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Architektur/Irkutsk

Stadtentwicklung, zweiter Teil

Posted by Sascha Preiß on

Kurz nachdem ich in Irkutsk meine Arbeit begonnen hatte, fragte mich eine deutsche Kollegin aus dem ostsibirischen Omsk, ob auch in Irkutsk neuer Baugrund entsteht, indem Holzhäuser einfach abgebrannt würden. Damals konnte ich dies aus eigener Anschauung nicht bestätigen. Während der vergangenen drei Jahre, die ich mittlerweile hier lebe und arbeite, hat sich die Stadt z.T. massiv verändert, insbesondere im Zuge der Feierlichkeiten zum 350jährigen Stadtjubiläum. Das Stadtbild hat sich an manchen Stellen radikal verändert und auf ehemaligen Standorten eben jener alten Holzhäuser, die aus Mangel an Geld und politischem Erhaltungswillen tatsächlich sehr heruntergekommen waren oder noch immer sind, entstehen und entstanden moderne, wenig effektiv gebaute Neubausiedlungen. Die unabhängige Irkutsker Zeitung „Vostochnaya Sibirskaya Pravda“ spricht im Zusammenhang mit Verdrängung sibirischer Holzarchitektur durch Brände auch von einem „Friedhof der verbrannten Häuser“ und fragt nach der Verantwortung des Irkutsker Bürgermeisters. 

Auf studentische Initiative und in Kooperation der TU Irkutsk mit der TU Dresden waren im Frühjahr/Sommer zwei Architekten, die in Dresden Architektur bzw Architekturtheorie unterrichten, fünf Monate in Irkutsk zu Gast. Ihre Eindrücke von der Stadt an der Angara, deren zahlreich vorhandene, jedoch so gut wie nie genutzte oder umgesetzte städtebauliche Möglichkeiten, haben sie zu einem Artikel für die Irkutsker Deutsche Zeitung zusammengefasst (auch in russischer Übersetzung erschienen). Der Irkutskblog veröffentlicht diesen Text seinerseits, da in ihm exemplarisch der Zustand sehr vieler sibirischer Städte abgebildet ist, ebenso auch die (noch?) nicht ergriffenen Chancen, diese alten Städte für sich selbst und mit ihnen das ganze Land deutlich lebenswerter zu gestalten.

Zum Stadtbild von Irkutsk

Deutschland hat in den 60er/70er Jahren große Fehler in der Stadtplanung gemacht – Irkutsk könnte daraus lernen.

Irkutsk liegt in einem einzigartigen Natur- und Landschaftsraum und die Stadt verfügt über ein außergewöhnliches bauliches Erbe vor allem traditioneller Holzarchitektur, welche den Titel UNESCO-Weltkulturerbe verdienen würde. Das Zusammenspiel von Flusslandschaft und Stadt, aber auch die geographische Lage von Irkutsk bieten große Potentiale für zukünftige städtebauliche und wirtschaftliche Entwicklungen. Es gilt jedoch die historischen und natürlichen Schätze zu bewahren und stärker als Lebensqualität für seine Bürger und Besucher zu nutzen.

Intaktes Holzhaus

Die bauliche Geschichte und Identität von Irkutsk, der so genannte „Geist des Ortes“ prägen die Unverwechselbarkeit der Stadt. Um diese zu erhalten, muss die historische Bausubstanz bewahrt werden und neue Architektur sich angemessen auf das Bestehende beziehen. Das heißt zukünftige Bauvorhaben sollten sich in ihrer Formensprache, Maßstäblichkeit und einer für Sibirien klimagerechten Konstruktionsweise sensibel in den städtebaulichen, landschaftlichen und kulturellen Kontext integrieren. Formal willkürliche Neubauten wie beispielsweise große rosafarbene Shoppingcenter im Stadtzentrum bzw. entlang des Flusses, oder der mehrstöckige Geschosswohnungsbau bewahren das Besondere von Irkutsk ebenso wenig wie das Verstellen und Zerstören der historischen Gebäude. Oftmals beeinträchtigen erste Hochhäuser innerhalb eines Quartiers die Identität der gesamten Umgebung. Bespiele dieser Art finden sich in der ganzen Stadt. Die traditionelle Holzarchitektur stellt jedoch einen entscheidenden Beitrag zur wertvollen Irkutsker Baukultur dar. Die Bedeutung der Holztradition wird erkannt, wie sich bei neuen Projekten wie dem Quartier 130 zeigt. Die dortige Verfahrensweise ist jedoch sehr aufwendig und nicht stilgerecht. Zum Erhalt der Holzarchitektur gehört die Sanierung nach heutigen Wohnstandards sowie der teilweise Erhalt der innerstädtischen Wohnnutzung und der zu den Gebäuden gehörenden Nutzgärten. Durch die Zerstörung der Holzhäuser durch Brände oder gar Brandstiftungen, sowie das scheinbar ungebremste Ausdehnen kleiner Containerläden südlich des zentralen Marktes mit ihren dazugehörigen abweisend wirkenden Stahlzäunen, entsteht der Eindruck, dass die Holzbebauung bewusst vernichtet werden soll.

