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12 Articles

Blogroll/selbst

Irkutskblog 2012

Posted by Sascha Preiß on
Anatol/selbst

Frühlingsanfang

Posted by Sascha Preiß on
Kulinarisches/selbst

Die Sache mit dem Eis

Posted by Sascha Preiß on

Hin und wieder muss ich dann auch mal Lebensmittel einkaufen gehen. Vorgestern z.B. war so ein Tag, und gestern auch. Mit dem Kindergarten ist vereinbart, dass die Eltern einmal im Monat für die Verpflegung der lieben Kleinen aufkommen, heute morgen war ich mit der Pitanje an der Reihe, also bin ich spät abends noch in den nahen, fast rund um die Uhr geöffneten Supermarkt. Als jahrelanger Kunde erlebt man da so einiges. Die Belegschaft kommt und geht, manche Kassiererin grüßt mich bereits, manche ehedem Grüßende hat die Kassiererei für einen besseren Job aufgegeben, und manchmal vergesse ich auch mein Geld zu Hause, so dass die an der Kasse auf meinen Sachen sitzen bleiben. Meist ist aber alles ganz gewöhnlich. Gestern benötigte ich laut Einkaufsliste des Kindergartens mehrere Liter Milch, verschiedene Brote, Butter, reichlich Obst und anderthalb Kilo Quark. Für den eigenen Kühlschrank habe ich dann noch ein paar Eis in den Korb gelegt, bei den hohen Raumtemperaturen hat man regelmäßig Appetit auf eine Abkühlung. Gerade eben bin ich aber doch noch einmal losgezogen, weil neben dem Eis von gestern irgendetwas anderes zu Hause notwendig wurde. Der diensthabende Wachmann begrüßte mich sogleich freundlich, fast wollte ich ihn umarmen und ihn zu einem Wodka einladen. Er aber fragte nur, ob ich nicht von gestern ein Eis vermissen würde. Aber ja, erinnerte ich mich augenblicklich, von den vier in den Korb gelegten waren daheim nur noch drei in den Tüten auffindbar. Da reichte der freundliche Mann das verloren gegangene Stück und ich bedankte mich, ehrlich glücklich. Die Kassiererin, bei der ich bislang grußlos gezahlt hatte, schaute mich skeptisch an, weil ich das Eis unbezahlt in die Tüte steckte. Der Wachmann habe es mir gegeben, verteidigte ich mich, ohne angegriffen worden zu sein. Ich würde ziemlich regelmäßig hier etwas liegen lassen, klang sie doch ein wenig nach Vorwurf. Neinnein, das sei bestimmt das erste Mal gewesen, sagte ich und gab ihr meine Rabattkarte. Soso, aha, zog sie das Ding durchs Lesegerät, augenblicklich schrumpfte der Betrag. Schweigend zahlte ich und grußlos schieden wir voneinander. Vielleicht, dass ich unverdient ein Geschenk erhalten hatte. Doch tatsächlich halte ich mich nicht der Demenz verdächtig. Tüte, Eis und Portemonnaie habe ich auf jeden Fall eben noch in der Wohnung gesehen.

selbst/Sprache

Lesung: Ganz ist die Ordnung noch nicht abhanden

Posted by Sascha Preiß on

Dies hat nicht unmittelbar mit Irkutsk, dem Thema dieses Blogs, zu tun. Ich möchte an dieser Stelle beginnen, einige Texte als Lesung zu veröffentlichen. Die erste Lesung dieses Textes fand heute in sehr kleinem Kreis in einem Irkutsker Restaurant statt, allerdings ist die Aufnahme nicht besonders gut. Daher habe ich die Lesung in der Küche (mit Weihnachtsplätzchen) wiederholt. Gelesen wird der Anfang eines längeren Textes, der den Titel „Durchnässte Soldaten“ trägt und in Pannonien spielt.

