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Baikal/Irkutsk/Liljana

Rückkehr

Posted by Sascha Preiß on

In wenigen Tagen werde ich nach knapp einem Jahr – 2013 war ich den gesamten August noch einmal in Irkutsk und Bolshoe Goloustnoe – endlich wieder nach Sibirien reisen. Mit Lili, die unbedingt mitfahren wollte. Sie hat schon sehr oft gefragt, wann wir einmal wieder an den Baikal fahren. Und neulich sagte sie, dass ihr Lieblingsland Russland sei. Dann spielte sie mit einer Plüschfigur des kleinen Maulwurf und mir, vollständig auf russisch. Ich bin noch immer sehr beeindruckt, dass sie mit Hilfe ihres Hamburger Kindergartens noch so viel und gut russisch spricht. Am Samstag morgen sind wir dort. Ужасно радуемся.

Anatol/Liljana/Unter Deutschen

Der 800€-Pass oder Wie man ein mit Formularen und Anträgen erfülltes Leben führen kann

Posted by Sascha Preiß on

Auch nach Anatols Geburt haben, wie schon bei Lili, wieder jede Menge Freunde, Kollegen, Verwandte und allgemein Interessierte gefragt, ob denn unsere Kinder auch die russische Staatsbürgerschaft hätten oder bekommen würden oder beantragen könnten, sie seien doch beide in Russland zur Welt gekommen. Letzteres ist eindeutig unstrittig, doch sowohl Russland als auch Deutschland sind nicht als Staaten bekannt, die allzu freigiebig mit der Vergabe ihrer staatlichen Zugehörigkeit umgehen. Während das in Deutschland seit 1914 geltende und erst 2000 reformierte Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz inzwischen das Konzept doppelte Staatsbürgerschaft kennt, spielt dieses in Russland keine Rolle. Grundsätzlich gilt für beide Länder das Abstammungsprinzip, bedeutet: Es ist unerheblich, wo jemand geboren wird, sondern welchen Pass die Eltern, vorrangig die Mutter hat. (Mit der Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft in Deutschland wurde das Geburtsortsprinzip für in Deutschland Geborene wieder eingeführt.) Für uns Migranten gilt daher: Biologie kommt vor Geografie, und weil wir beide deutsche Staatsbürger sind, sind es in jedem Fall auch unsere Kinder und das russische Recht sieht das absolut genauso.

Viele Fragenden nehmen das mit einer gewissen Enttäuschung zur Kenntnis, eine doppelte Staatsbürgerschaft wäre doch etwas Interessantes gewesen und beantragen lässt sich so nur noch ein Wechsel, aber wozu das. Meinen russischen Kollegen ist dieser rechtliche Quark aber schon lange egal, Hauptsache gesund und munter und gültig ist sowieso nur das gefühlte Geburtsortsprinzip: Unsere Kleinen sind schließlich „echte Sibiriaken“ – und wenn sie das sagen, mit einem sehr großen Lächeln, klingt es wie eine ganz besondere Ehre…..

Um nun aber sich durchs russische Riesenreich bewegen zu können, benötigt man ein gültiges Staatsbürgerdokument. Innerhalb Russlands genügt im ersten Jahr die offizielle Geburtsurkunde. Die zu bekommen ist gar nicht so schwierig, man nimmt die weißen, grünen und rosa Zertifikate, die man bei der Entlassung aus der Geburtsklinik bekommen hat (oder auch zwei-drei Wochen später, wann sie eben fertig sind), geht zu dem Einwohnermeldeamt, das für den Stadtbezirk zuständig ist, in welchem das Kind geboren wurde, und erhält innerhalb von 1-2 Stunden die grüne Svidetel’stvo o Rozhdenii, nur echt mit rundem Stempel. So einfach kann russische Bürokratie sein, hätte jetzt auch niemand erwartet, oder? Aber ach, für eine Reise außer Landes, etwa zu Oma & Opa, braucht das Kind einen Pass. Und das geht so:

Weil wir als gute Arbeitsmigranten über keinen eigenen Wohnsitz mehr in Deutschland verfügen und daher ins Ausland abgemeldet sind, ist die in allen administrativen Fragen für uns zuständige deutsche Behörde das Generalkonsulat Nowosibirsk. Es wird zur allgemeinen Beeindruckung immer wieder hinzugefügt, dass dieses Konsulat dasjenige mit dem weltweit größten Amtsbezirk ist, nämlich vom Omsker Gebiet bis nach Wladiwostok bzw nach Kamtschatka und zur Beringstraße. (Sollten Sie mit diesen geografischen Angaben überfordert sein, schauen Sie einfach selbst in den Atlas, ich habe jetzt wirklich keine Lust, zu recherchieren und einzeln zu verlinken, wo das alles so liegt.) Rechtlich ist es so, dass jede passausstellende Behörde Deutschlands zur Passbeantragung den Antragssteller persönlich sehen muss, bei Kindern die beiden Eltern dazu. Es entstand folgende Situation: Anatol wurde am 21. März geboren, Frühlingsanfang, Internationaler Tag des Waldes, Welttag der Poesie und Welt-Down-Syndrom-Tag. Am 28. Juni lief Jennys Visum ab, das nach unserem Kenntnisstand nicht um ein weiteres Jahr verlängert werden und daher in Berlin mit Einladung der Universität neu beantragt werden musste. Da uns nicht allzu viel Zeit blieb, buchte ich einen Flug für den 28.06. nach Berlin und am 18.08. zurück nach Irkutsk, im Büro der Airline hieß es, die Nachbuchung des Kleinkindes mit dem Reisepass ist problemlos gegen geringe Gebühr möglich. Aber so einen Pass erstmal haben: Wenn Antragssteller und Eltern in Nowosibirsk erscheinen müssen, bedeutete das eine innerrussische Reise von 2×34 Zugstunden oder 2×1600 Flugkilometer für 4 Personen, denn Lili würden wir selbstverständlich mitnehmen müssen – alles in allem eine wenig angenehme Fahrt, die sich aufgrund der schlechten und teuren innerrussischen Flugverbindungen, die sich preislich bei 500,- € hin-und-zurück pro Erwachsenem und ähnlich auch bei der Bahn bewegen, zzgl Hotelübernachtungen auf mindestens 4 Tage und etwa 1500-2000 € erstrecken würde – für einen Kinderreisepass von max. 6 Jahren Gültigkeit. Unsere Anfrage ans Generalkonsulat um Erleichterung der Prozedur, bei der Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis stünden, schließlich wären wir jahrelang in Russland tätige Kulturmittler und daher auch einigermaßen offiziell und bei Lili vor drei Jahren konnte auf ihr persönliches Erscheinen auch verzichtet werden, wurde abschlägig beschieden, so seien die Regeln und die gelten eben auch für alle. Dass die Existenz des Kindes, wie aus den 38-seitigen Richtlinien zur Passbeantragung, die uns der zuständige Mitarbeiter des GK mitschickte, von einem vor Ort lebenden Deutschen offiziell bestätigt werden oder gar ein Konsulatsmitarbeiter selbst anreisen und nach dem Kinde schauen könnte, wurde großzügig ignoriert. Die Sache verkomplizierte sich im Mai, als Jenny in die Notaufnahme musste, da Hebammen, Chefärztinnen und sonstige Würdenträger unserer Geburtsklinik irgendwie die gesamte Nachgeburt übersehen hatten. Die eigentlich schon geplante Nowosibirsk-Reise, terminlich bestätigt aber aus allzu großem Widerwillen noch nicht gebucht, musste also abgesagt werden. Die Ärzte verordneten Jenny und Anatol umfangreiche Bettruhe und Vermeidung von Reisestrapazen, was der zuständige Konsulatsmitarbeiter am Telefon damit kommentierte, er verstünde nicht, wieso Frau und Kind derzeit nicht reisen könnten, einen Monat später, wenn das Visum abläuft, dann aber doch. Auf ein, und sei es nur aus rein formalen Gründen in den Hörer oder in eine Mail gerotztes „Gute Besserung“ wartete man ebenso vergebens, wie zuvor nicht auch nur der Hauch einer Andeutung von „Herzlichen Glückwunsch zur Geburt“ o.ä. zu vernehmen gewesen war. Es handelt sich ja um eine Behörde. Das Kind hatte für einen voll gültigen Reisepass zu erscheinen, oder aber, wenn nur ich ihn mit entsprechenden Vollmachten meiner Frau und Attesten der Ärzte ausgestattet allein beantragen würde, könne der Pass maximal ein Jahr gültig sein, dies würde auch eine Anfrage an die „Zentrale“ in Berlin in unserem Fall ergeben haben, obwohl die nur antworteten, Ausstellungsprocedere und Passdauer lägen im Ermessen des Konsulates. Und es ermaß strikt. Selbst der direkt angeschriebene Konsul, dem ein Kollege in Nowosibirsk persönlich auf unsere Bitte hin den Fall zur Unterstützung vortrug und mündlich auch entsprechendes formuliert zu haben schien, schwieg sich auf unsere dreifache Anfrage bzw Bitte um Prozedurerleichterung hin aus. Lieber kommentierte er eine Mail bezüglich der Visaanträge von Studierenden mit den Worten: „A lack of planing on your side does not contribute an emergency on our side.“ Ich kann Ihnen heute wirklich nicht mehr sagen, warum wir diesen ziemlich arroganten Satz als sehr persönliche Unverschämtheit empfanden, formuliert von einer Person, die sich sonst Würde anmaßt. Als ich schließlich allein mit jeder Menge Papier, beglaubigt, übersetzt, mit Apostille versehen und ebenfalls beglaubigt und übersetzt etc, in Nowosibirsk aufschlug, war selbstverständlich von den mit unserem „Vorgang“ beschäftigten männlichen Mitarbeitern bzw Leitern des Konsulates und deren zuständigen Abteilungen niemand sichtbar. Den Papa im direkten Sicht- und Gesprächskontakt ein bisschen beruhigen durften die stets freundlichen weiblichen Konsulatsmitarbeiterinnen.

Und so erhielt ich innerhalb von vier Stunden einen Pass, der mit Antragsgebühren, Flug- und Hotelkosten und Gebühren für Übersetzungen und Beglaubigungen 800,- € gekostet hat, nur ein Jahr gültig ist und also nächstes Jahr neu beantragt hätte werden müssen, selbstverständlich nur mit versammelter Familie vor dem Schalter und 2000 € Reisegeld. Schwierigkeit dabei: Um wieder nach Russland einreisen zu können, musste ich für Anatol ein Visum in Berlin beantragen, das an mein ebenfalls neu zu beantragendes Arbeitsvisum gekoppelt ist – wobei diese Arbeitsvisa für ein Jahr gültig sind, aber erst einmal nur für 3 Monate vergeben werden, um sie dann in Russland verlängern zu lassen. Spätestens diese Verlängerung aber hätte Tolja nicht mehr bekommen, denn der Reisepass muss mindestens noch 6 Monate nach Ablauf des Visums gültig sein, so dass wir spätestens im Oktober einen neuen Pass hätten beantragen müssen, und ich weiß nicht, ob Arbeitsvisa und ihre Verlängerungen von einem auf den anderen Pass übertragbar sein können, oder ob wir nicht mit dem neuen Pass gleich nochmal in Berlin ein neues Visum hätten beantragen dürfen.

Sind Sie noch dran?