Besondere Sensibilität sollte neben dem historischen Zentrum vor allem an den Flussufern gelten, denn der innerstädtische Landschaftsraum in Irkutsk hat ebenfalls mehr zu bieten. Die derzeitige Betonfassung des Flusses wirkt sehr abweisend. Die sauberen kristallklaren Flüsse Angara und Irkut, ihre Inseln und Ufer sollten intensiver und vielfältiger genutzt werden. Öffentliche Räume könnten durchgehend entlang der Ufer erschlossen und für verschiedene Zielgruppen wie beispielsweise Radfahrer, Spaziergänger, Skater, Skilangläufer, Angler gestaltet werden. Grundsätzlich sind Plätze und Denkmäler oft sehr aufwändig mit Blumen bepflanzt, aber diese in erster Linie repräsentativen Räume bieten wenig Nutzungsspielraum. Man kann Flanieren oder auf einer Bank sitzen, andere Gestaltungstypen und alternative Nutzungen sind kaum zu finden. Es fehlen öffentliche Angebote für verschiedene Sportarten. Statt neuer Denkmäler und Blumenbeete (wie z.B. am Prospekt Marschala Schukowa in Solnezneij) könnte man Aktivitätsräume für Jugendliche schaffen beziehungsweise diese auch mit jungen Leuten oder Vereinen gemeinsam errichten. Beteiligt man bestimmte Gruppen bei der Gestaltung „ihrer“ Plätze, bleibt Vandalismus oftmals aus. Auch das Thema Wohnen am Wasser könnte stärker entfaltet werden. Dabei sollten am Fluss weniger beliebig aussehende Hochhäuser, sondern gestaffelte Bebauungen und öffentliche Zugänge zur Flusslandschaft geschaffen werden. Eine Bebauung könnte sich sensibel mit natürlichen Materialen wie Holzstegen und Holzliegeflächen sowie unversiegelten Wiesen dem Fluss nähern.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Irkutsker schätzt Eure Geschichte und stärkt Eure bauliche Identität, statt austauschbare postmoderne Glashochhäuser zu bauen! Ihr könntet heute von den Fehlern der 1960 und 70er Jahre deutscher Städte lernen. Wir rissen alte Fachwerkhäuser in den Innenstädten ab, wir ersetzten unsere Altstädte mit Neubauten und Schnellstraßen. Seit den 1990er Jahren verfolgen viele deutsche Städte den historischen Wiederaufbau und den Rückbau von Verkehrsbauten. Die Stadt Frankfurt am Main reist ihr Stahlbetonrathaus wieder ab und baut an selber Stelle die früheren Fachwerkhäuser wieder auf. Vielleicht müssen die Fehler der Stadtentwicklung selbst erfahren werden, um zu einer Haltung zu kommen, die die Geschichte und Tradition würdigt und bewahrt. Doch könnte Irkutsk aus den Fehlern anderer Städte lernen, würde viel Mühe gespart, authentische Geschichte erhalten und damit die städtische Identität gestärkt werden. Dafür bedürfte es jedoch nicht nur gut gemeinter Reden oder Schriften einzelner Fachleute, sondern verantwortungsbewusste Politiker und Investoren, die eine nachhaltige Stadtentwicklung und eine steigende Lebensqualität ihrer Einwohner statt unreflektiertes Bauen und kurzfristige Gewinne verfolgen.