Interkultur/Irkutsk/Liljana/selbst/Unter Deutschen

Erschöpfungsgrad. Eine kurze Retrospektive

Posted by Sascha Preiß on

Anfangs, als ich Irkutsk zum ersten Mal durch die Scheiben der TU-134 sah, war ich wohl etwas enttäuscht. Ich hatte auf symbolisches Wetter gehofft. Aber es regnete nur. Klima: mangelhaft. Das änderte sich rasch und seither gibt es nichts zu bemängeln.

Wie ist es so in der Stadt? Es lässt sich konsumieren, so viel man möchte, jeden Scheiß, jeden Tag. Ruhetage sind Museen und Behörden vorbehalten, auch die Post arbeitet sonntags. Deutsches Bier, Nutella, Ikea-Kram und iPhones, alles da. Für deutsche Medien gibts schnelles Internet, Bücher schickt Amazon in 10 Tagen, Musik per download. Irgendwo in dieser Stadt, vermute ich, bekommt man wohl auch geröstete Affenärsche. Welcher Mangel?

Reden wir also nicht weiter davon.

Und sonst so? In den vergangenen zweikommafünf Jahren sind mir ein halbes Dutzend Fälle bzw deutsche Personen begegnet, für die Baikaltourismus lebensentscheidend war: und sie kehrten erst verliebt, dann verheiratet und-oder verkindert zurück. Es gibt wohl keinen gradlinigeren Weg, Land und Leute kennenzulernen. Hat man nach Russland geheiratet, umsorgt einen eine enorme Familie. Und die Freunde sowieso. Wenn man nun aber bereits verheiratet ist und als Ausländerpaar nahe des Baikalufers ein Kind in die Welt wirft, dann gibt es wohl keinen gradlinigeren Weg, dass man von Land und Leuten ziemlich in Ruhe gelassen wird. Keiner kommt gratulieren, keiner ruft glückwünschend an oder schickt Blumen: das junge Glück soll sich ungestört erholen. Und da wären wir nun. Zu dritt. Allein.

Die Sache ist: Alle paar Wochen gehen wir uns aus dem Weg oder auf den Geist, mehr Optionen sind da nicht. Allabendlich nach der Arbeit aufeinanderhocken, jeder mit seiner Arbeit beschäftigt und lieber nicht das Kind ins Bett schaukeln. Es fehlt – Zeit. Für uns. Ein Zeitmangel ohne Eile und Hast, sondern ein Mangel an Gemeinsamkeit. Filme haben wir schon monatelang nicht mehr zu zweit gesehen. Der Kinobesuch für dieses Jahr lief so: Samstag sie, Sonntag ich, der andere machte derweil den Hirten. Das letzte Buch, das mir gelang durchzulesen, war Hertha Müller „Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt“. Für die 120 Seiten benötigte ich 4 Wochen und ich bin mir sicher, nichts mehr davon zu wissen. Meine Frau hat mir neulich Warlam Schalamow „Durch den Schnee – Erzählungen aus Korlyma 1-3“ geschenkt, 1250 Seiten. Ihr unerschütterlicher Optimismus, ein minutiöser Gulag-Bericht als kiloschwere Druchhalteparole. Das gemeinsame Gespräch ist auf symbolische Handlungen reduziert. Weil die Zeit knapp ist. Auf elterliche Unterstützung muss aus geografischen Gründen verzichtet werden. Von den Freunden nicht zu reden, Skype ist kein Ersatz für durchqualmte Kneipenabende. Immerhin haben wir ein Kindermädchen für die Tagesbetreuung, so können wir arbeiten fahren, 30min hin, 60min zurück, Abendstau. Kinderkrippen gibt es keine, Kinderbetreuung in Gruppen so gut wie nicht. Unser Töchterchen sucht Gesellschaft. Sie schaut sich tagtäglich den Schwangerschaftsratgeber von GU an, der hat viele Abbildungen. Wo kleine Kinder zu sehen sind, legt sie ihren Kopf hin und kuschelt mit ihnen. Schnee mag sie nicht so, da steht sie auf der Straße und bewegt sich nicht mehr. Mir wäre der Sinn nach Schneeballschlacht, aber mit wem. Und zu lange bei -15 geht auch nicht: Je tiefer die Temperaturen, umso höher das Schlafbedürfnis. Die Skala zeigt Erschöpfungsgrad an. Inzwischen kann ich locker 12h am Stück durchschlafen. Ich weiß nur nicht wann. Bin ich müde, gehen mir alle gewaltig auf den Geist bzw ich ihnen am liebsten aus dem Weg.

