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59 Articles

Baikal/Irkutsk/Liljana

Rückkehr

Posted by Sascha Preiß on

In wenigen Tagen werde ich nach knapp einem Jahr – 2013 war ich den gesamten August noch einmal in Irkutsk und Bolshoe Goloustnoe – endlich wieder nach Sibirien reisen. Mit Lili, die unbedingt mitfahren wollte. Sie hat schon sehr oft gefragt, wann wir einmal wieder an den Baikal fahren. Und neulich sagte sie, dass ihr Lieblingsland Russland sei. Dann spielte sie mit einer Plüschfigur des kleinen Maulwurf und mir, vollständig auf russisch. Ich bin noch immer sehr beeindruckt, dass sie mit Hilfe ihres Hamburger Kindergartens noch so viel und gut russisch spricht. Am Samstag morgen sind wir dort. Ужасно радуемся.

Irkutsk/Kulinarisches/Russland

Die vorletzte Nacht

Posted by Sascha Preiß on

In 30 Stunden werden wir – vorerst – Irkutsk verlassen, unser Aufenthalt in Sibirien nähert sich dem Ende. Es ist die vorletzte Nacht in der Stadt, in der wir fünf Jahre lebten, in der sich unsere Familie verdoppelte. Es ist eine ruhige Nacht, der Regen hat aufgehört, irgendwo bellt ein Hund irgendetwas an, irgendwo werden von Gespinstmotten befallene Apfelbäume gefällt, irgendwo streitet sich wer und nebenan wird sich geliebt; eine völlig normale Nacht führt zu einem nicht weiter bedeutendem Tag, und es fühlt sich gut an. Immer wieder sind wir in den letzten Tagen bei Verabschiedungen von Freunden und Kollegen gefragt worden, was wir aus „dem rauen, wilden, unzivilisierten Sibirien“ mitnehmen, was wir vermissen werden.

– den herrlichen Winter, ganz sicher. Viel Schnee, viel Sonne, viel blauer Himmel. Bei -30° einen Sonnenbrand zu bekommen, klingt paradox, ist aber hier nichts Besonderes. Und es ist einfach so: der Winter ist die eigentliche sibirische Jahreszeit.

Mit dem Hundeschlitten über einen zugefrorenen Fluss brettern

Mit dem Hundeschlitten über einen zugefrorenen Fluss brettern

– die Natur, diese unsinnig weite, unglaublich schöne Welt jenseits der Stadt, in der Leben nach anderem Maß geschieht. Auch: die Beeren, die Früchte, die auf den Märkten angeboten werden.

Steppenlandschaft bei Jelanzy

Steppenlandschaft bei Jelanzy

– die Kunst, Fisch zuzubereiten. Gekocht, geräuchert, roh, gesalzen, gefroren, getrocknet oder gebraten – ich habe nirgends besseren Fisch gegessen. Ignorieren Sie die hier sehr populäre kulinarische Mode Sushi. Aber essen Sie auch nur wenig Omul, die Bestände brauchen Erholung.

Kleiner Fischverkauf bei Listwjanka im Winter

Kleiner Fischverkauf bei Listwjanka im Winter

– überhaupt die Kunst des Selbermachens. Ob es die eigene Ernte von der Datscha oder die im Wald gesammelten Beeren und Kräuter sind: wenig ist wichtiger als selber Rezepturen ausprobieren und anbieten. Die Dekanin kostet einen Salat während einer Lehrstuhlfeier. Wer hat den gemacht, blickt sie beinah drohend ins Kollegium. Eine jüngere Dozentin meldet sich. Die Dekanin zitiert diese mit dem Zeigefinger zu sich: Rezept, sofort. Selbstgemachtes verspricht Anerkennung. (Und überhaupt, diese Geselligkeit.)

Jahreswechselfeier im Kreis der Kollegen

Jahreswechselfeier im Kreis der Kollegen

– die überfordernde Herzlichkeit der Menschen, wenn man sich ihnen geöffnet hat. Mit Musik z.B. (selbstgemacht, Gitarre) geht das. Herzlichkeit ist Vertrauen. Edik war wirklich sauer, weil wir das Versprechen gebrochen, dem gegebenem Wort misstraut hatten. Wir haben zweimal für knapp zwei Wochen sein Haus am Baikal gehütet, er bestand darauf, dass wir und unsere Angehörigen dort seither kostenlos wohnen. Meine Schwiegermutter ließ dennoch Rubelscheine liegen. Inakzeptabel. Selbstverständlich überraschte ich ihn mit einem unangekündigtem Besuch und alles war gut.

Ohne Gitarre ist das Land leer

Ohne Gitarre ist das Land leer

– die Torten, heute z.B. Lilis Geburtstagstorte. Quietschbunt und zuckersüß, umwerfend.

Alles Bunte und Süße zum 4. Geburtstag, Lili!

Alles Bunte und Süße zum 4. Geburtstag, Lili!