Irkutsk, den 30. August 2011

Dr. Katja Friedrich und Andreas Dörrhöfer, Architekten aus Dresden

Irkutsk/Ulica

350 Jahre Irkutsk!

Posted by Sascha Preiß on

Am 14. September fanden die offiziellen Feierlichkeiten zum 350. Jubiläum der Stadtgründung Irkutsks statt. Die 1661 am Angara-Ufer gegenüber der Mündung des Flusses Irkut – daher der Name – gegründete Kosakenfestung hat im Laufe ihrer recht kurzen Geschichte doch allerhand erlebt. Hervorzuheben sind dabei die schnelle Entwicklung zum Wirtschafts- und Verwaltungszentrum Ostsibiriens innerhalb eines Jahrhunderts, die unerwartete kulturelle Blüte aufgrund der verbannten Dekabristen, und nicht zuletzt die völlige Neugestaltung der Stadt nach dem verheerenden Brand von 1879. Mit Ausnahme des für den Baikalsee und die Streckenführung der TransSib folgenreichen Baus eines Wasserkraftwerks östlich der Stadt (1950-59) und manchem Kirchenabriss hat die sowjetische Ära vergleichsweise wenige gravierende Spuren im Stadtbild hinterlassen, weshalb Irkutsk eine gewisse sibirische Ursprünglichkeit bewahren konnte. Im Rahmen der Vorbereitungen zu den Geburtstagsfeierlichkeiten wurde das 130. Stadtquartal völlig umgestaltet (zwischen Dezember 2009 und Februar 2010 brannten 9 alte, bewohnte Häuser ab) und im historischen Stil zum Stadtgeburtstag neu eröffnet. Sämtliche Fassaden der Innenstadt wurden renoviert und neu gestrichen, alle Gehwege wurden neu verlegt und werden es z.T. noch immer. Letzteres allerdings sind Arbeiten, die Jahr für Jahr stattfinden, weil der sibirische Frost den Gehwegplatten ziemlich zusetzt. Darüberhinaus sind die Festlichkeiten, mit mehr als 5000 Polizisten gesichert, erstaunlich unfallfrei über die Stadtbühnen gegangen. Das darf ruhig weitere 350 jahre so bleiben.

Hier ein paar Bilder vom Volksfest auf dem zentralen Kirow-Square, unmittelbar vor Beginn des bis in die Nacht dauernden Festtagsprogramms: http://www.flickr.com/photos/51543792@N08/sets/72157627689259602/

Architektur/Ästhetik/Irkutsk/Ulica

Stadtentwicklung

Posted by Sascha Preiß on
Anti-Terror/Irkutsk/Ulica/Wildbahn

Irkutsker Schießereien

Posted by Sascha Preiß on

Dieser Blogeintrag verdient eigentlich einen reißerischen Kriminalfilm-Titel: 2011 ist nicht das beste Jahr in dieser Stadt. Während nämlich die meisten Irkutsker am vergangenen Samstag das Stadtfest mit großem Karneval begingen, gerieten ein Mercedes-Fahrer und der Fahrer eines Schulbusses derart in Streit, dass der Fahrer des Mercedes schließlich auf den Bus schoss. Nach eigener Aussage, weil der Schulbus seinem Auto den Weg versperrte, auf dem er seine hochschwangere Frau ins Krankenhaus fahren wollte. Glücklicherweise wurde niemand verletzt.

Gut, mag man jetzt sagen, sowas kommt eben vor, zumal im wilden Osten Sibiriens. Deutlich weniger beruhigend dafür der heutige Montag: Erschossen wurde heute ein Mitarbeiter einer Inkassofirma vor dem Irkutsker Gebietsgericht. Drei unbekannte Männer in Sportkleidung eröffneten kurzerhand das Feuer auf den Mann, als er aus dem Auto steigen und die Einnahmen abgeben wollte. Die Täter konnten mit über 2 Mio Rubeln entkommen.

Verhaftet hingegen wurden zwei dringend Tatverdächtige, die für einen aufsehenerregenden Doppelmord an Straßenwächtern verantwortlich gemacht wurden. In den frühen Morgenstunden des 12. April wurde über Polizeifunk Hilfe bei der Verfolgung eines Autos angefordert, das Auto eines außerbehördlichen Straßenwachdienstes konnte das verdächtige Fahrzeug anhalten. Die beiden Insassen des „Zhiguli“ stiegen umgehend aus und schossen ein Dutzend mal auf die Wachdienstmitarbeiter, zwei starben, ein dritter wurde schwer verletzt.

Ebenfalls Aufsehen erregte die Mordserie in Akademgorodok. In diesem Stadtteil abseits des Stadtzentrums wurden zwischen Dezember 2010 und März 2011 mindestens 6 Menschen ermordet. Anfang März wurde nach zwei weiteren Morden eine Bürgerwehr gebildet, schließlich patrouillierte die Polizei durch nahezu alle Straßen, auch der Bürgermeister machte die Mordserie zu einer Angelegenheit unter seiner persönlichen Kontrolle. Anfang April wurden zwei verdächtige junge Männer verhaftet, die zumindest einen Mord zugaben. Inzwischen wurde ihre Untersuchungshaft, die heute abgelaufen wäre, bis Oktober verlängert, sie sollen unter psychologische Beobachtung gestellt werden.

Außerdem lieferte sich ein Mann am 22.Februar mit Mitarbeitern der Wachfirmen im Einkausfzentrum „Passage“ eine ausgiebige Schießerei, bei der glücklicherweise niemand verletzt wurde, aber der Schütze festgenommen werden konnte. Woher er seine Waffen hatte, ist unbekannt, vermutlich wollte er von Firmen im Einkaufszentrum Geld erpressen.