Ach ja, Weihnachten ist auch noch. Meine Frau organisiert einen ganzen Haufen Adventsfeiern. Sie fehlen ihr, weil sie Familie bedeuten. Wärme. Ich kann zu ihrem Unglück darauf verzichten. Unsere Mängel ergänzen sich nicht.

Mit einer Ausnahme: beide wollen wir trotzdem eine Weile hier bleiben. Schließlich haben wir von der Gegend noch kaum etwas gesehen. Die Baikal-Reise ist schon den zweiten Sommer verschoben worden. Im ersten kam das Kind, im zweiten fiel das Schiff aus. Die Herberge auf der Insel hat uns nun solange die Hütte reserviert, bis wir tatsächlich einmal kommen können.

Dort muss es schön sein, die haben offenbar genügend Zeit.

(Der Text entstand im Rahmen einer Tagebuch-Aktion auf jetzt.de.)

selbst/Universität

Sechszeiler des Monats

Posted by Sascha Preiß on
Grenzenlos/selbst

Die letzten Tage meines Bruders

Posted by Sascha Preiß on

I

Zwei Wochen lang hatte ich eine Katze zu hüten.

Meine Eltern fuhren voll quälender Ungeduld, Furcht nach Frankreich.

Zwei Wochen vorher hatte mein Vater nach Gera telefoniert, sein Sohn und er stritten sich erneut, brüllten sich durch die Hörer an, ergebnislos. Wenige Tage später hatte die Geraer Ärztin mit meinem Vater telefoniert, sehr ruhig. Sein Sohn habe gestern das Heim verlassen und sei nicht zurückgekehrt. Er habe sein Zimmer gekündigt und die Auszahlung seiner noch verbliebenen finanziellen Mittel für diesen Monat verlangt. Sie sah keinerlei Handhabe, sich seinen Forderungen zu widersetzen, sie könne ihn nicht anbinden. Der Sohn sei seit gestern mit einem Freund, ein ehemaliges Heimmitglied, unangenehmer Zeitgenosse, aus dem Haus, gemeinsam wären sie die Straße in Richtung Bahnhof gegangen bzw der Sohn im Rollstuhl gefahren. Einen Aufenthaltsort hätten sie nicht angegeben.

Meine Eltern verfielen in eine Panik, die sich als strenge Pragmatik äußert. Sollten sie dem Sohn, 3 Tage nach seinem Weggang, folgen? Wenn ja, wohin? Sollten sie den geplanten Urlaub absagen und in ihrer Wohnung warten, ob er wieder eintreffen würde? Sie waren sich beide im Klaren, dass es vergebenes Warten wäre. Mein Vater telefonierte mit mir, erklärte ruhig die Situation, teilte mir den Entschluss mit. Sie fuhren ab, hinterließen mir Telefonnummern für den Fall einer Entwicklung. Sie wussten, dass nur eine Entwicklung anzunehmen war. Mein Vater sagte, dass mit allem zu rechnen sei. Was bedeutete, nur mit diesem einzigen. Meine Eltern warteten darauf in Frankreich, ich im Beisein einer Katze.

Ich begab mich in die Wohnung des ebenfalls verreisten Freundes und betrachtete das schwarze Tier. Es hatte bei meinen gelegentlichen Besuchen auf meiner Schulter gesessen und den salzigen Schweiß meiner Achseln aus meinem Hemd geleckt. Jetzt beobachtete es mich aus sicherer Entfernung.

