wirkende Droge – es ist beinah unmöglich, damit aufzuhören. Denn man hat einfach keine Zeit – irreversible Veränderungen im Organismus entstehen schon innerhalb des ersten Monats des Konsums. Es ist eine Droge der Armen. Wenn es in Kleinstädten weder Arbeit noch organisierte Freizeit gibt, fangen junge Menschen an, Drogen aus der Apotheke zu gebrauchen. Das heißt, alle Bestandteile kauft man in der nächsten Apotheke – codeinhaltige Präparate wie Sedalgin, Sedal-Neo, Tetralgin. Aus diesen Präparaten wird mit Salzsäure, Jod, Essig, Azeton, Schwefel und Benzin „Krokodil“ gekocht. Das ist billiger als Heroin, die Droge hat jedoch kurze Wirkungszeit – etwas mehr als eine Stunde. Und man läuft, kauft, kocht, konsumiert nochmals – bis ins Unendliche.

– Welche Besonderheiten hat „Krokodil“ im Unterschied zu Heroin?

– Sowohl „Krokodil“ als auch „Wint“ („Schraube“ – von Pervintin, Methylamphetamin [A.d.Ü.]) sind kollektive Drogen. Jemand treibt Geld auf, ein anderer kauft die Tabletten, wieder einer stellt die Wohnung zur Verfügung, ein nächster kocht, jemand hilft, jemand bewacht die Stelle – in jedem „Nest“ gibt es in der Regel 5 bis 7 Personen. Alter: 20 bis 25-26 Jahre. Um das Nest herum gibt es immer Diebstahl und Raub. Es verschlingt die benachbarten Jungen. Sie sind in den meisten Fällen Russen. Sie alle „verfaulen“.

– Was heißt das?

– Die Droge wird „Krokodil“ genannt, weil schon nach dem ersten Stich die Haut abblättert, sie scheint von Schuppen bedeckt zu sein. Daraufhin beginnen die Stichstellen zu faulen, dann fault der ganze Körper. Und die jungen Menschen sterben in 6, höchstens 8 Monaten. Und sie erscheinen nicht in der allgemeinen Statistik für Drogentote.

– Was kann man tun?

– Das Wichtigste ist, überhaupt etwas zu tun. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Wenn man ein Nest auflöst, verschwindet auch die Straßenkriminalität in der Gegend. Das Entsetzliche besteht darin, dass man nicht sagen kann: es sind Tadschiken, die uns vergiften, es ist afghanische Produktion, das wird von Zigeunern verkauft, wie im Falle des Heroins. Die Präparate zum „Kochen“ verkaufen durchschnittlich russische Frauen in unseren Apotheken. Und sie wissen ganz genau, wofür man diese Stoffe braucht. Sie verkaufen sie an Altersgenossen ihrer Söhne. Die Besitzer und Mitarbeiter der Apotheken, in denen die codeinhaltigen Präparate verkauft werden, sagen: „Wir selbst ermorden doch keinen Menschen!“ Sie haben Recht. Sie halten nicht die Pistole. Sie liefern nur die Patronen. Hier töten Russen ihre eigenen Leute.

4. Krokodiljagd

Schon am 30. Januar bekamen die FDKD-Mitarbeiter unerwartete Informationen: in der Wohnung des wegen mehrerer Diebstähle vorbestraften Slawa Kabronow (Kabron), einem Drogensüchtigen mit dreizehnjähriger Erfahrung, Adresse: 4. Wohnbezirk, 1, würde sich eine Gruppe treffen, die Desomorphin anfertigten. Die Herstellung der Droge geschähe, während Slawas Mutter arbeitet. Sein Vater ist ein chronischer Alkoholiker und ignoriert das seltsame Hobby seines Sohnes.

Der erste Fall von Konsum des „selbstgebrauten“ Desomorphin wurde am 4. Februar 2011 bekannt. Kabron wurde beim Hinausgehen aus der Wohnung auf der Straße verhaftet und zur Untersuchung gebracht, die die Anwendung einer Opium-Droge bewies. Er selbst verschwieg auch nicht, dass er „Krokodil“ genommen hatte. Am nächsten Tag wurden an derselben Adresse nach geheimer Beobachtung Lebed und Tschetschelan verhaftet. Auch sie wurden von einem Narkologen untersucht und schrieben Schulderklärungen.

Dadurch wurde der Einsatzgruppe die Gruppengröße, die Geschichte ihrer Gründung, das Handlungsschema und schließlich die Adresse eines anderen Nestes bekannt. „Krokodil“ wurde auch bei Oleg Woronjuk (Wassota) im 1. Wohnbezirk gekocht, wenn seine Mutter – eine Rentnerin – abwesend war. Trotz der verbreiteten Annahme, dass ein starker chemischer Gestank die Drogenanfertigung begleitet, verläuft die Synthese von Desomorphin fast geruchlos.