Im Dezember 2010 hat ein betrunkener Mann seine Nachbarin erschossen und ihren Mann schwer verletzt. Was genau zu dieser Tat geführt hat, wurde nicht mehr mitgeteilt. Ein Familienstreit hingegen war Anlass dafür, dass ein pensionierter Polizist seinen Schwiegersohn mit einem Jagdgewehr erschoss, seine Tochter schwer verletzte und sich anschließend selbst tötete. Und im März 2010 wurde der Prozess gegen die Gruppe „Die Magie des Blutes“ eröffnet, die mindestens 5 brutale Morde und mehrere schwerwiegende Misshandlungen zu verantworten hat. Ein 21jähriger hatte mit vier minderjährigen Schülern aus reiner Mordlust seine Opfern zu Tode gequält, indem ihnen u.a. nacheinander die Arme und Beine abgeschnitten oder mit Steinen zertrümmert wurden.

Man möge mir also meine kurze Panik verzeihen, als gestern ein junger Mann die Straßenbahn mit einer Kettensäge betrat. Aber er setzte sich einfach nur ganz vorne hin und stieg zwei Stationen später wieder aus, ohne von der Säge Gebrauch gemacht zu haben. Sehr angenehm, zur Abwechslung.

Irkutsk/Russland/Sprache/Statistik

Schöner unsere Städte und Gemeinden

Posted by Sascha Preiß on

Unlängst saß eine Studentin in meinem Büro, sie suchte eine Möglichkeit, sich endlich mal wieder auf deutsch zu unterhalten, also plauderten wir. Unter anderem über unsere Reiseerfahrungen in Russland. Ob ich schon in Moskau gewesen sei und was mein Eindruck der Stadt wäre. Ihr gefalle Moskau nämlich nicht so gut wie früher. Damals (wann genau, sagte sie nicht) wäre Moskau noch schön gewesen, aber heute sei die Stadt voll mit Tadjiken und Tschetschenen, die machten die Stadt ganz schmutzig, würden überall hinspucken, Frauen belästigen und sich überhaupt schrecklich benehmen. Das könne sie auch in ihrer Straße beobachten, wo Tschetschenen auf Baustellen arbeiteten, ganz und gar unangenehm.

Dass sich rassistische Einstellungen in Russland nicht auf Hooligans und Nationalbolschewiken beschränkt, ist keine Neuigkeit. Dass er sich nun so unverblümt  in einer netten Plauderei offenbarte, machte mir einigermaßen zu schaffen. Nicht allein dir Frage, wie darauf angemessen zu reagieren sei – als Ausländer ist man in einer Situation, die wenig Spielraum lässt, man kann wenig mehr als zu konstatieren, dass man selbst grundverschiedene Ansichten hat, womit sich das Thema (und das Gespräch insgesamt) erledigt hat. Aufschlussreicher ist wohl die Frage, wie junge Leute zu derart selbstbewusst vorgetragener, xenophober Weltsicht gelangen und wodurch ein solches Weltbild Bestätigung findet. Einen nicht unerheblichen Anteil hat die russische mediale Berichterstattung, in der „das Wort Tschetschene beinah schon den Status eines Markenzeichens“ hat.

Eine andere Begründung lieferte vorgestern Konstantin Poltoranin, der Pressesekretär des Föderalen Migrationsdienstes Russlands. In einem Interview mit der BBC Russland gab er an, dass „die Zukunft der weißen Rasse gefährdet“ sei bzw.: „Auf dem Spiel steht im Prinzip das Überleben der weißen Rasse, in Russland kann man das spüren.“ Er schlägt deshalb vor, „die Blutvermischung zu regulieren“. Diese „Ideen“ wiederholte er noch einmal auf Nachfragen der Internetzeitung gazeta.ru – selbstredend mit dem Zusatz: „Glauben Sie mir, ich bin weder Nationalist noch Rassist.“ Und das Ganze, weils so schön ist, führt der Pressesekretär noch einmal für den Radiosender „Stimme Russlands“ aus, mit Vorschlägen zu gesteuerter Zuwanderung: Man brauche vor allem hochqualifizierte ausländische Spezialisten…… Ob das für mich auch gilt? Nachdem nun die offiziellen Zahlen zum Zuzug von Ausländern ins Irkutsker Gebiet bekannt gegeben wurden und Poltoranin das Vokabular im Bereich Migration und Zuwanderung ganz offiziell um urrassistische Rhethorik erweitert hat, sollte sich meine Verwunderung über Plaudereien zu Moskau gelegt haben. Ein Kommentator zur Situation in Irkutsk merkt an: „Man kann wegen des ganzen Zustroms hier kaum noch atmen.“Der „Zustrom“ besteht aus 20.500 mehrheitlich befristeten Aufenthaltserlaubnissen im ersten Quartal 2011, bei einer Bevölkerung von 2,5 Millionen im gesamten Gebiet sind das etwa 0,8 Prozent. Aber Rassismus hat ja nichts mit Logik zu tun.