II

Aus den wenigen Dokumenten geht hervor, dass mein Bruder mit der Bahn von Dessau nach Magdeburg gefahren und ohne gültigen Fahrausweis angetroffen worden war. Der Leitung des Geraer Heimes lag eine Zahlungsaufforderung der Bahn an meinen Bruder vor, die offenen Transportkosten zzgl Straf- und Bearbeitungsgebühren in Höhe von … zu begleichen. Bei Verlassen des Heimes betrug sein Barvermögen zwischen 120 und 80 Euro, den Großteil hatte die Heimleiterin ihm aufgrund seiner Forderung ausgezahlt, hinzu kam wohl noch ein wenig in bar Gespartes. Die Bahnreise durch Sachsen-Anhalt hatte eine Woche nach seiner Flucht stattgefunden.

Desweiteren konnte nachgewiesen werden, dass ihm das Verlassen der Bundesrepublik Deutschland in Richtung Niederlande von den deutschen Grenzbehörden an einem Grenzübergang bei Münster untersagt wurde. Er war mit seinem Begleiter, dem ehemaligen Heiminsassen, als Fußgänger am Grenzposten erschienen, lediglich der Begleiter durfte weiterreisen. Mein Bruder wurde trotz gültigen Passes abgewiesen und musste im Land verbleiben, die Gründe der Abweisung sind unbekannt. Daraufhin trennten sich die Reisenden. Mein Bruder hatte kurz darauf einige Tage Quartier in einem Hotel in Münster bezogen. Während des dreitägigen Aufenthaltes im Hotel leerte er die im Zimmer befindliche Minibar und verwüstete das Zimmer. Für die aus den Schäden resultierenden Kosten zzgl der hohen unbeglichenen Rechnung versuchte die Hotelleitung, meine Eltern haftbar zu machen. Allerdings erfolglos, da das Hotel den Gast nicht hätte aufnehmen müssen und er soweit mündig war, für seine Taten selbst verantwortlich zu sein. Während des Aufenthaltes im Hotel hatte sich ein fachkundiger Gast um die ärztliche Versorgung meines Bruders gekümmert. Er gab an, dass die Füße verletzt waren, Abschürfungen aufwiesen, entzündet waren, glücklicherweise ohne ernsthafte Schäden. Er hatte die Füße mit Salben und Pflastern behandelt. Der Gast nannte meinen Bruder einen ruhigen Mann, der die ihm gebotene Hilfe dankend und freundlich angenommen habe. Dass mein Bruder medikamentös behandelt wurde, sei ihm nicht aufgefallen.

Einige Tage später, nachmittags, wurde mein Bruder im Tal unter einer Brücke in Düsseldorf tot aufgefunden. Aus Passantenbefragungen ging hervor, dass mein Bruder, allein und im Rollstuhl, lediglich mit sauberer Unterwäsche bekleidet – so war er entdeckt worden – auf der Brücke gesehen wurde. Er habe über das Geländer geblickt und sich kaum bewegt. Am Rollstuhl hingen T-Shirt und andere Kleidungsstücke. Etwa eine Stunde später muss er sich über das Geländer gezogen und ins Tal gestürzt haben. Dennoch ermittelte die Polizei in alle Richtungen. Meinen Eltern wurde angeboten, Fotos zur Identifizierung zu sehen. Sie lehnten ab und versicherten, dass weitere Ermittlungen überflüssig wären. Die Beamten sagten, mein Bruder habe sich wetterbedingt seiner Kleidung entledigt, den ganzen Tag habe in Düsseldorf die Sonne geschienen.

Mein Vater informierte mich in der Katzenwohnung telefonisch.

III

Die gesamte letzte Reise, eine Art Flucht, meines Bruder dauerte etwas über 4 Wochen. Das meiste ist vollständig unbekannt und es ist ungewiss, ob ich es je in Erfahrung bringen kann. Wo hat er außer in Münster übernachtet? Wie hat er sich ernährt? Wovon hat er gelebt? Aufgrund seiner schizophrenen Depressionen und Selbstmordversuche bedeuten diese letzten Tage eine ungeheure Anstrengung und Willensleistung, den Willen zu leben, eine ungewisse Zeitlang frei und ohne elterlichen Vormund und Heimaufsicht zu leben – immer mit dem konkreten Ziel zu sterben. Seltsam genug: Diese Reise verdient Bewunderung.