Hier: So sah der schöne teure Pass aus. Denn die Lösung, mehrfach angeboten von der freundlichen Mitarbeiterin des Konsulates, die meinen Antrag vor meinen Augen bearbeitete, geht so: Jede deutsche Passbehörde in Deutschland kann uns einen Pass ausstellen, wenn sie einen Ermächtigungsantrag an die für uns zuständige Behörde (Nowosibirsk) stellt. Die Mitarbeiterin des Bürgeramtes der Stadt Brandenburg an der Havel wusste darum und tat das, und nach zwei Wochen, in denen die Brandenburger Kollegin schriftlich Nowosibirsk glaubhaft versichern musste, dass wir auch wirklich als komplette Familie bei ihr vorsprechen und nicht wieder so krumme Dinger drehen mit Vollmacht etc, konnte sie uns nun also einen 6jährigen Reisepass für Tolja ausstellen und den alten, teuren, ungültig machen. (Und weil wir schon dabei waren, haben wir gleich noch einen neuen für Lili mit dazu genommen, denn mit drei Jahren sah sie ihrem alten Passbild von 4 Monaten nicht mehr wirklich ähnlich.)

Aber soweit waren wir eigentlich noch gar nicht, denn ich befand mich immer noch irgendwo in Sibirien. Zwar hatte ich nun, Anfang Juni, einen Pass für Tolja, aber so einfach kommt man damit nicht aus Russland raus. Man braucht weiterhin ein gültiges Ausreiseticket und, das wichtigste, ein Transitvisum. Letzteres ist eine russische Spezialität: Jeder Ausländer, der Russland betritt, muss eine Migrationskarte ausfüllen, doppelt (seit diesem Sommer wird das nicht mehr per Hand im Flugzeug gemacht, sondern die Passbeamtin übernimmt das per Computer, sehr angenehm), eine Hälfte behält die Passkontrolle bei der Einreise, die andere muss bis zur Ausreise aufbewahrt werden und wird bei der Passkontrolle abgegeben – es ist eines der wichtigsten Dokumente, über die man als Ausländer in Russland verfügen kann. Tolja nun aber, gebürtiger Ausländer, war ja selbst nie nach Russland eingereist, woher sollte er also seine Migrationskarte haben? Für solche Fälle gibt es das Transitvisum, das spätestens 10 Arbeitstage vor Ausreise bei der Migrationsbehörde beantragt werden muss, das ist ein grünes Papier, kostet 200,- Rubel und drei schwarz-weiß-Passfotos. Man braucht lediglich einen Pass (vorhanden) und das Ausreiseticket.

Und damit kommt endlich Herr Wowereit ins Spiel. Genauer: die Sache mit dem Flughafen. Ich hatte ja damals, im April, Flugtickets gebucht, hin und zurück. Und jetzt wollte ich eben den kleinen Tolja mit dazubuchen. Das ging aber nicht so ohne Weiteres, weil auf den Tickets das Ziel BER vermerkt war, inzwischen hatte sich aber herausgestellt, dass BER auf unabsehbare Zeit nicht existieren würde, was ich einfach mal pauschal dem Berliner Bürgermeister zur Last lege. Und wegen ihm verbrachte ich einige Stunden und Akkufüllungen am Mobiltelefon in sehr ausführlichen Gesprächen mit der Moskauer Zentrale der Fluggesellschaft, über die die Flüge gebucht waren – und jeder neue Mitarbeiter hat klarerweise keine Ahnung von meinem Problem und ich darf alles von vorne erzählen. Aber ich bin doch nachhaltig beeindruckt und möchte den Kolleginnen dort auch einmal wirklich danken, dass innerhalb von zwei Tagen doch alles ganz wunderbar funktioniert hat und ich nur meine Kreditkartendaten am Telefon aufsagen brauchte, um für ca 75,- Euro ein Ticket für unser Söhnchen zu kaufen, mit dem auch fristgerecht das Transitvisum beantragt werden konnte – kurz: Alles war bis dahin gut.

In Deutschland dann stand fast als allererstes der Besuch beim Brandenburger Bürgeramt an zwecks Passneubeantragung, wie erwähnt. Denn so der Ablaufplan für den Sommer: Die neuen Pässe bzw ein Foto von ihnen mussten dann nach Irkutsk an meine Uni, damit diese Einladungen ausstellen kann, die von der Migrationsbehörde in Kopie an das russische Konsulat in Berlin geschickt werden, wo ich die Visa beantragen wollte. Die Einladungen sollten per Kurier – wir hatten es bereits nach Mitte Juli, etwa eine Woche Postversand, dazu noch 14 Tage Visabearbeitung im russ. Konsulat, unser Rückflugtermin Mitte August war noch nicht in großer Gefahr – nach Brandenburg geschickt werden, allerdings macht das Leben ja nur halb so viel Freude, wenn alles nach Plan läuft. Also vergaß ich eine Kontakttelefonnummer anzugeben, ohne die kein Kurier verschickt. Das bemerkte ich erst zwei Wochen später, weshalb sich der Versand doch sehr verzögerte und eine Umbuchung des Rückfluges drohte. Anfang August wurde per Mail zwar der vorhandene Rückflug bestätigt, aber das war vorerst unwichtig. Schließlich trafen die Einladungen doch zu spät für eine rechtzeitige Visabeantragung ein, und ich rief erneut die Moskauer Zentrale an bzw versuchte mein Glück erst einmal in einem Kontaktbüro in Berlin, das auf der Website der Airline angegeben ist. Eine freundliche Frau meldete sich, wollte partout nicht auf deutsch mit mir reden und auf die Schilderung meines Problems der späten Einladungen und Flugumbuchung erklärte sie mir Einzelheiten des Visaantragsverfahrens im russischen Konsulat Berlin. Denn dort arbeitete sie und nicht im Büro der Airline, diese habe nämlich falsche Kontaktdaten auf der Website angegeben, doch die richtigen wusste die Frau am Telefon auch nicht. Also probierte ich das Büro in Frankfurt. Das immerhin hatte die richtige Nummer aufgeschrieben, aber helfen konnte mir der Mitarbeiter dort auch nicht, denn die Tickets hatte ich ja in Russland und zudem im Internet gekauft, da bleibe mir nur die Moskauer Zentrale. Außerdem sehe er gerade, dass unsere Rückflugtickets storniert seien, am 9.August. Das war der Tag, an dem ich schriftlich die Flugbestätigungen erhalten hatte. Den Grund für die Stornierung konnte er nicht nennen, ich müsse mich für alle weiteren Fragen ohnehin, sowieso, wie gesagt. Also tat ich das. Und wieder einmal war ich schwer von dieser Moskauer Zentrale beeindruckt, denn innerhalb von einer halben Stunde hatte ich die aus unbekannten Gründen stornierten Tickets wiederbelebt, dazu eine neue Buchungsnummer, mit der ich nach Erhalt der Visa die neuen Tickets buchen könne. Die Visa selbst bekam ich innerhalb von zwei Tagen, zwei Wochen hätte es gedauert, wenn ich voll gültige Jahresvisa mit Mehrfacheinreise beantragt hätte. Ich fragte nicht nach; der Mitarbeiter im vergangenen Jahr hatte behauptet, diese Jahresvisa würden überhaupt nicht ausgestellt, nachdem er eben jene ein weiteres Jahr zuvor selbst bereits ausgestellt hatte…. Egal. Die Visa waren da, jetzt umbuchen. Und auch das ging wieder ganz problemlos per Anruf nach Moskau. Für die Bezahlung wurde ich unter meiner deutsche Nummer angerufen, zuerst für die eigentliche Gebühr, dann noch einmal, weil 37,- Rubel (80 Cent) für Anatols Ticket in der ersten Rechnung vergessen worden waren. Und am Nachmittag hatte ich neue Flugtickets. Und es war ein verdammtes Glück: Selbst wenn die Einladungen rechtzeitig gekommen wären, hätten wir doch am 18. August ziemlich blöd im Flughafen rumgestanden, weil die alten Flüge noch mit den alten Pässen der Kinder gebucht waren, und mit den neuen hätten wir dann einfach nicht fliegen können.