Anti-Terror/Irkutsk/Russland/Wildbahn

In den Fängen des „Krokodils“

Posted by Sascha Preiß on

Anlässlich des Besuches von Präsident Medwedjew in Irkutsk und der begonnenen Suche nach Lösungen für das Drogenproblem Russlands, veröffentlicht der Irkutskblog eine gekürzte Fassung eines Artikels aus der unabhängigen Zeitung Vostochnaja Sibirskaja Prawda. Die Reportage des Autors Bert Kork beschreibt einen Polizeieinsatz und vorangegangene Untersuchungen gegen eine Gruppe von Drogenabhängigen in der Kleinstadt Schelechow. Die Perspektive von Seiten der Beobachtungs- und Kontrollorgane verlässt der Autor dabei nie. Weitergehende Überlegungen zur Größenordnung des Konsums der Droge Desomorphin bzw. „Krokodil“ speziell oder des gesamten Drogenkonsums in Schelechow (und ganz Ostsibirien) stellt der Artikel leider ebensowenig an, wie Betrachtungen zu möglichen Auswirkungen von Drogenabhängigkeit auf die Demographie Russlands oder eine Analyse des Drogenkonsums als soziales und innergesellschaftliches Problem, wie es im Interview mit Evgenij Rojsmann anklingt. Die Reportage gibt allerdings Aufschluss über die öffentliche Wahrnehmung von und den Umgang mit Abhängigen (Tendenz zur Personalisierung, Verengung auf kriminelle Klein- und Problemgruppen, fehlende Persönlichkeitsrechte in der Berichterstattung, Strafvollzug als Lösungsansatz) und ist damit neben der Information über das gravierende Drogenproblem hinaus auch als Quelle zur Berichterstattung über Drogenkonsum im sibirischen Raum interessant.

Der russische Originaltext ist am 12.03.2011 erschienen und hier abrufbar. Die Fotos entstammen ebenfalls dem Artikel und sind als Slideshow hier zu sehen.

In den Fängen des „Krokodils“

Von Bert Kork

Die Paradoxie der Situation von Rauschgiftsucht und Drogenhandel im Irkutsker Gebiet besteht darin, dass, trotzdem Irkutsk in der russischen Statistik zur Drogenabhängigkeit einen vorderen Platz belegt, die Liste der verbotenen Präparate hier erfreulich stabil bleibt. Seit die Drogenwelle im letzten Jahrzehnt unser Land erreicht hat, ist der Genuss von Hydrochlorid-Diazetylmorphin, allgemein bekannt als Heroin, umgangssprachlich auch „Poroshok“ (Pulver), „Bjelyj“ (Das Weiße), „Hexogen“ oder einfach „Gex“ und „Geroi“ (Held) genannt, bei russischen Drogenkonsumenten nach wie vor am beliebtesten. Das ist deshalb erfreulich, da sowohl Ärzte als auch Rechtschutzorgane den Kampf gegen die Drogen angenommen haben – sie kennen die hiesigen Verbreitungswege der Drogenhändler und die Wirkung des Stoffes auf den Organismus gut.

Nach dem ersten Stich wird die Haut schuppig und der Körper fängt an zu faulen. (Das Foto wurde von "Gorod bez Narkotikov" zur Verfügung gestellt.)

Rauchmischungen wie „Dzhiwash“ und „Solej“ sind an Sibirien vorübergegangen (oder erst gar nicht bis zu uns gelangt) – geben Sie zu, Sie haben davon noch nie gehört. Aber im europäischen Russland richten Menschen damit ihren Verstand zu Grunde und sterben daran. Pilze und Halluzinogene sind für uns zu exotisch. Doch die Keime des ‚Neuen Bösen‘ treiben tief in den Osten aus. Meist wird in Berichten auf „synthetische Drogen“ verwiesen – Amphetamine und Ecstasy, die „Drogen der goldenen Jugend“. Vor Kurzem erschien jedoch ein neues Übel: Desomorphin, auch „Krokodil“ genannt. Krokodil kann von jedermann zu Hause aus codeinhaltigen Tabletten in Verbindung mit toxischen Substanzen hergestellt werden. Desomorphin macht die Haut zunächst schuppig, dann „verfault“ der Körper. Krokodil tauchte plötzlich von irgendwoher auf, als niemand es erwartet hatte.

Anti-Terror/Ästhetik/Irkutsk/Russland/Statistik/Ulica

Eine saubere Stadt für den Gesandten Gottes

Posted by Sascha Preiß on

So sauber hat man die Stadt lange nicht gesehen. Gefegte Wege und Straßen, leere Mülleimer, keine parkenden Autos in der Innenstadt. Da wird deutlich, wie eng die meisten Gehwege für Fußgänger sind und dass die Bäume noch immer nicht grünen, trotz seit Tagen frühlingshaften Temperaturen. Aber die Sonne scheint. Und überall stehen Polizisten, alle 100m. Unter der uniformierten Beobachtung läuft der Verkehr heute entschleunigter, weniger gehetzt. Und weil die Wege frei sind (mit Ausnahme der unbeobachteten Seitenstraßen) und alles ruhig rollt, wird die Stadt einen ihrer ganz seltenen unfallfreien Tage erleben. Wenigstens solange der russische Präsident noch in Irkutsk weilt.