– die ziemliche Gelassenheit im Umgang mit Regeln, der auch eine Gelassenheit im Umgang mit Zeit ist. Ein oder zwei illustrative Episoden zu erzählen, bin ich aber leider gerade zu müde, vielleicht morgen…….

Und dann, übermorgen, wenn wir wieder in Deutschland sind, fällt mir wohl noch unendlich mehr ein, was in diese Liste gehörte. Doch zuvor: eine geruhsame Nacht, Irkutsk.

Interkultur/Irkutsk/Sprache

Ein bisschen Theater

Posted by Sascha Preiß on

Vergangene Woche war schön: Kulturtage. Hatte mir dafür einen sehr alten, sehr guten Freund eingeladen, Micha, die Hauptattraktion. Schauspieler am Berliner Ensemble. Machte seine Drohung wahr, eigens für Sibirien Gogols „Notizen eines Irren“ zu inszenieren. Wahnsinn, wirklich. Eine Freundin nannte es mutig, denn Gogol sei als zweitklassischster aller russischen Autoren (hinter dem Premiumklassiker Puschkin, der mitten in der Woche Geburtstag hatte und reich beschenkt wurde) ein seit der Schulzeit endgültig ausgelegter Autor, konkrete Bilder im Kopf, konkrete Erwartungshaltungen, wie ein Petersburger Beamter des Zarenreiches auszusehen und sich zu bewegen habe. Die Interpretation des Deutschen treffe das ziemlich sehr überhaupt gar nicht, doch interessant sei es allemal. Eine andere Freundin machte sich voller Bewunderung ernste Sorgen um des Schauspielers Gesundheitszustand: Jemand, der so sehr am Wahn gearbeitet hat, kann doch nicht so ganz ohne davonkommen!

Und zwei Tage später eine Lesung. Brecht, Müller, Brasch. Lyrik im Minenfeld zwischen sozialistischem Idealismus und sich entfremdenden Individuum. Bislang unübersetzt, beinah unübersetzbar. Interessiert das heute noch irgendwen, dieses verstaubte Stück deutsche (osteuropäische) Geistesgeschichte. Doch hatte ich mich vorher einer unfassbar guten Fee erinnert: Alexandra. Die nahm sich Urlaub vom Leben und zauberte sich als des Schauspielers unfehlbare Begleitung in die Welt. Probte mit Micha. Synchrondolmetschte Gogols Erzählung zwei Abende hintereinander. War einen vollen Tag Reiseleiterin. Übersetzte am nächsten Vormittag 50 deutsche Gedichte. Mindestens: Hut ab, aber Hallo, und allertiefste Verneigung.

Und dann war da noch Nadja, junge Dramaturgin am Irkutsker Schauspielhaus, wo die drei Abende (2x Gogol, 1x Lesung) stattfanden. Noch so eine gute Fee, mitten im regnerischen, frühsommerlichen Irkutsk. Sie half bei der ganzen Organisation am Haus. Alles tolle Leute, von der Kartenverkäuferin übers Wachpersonal bis hin zu Schauspielern und Administration. So sehr willkommen und entspannt habe ich mich auf Anhieb nur ganz selten gefühlt. (Sophia, die in Chabarowsk lebt, bestaunte stets die Freundlichkeit in der Stadt: lächelnde Kellnerinnen!) Und weil Micha gestern schon wieder zurückgeflogen war, gab ich Nadja heute seine Geschenke, garniert mit einem großen Blumenstrauß. Und jetzt bin ich eingeladen, im August in Bolshoe Goloustnoe, meinem Lieblingsort am Baikal, einen mehrtägigen Improtheater-Workshop mit Irkutsker Schauspielschülern zu leiten. Ich kann so schlecht Nein sagen.

Und wie wir so im Büro des Theaters saßen, redeten wir über Theater und Autoren. Der bekannteste Irkutsker Dramatiker ist der früh gestorbene Alexander Vampilov, dessen Werke in der Tradition Tschechows stehen (dem drittklassischsten russischen Autor). Vor dem Schauspielhaus steht ein Denkmal, das Theater des Jungen Zuschauers trägt ehrvoll seinen Namen, stets findet sich mindestens eines seiner Werke auf dem Spielplan. Auch in Deutschland wurde er bereits gespielt, allerdings vor einiger Zeit. Und ich bemängelte, dass derzeit in den Irkutsker Buchläden kein Vampilov erhältlich ist. (Da sieht es in Deutschland besser aus, auch wenn es keinen zu interessieren scheint.) Und sofort ging Nadja im Raum auf die Suche. Und ich wusste, ich komme hier nicht buchlos raus. Und mir war das peinlich. Kurz darauf jetzt hielt ich Wampilows Texte in den Händen, eine längst vergriffene (4000 Exemplare), umfangreiche Ausgabe des Irkutsker Vampilov-Fonds von 2002, und fühlte mich ein bisschen wie ein Dieb. Aber wie ein glücklicher. So ein tolles Geschenk habe ich lange nicht mehr erhalten (und ich habe hier sehr viele sehr tolle Bücher geschenkt bekommen).