So aber hatten wir diese ganze Reisescheiße noch ziemlich gut überstanden, Pässe, Visa und Flugtickets. Und zwischendrin gab es dann auch mal Momente, an denen Formulare und Konsulate keine Rolle spielten. Und das ist es doch allemal wert.

Liljana/minimal stories

Der Scharik

Posted by Sascha Preiß on
Das Wetter/Liljana/Ulica

Betrachtung des Frühlings

Posted by Sascha Preiß on
Irkutsk/Liljana

Junge oder Mädchen

Posted by Sascha Preiß on

Neulich auf dem Spielplatz. Eine junge Mutter mit ihrem jungen Kind gesellt sich zu uns an den Sandkasten, setzt ihr Kind neben unseres und schüttet Förmchen hinzu. Lili interessiert sich sogleich für die neuen Spielgeräte, ergreift eines, eben jenes möchte das andere Kind auch. Die junge Mutter schlichtet, gib es doch dem Jungen, du kannst später noch damit spielen. Wir schauen uns kurz an und überlegen, ob wir intervenieren sollen, es grammatikalisch im Gespräch mit Lili verdeutlichen (Im Russischen kennzeichnen die finite Verbform 3.Pers. Singular und die Formen des Präteritums das grammatikalische, bei Lebewesen auch das biologische Geschlecht.) oder einfach gar nichts sagen. Oft genug stellen die anderen Mütter irgendwann sowieso fest, dass da gar kein Junge mit ihrem Kind im Sand spielt. Und dann wird die Frage an uns gerichtet, von den Müttern oder älteren Kindern, warum das Mädchen wie ein Junge aussieht. Es kann auch vorkommen, dass Kinder um die geschlechtliche Identität unserer Tochter streiten.

Lili ist für das russische Verständnis außerordentlich maskulin (das russische Adjektiv für burschikos – мальчишеский – wird vermutlich nicht besonders häufig verwendet): Sie hat kurzes Haar, trägt oft blaue und erdfarbene Kleidung, darf sich auf Spielplätzen schmutzig machen und in flache Pfützen springen. Russische Mädchen werden stattdessen grundsätzlich in rosa und helle, glitzernde Sachen gekleidet und ihnen wird frühzeitig eine gesittete Spielweise beigebracht, Hosenböden hingefallener Mädchen werden an Ort und Stelle saubergeklopft. So entstehen Mädchen, die für uns Träger von lutherisch-reformierten Geschmacksmustern mit deutlich zu viel Glitzer durchs Leben gehen. Immer wieder sind Mütter zu beobachten, die mit Töchtern in blütenheller Kleidung einen Spielplatz betreten. Für die Töchter beginnt damit ein Parcour von Verboten, denn es gilt das Reinheitsgebot der Wäsche, demgegenüber das Spielverlangen des Kindes minderrangig ist. Jungs hingegen genießen volles Schmutz- und Schreirecht. Die Farbwahl der Kleidung (rosa oder blau) ist für die Mitmenschen Signal, welche Verhaltensweisen für das jeweilige Kind angebracht sind. Kindererziehung ist eine öffentliche Angelegenheit. Mit besonderem Eifer geben vor allem ältere Frauen ihre pädagogischen Ratschläge, die nicht zur Diskussion stehen, jederzeit gern weiter, dass ein Kind aufrecht zu tragen schlecht für dessen Wirbelsäule sei, dass eine Brille in so jungem Alter schädlich sei und dass Mädchen in Mädchenkleidung gehören. Dass das bekannte Farbschema blauer Junge – rosa Mädchen noch vor 100 Jahren genau umgedreht war, hilft als Argument natürlich wenig. Mit Begriffen wie Gender oder soziale Geschlechterrollen braucht man auch nicht zu wedeln – mehrheitlich wird von jungen Eltern in ihrer Erziehung die Einhaltung der Norm befolgt, und die besagt nun einmal, dass es Männer und Frauen gibt und ein Mann soll ein Gewehr bedienen können und eine Frau soll sich schön machen können. Abweichungen von der Norm sind Irrwege bzw die Wege von Irren.