Ästhetik/Interkultur/Liljana/selbst

Eine Geschmacksfrage

Posted by Sascha Preiß on

Zur Ausgestaltung des Kinderzimmers haben wir ein paar Regale gekauft. Wie fast alle Einrichtungshäuser in Irkutsk bietet auch die „Welt der Möbel“ mehrheitlich einheimisch produzierte Ware zum selbst Zusammenbauen für Kunden mit Geld und Jevro-Geschmack, was bedeutet: Es sollte europäisch wirken, stilvoll sein und dabei teuer aussehen. Wir suchten eher schlichtes Mobiliar und fanden zwischen den bunten Modell-Kinderzimmern zwei Regale mit farbigen Schalen anstelle von Schubfächern. Beim Aufbau zu Hause stellten wir fest, dass wir Ikea-Mobiliar gekauft hatten. In einer Stadt, von der die nächstgelegene Filiale 1600km entfernt liegt, ist das möglicherweise ein Glücksfall. Bislang war uns nur ein Händler bekannt, der einige wenige Möbelstücke von dort importiert und zu überhöhten Preisen anbietet.

Dass sich unser Geschmack, inmitten eines russischen Möbelgeschäftes, inmitten für russische Kunden konzipierten Möbeln, dann doch sehr zielstrebig und ohne echten Widerstand für Ikea-Möbel entschied, erstaunte mich. Ist es nun so, dass unser ästhetisches Empfinden in Deutschland am allgegenwärtigen Ikea-Design geschult wurde, so dass uns selbst in fremder Luft wenig anderes mehr akzeptabel erscheint? Wären wir überhaupt in der Lage gewesen, eine andere Geschmacksentscheidung zu treffen? Ist ein anderes Empfinden jetzt noch lernbar? Möglicherweise irritierte mich auch weniger die Tatsache, dass Emotionen erlernte Handlungen sind, als vielmehr, dass auch wir – sogar unbewusst – in der Fremde die uns bekannte Wohnwelt nachahmen, konservieren. Dass unsere Risikobereitschaft zur Aufnahme nicht-eigener Emotionalität nicht allzu hoch zu sein scheint.

Ist das aber wirklich problematisch?

Liljana/selbst

Die Salbe

Posted by Sascha Preiß on

Der junge Lehrer Alexej Michailovich stieg raschen Schrittes die Treppe hinauf, öffnete schwungvoll die Tür und hatte mit dem Einatmen des ewigen Apothekengeruchs augenblicklich den Namen der Salbe vergessen, die er besorgen wollte. Seine Frau, die ihn zu Hause mit ihrem Töchterchen erwartete, hatte ihm am Nachmittag angerufen und gesagt, er solle auf dem Heimweg noch schnell bei der Apotheke vorbei und die Salbe mitbringen, um dann ab 17 Uhr die süße Kleine am Abend ein bisschen zu betreuen. Alexej Michailovich hatte sich beeilt, rechtzeitig von der Schule loszugehen, keine allzu ausufernden Gespräche mit der dienstältesten Kollegin Vera Nikolaevna über die richtige Pflege und Erziehung von Kleinkindern zu führen (ihre als Befehle vorgebrachten Ratschläge zeugten von großem pädagogischen Wissen und lebenslanger mütterlicher Erfahrung, waren aber leider vollkommen unbrauchbar, seine Frau befolgte sowieso nur das, was sie selbst für das Richtige hielt und das war jeden Tag etwas anderes), murmelte während der gesamten Straßenbahnfahrt den Namen der Salbe vor sich hin – und stand nun in der Apotheke wie ein Schüler, der viel zu viel gelernt hat und vor Anspannung die Prüfung versaut. Er wusste immerhin noch den Anfangsbuchstaben, G oder L, oder was mit D. Ansonsten starrte er blöd in den Raum.