Alexander Vampilov - Dramaturgisches Vermächtnis. Irkutsk 2002.

Alexander Vampilov: Dramaturgisches Vermächtnis. Irkutsk 2002.

Und nun, nach dieser tollen letzten Woche, ist Zeit nur mehr Frist, es bleiben weniger als 3 Wochen bis zu unserer Abreise. Auch wenn ich im August noch einmal hier bin: Wir werden viele sehr gute Freunde verlassen.

PS bzw Anregung zur Aufheiterung: Ich würde mich riesig über die DDR-Ausgabe von Wampilows Dramen freuen: A.W.: Stücke. Verlag Volk und Welt, Berlin 1976.

Большое спасибо.

Irkutsk/Wildbahn

In der Zoogalerie

Posted by Sascha Preiß on

Letzten Sommer war Lili dann erstmals im Irkutsker Zoo. Weil es dort ziemlich eng ist, die Tiere in minimalen Gehegezellen leben und die Sonne ihr übriges tat, nennt sie diesen Ort seither nur noch „Stinkerzoo“. Was sie keineswegs daran hinderte, mir ebenfalls einen Besuch abzutrotzen. Mehrere Jahre habe ich mich erfolgreich vor einem Besuch gedrückt, nach dem Bericht vom vergangenen Sommer fiel mein Interesse daran noch weiter – jetzt fiel mir keine Ausrede mehr ein und ich habe es also hinter mich gebracht.

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Zoologische Gärten sind in den meisten Fällen wissenschaftlich begleitete Parkanlagen, oft mit einer recht interessanten zoohistorischen und auch architektonischen Geschichte. Der älteste Zoo Sibiriens wurde 1933 in Nowosibirsk begründet und beherbergt heute auf einer Fläche von 60 ha über 10.000 Tiere von über 700 Arten. Der Park ist so populär, dass er bei einer Internet-Abstimmung über die 10 interessantesten touristischen Attraktionen Russlands für den sibirischen Raum derzeit den 3. Platz belegt (nach dem Baikal-See und einem Denkmal für Hausschuhe in Tomsk).

Nun, der Irkutsker Zoo ist ein bisschen kleiner und entspricht nicht ganz den Anforderungen eines Parks, weshalb er offiziell nur „Zoogalerie“ genannt wird. Diese Galerie befindet sich neben dem Puppentheater am Eingang zum ehemaligen Erholungspark, einem derzeit etwas ungepflegten Gelände oberhalb des Stadtzentrums. Ein erster Zoo wurde 1989 eröffnet, das war eine kleine fahrende Galerie, die Irkutsker Zoologen organisiert hatten und 1995 aus finanziellen Gründen die Arbeit einstellen musste. Die Tiere verblieben im Besitz des Irkutsker Gebietsmuseum, und das Ehepaar Vadim und Ljudmila Ivushkin versuchten, einen neuen Zoo aufzubauen. Mit Hilfe einer Soros-Stiftung konnten die Tiere und ein Pavillon mit 70m² im ehemaligen Erholungspark erworben werden. Die heutige Galerie eröffnete im Juni 2005 und beherbergt derzeit auf 400m² Tiere aus 200 Arten. Die meisten Tiere sind aus anderen russischen Regionen (Vladivostok, Krasnojarsk, Krasnodar) durch Aufgabe oder Umgestaltung von Zoogärten nach Irkutsk gebracht, oft in schlechtem Zustand. Tiere gefährdeter Arten werden allerdings nicht aufgenommen, weil die Möglichkeiten für Unterbringung und Pflege nicht gegeben sind. Da der Zoo als private Einrichtung keine öffentliche Förderung erhält, finanziert er sich ausschließlich aus Eintrittsgeldern und dem Verkauf von Luftballons, Spielzeug u.ä. Die Haltung und Versorgung der Tiere ist daher auch nichts für Tierliebhaber und Tierschützer. Die Gehege sind allesamt zu klein und keineswegs artgerecht. Ein Braunbär etwa lebt auf einem ca. 5m² kleinen Areal, an seinem Gehege ist ein Hinweis angebracht, dass man ihn jederzeit füttern kann und er besonders Brötchen mag. Die kleinen Vogelkäfige sind vollkommen zugekotet und mit zu vielen Tieren belegt; die meisten Wasserbecken für Schildkröten, drei Varane oder ein Krokodil sind ziemlich dreckig; die Tiere haben in den Käfigen keine Möglichkeit des Rückzugs und sind stets den Betrachtern und den an die Scheiben klopfenden Kinder- und Erwachsenenhänden ausgesetzt – wie Bilder in einer Galerie. Der Eintritt kostet 250,- Rubel (6,20 €), fotografieren, auch mit Blitzlicht, ist für weitere 50,- Rubel (1,20 €) gestattet.