Der junge Hochschullehrer lud uns zu einem kleinen Familientreffen und Schaschlikgrillen in seinen Garten. Lili freute sich über die Katzen auf dem Hof und trug sie herum, sprang auf dem Gartensofa auf und ab, rannte mit Papas und Mamas Schuhen über die Wege und sang aus voller Kehle ihre Lieblingslieder. Die Tochter des Hochschullehrers schaute interessiert, aber verschämt zu. Die Frau des Hochschullehrers sagte in einem ruhigen Moment, dass sie befürchte, ihre Tochter wird ab morgen ähnlichen Unsinn machen, das gehöre sich doch eigentlich nicht. Als die Schaschliki fertig waren, aß Lili von den Spießen der Erwachsenen, sichtlich hungrig, mit geröteten Wangen. Die Tochter des Hauses, in gleichem Alter, saß mit bezopften Haaren und glitzerndem Sonntagskleid indessen vor einem Teller mit extra für sie gekochtem Fleisch, das vom Grill sei für Kinder gefährlich. Das Verhältnis der beiden Familien, eigentlich sehr freundlich und aufgeschlossen, hat sich nach diesem Besuch nicht mehr weiterentwickelt.

Einem Kind sollte bewusst sein, dass die Genderfestlegung höchste Priorität genießt.

 

Liljana

Märchen zum Advent: Der traurige Junikäfer

Posted by Sascha Preiß on

Am Abend saß der Junikäfer auf einem Stein und war traurig. So ganz genau wusste er auch nicht warum, aber dass er es war, das wusste er. Und je mehr er es wusste, umso trauriger wurde er.
Och, seufzte er, traurig sein macht keinen Spaß.
Und recht hatte er auch noch.
Also schaute er in den dunkler werdenden Abend und seufzte ausführlich.
Kam ein Falter vorüber geflogen und besah sich den Junikäfer, wie er mit hängenden Fühlern herum saß.
Mensch, Käferchen, rief der Falter, dir scheint ja eine große Laus über die Flügel gelaufen zu sein.
Ach, meinte der Käfer, sag lieber nichts.
Hm, machte der Falter. Was hältst du von einer schönen warmen Umarmung mit meinen Flügeln? Wenns mir mal nicht so geht, weil mich fast wieder so ein Vogel geschnappt hätte, muss ich immer erstmal schön kuscheln und jemanden zum Anschmiegen haben, eh es weitergehen kann.
Und der Falter schlang seine Flügel um den Käfer. Aber der war einfach nicht in Stimmung.
He, du knickst meine Fühler, lass mich los.
Der Falter flog schnellstens davon, so ein hübsches Tierchen und so mürrisch! Und er pfiff sich ein Liedchen.
Der Junikäfer lauschte dem Falter nach, und als alles wieder still war, seufzte er aus tiefster Traurigkeit.
Was hast du denn, kam ein Glühwürmchen den Stein hinaufgekrabbelt.
Weiß nicht, brummte der Käfer, bin traurig.
Macht nichts, sagte das Würmchen, lass uns spielen, meine vierzighundertneunundelfzig Verwandten sind hier um die Ecke, wir könnten noch wen beim Verstecken gebrauchen!
Wie wärs, antwortete der Käfer, wenn du dich einfach vor mir versteckst?
Oh, prima Idee, leuchtete das Würmchen aufgeregt, kleiner Tip: ich bin irgendwo da hinten, ok?
Ja, machte der Käfer, ganz weit da hinten, sehr gut.
Das Glühwürmchen schwirrte davon und der Junikäfer wurde beinah fröhlicher, aber nur beinah. Als er sah, dass es wieder ganz dunkel war, musste er unweigerlich aus ganzem Herzen seufzen.
Da hörte er über sich ein Flüstern.
He, kleiner trauriger Käfer, komm doch mal zu mir hoch.
Der Junikäfer schaute verwundert nach oben und sah eine dicke Raupe, die von einem Ast herunterhing. Was soll ich denn bei dir da oben, fragte er entmutigt.
Ach weißt du, sagte die Raupe, wenn mir alles zu viel wird und der ganze Kram von wegen fressen und täglich immer dicker werden und sich kaum bewegen können und so, wenn das einfach keinen Spaß mehr macht, dann häng ich mich hier hin und lass mich baumeln. Man sagt, dass nach einer kurzen Weile ein ganz neues Leben beginnt!
So, sagt man, meinte der Käfer.
Jaja, bestätigte die Raupe, also los, komm, häng dich auch ans Blatt!
Ach, sagte der Käfer, ich hänge hier schon genug durch.
Na wie du willst, sagte die Raupe und zog sich in sich selbst zurück.
Dann wurde es wieder ganz still um den traurigen Junikäfer. Er blickte die ganze Nacht in den Sternenhimmel, aber er wurde einfach nicht munterer. Schließlich wurden die Sterne immer blasser und blasser.
Und plötzlich grinste hinter den Bergen die Sonne hervor.
Ha!, rief da der Junikäfer mit einem breiten Lächeln, genau darauf hab ich gewartet! Und schon surrte er purzelbäumend jubelnd auf sie zu.