Für den Staatsoberhauptsbesuch wirft sich die Stadt in ihren seriösen, zivilisierten Anzug. Ein bisschen aufgehübscht hat man sich, ein paar Straßen werden ausgebessert, Geländer gestrichen, Brücken gereinigt. Obwohl Medwedjew nicht eigentlich die Stadt oder gar deren Bewohner besucht, sondern die örtlichen Institutionen. Ein nächtlicher Ausflug ans Angara-Ufer, begleitet vom Gouverneur des Gebietes, ist der einzige realte Ortskontakt. Kein Menschenbad, kein Händeschütteln oder Winken, kein Fabrik- oder Schulbesuch. Statt dessen in der langen schwarzen Limousine durch die Leninstraße zum Administrationsgebäude, von diesem oder jenem Ausflugsziel am Baikal kommend.

Eher zufällig gerate ich in die Zeit, als die Innenstadt vollständig abgesperrt wird für die Durchfahrt der Präsidentenkolonne. Für etwa eine Stunde kommt im Zentrum nahezu alles zum Erliegen. Die meisten können auf die Behinderungen und Wartezeiten in ihrem Tagesrhythmus liebend gern verzichten. Wenn sie könnten, würden sie alle aufs Land fliehen. Der Busfahrer, dessen Fahrzeug wie alle anderen in den völlig verstopften Nebenstraßen stecken bleibt, verabschiedet mich beim Ausstieg: „Richten Sie Ihre Danksagungen an Präsident Medwedjew!“ Popularität sieht anders aus. Die ist wohl kaum das Ziel der Reise. Das Staatsoberhaupt hat den Innenminister, den Justizminister, die Gesundheits- und Sozialministerin, den Minister für Sport, Tourismus und Jugend, den Bildungsminister und den Minister für Kommunikation und Medien nicht für ein Bad in der Menge mitgebracht. Medwedjew will arbeiten. Unter anderem gilt es, mit vereinten Kräften den Kampf gegen die Drogenabhängigkeit der russischen Jugend aufzunehmen. Ein Thema, das nicht zufällig in Irkutsk auf die Agenda Russlands kommt. Das Irkutsker Gebiet gilt als eine der Hochburgen in Russland mit zweimal mehr Abhängigen als im gesamtrussischen Durchschnitt. In Russland werden nach offiziellen Zahlen mindestens 2,5 Millionen Drogenabhängige vermutet, von denen 70% unter 30 Jahre als sind – mit entsprechend hoher Sterberate. Russland bekommt auf diese Weise ein gewaltiges demographisches Problem. Medwedjew sucht nun, die Kräfte gegen die Abhängigkeit zu vereinen, sieht es als gesamtrussische Aufgabe und fordert zunächst einmal Tests von Schülern, das Sperren von Webseiten mit Anleitungen zur eigenen Drogenproduktion, und denkt über die Einführung einer Zwangsbehandlung anstelle von Gefängnisstrafen für Abhängige und Drogenkonsumenten nach.

Eine Studentin sagt, Medwedjew sei ihr zu kompliziert, sie mag Putin mehr, der ist einfach, volksnah, verständlich. Aber sie nehme auch diesen, denn alle russischen Präsidenten, hieße es ja, wären von Gott gesandt. An der Leninstraße sind einige hundert Menschen versammelt, die meisten einfach Passanten mit irgendeinem Ziel, dass sie nun zu Fuß erreichen müssen. Die einzigen sichtbaren Fahnen sind in den Händen von Mitgliedern der kommunistischen Partei, manch einer schwenkt die Fahne der Sowjetunion. Ansonsten spannungslose Ruhe, Verkehrspolizisten und stetig weiterschaltende Ampeln, rot, grün, rot, in den Seitenstraßen unendlich viele Fahrzeuge. Der perfekte Moment für einen Häuserbrand, die Feuerwehr hat keine Chance. Über der Stadt liegen dunkle Nebel, die Sonne ist auch verschwunden, kalter Wind kommt auf.

Und dann fährt ein Polizeiauto mit Blaulicht entlang, ermahnt die Fußgänger, die Straße nicht mehr zu betreten. Es ist das Zeichen, woraufhin alle ihre Mobiltelefone ziehen und die anrollenden Fahrzeuge filmen. Aus der Ferne nähern sie sich, rund 20 Autos fahren rasch vorbei. Und als sie vorüber sind, gehen die Menschen weiter, dann strömen aus allen Nebenarmen die Verkehrsfluten hervor und donnern durch die Straßen, solange bis wieder abgesperrt wird, wenn des Gesandten Arbeit getan ist und er weiterfährt.