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Es ist sicherlich ein Verdienst des Paares Ivushkin, sich der verlassenen, kranken Tiere aus Irkutsk oder anderen Regionen anzunehmen und diese pflegend zu versorgen. Leider ist der Zustand ihrer Einrichtung, die von Kindern und manchen Erwachsenen als Attraktion verstanden wird, ziemlich bedauerlich und ein Fall für den WWF. Denn mehrere Bären und Wölfe, einen Löwen, einen Leoparden, einen Luchs, ein mongolisches Yak, ein Emu, mehrere Geier, Falken, Kraniche, Affen usw auf 400m² unterzubringen, ist eine ziemliche Qual. Immerhin wurde vergangenen Juni verkündet, dass der Bürgermeister eine Kommission zur Entwicklung des Zooparks einberufen hat und nach einem geeigneten Gelände von mindestens 12-15 ha, erweiterbar auf 30 ha, sucht. Was aus diesen Plänen inzwischen geworden ist, ist allerdings – wie gewöhnlich – unbekannt.

Irkutsk/Ulica

Über den Humor von Stadtplanern

Posted by Sascha Preiß on

Die nachfolgend vorgestellte Straße befindet sich mitten im Stadtzentrum von Irkutsk, unweit des Zentralmarktes, der Oper und der Kreuzerhöhungskirche. Und vor allem in historisch wahrem, asphaltfreiem Zustand. Trekking-Begeisterten und Freunden individueller Stadterkundungen abseits der Mainstream-Sehenswürdigkeiten soll dieses Kleinod wärmstens ans Herz gelegt sein. Denn gerade zur Zeit des sibirischen Tauwetters, aber auch im feuchten Herbst, entwickelt dieser Ort erst seinen eigentlichen, besonderen Charme.

Man beginne die Tour am Fuße der Straße bei den offenen Müllcontainern, um die herum Wind, Hunde und unkontrollierte Wurfleistungen allerlei Reste auf die Straße verteilt haben (Bild 1). Dann arbeite man sich durch die Schlucht die leichte Anhöhe hinauf, weniger experimentierfreudige Wanderer können auf die gebrechliche Holztreppe links daneben zurückgreifen (Bilder 2, 3). Ist man oben auf dem Plateau angekommen, sieht man sich unweigerlich der Herausforderung ausgesetzt, sich einen Weg durch die Fahrspuren zu bahnen – es ist dies eine authentische und ungekünstelte Begegnung mit der sibirischen Stadt von vor ca. 150 Jahren (Bilder 4, 5). Der Weg endet am Aufeinandertreffen der nun absolvierten Straße mit einer halbasphaltierten Querung – genau da, wo erneut Müllcontainer platziert wurden (Bild 6). Man sollte an dieser Stelle innehalten: der Anblick der Fußbekleidung wird unvergesslich bleiben.

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Der Name dieser Straße darf bei all dem nicht vergessen werden: ulica Grjasnowa, die Grjasnow-Straße. Grjasnow ist der Familienname einer in der Straßenbeschilderung nicht näher bezeichneten russischen Persönlichkeit; der Nachname wiederum leitet sich vom durchaus treffenden Adjektiv „schmutzig“ ab. Manche Stadtplaner verwirklichen auf diese Weise offenkundig ihre Anfälle von Humor.

(Fotos: Jenny.)

Das Wetter/Irkutsk/Ulica

Der Frühling

Posted by Sascha Preiß on

Für Miroslav Krleža

Seit Tagen bewege ich mich nur noch gebückt, beinah kriechend durch diese Welt, die, wie ich mir so sehnlichst wünsche, nach Erblühendem duften sollte, aber meist nur nach Erbrochenem riecht, und nach den ganzen anderen Abfällen und Resten, Hinterlassenschaften und Exkrementen der langsam, sehr langsam sich verziehenden sibirischen Jahreszeit. Denn was da nun alles wieder zum Vorschein kommt, was da in den Schneebergen und Eismassen der letzten fünf Monate so insgesamt hinein sediert ist und nun dem Tageslicht entgegen taut, dabei wie längst vergessene Fossilien zu Tage tritt, das kann gar nicht anders als stinken, gewaltig und erbarmungslos, den ergrauten Himmeln dieser Stadt entgegen. Und so spült sich im ringsum Tauenden, Tropfenden, Nässenden, Wässernden und Erweichenden die gesamte Kloake des vergangenen Halbjahres nach oben, an die trockene, jeden Geruch aufgreifende Luft, um sogleich in Fäulnis und Verderb zu schwelgen, und was dereinst ein Apfel war oder eine Aubergine, wer auch immer diese und warum hingeworfen hat, erscheint nun, als bräunliches, entformtes Sediment, verfault, vergammelt und unzureichend konserviert, garniert und angerichtet mit zerfaserten Zigarettenstummeln, zerbrochenen Flaschen, zu Brei geschmolzenem Herbstlaub, kaum zersetztem Hundekot oder gleich erfrorenen, vereisten und nun zum Vorschein kommenden Hunden und Katzen, schmutzigen, nassfelligen, zerzausten Geschöpfen der Straße, von denen in jedem Frühjahr unzählige nachwachsen, denn die Überlebenden haben sich zusammengerottet auf Spielplätzen und von unten wärmenden Gullideckeln, die Gestorbenen, nun freigelegten Tiere aber sind die Kadaver eines sibirisch herzlosen, entseelenden Frostes, ihres Grabes beraubt, neben den Gehwegen im Schlamm steckend, Gesicht bzw Schnauze dem grauen Schneeberg noch zugewandt, der Körper noch halb eingefroren, ein kaltes, nässendes, schwarzes Auge aber ist schon zum Vorschein gekommen und starrt kalt und wild zugleich in diese Welt voll nassen Drecks, unbetrauert und umgeben von Mülltüten, Bierdosen und zu braunem Schlamm aufgeweichten Papphülsen von Silvesterböllern.