Liljana

Der Schneemann von gestern

Posted by Sascha Preiß on
Liljana

Salto vom Fensterbrett

Posted by Sascha Preiß on

Und dann hat Lili heute einen Salto vom Fensterbrett gemacht. Jetzt ist ihr Arm genauso in Gips, wie der unseres Kindermädchens. Es muss ja rückblickend nicht alles zum Omen aufgewertet werden. Aber schon die Frau vom Fluglinienbüro, bei der ich die Flugtickets Irkutsk-München noch bezahlen musste, war während ihrer Arbeitszeit abwesend. Im Krankenhaus, sagte ein Mitarbeiter. Nach einer halben Stunde kam sie wieder – humpelnd. Unser Kindermädchen ist vor einer Woche Opfer des Irkutsker Tauwetters geworden. Und im Januar erzählte der Besitzer der kleinen Tourbasa in Bolshoe Goloustnoe freudestrahlend, dass sich sein Söhnchen mit einem Jahr das Bein auf der Treppe gebrochen habe, auf der Lili auf- und abturnte. Alles nicht so schlimm, findet er. Recht hat er. Lili mag ihren Gips zwar überhaupt nicht, weil er sie in ihrem Bewegungsdrang enorm einschränkt, aber in zwei Wochen ist er ja wahrscheinlich schon wieder runter.

Unterhaltsam auch der Besuch in der Kinderunfallstelle. Einerseits ist für Kleinkinder die Versorgung zwangsweise kostenlos, niemand will von uns irgendeinen Rubel haben, den wir sehr gern zahlen möchten. Aber die freundliche Sekretärin hat dennoch abgelehnt, wohl auch weil sie davon überfordert war, dass ernsthaft jemand in Russland freiwillig Geld zahlen möchte. Während Sekretärinnen also freundlich zu jedermann sind, dürfen die Ärzte einfach Mensch sein. Die Dame am Röntgenapparat sprach sehr laut und – sagen wir einmal: schnörkellos auf das minutenlang heulende Kind ein, dass halbnackt auf der kalten Pritsche festgebunden lag, den schmerzenden Arm ausgestreckt zur Durchleuchtung. Und weil die ersten Bilder nicht so recht gelangen, drehte sie den Arm noch ein bisschen hierhin und dorthin. Dass das Kind sich davon nicht beruhigen ließ, machte sie der an die Seite geschobenen Mutter eindringlich zum Vorwurf. Aber die neuen Aufnahmen waren dann ausreichend. Die Augen des als nächstes an die Reihe kommendenden Kindes, das sich im niedrigen, schmalen, gelbgrau gefärbten Gang der Kinderklinikkatakomben an ihre Mama klammerte, hatten währenddessen alle Ausdrücke von Angst und dunkler Vorahnung durchlebt, als die Tür zum Röntgenkabinett aufging. Und tatsächlich unterschieden sich die Geräusche hinter der Eisentür nicht von Lilis Weinkrampf. Dass für die schlechte Bezahlung von Klinikärzten nicht die Patienten verantwortlich sind, zumal wenn die auch noch zahlen wollen, muss ja kein Grund sein, sie nicht trotzdem spüren zu lassen, wie miserabel die Situation ist.

Lili hat, nachdem sie wieder zu Hause war, gleich wieder geweint. Weil sie mit ihrem Gipsarm nicht schaukeln oder auf die Tische klettern kann. Zur Beruhigung sollte ich ihr Lieblingsbuch der letzten Wochen vorlesen: Igelin Paula Stich hat sich den rechten Arm gebrochen und wird von ihren Freunden mit einer Geburtstagsfeier getröstet. Trotzdem unterstelle ich meiner anderthalbjährigen Tochter keinerlei strategisches Handeln.

Anti-Terror/Interkultur/Irkutsk/Liljana

Wie ich einmal dem Wachmann der Bankfiliale unter Zeugen die Hand schüttelte und übers Leben plauderte

Posted by Sascha Preiß on

Eines Tages kam es sogar soweit, dass meine Frau Geld brauchte und wir einen Bankautomaten aufsuchen mussten. Das ist im Normalfall nichts, was meine Anwesenheit erforderte, so auch diesmal. Aber wir hatten uns aus nicht mehr bekannten Gründen wohl irgendwo getroffen, womöglich sogar verabredet, vielleicht auf einen Kaffee, wie wir das inzwischen recht häufig tun, nach der Arbeit und vor dem zu Hause sein, denn wenn so ein Kind zu Hause ist und die Eltern quiekend vor Freude an der Tür erwartet und dringend von Mama-Papa bespaßt werden möchte und die aufopferungsvolle Njanja den Tagesbericht abgibt und sich schnell verabschiedet auf den morgigen Tag, dann ist es nicht mehr so mit dem Ausruhen und gemütlich ein Käffchen trinken, dann ist der zweite Teil des Arbeitstages angebrochen bis die Kleine dann irgendwann wenns dunkel ist im Bettchen schlummert, aber dann will man auch kein Käffchen mehr. Und nun war es passiert, dass meine Frau kein Geld mehr hatte, aber glücklicherweise eine Bankfiliale auf dem Heimweg herumstand. Dann taten wir das Naheliegende und gingen hinein. Zum absoluten Erstaunen meiner Frau aber tat ich drinnen nun das ganz und gar nicht mehr Naheliegende, denn ich wandte mich kurzerhand dem diensthabenden Wachmann zu, der mir mit einem fröhlichen Gesicht entgegenkam, und wir gaben uns freundschaftlich die Hand, begrüßten uns wie alte Kumpel und begannen eine kleine Plauderei.