Das Wetter/Irkutsk/minimal stories/Ulica

Nachricht für die Ewigkeit

Posted by Sascha Preiß on
Anti-Terror/Interkultur/Irkutsk/Liljana

Wie ich einmal dem Wachmann der Bankfiliale unter Zeugen die Hand schüttelte und übers Leben plauderte

Posted by Sascha Preiß on

Eines Tages kam es sogar soweit, dass meine Frau Geld brauchte und wir einen Bankautomaten aufsuchen mussten. Das ist im Normalfall nichts, was meine Anwesenheit erforderte, so auch diesmal. Aber wir hatten uns aus nicht mehr bekannten Gründen wohl irgendwo getroffen, womöglich sogar verabredet, vielleicht auf einen Kaffee, wie wir das inzwischen recht häufig tun, nach der Arbeit und vor dem zu Hause sein, denn wenn so ein Kind zu Hause ist und die Eltern quiekend vor Freude an der Tür erwartet und dringend von Mama-Papa bespaßt werden möchte und die aufopferungsvolle Njanja den Tagesbericht abgibt und sich schnell verabschiedet auf den morgigen Tag, dann ist es nicht mehr so mit dem Ausruhen und gemütlich ein Käffchen trinken, dann ist der zweite Teil des Arbeitstages angebrochen bis die Kleine dann irgendwann wenns dunkel ist im Bettchen schlummert, aber dann will man auch kein Käffchen mehr. Und nun war es passiert, dass meine Frau kein Geld mehr hatte, aber glücklicherweise eine Bankfiliale auf dem Heimweg herumstand. Dann taten wir das Naheliegende und gingen hinein. Zum absoluten Erstaunen meiner Frau aber tat ich drinnen nun das ganz und gar nicht mehr Naheliegende, denn ich wandte mich kurzerhand dem diensthabenden Wachmann zu, der mir mit einem fröhlichen Gesicht entgegenkam, und wir gaben uns freundschaftlich die Hand, begrüßten uns wie alte Kumpel und begannen eine kleine Plauderei.

Sie müssen jetzt wissen, dass das Wachmann-Business in Russland eines der verbreitetsten, wenn nicht das Business mit der höchsten Verbreitungsdichte in Russland überhaupt ist. Wachmänner gibt es überall, jedes Geschäft (ausgenommen die kleinen Straßenkioske) hat mindestens einen Охраник (Ochranik) angestellt, der den ganzen Tag nichts anderes tut, als im Geschäft zu gucken und auf der Straße zu rauchen. Nichtrauchende Ochraniki gibt es nicht. Das Wachpersonal muss dabei unbedingt in blaugrüner Camouflage und schweren Stiefeln gekleidet sein, üblicherweise ist solche armee-ähnliche Spezialkleidung gesondert gepolstert, um Muskulatur zu verdeutlichen und entsprechend Schrecken zu verbreiten. Was bei der hohen Zahl der städtischen Fitnesscenter und deren maskulinen Mitgliedern muskelüberladener Mannsbilder, die dann meist auch als Ochranik arbeiten, zu einem schönen Verdopplungseffekt führt. Üblicherweise ist das Sicherheitsbusiness das zivile Altersheim ehemaliger Soldaten, insbesondere der aus Überzeugung. Alte Afghanistan- und Tschetschenienveteranen gründen allerorts Dutzende von Wachfirmen, vom Detektivbüro über Personenschutzdienste über Signaltechnik bis zu Waffenläden ist alles in fachkundigen Händen. Die 91 für Irkutsk registrierten Wachschutzagenturen tragen einprägsame Namen, etwa „Avantgarde-Security“, „Ranger“ oder „Sheriff“, die Agentur bei uns um die Ecke heißt „Das Erbe“, warum auch immer. Und die Wohnung unserer schräg gegenüber wird von denen beschützt, steht auf der großen Plakette an der Tür, warum auch immer. Die Sicherheit wird überall geschützt. Auch Universitäten können nur durch Personenschranken und mit Ausweis betreten werden, männliche Studenten absolvieren im zweiten Hochschuljahr einen Ochranik-Pflichtdienst. Das soll dann verhindern, dass im Bildungssystem geklaut wird wie die Raben, vor allem durch die vielen unbefugten Personen, die sich allerorts widerrechtlich in den Universitätsgebäuden aufhalten. So die Theorie. Als Ferienjobs für Studenten sind Wachdienste einfach zu haben, einer meiner Studenten hat mal im Sommer einen Monat im Buchladen gewächtert. Das war die vollendete Ödnis, sagte er, täglich 8h (außer sonntags) für ganze 7.000 Rubel, keine 200 Euro, und absolut nichts los, kein Diebstahl, kein Überfall, nur hinguckende Absicherung, wie die Bücher gemächlich einstauben, zwischendurch rauchen. Nun wollen wir aber nicht zu sehr darüber spotten, immerhin hat katastrophales Versagen der Sicherheitsdienste – der kleinen sichtbaren und dem einen großen unsichtbaren – innerhalb eines Jahres zwei Moskauer Tragödien ermöglicht, wobei wir hoffen bzw fest der Ansicht sind, dass die fernere sibirische Provinz, die laut neuestem Index nicht einmal zu den 30 wichtigsten Investitionsstandorten Russlands zählt, auch nicht für Ochraniki, von derartigen Grausamkeiten verschont bleibt.