Im Frühjahr kehren sie zurück, die untoten Seelen, Zombieland, ein Horror für das Empfinden zarter Frühlingssuchender, von Valentinstag bis Ostern mit blühender Hoffnung bewaffnet, doch nimmt man eigentlich hiervon gewohnheitsmäßig keine Notiz, trabt stur und regungslos wie eh und je durch die graubraun überquellenden Straßen und Wege, die sich schon bald erneut vereist haben, mit Schnee dünn überfärbt haben werden, unter reißendem Heulen und mit beißenden Wind, denn die Frühlinge hier dauern ewig und lassen sich durch nichts beschleunigen und können so viele neue Eisstürme über den schmutzigen Landstrich hinweg ziehen lassen, wie Bittgesuche und Gebete in den Kirchen für eine baldige Genesung der Angehörigen von der Virusinfektion auf die Gesichter der Ikonen geseufzt oder dürr glimmende, mild wärmende Kerzen zur Abwendung von Unheil in den Andachtsräumen aufgestellt werden, denn zu einfach soll es den Menschen nicht gemacht sein, alles muss errungen und ertrotzt werden, alles muss klaglos und ohne Zorn ertragen sein, bis die letzte Sehnsucht verdunstet ist. Dann vielleicht wird der eine oder andere Ast freigegeben und darf knospen, weit nach dem Frühlingsfest, nicht vor Ende der Fastenzeit, womöglich noch nicht einmal vor Pfingsten.

Diese Tage haben auch mich taub gemacht, stumm und mürrisch, denn wen würde es nicht schockieren, verstören, enttäuschen, müsste er wie ich sich in dieser überflutenden Welt voll Abfall und Morast bewegen, in Erwartung von so etwas wie Krokussen oder Narzissen. Der Schlamm setzt sich überall fest, auf allen Wegen, in allen Kleidern, in den Handschuhen und Schals, auf den Wangen, in den Augen und Haaren, im Gemüt. Von den Sohlen spritzt er die Hacken hinauf, krallt sich wie giftiger Samen an allen erreichbaren Wirten fest, pflanzt sich fort, trägt sich in die Autos, Marschrutkas, Busse und Straßenbahnen, in die Treppenhäuser und Wohnungen, in alle Räume, auf die Sofas und Betten, frisst sich in die Blicke, in die Worte, in die Sätze, verschlammt die Gedanken. Ich, wie alle anderen auch, lebe im Schlamm, im schwarzen Schleim, im Dreck und Morast, ich schlafe in ihm, ich atme ihn ein und esse ihn, ohne dass ich das verhindern könnte. Jede Berühung ist eine potentielle Verseuchung, eine Ansteckung, eine toxische Gefährdung, jeder Versuch einer Waschung, eines Bades oder einer Reinigung ist eine Verblendung, denn selbstverständlich ist auch das Wasser in den Leitungen befallen und verseucht und ungeeignet, den Morast abzuspülen. Und jede Speise und jeder Teller und jede Gabel und jedes Glas ist ebenso befallen. Ich habe keine andere Wahl, also ergebe ich mich dieser Flut, versuche mich nicht gegen sie zu wehren, denn es ist vergebens, es ist Sibirien und es ist ein wenig hold blickender Frühling unter der kalten Sonne, hier belebt sich nichts, hier wird Totes sichtbar, und dieses schwemmt sich durch die Stadt, bis es von der trockenen Luft aufgesogen und an anderer Stelle wieder ausgespien wird, und ich krieche entlang, ausgezehrt, hungrig, gereizt, trocken hustend, den Blick stur auf die schmutzig vereisten, aufgetauten, erneut vereisten Wege gerichtet, um nichts anderes sehen zu müssen, denn ringsum ist alles des selben Anblicks, Geruchs und Geschmacks. Einige weitere Tage und Wochen lang.