In der ersten Februarhälfte wurden weitere Untersuchungsmaßnahmen eingeleitet, die bestätigten, dass ein nächstes Treffen der „Krokodilliebhaber“ am 18. Februar stattfinden solle. Die FDKD-Mitarbeiter fuhren schon 8 Uhr morgens nach Schelechow. Sie warteten auf die Kontrollmitteilung: ein Süchtiger aus dem Bekanntenkreis der „Desomorphinisten“ willigte in eine Zusammenarbeit ein und versprach, die genaue Zeit des Treffens zu verraten. Am Mittag rief er an und sagte, das nächste Kochen sei für 2 Uhr nachmittags vorgesehen. 14.00 stand die Einsatzgruppe an Wassotas Haustür.

Tatjana erinnert sich lächelnd: „Wir warteten, bis sich die Tür öffnete und die Personen herauskamen. Drei Angehörige der Ersatzgruppe und ich in weißem Mantel. Da die Wohnung in schlechtem Ruf stand, schimpften die Nachbarn auf uns, während wir vorüber gingen. Sie drohten, die Miliz anzurufen. Wenn jemand die Treppe hinaufstieg, mussten wir mit einer Hand den Finger auf den Mund legen und mit der anderen Hand unseren Dienstausweis zeigen. Die Tür öffnete sich erst um 15:10 Uhr und es ist schwierig zu sagen, ob unsere Einsatzgruppe Glück hatte.“ Zur Wohnung kam noch ein verspäteter Süchtiger, sah Tatjanas weißen Mantel im Fenster und rief Wassota an: „Jemand steht vor der Tür, schau mal heraus und prüf es…“ Und Wassota schaute heraus. So eine Gemeinheit vom Leben erwartete er nicht – die Einsatzgruppe stürzte genau in dem Augenblick hinein, als die Reaktion schon durchgeführt und „Krokodil“ fast fertig war, jedoch kam keiner der fünf Anwesenden dazu, es zu probieren – die 0,2 g schwere Droge wurde beschlagnahmt.

Die Einsatzgruppe ließ Mitglieder des Vereins Gorod bes narkotikov aus Angarsk kommen, die auch für diese Reportage als Zeugen zur Verfügung standen, und die Wohnungsdurchsuchung begann. In verschiedenen Zimmern fand man eine große Zahl gebrauchter Spritzen und Streichholzschachteln, in denen die Gruppe den für die Reaktion notwendigen Schwefel gespült hatten. Beschlagnahmt wurden auch die übrigen Präkursoren, die bewiesen, dass Desomorphin angefertigt worden war, Salzsäure, Benzin, Permangansäure. Der „Koch“, der in der Küche saß und des Krokodil herstellte, war Igor, einer der Brüder Molodije. Alle anderen warteten in einem Zimmer.

Die Einsatzgruppe kam zur rechten Zeit, als „Krokodil“ schon fast auf den Straßen Schelechows verbreitet wurde. Weiter schrieb man ins Vernehmungsprotokoll: die Verhafteten haben ihre Schuld völlig zugegeben, ihre Strafverfahren laufen.

„Hätten wir keine Untersuchung in Schelechow durchgeführt, würden bald alle lokalen Drogensüchtigen „Krokodil“ spritzen, es würde in der Stadt eine Menge Nester geben“, deutet Tatjana die Situation. „Als wir die Verhafteten fragten, welche Gründe sie hatten, um gerade Desomorphin zu nehmen, sagten sie, dass sie sich den Rauschgiftkonsum abgewöhnen wollten, „Krokodil“ erleichtere ihnen die Entzugserscheinungen. Sie glaubten uns nicht, dass Desomorphin tatsächlich stärker abhängig macht als Heroin.“

Hinsichtlich der Süchtigen, die nicht verhaftet wurden, hat man Verwaltungsprotokolle aufgenommen und ans Schelechower Stadtgericht weitergeleitet. Ihnen droht jetzt entweder Tausend Rubel Strafe oder 15 Tage Freiheitsstrafe. Sowohl Geld- als auch Freiheitsentzug bedeuten, dass sie für einige Zeit auf „Krokodil“ verzichten müssen.

Übersetzung: Ksenia Plotnikowa, Korrektur: Jenny und Sascha Preiß

9 Gedanken zu “In den Fängen des „Krokodils“

  1. Artikel und Videos zu Desomorphin / Krokodil vom Juni 2011:

    Bericht den TV-Senders „Russland 2“ (russisch): http://www.youtube.com/watch?v=-QLH2p5zxz8&feature=player_embedded#at=15

    Bericht des britischen „Independent“ (englisch): http://www.independent.co.uk/news/world/europe/krokodil-the-drug-that-eats-junkies-2300787.html

    Artikel in der „Baseler Zeitung“ (deutsch): http://bazonline.ch/panorama/leute/Krokodil-macht-Russland-unsicher/story/25814449

    1. ja, das zeug ist ziemlich heftig. und es scheint sich allmählich doch nach europa durchzufressen.
      mein bericht ist das im übrigen nicht, sondern der von bert kork. ich hab nur die übersetzung redigiert und den text auf deutsch veröffentlicht.