Drei in silberbraune Pelzmäntel gehüllte ältere Damen und doppelt so viele Apothekerinnen wandten sich dem Lehrer zu und schauten ihn an. Nach handgestoppten sieben Sekunden, in denen nichts geschah, wandten sich alle wieder ihrer vorigen Beschäftigung zu, warteten ergeben, führten langwierige Verkaufsgespräche oder machten gar nichts. Alexej Michailovich rührte sich ein wenig, setzte die Mütze ab, unter der er schwitzte, kratzte sich und wandte sich den Glasvitrinen an den Wänden zu. Womöglich war die Salbe darin ausgestellt, manchmal hat man ja Glück und das Gesuchte schiebt sich einem direkt unter die Nase. Als er alle Vitrinen durchgesehen hatte und sich sicher war, die Salbe nicht gesehen zu haben, überprüfte er alles noch einmal und kam zu dem gleichen Ergebnis. In seiner Erinnerung war die Salbe in einer blauweißen Schachtel verpackt, auf der gut lesbar der Name geschrieben stand. Glycerol. Nein. Dynvital. Nein. Laktosan. Nein, ein S kam wohl nicht vor. Die Apothekerinnen und Pelzmanteldamen schielten zu Alexej, wie er vor den Glasvitrinen auf und ab ging und fieberhaft überlegte. Aber er wollte niemanden um Rat fragen. Er hätte nur etwas Unverständliches heraus gebracht, er bräuchte so eine Salbe mit G, L oder D, vielleicht auch M, ziemlich sicher ohne S, die in einer blauweißen Verpackung stecke. Zweifellos wären die Apothekerinnen vor unterdrücktem Lachen ganz grün angelaufen, bis es eine nicht mehr hätte zurückhalten können und sich schließlich alle Anwesenden ausgiebig über ihn lustig gemacht hätten. Dass ein Schüler den Tränen nahe war, weil ein Fehler in der Mathearbeit besonders komisch weil tölpelhaft erschien, dass es die gesamten Klasse erfahren und darüber lachen musste, war das eine. Aber hier fühlte er sich doch sehr unwohl. Er schrieb seiner Frau eine SMS. Als sie nach einer halben Minute immer noch nicht geantwortet hatte, rief er sie an. Es klingelte lange, aber seine Frau antwortete nicht. Alexej spürte, wie seine Anspannung in Ärger umschlug. Er rief noch einmal an, das Rufzeichen ertönte mehr als ein Dutzend mal, aber die Stimme seiner Frau ertönte einfach nicht. Alexej zischte fluchend durch die Zähne. Er atmete ein und aus. Nahm das Telefon, wählte noch einmal ihre Nummer und hielt es sich ans Ohr. Seine Frau antwortete nicht. Er rannte aus der Apotheke, ob die da drin über ihn lachten oder nicht, war ihm egal. Wichtiger war, warum zum Teufel seine Frau nicht antwortete. Es gab eine Reihe von Möglichkeiten. Sie hatte sich mit der Kleinen hingelegt und schlief. Aber war das jetzt ihre Schlafzeit oder was? Das Klingeln des Telefons hätte sie trotzdem hören müssen. Oder sie hatte es leise gestellt und hörte es nicht. Verfluchte Scheiße, sie soll doch ihr Telefon nicht leise stellen, es könnte etwas Wichtiges sein und dies war jetzt wichtig. Oder sie war auf dem Klo, oder unter der Dusche. Und das Kind, wo war das dann, auch auf dem Klo? Warum musste sie ausgerechnet jetzt duschen, wo er den Namen der Salbe brauchte? War sie gar nicht zu Hause? Sie musste zu Hause sein, sie hatte gesagt, sie sei zu Hause. Alexej spuckte aus. Er hätte einfach nach Hause gehen und nachsehen können, dann hätte er auch den Namen der Salbe gewusst. Die Apotheke lag keine 5 Minuten von der Wohnung entfernt. Aber wozu hat man denn Telefone?? Außerdem kann er doch nicht mit leeren Händen nach Hause kommen und er hätte noch einmal losgehen müssen. Und dazu hatte er eben einfach keine Lust.