der-fruehling-2013

Irkutsk/minimal stories/Universität

Feierabend

Posted by Sascha Preiß on

Ich möchte einmal Windeln und Kamillentee kaufen. Die freundliche Apothekerin holt aus dem Lager ein großes, teures Windelpaket, da fliegt die Tür auf, herein stürmt ein halbwegs junger Mann mit Autoschlüssel und einem 1000-Rubel-Schein in der Hand und verkündet, er bräuchte sofort eine frisch verpackte Spritze. Hinter ihm betritt eine große, runde Beamtin irgendeines Sluzhbas minenlos und in Uniform den Raum. Das Lächeln der Apothekerin wankt kein Bisschen. Mit meinen Windeln an der Kasse hantierend, sagt sie dem jungen Mann, dass das 90 Rubel kostet und sie für den großen Schein wohl nicht genug Wechselgeld hat, er solle den sich besser irgendwo klein machen lassen. Aber das habe er doch schon überall probiert, wedelt er herum, wo soll er denn noch alles nachfragen, außerdem sei es dringend, ja, sein Hund liege krank im Auto. Die Apothekerin weist ohne stimmliche Regung auf mich als gerade zu bedienenden Kunden hin, die große Beamtin betrachtet intensiv die angebotenen Hustensäfte, der junge Mann scharrt mit den Füßen, ich verstaue umständlich Wechselgeld und Ware, aus den Augenwinkeln den Mann anblickend, der nicht wie ein Veterinärmediziner auf Rädern ausschaut. Die Apothekerin blickt in die geöffnete Kasse, seufzt einsichtig, hält dem jungen Mann ihre Hand hin, der legt seine Banknote hinein, sammelt dann das doch ausreichende Wechselgeld und steril verpacktes Spritzwerkzeug ein und flugs ist er verschwunden, dem Hund zu Hilfe eilend, und die Beamtin wendet sich von den Säften ab und nuschelt irgendeine Bestellung. Als ich die Apotheke verlasse, sitzt der Mann im vor der Treppe geparkten Auto, laufender Motor, getönte Scheiben, auf dem leeren Beifahrersitz die Verpackung, er sieht mich und beugt sich über etwas zwischen seinen Beinen. Kein Hund nirgends. Dass Drogen in Irkutsk ausgiebig konsumiert werden, lockt diese Tiere offenbar nicht mehr hinterm Ofen hervor. Die Statistik gibt für 2012 eine doppelt so hohe Abhängigenrate wie für den gesamtrussischen Durchschnitt an. Und weggeworfene Spritzen kann man eigentlich jeden Tag sehen. Mich überrascht dann doch die Selbstverständlichkeit. Niemand kann mir erzählen, dass die eisern lächelnde Apothekerin und die gezielt desinteressierte Beamtin nicht gewusst hätten, wozu der Mann eine frische Spritze braucht. Und dass er sich das Zeug bei laufendem Motor reinzieht, vor der Apotheke, zum Feierabend. Und dass auch ich eigentlich nur mental mit den Schultern zucke: Hm.

Naja.

Architektur/Ästhetik/Irkutsk

Novostrojki

Posted by Sascha Preiß on

Wohnt ihr eigentlich in einem Plattenbau?, fragte mich jemand, den ich nicht kannte und der sehr weit weg wohnte, ungeheuer weit hinter dem Horizont, den ich von hier aus sehen kann, wenn die Fenster nicht vereist sind, aber im Internet spielt das ja nur bedingt eine Rolle.

Vermutlich existierte im Fragenden, da er wusste, dass ich in Russland, und zwar ziemlich tief in der finsteren sibirischen Provinz lebte, ein dunkles Imago vom sowjetischen Sozialismus, wie er einem feurigen, dröhnenden, omnipotenten Dämon gleich mit gewaltiger Energie und energischer Gewalt über das riesige Reich gezogen war, sich von den Kremlmauern erhebend, von der Zentrale sich ausbreitend, begleitet von wütenden Propheten und grimmigen Aposteln in allerlei Uniformen, fliegend bis in die trübsten, schlafendsten, totesten Winkel seines Imperiums, und gen Osten entlang der eisernen Ader TransSib rauschend, kreischend, fauchend, ein giftiger Cherub in eiserner Rüstung, und überall, wo es ihm möglich, notwendig oder zu Versuchszwecken angebracht scheint, errichtet er etwas, monströse Werke seines die Natur unterwerfenden Geistes, Industrie, Staudämme, Kraftwerke, umgeben von ins unwürdige Nichts gerammte Plattenbauten als Wohneinheiten, Batterien zur Versorgung der Anlagen mit menschlicher Arbeitskraft. Diese Funktionsbauten prägen den Anblick der sowjetischen Städte bis heute, eine Epoche des maschinellen Fortschritts, erdacht mit der Euphorie technisch zu errichtenden Heils, eine Chimäre der Jahrhundertwende, ausgeführt nach Stalins lang ersehntem Tod, nachdem dieser als Erzengel des Kommunismus tiefe Spuren ins Land furchte, mit Palästen vom Moskauer Erdreich und bis zum Himmel, mit einem blutigen Netz aus Mülldeponien für die Widerspenstigen im restlichen Land. Chrushchows Paläste jedoch sind glanzlos, zwergenwüchsig, grau, trocken, funktional, rational, hässlich, doch belebten sie das Reich und illustrierten den Ausbruch aus dem Frost ins Tauende, Warme, halbwegs Moderne – eine Vision, die sich in den führenden Köpfen des Riesenreiches fast bis zum Schluss hielt als Wandbild, uralte, verschrumpelnde, schimmelnde, halbblinde, taube Köpfe, deren innere Mechanik sich nur unter Umständen bewegte, vielleicht nur mit der tröstenden Kraft des Wässerchens, doch eigentlich lahmte und oft genug still stand wie der ganze verdammte Fortschritt und die scheiß schlechten Autos auf den miserablen Straßen und die rostigen Turbinen in den schon wieder einstürzenden Hallen und zum Schluss nicht mal mehr die Raketen richtig Bock hatten, irgendwohin aufzubrechen, geschweige denn der wegdämmernde, eisern zugehängte, irgendwann einmal neu gewesene Mensch.