Wenden wir uns wieder dem ungläubigen Gesicht meiner Frau zu, die mit einem Auge Geld aus dem Automaten zaubert, mit dem anderen gierig verfolgt, wie der großgewachsene glatzköpfige Ochranik-Schrank in doppeltgepolsterter Tarnkluft mir vom Gedeihen seines Söhnchens berichtet, der nun bald in den Kindergarten kommt, während unser Töchterchen ja doch um einiges jünger war, nicht? Und wie sie mit dem einen Auge aufpasst, das Geld und die Bankkarte richtig zu verstauen, mit dem anderen fassungslos mitansieht, wie ich dem Ochranik erzähle, dass unser Töchterchen ganz hervorragend russisch und deutsch verstehe und auch schon einige Wörter beider Sprachen sage. Und wie sie durchaus auch amüsiert in der Bankfiliale abwartet, bis ihr Männchen seinen Plausch mit dem Schrank beendet und sich die beiden Smalltalker händeschlagend verabschiedet haben, und mich dann einfach nur anschaut und: „Как?“ – Wie jetzt? Und ich weiß nicht mehr, ob in diesem kurzen Wörtchen Faszination, Aufklärungssucht oder schwelender Verdacht eines anormalen Geheimlebens ihres Mannes überwog. Dabei ist die Auflösung nicht ein Ding mysteriös, kein enttarntes Doppelleben, keine verschwiegenen Nachtclub-Besuche. Nur eine kurze Wartezeit vergangenen Sommer vor dem Puppentheater. Während ich der bislang einzige potentielle Zuschauer bin und auf Freunde warte, zünde ich eine Zigarette an und der Wachmann stellt sich dazu, offenkundig in Plauderstimmung. Und ich erzähle ein bisschen, und er erzählt ein bisschen. Und dann kommen meine Freunde und fragen, was ich denn so allein hier tue. Worauf ich auf den Ochranik zeige und wahrheitsgemäß sage, dass ich doch gar nicht allein wäre und mich nett unterhalten habe. Der Ochranik war dann mit der Zigarette zu ende und unser Kennenlernen auch. Das wars. Später habe ich ihn einmal vor der Bankfiliale rauchen sehen, da hat er mich wiedererkannt und gleich erzählt, dass er jetzt den Job hier hätte, der sei besser bezahlt, das sei eine Stufe aufwärts. Mystischer wirds nicht. Das hat meine Frau natürlich verstanden und wir haben darüber ein bisschen gelächelt und konnten beschwingt den Heimweg zum Kind antreten. Ich hatte allerdings noch ein wenig so eine Laune mit leichtem Anflug von Eigenbewunderung, weil mich der Gedanke so begeisterte, dass ich nun einen guten Bekannten beim Sicherheitsdienst hatte, was sich anfühlte wie den Chefeinlasser vom angesagtesten Edelclub im Handy gespeichert zu haben, was besonders tiefes Eintauchen in die Gesellschaft bezeichnete, die pure Exklusivität – welcher Ausländer konnte das schon von sich behaupten. Und vor allem: Ich war gesehen worden! Was nützen einem supergeheime Spezialkontakte, wenn man sie nicht präsentieren kann? Nicht, dass ich darauf irgendwann mal zurückgegriffen hätte, aber es fühlte sich für einen Moment gut an.

Gesehen hab ich den Mann bislang nicht wieder, so weiß ich grad gar nicht, wie es seinem Söhnchen geht. Möglich, dass er schon nicht mehr in der Bank arbeitet und schon weitergewandert ist zu einem besseren Posten. Was schade ist, denn ich hatte erwogen, nach und nach mit allen meinen Freunden und Bekannten wie zufällig an der Bank vorbeizukommen und schnell mal Geld abzuheben, persönliche Kontakte sollte man pflegen. Und Bewunderung ist einfach eine geile Droge.

Ästhetik/Irkutsk/Ulica

Streetview Irkutsk

Posted by Sascha Preiß on