Also setzte er sich verärgert in die Sakusochnaja um die Ecke und wartete. Es war 5 nach 17 Uhr, er hätte längst zu Hause sein sollen, aber wenn seine Frau nicht antwortete, wartete Alexej eben so lange, bis sie sich bequemte, ihm den Namen der beschissenen Salbe zu sagen. Er verspürte einen ganz und gar unanständigen Appetit nach Bier.

Keine 10 Minuten waren vergangen, dass er die Apotheke verlassen, das erste Bier genusslos hintergestürzt und die dritte Zigarette angezündet hatte und vor dem zweiten Bier saß, da erhielt er eine SMS. Von seiner Frau. Die Salbe heiße Bepanthen, sie habe die Kleine gestillt, das Telefon habe im Nebenzimmer gelegen, wann er nach Hause komme, Küsschen. Alexej drückte die SMS weg. Küsschen, ja ja. Das hätte sie auch ruhig früher schreiben können. Bepanthen, ein bescheuerter, unmerkbarer Name. Jetzt saß er hier, trank und rauchte erst einmal. Und überlegte, gemächlich. In seinem Zustand konnte er nicht einfach so heimgehen und mit der süßen Tochter spielen, nach Alkohol und Zigarette stinkend, als guter Vater, der er war, verbot sich das von selbst. Da musste seine Frau jetzt durch, er würde eben später kommen und eine Ausrede erfinden. Hätte sie rechtzeitig geantwortet, würde er hier nicht sitzen müssen. Außerdem kritisierte sie ihn sowieso die ganze Zeit und wollte eigentlich alles alleine machen, na das konnte sie jetzt.

Alexej überlegte noch, als das drittes Bier gebracht wurde und sein Telefon klingelte. Seine Frau. Etwas panisch schaute er auf das klingelnde Ding. Er konnte auf keinen Fall rangehen. Eine Ausrede war ihm immer noch nicht eingefallen. Er wusste, dass er nur miserable, leicht durchschaubare Lügen zustande kriegte. Also ignorierte er das Klingeln eben. Nach 5 Minuten hörte es endlich auf. Er beschloss, in der Sakusochnaja auszuharren, bis seine Frau mit der Kleinen schlafen gegangen war, noch mindestens 4 Stunden, eher traute er sich nicht zu ihnen.

Als Larissa Vitaljevna, die Alexej an fröhlichen Tagen zärtlich Clara, Chiara oder Jasna nannte, gegen 1 Uhr in der Nacht aufstand, um nach ihrer Tochter Rosalia genannt das Röschen im Kinderzimmer zu sehen, erkannte sie sofort, warum die Kleine laut weinte und nicht mehr einschlafen konnte: Auf der bunten Wolldecke am Boden, umgeben von allerlei Spielzeug für das Kind, lag Alexej Michailovich, die Salbe in den Händen, schnarchte enorm und lächelte im Schlaf.

Liljana/selbst

Sowjetische Kopeken

Posted by Sascha Preiß on

10 Tage dauerte die Baby-Massage, die eine erfahrene und redselige Kinderärztin mit unserem Töchterchen durchführte. Das war uns von einer Freundin empfohlen worden und gehört offensichtlich zum Standard in einer guten russischen Kinderstube, um die Muskulatur der Neugeborenen aufzubauen. Lili mochte das ganz gern, auch wenn sie dabei sehr hungrig wurde und das unüberhörbar deutlich machte. Am letzten Tag drückte uns die etwa 60jährige Masseuse ein sowjetisches 5-Kopeken-Stück in die Hand, das sollen wir mit Pflaster auf Lilis etwas hervorstechenden Bauchnabel kleben, dann bilde er sich schnell zurück. Mit der gleich großen russischen 5-Rubel-Münze funktioniere das nicht, nur mit den sowjetischen Kopeken. Die Ärztin nickte bestätigend gegen unsere Skepsis an und streifte ihre Jacke über. Und wenn wir wieder zur Untersuchung in die Kinderklinik gehen, müssen wir es unbedingt abmachen, die Ärzte dort mögen das nicht so, es ist halt alter Aberglaube. Zwinkernd ging sie zur nächsten Massage.