Sie müssen jetzt wissen, dass das Wachmann-Business in Russland eines der verbreitetsten, wenn nicht das Business mit der höchsten Verbreitungsdichte in Russland überhaupt ist. Wachmänner gibt es überall, jedes Geschäft (ausgenommen die kleinen Straßenkioske) hat mindestens einen Охраник (Ochranik) angestellt, der den ganzen Tag nichts anderes tut, als im Geschäft zu gucken und auf der Straße zu rauchen. Nichtrauchende Ochraniki gibt es nicht. Das Wachpersonal muss dabei unbedingt in blaugrüner Camouflage und schweren Stiefeln gekleidet sein, üblicherweise ist solche armee-ähnliche Spezialkleidung gesondert gepolstert, um Muskulatur zu verdeutlichen und entsprechend Schrecken zu verbreiten. Was bei der hohen Zahl der städtischen Fitnesscenter und deren maskulinen Mitgliedern muskelüberladener Mannsbilder, die dann meist auch als Ochranik arbeiten, zu einem schönen Verdopplungseffekt führt. Üblicherweise ist das Sicherheitsbusiness das zivile Altersheim ehemaliger Soldaten, insbesondere der aus Überzeugung. Alte Afghanistan- und Tschetschenienveteranen gründen allerorts Dutzende von Wachfirmen, vom Detektivbüro über Personenschutzdienste über Signaltechnik bis zu Waffenläden ist alles in fachkundigen Händen. Die 91 für Irkutsk registrierten Wachschutzagenturen tragen einprägsame Namen, etwa „Avantgarde-Security“, „Ranger“ oder „Sheriff“, die Agentur bei uns um die Ecke heißt „Das Erbe“, warum auch immer. Und die Wohnung unserer schräg gegenüber wird von denen beschützt, steht auf der großen Plakette an der Tür, warum auch immer. Die Sicherheit wird überall geschützt. Auch Universitäten können nur durch Personenschranken und mit Ausweis betreten werden, männliche Studenten absolvieren im zweiten Hochschuljahr einen Ochranik-Pflichtdienst. Das soll dann verhindern, dass im Bildungssystem geklaut wird wie die Raben, vor allem durch die vielen unbefugten Personen, die sich allerorts widerrechtlich in den Universitätsgebäuden aufhalten. So die Theorie. Als Ferienjobs für Studenten sind Wachdienste einfach zu haben, einer meiner Studenten hat mal im Sommer einen Monat im Buchladen gewächtert. Das war die vollendete Ödnis, sagte er, täglich 8h (außer sonntags) für ganze 7.000 Rubel, keine 200 Euro, und absolut nichts los, kein Diebstahl, kein Überfall, nur hinguckende Absicherung, wie die Bücher gemächlich einstauben, zwischendurch rauchen. Nun wollen wir aber nicht zu sehr darüber spotten, immerhin hat katastrophales Versagen der Sicherheitsdienste – der kleinen sichtbaren und dem einen großen unsichtbaren – innerhalb eines Jahres zwei Moskauer Tragödien ermöglicht, wobei wir hoffen bzw fest der Ansicht sind, dass die fernere sibirische Provinz, die laut neuestem Index nicht einmal zu den 30 wichtigsten Investitionsstandorten Russlands zählt, auch nicht für Ochraniki, von derartigen Grausamkeiten verschont bleibt.

Wenden wir uns wieder dem ungläubigen Gesicht meiner Frau zu, die mit einem Auge Geld aus dem Automaten zaubert, mit dem anderen gierig verfolgt, wie der großgewachsene glatzköpfige Ochranik-Schrank in doppeltgepolsterter Tarnkluft mir vom Gedeihen seines Söhnchens berichtet, der nun bald in den Kindergarten kommt, während unser Töchterchen ja doch um einiges jünger war, nicht? Und wie sie mit dem einen Auge aufpasst, das Geld und die Bankkarte richtig zu verstauen, mit dem anderen fassungslos mitansieht, wie ich dem Ochranik erzähle, dass unser Töchterchen ganz hervorragend russisch und deutsch verstehe und auch schon einige Wörter beider Sprachen sage. Und wie sie durchaus auch amüsiert in der Bankfiliale abwartet, bis ihr Männchen seinen Plausch mit dem Schrank beendet und sich die beiden Smalltalker händeschlagend verabschiedet haben, und mich dann einfach nur anschaut und: „Как?“ – Wie jetzt? Und ich weiß nicht mehr, ob in diesem kurzen Wörtchen Faszination, Aufklärungssucht oder schwelender Verdacht eines anormalen Geheimlebens ihres Mannes überwog. Dabei ist die Auflösung nicht ein Ding mysteriös, kein enttarntes Doppelleben, keine verschwiegenen Nachtclub-Besuche. Nur eine kurze Wartezeit vergangenen Sommer vor dem Puppentheater. Während ich der bislang einzige potentielle Zuschauer bin und auf Freunde warte, zünde ich eine Zigarette an und der Wachmann stellt sich dazu, offenkundig in Plauderstimmung. Und ich erzähle ein bisschen, und er erzählt ein bisschen. Und dann kommen meine Freunde und fragen, was ich denn so allein hier tue. Worauf ich auf den Ochranik zeige und wahrheitsgemäß sage, dass ich doch gar nicht allein wäre und mich nett unterhalten habe. Der Ochranik war dann mit der Zigarette zu ende und unser Kennenlernen auch. Das wars. Später habe ich ihn einmal vor der Bankfiliale rauchen sehen, da hat er mich wiedererkannt und gleich erzählt, dass er jetzt den Job hier hätte, der sei besser bezahlt, das sei eine Stufe aufwärts. Mystischer wirds nicht. Das hat meine Frau natürlich verstanden und wir haben darüber ein bisschen gelächelt und konnten beschwingt den Heimweg zum Kind antreten. Ich hatte allerdings noch ein wenig so eine Laune mit leichtem Anflug von Eigenbewunderung, weil mich der Gedanke so begeisterte, dass ich nun einen guten Bekannten beim Sicherheitsdienst hatte, was sich anfühlte wie den Chefeinlasser vom angesagtesten Edelclub im Handy gespeichert zu haben, was besonders tiefes Eintauchen in die Gesellschaft bezeichnete, die pure Exklusivität – welcher Ausländer konnte das schon von sich behaupten. Und vor allem: Ich war gesehen worden! Was nützen einem supergeheime Spezialkontakte, wenn man sie nicht präsentieren kann? Nicht, dass ich darauf irgendwann mal zurückgegriffen hätte, aber es fühlte sich für einen Moment gut an.