  2. inzwischen ist „Krokodil“ offenbar auch in Deutschland angekommen. Vier Personen aus Bochum in NRW haben eindeutige Symptome: http://www1.wdr.de/themen/panorama/krok100.html

    außerdem hat das Deutschlandradio am 1.10. eine Sendung zum Thema „Krokodil“ gebracht: Umschlagplatz Jekaterinburg – Der stille Drogenkrieg am Ural. http://www.dradio.de/dlf/sendungen/gesichtereuropas/1536256/ Das Manuskript der Sendung kann auch als PDF geladen werden http://www.dradio.de/download/148708/

    [UPDATE] wie sehr „Krokodil“ bzw Krok oder Desomorphin inzwischen in Deutschland angekommen ist, belegen diese Google-Suchen: http://suche.gmx.net/search/web/?mc=suche%40web%40eingabefeldoben.suche%40web&languageSelection=&webLanguages=&allparams=&smode=&su=krokodil+droge+deutschland&search=Suche
    http://suche.gmx.net/search/web/?mc=suche%40web%40eingabefeldoben.suche%40web&languageSelection=&webLanguages=&allparams=&smode=&su=krokodil+droge+gmx&search=Suche

  3. ich weiss nicht. krok sieht für mich eher wie ne willkommene möglichkeit der obrigkeit aus, die junkies möglichst schnell unter die erde zu bringen…ab und an mal ne razzia, damits nich ganz so offensichtlich ist, und jeder sonstige ist in 8 monaten tot.
    das fiese ist ja, das du nem junkie erzählen kannst, es wär heroin, da desomorphin wirkungstechnisch von heroin wohl nicht zu unterscheiden ist…
    aber wer eben in der lage ist, desomorphin herzustellen, weiss doch auch um die wirkung, gerade wenns dreckig hergestellt wird, irgendwie stinkt diese krok-nummer…jaja, ich weiss, hört sich an wie diese crack-verschwörung in den ´80gern…aber der artikel ist wirklich bizzar geschrieben, wohl noch alte sowjet-schule, dieser bert kork (kork-krok..hä?).
    oder dieser Rojsmann mit seinem latent-rassismus: „..Das Entsetzliche besteht darin, dass man nicht sagen kann: es sind Tadschiken, die uns vergiften, es ist afghanische Produktion, das wird von Zigeunern verkauft, wie im Falle des Heroins…“
    alter falter, gehts noch? meine fresse.
    auch schön: „…die 0,2 g schwere Droge wurde beschlagnahmt…“
    wow. 0,2 gramm, damit hätte man dann auch „…„Krokodil“ schon fast auf den Straßen Schelechows verbreite(n)“ können.
    jeeezus

    1. du vermutest zu unrecht eine duldung der „obrigkeit“ – es ist ganz im gegenteil so, dass diese obrigkeit mit diesem bislang ignorierten problem heillos überfordert und in heller aufregung ist. denn schließlich sind die „junkies“ ja keine kohärente gruppe, die man mal eben wegsperren oder wegsterben lassen könnte und damit hat sichs, sondern es sind hauptsächlich jugendliche, junge russen mit konkretem sozialem background. in einem land mit enormen sozialen und demographischen problemen verschärft das die situation. immerhin: das drogenproblem in russland ist wahrgenommen, aber leider noch nicht als gesellschaftlich inhärent erkannt. insofern sind die lösungsansätze kläglich (wegsperren, strafen, zwangseinweisung). weshalb die krok-sache gewaltig „stinkt“. nur ist keinerlei verschwörung dabei, sondern massives politisches unverständnis am werk. wie man auch am übersetzten artikel ablesen kann. und nicht zuletzt an latent rassistischen äußerungen von leuten wie rojsman, die eigentlich ganz anderes, besseres im sinn haben. das problem besteht darin, dass veröffentlichungen in den medien, zeitungen und zeitschriften oder tv-nachrichten, zu diesem thema kaum existieren (nein, es gibt keine zensur) – und damit existiert es für die öffentlichkeit nicht. obwohl alle wissen, dass es existiert. diese schizophrenie führt dazu, dass keine diskussion stattfindet und keine lösungen mit der bevölkerung gesucht werden. es ist unverständnis, scham und die panische scheu vor selbstkritik.

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