Ob wir in so etwas wohnten, wollte der also hinterm Horizont wissen, aber dennoch war ich der Ansicht, die Frage sei irgendwie freundlich gestellt und ernst gemeint, also sah ich einen Anlass, sie zu beantworten: nein. Nicht mehr. Auch wenn wir die längste Zeit unseres sibirischen Lebens in solchen, heute ganz ohne jede nostalgische Verklärung als Viehsilos, Schlafställen benannten Steinquadern verbrachten. Und davor, so wie es auch vor Geburt der Chrushchowkas gewesen ist, lebten wir in einer sibirischen Hütte, ein Babajaga-Häuschen im Stadtzentrum, hölzern, knorrig, mit krummnasigem Charakter, für uns wie für den gar nicht schrumpeligen Alten, der darin hauste, furchtbar liebenswert, eine zu kurze Zeit brachten wir darin zu, als Gäste, und eines dieser meist ungepflegten Schlösschen verbrennt jeden Tag, denn mit dem Geruch von Märchen und Freiluftkloake ködert man heute niemanden, sie verkörpern das Alte, Überkommene, Matschige, Hygienelose, Vorzivilisatorische, Eingeborene, Höhlenhafte, Eiszeitliche, Verachtenswerte, auch wenn sie, sollten sie gepflegt sein oder gänzlich neu errichtet, Schönheit besitzen. Doch meist stehen sie im Weg.

Und damals, zur Zeit der metallischen Visionen, versprachen die aus platten Einzelteilen und im ganzen Land völlig identisch, humorlos, planmäßig errichteten Bauten gegenüber dem sibirischen Holzgehäuse einen wesentlichen Aufstieg, Ansehen, Komfort, Elektrizität und fließend Wasser. Dabei blieb es. Doch die in ihnen lebenden Familien wuchsen und es wurde nicht mehr gebaut, denn die Räder in den Hirnen der Uralten, die an den Hebeln saßen und kaum mehr sprechen konnten, standen still. Also blieben die Familien zusammengepresst in die immer enger werdenden Platten, die einfach nicht aus ihren Nähten platzen wollten, weil sie zu massiv errichtet waren. Erst ganz spät, nachdem das Riesenreich zusammengebrochen war und es wirklich unübersichtlich wurde ringsum, machte es plopp und wer konnte, rette sich irgendwo hin oder machte sinnlos viel Geld mit irgendwas, wahlweise auch sein Unglück oder was auch immer grad greifbar war, erst dann entstanden neue Häuser, die sprossen so hektisch aus dem Boden wie sonst nur die Blumen und Blätter im sibirischen Frühling, und fraßen dabei die Holzhüttchens weg wie warme Semmeln, als gäbe es in Kürze nichts mehr, und neulich stand ein noch nicht alter Mann in dieser Wohnung in der quasi hundertneunzehnten Etage und schaute ganz nach unten und sagte, in dem Haus, das noch bis vor wenigen Jahren da stand, wo jetzt unser ebenso hochaufragendes Nachbarhaus steht, in dem sei er geboren worden und habe sprechen gelernt, aber er empfinde nichts deswegen, er hat auch kein Foto davon und ist schon ganz gut so, wie es ist.

Und wir haben also in der knappen Zeit unserer Anwesenheit alle Stufen sibirischer Zivilisation des 20. Jahrhunderts durchlaufen und können, wenn es Sommer wird und die Flora der Stadt vor Glück explodiert wie sonst nur Immobilienpreise und Feuerwerk, beruhigt ausziehen und das Weite suchen.

Architektur/Irkutsk/Russland/Statistik

Produktive Arbeit

Posted by Sascha Preiß on

Die Sache mit den Ausländern ist für Inländer so ziemlich überall ein irgendwie unangenehmes Thema. Denn so ein Migrant, ist er erstmal da, schafft, scheints, hauptsächlich Probleme. Deswegen sind in vielen Ländern, z.B. in Deutschland, viele Inländer, die befürchten allerhand vom Ausländer und sogar, dass sich das Inland schließlich abschafft. So in ähnlich auch in Russland. Nur schreiben die Inländer da keine Bücher, sondern sie marschieren, z.B. durch Moskau. Oder sie machen Gesetze, die unerwünschten Umgang mit dem Ausländer zur verbotenen Tat werden lässt. Ich bin auch Ausländer in Russland und verrate jetzt mal was: Das ist eigentlich alles doch nur gut gemeint. Zum Wohle des Volkes. Schöner unsere Städte und Gemeinden. Wirklich!