Gesehen hab ich den Mann bislang nicht wieder, so weiß ich grad gar nicht, wie es seinem Söhnchen geht. Möglich, dass er schon nicht mehr in der Bank arbeitet und schon weitergewandert ist zu einem besseren Posten. Was schade ist, denn ich hatte erwogen, nach und nach mit allen meinen Freunden und Bekannten wie zufällig an der Bank vorbeizukommen und schnell mal Geld abzuheben, persönliche Kontakte sollte man pflegen. Und Bewunderung ist einfach eine geile Droge.

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Erschöpfungsgrad. Eine kurze Retrospektive

Posted by Sascha Preiß on

Anfangs, als ich Irkutsk zum ersten Mal durch die Scheiben der TU-134 sah, war ich wohl etwas enttäuscht. Ich hatte auf symbolisches Wetter gehofft. Aber es regnete nur. Klima: mangelhaft. Das änderte sich rasch und seither gibt es nichts zu bemängeln.

Wie ist es so in der Stadt? Es lässt sich konsumieren, so viel man möchte, jeden Scheiß, jeden Tag. Ruhetage sind Museen und Behörden vorbehalten, auch die Post arbeitet sonntags. Deutsches Bier, Nutella, Ikea-Kram und iPhones, alles da. Für deutsche Medien gibts schnelles Internet, Bücher schickt Amazon in 10 Tagen, Musik per download. Irgendwo in dieser Stadt, vermute ich, bekommt man wohl auch geröstete Affenärsche. Welcher Mangel?

Reden wir also nicht weiter davon.

Und sonst so? In den vergangenen zweikommafünf Jahren sind mir ein halbes Dutzend Fälle bzw deutsche Personen begegnet, für die Baikaltourismus lebensentscheidend war: und sie kehrten erst verliebt, dann verheiratet und-oder verkindert zurück. Es gibt wohl keinen gradlinigeren Weg, Land und Leute kennenzulernen. Hat man nach Russland geheiratet, umsorgt einen eine enorme Familie. Und die Freunde sowieso. Wenn man nun aber bereits verheiratet ist und als Ausländerpaar nahe des Baikalufers ein Kind in die Welt wirft, dann gibt es wohl keinen gradlinigeren Weg, dass man von Land und Leuten ziemlich in Ruhe gelassen wird. Keiner kommt gratulieren, keiner ruft glückwünschend an oder schickt Blumen: das junge Glück soll sich ungestört erholen. Und da wären wir nun. Zu dritt. Allein.

Die Sache ist: Alle paar Wochen gehen wir uns aus dem Weg oder auf den Geist, mehr Optionen sind da nicht. Allabendlich nach der Arbeit aufeinanderhocken, jeder mit seiner Arbeit beschäftigt und lieber nicht das Kind ins Bett schaukeln. Es fehlt – Zeit. Für uns. Ein Zeitmangel ohne Eile und Hast, sondern ein Mangel an Gemeinsamkeit. Filme haben wir schon monatelang nicht mehr zu zweit gesehen. Der Kinobesuch für dieses Jahr lief so: Samstag sie, Sonntag ich, der andere machte derweil den Hirten. Das letzte Buch, das mir gelang durchzulesen, war Hertha Müller „Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt“. Für die 120 Seiten benötigte ich 4 Wochen und ich bin mir sicher, nichts mehr davon zu wissen. Meine Frau hat mir neulich Warlam Schalamow „Durch den Schnee – Erzählungen aus Korlyma 1-3“ geschenkt, 1250 Seiten. Ihr unerschütterlicher Optimismus, ein minutiöser Gulag-Bericht als kiloschwere Druchhalteparole. Das gemeinsame Gespräch ist auf symbolische Handlungen reduziert. Weil die Zeit knapp ist. Auf elterliche Unterstützung muss aus geografischen Gründen verzichtet werden. Von den Freunden nicht zu reden, Skype ist kein Ersatz für durchqualmte Kneipenabende. Immerhin haben wir ein Kindermädchen für die Tagesbetreuung, so können wir arbeiten fahren, 30min hin, 60min zurück, Abendstau. Kinderkrippen gibt es keine, Kinderbetreuung in Gruppen so gut wie nicht. Unser Töchterchen sucht Gesellschaft. Sie schaut sich tagtäglich den Schwangerschaftsratgeber von GU an, der hat viele Abbildungen. Wo kleine Kinder zu sehen sind, legt sie ihren Kopf hin und kuschelt mit ihnen. Schnee mag sie nicht so, da steht sie auf der Straße und bewegt sich nicht mehr. Mir wäre der Sinn nach Schneeballschlacht, aber mit wem. Und zu lange bei -15 geht auch nicht: Je tiefer die Temperaturen, umso höher das Schlafbedürfnis. Die Skala zeigt Erschöpfungsgrad an. Inzwischen kann ich locker 12h am Stück durchschlafen. Ich weiß nur nicht wann. Bin ich müde, gehen mir alle gewaltig auf den Geist bzw ich ihnen am liebsten aus dem Weg.

Ach ja, Weihnachten ist auch noch. Meine Frau organisiert einen ganzen Haufen Adventsfeiern. Sie fehlen ihr, weil sie Familie bedeuten. Wärme. Ich kann zu ihrem Unglück darauf verzichten. Unsere Mängel ergänzen sich nicht.

Mit einer Ausnahme: beide wollen wir trotzdem eine Weile hier bleiben. Schließlich haben wir von der Gegend noch kaum etwas gesehen. Die Baikal-Reise ist schon den zweiten Sommer verschoben worden. Im ersten kam das Kind, im zweiten fiel das Schiff aus. Die Herberge auf der Insel hat uns nun solange die Hütte reserviert, bis wir tatsächlich einmal kommen können.

Dort muss es schön sein, die haben offenbar genügend Zeit.

(Der Text entstand im Rahmen einer Tagebuch-Aktion auf jetzt.de.)