Wie zum Beispiel diese schöne Broschüre aus St. Petersburg, die den Ausländern, die hier „Arbeitsmigranten“ heißen und sonst eher mit dem aus Deutschland importierten Begriff „Gastarbeiter“ bezeichnet werden, das Leben so leicht wie möglich machen soll, damit sie gute Arbeit leisten, über die sich die Inländer freuen können. Gastarbeiter eben. Daher sind sie auch konsequent als Werkzeug abgebildet. Ist ja auch so, die meisten Ausländer kommen nach Russland, um hier zu arbeiten, meist im Baugewerbe. Werkzeuge eben. Wo ist das Problem? Ist doch nur gut gemeint.

In Irkutsk aber scheint es mit der Qualität der Gastarbeiterarbeit nicht mehr so zum Besten zu stehen. Jedenfalls möchte der Gouverneur des Irkutsker Gebietes nicht mehr ganz so viele Gastarbeiter, sondern ab 2013 nur noch halb so viele. Und die andere Hälfte soll mit den Inländern gefüllt werden, die zur freien Arbeitsverfügung stehen: Studenten. Damit nämlich kann man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: auf ganz legalem Weg wird man die nicht ganz so populären Leute los, und gleichzeitig erhöhe sich nach Ansicht des Gouverneurs die Qualität der Arbeit. „Daran glaube ich“, sagt der Gouverneur.

Ist es eigentlich von Bedeutung, dass seit Jahren sich die Zahl der Einwohner im Irkutsker Gebiet verringert? Ist es wichtig, dass deutlich mehr Menschen aus Irkutsk weggehen als dass sie aus dem Ausland kommen und bleiben? Für die Forderung von weniger Ausländern ja sowieso noch nie gewesen. Und wenn schon Migranten, dann sollten sie bitte schon was können, wenn sie ihre Arbeitskraft in Russland einzusetzen gedenken. Oder es darf der eigene Nachwuchs endlich ran.

Der Irkutsker Gouverneur hat, scheints, den Glauben an die Schaffenskraft der jungen Leute entdeckt: Mit den Klügsten und Aktivsten der Jugend von heute, die die tollsten Vorschläge zur Entwicklung des Irkutsker Gebietes machen, möchte er sich fortan treffen. Es ist wirklich zu begrüßen, dass die Jugendlichen in diesem Umfang von der Politik ernst genommen und mit einbezogen werden. Das scheint die richtige Balance zwischen theoretischer und produktiver Arbeit, zwischen Geist und Körper, zwischen ideellen und materiellen Werten. Früher mal gab es mal in Deutschland ein wunderschönes Lied, das die Euphorie über die jugendliche Schaffenskraft ganz hervorragend ausdrückte bzw diese Kraft beim Singen überhaupt erst hervorbrachte: Und es wäre doch wirklich zu begrüßen, wenn es in Russland gelänge, das so wichtige, so migrantisierte, so vernachlässigte Baugewerbe mit neuer Schaffenskraft zu neuem Leben zu erwecken. Denn es gilt mehr denn je: Schöner unsere Städte und Gemeinden!

Irkutsk/minimal stories/Ulica

Suburbia

Posted by Sascha Preiß on

Die Hunde blicken drohend, als sie vorüber laufen. Irgendetwas muss sie von ihren üblichen Quartieren vertrieben haben. In einer ungewöhnlich großen Gruppe, beinah zehn Tiere, sind sie auf der Suche nach einer ruhigeren Ecke ihres Reviers und laufen über die frequentierte Straße. Die Autos sind vom Straßenschlamm verdreckt. Ein dunkler, schwerer Off-Roader, aus dem dunkle, schwere Gitarrenriffs dröhnen, biegt in den Innenhof ein und bremst hart vor der Haustür. Niemand steigt aus. Stattdessen ertönt bestimmt die Hupe. Etwas weiter steht eine Limousine mit laufendem Motor herum, ohne Insassen. Die Sandkästen des Spielplatzes sind zugeschneit, vereist, teilweise wieder aufgetaut, Dreck und Matsch. Im Sommer liegen hier die Hunde, die Mütter mit ihren Kleinkindern an verbogener Schaukel, Wippe und Karussel ignorierend. Unter den Bänken, auf denen pelzig die Hofältesten bei besserem Wetter sitzen und die verdorbene Jugend von heute beklagen, liegen ein paar Bierflaschen. Können aber auch vom umgestoßenen Mülleimer sein. Zwei Jungs übernehmen den Platz, um zu bolzen. Der eine drischt den Ball in Richtung Tor, verfehlt es klar und trifft ein parkendes Auto. Von der minutenlangen Alarmanlage lassen sie sich nicht stören. Auch hinter den Gardinen keine Regung. Es ist an diesem arbeitsfreien Montag mal einfach gar nichts los.