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minimal stories/Russland

minimal story 26

Posted by Sascha Preiß on

Kaum war ich aus dem Auto gestiegen, das mich vom Baikal zurück nach Hause gebracht hatte, kam der junge Mann schon auf mich zugerannt. „Kein Witz: In welcher Stadt bin ich?“ Er war etwa 25 Jahre, hatte ein sonnengerötetes Gesicht und trug unauffällige Kleidung. Der verhetzte, leicht panische Ausdruck in seinen Augen überzeugte mich. „In Irkutsk“, antwortete ich, woraufhin er sich an den Kopf fasste und tief Luft holte. Als er ausgeatmet hatte, fragte er drängend: „Wie komme ich zum Flughafen?“ Ich stand neben dem Auto mit meinem Gepäck in der Hand und wollte diesen verirrten jungen Menschen auch einiges fragen, von wo er denn her sei, denn ein benötigtes Flugzeug deutete auf eine etwas entferntere Region Russlands hin; oder wie es ihn so sehr durch das Land geweht hatte, dass er die Orientierung verloren hatte. Statt dessen erklärte ich ihm ein bisschen zu ausführlich den Weg zum Flughafen. Es schien, als ob er zuhörte, während er doch beständig in die Gegend schaute, auf der Suche nach etwas, was ihm Halt böte, das er wiedererkennen oder begreifen könne, das diese unwirklichen Kulissen als gewaltigen Scherz entlarven ließen; als suche er verzweifelt denjenigen, der auf ihn zuläuft und ihm freudestrahlend das Versteck der Kamera offenbart. Aber er dankte nur für meine Wegbeschreibung und murmelte eine Erklärung seiner Lage vor sich hin, dass er mit Kumpels in ..(vernuschelt).. am 1. Mai unterwegs gewesen wäre und schließlich hier aufgewacht sei, allein und ohne Pass und dass er nicht wisse, was das alles soll. Ich wünschte ihm etwas dümmlich „Viel Glück“ und hatte doch Zweifel, als er so ungefähr in die Richtung trottelte, die ich ihm genannt hatte. Trotzdem konnte ich mir beim Hinterherblicken ein breites Grinsen nicht verkneifen.

Irkutsk/minimal stories/Universität

Feierabend

Posted by Sascha Preiß on

Ich möchte einmal Windeln und Kamillentee kaufen. Die freundliche Apothekerin holt aus dem Lager ein großes, teures Windelpaket, da fliegt die Tür auf, herein stürmt ein halbwegs junger Mann mit Autoschlüssel und einem 1000-Rubel-Schein in der Hand und verkündet, er bräuchte sofort eine frisch verpackte Spritze. Hinter ihm betritt eine große, runde Beamtin irgendeines Sluzhbas minenlos und in Uniform den Raum. Das Lächeln der Apothekerin wankt kein Bisschen. Mit meinen Windeln an der Kasse hantierend, sagt sie dem jungen Mann, dass das 90 Rubel kostet und sie für den großen Schein wohl nicht genug Wechselgeld hat, er solle den sich besser irgendwo klein machen lassen. Aber das habe er doch schon überall probiert, wedelt er herum, wo soll er denn noch alles nachfragen, außerdem sei es dringend, ja, sein Hund liege krank im Auto. Die Apothekerin weist ohne stimmliche Regung auf mich als gerade zu bedienenden Kunden hin, die große Beamtin betrachtet intensiv die angebotenen Hustensäfte, der junge Mann scharrt mit den Füßen, ich verstaue umständlich Wechselgeld und Ware, aus den Augenwinkeln den Mann anblickend, der nicht wie ein Veterinärmediziner auf Rädern ausschaut. Die Apothekerin blickt in die geöffnete Kasse, seufzt einsichtig, hält dem jungen Mann ihre Hand hin, der legt seine Banknote hinein, sammelt dann das doch ausreichende Wechselgeld und steril verpacktes Spritzwerkzeug ein und flugs ist er verschwunden, dem Hund zu Hilfe eilend, und die Beamtin wendet sich von den Säften ab und nuschelt irgendeine Bestellung. Als ich die Apotheke verlasse, sitzt der Mann im vor der Treppe geparkten Auto, laufender Motor, getönte Scheiben, auf dem leeren Beifahrersitz die Verpackung, er sieht mich und beugt sich über etwas zwischen seinen Beinen. Kein Hund nirgends. Dass Drogen in Irkutsk ausgiebig konsumiert werden, lockt diese Tiere offenbar nicht mehr hinterm Ofen hervor. Die Statistik gibt für 2012 eine doppelt so hohe Abhängigenrate wie für den gesamtrussischen Durchschnitt an. Und weggeworfene Spritzen kann man eigentlich jeden Tag sehen. Mich überrascht dann doch die Selbstverständlichkeit. Niemand kann mir erzählen, dass die eisern lächelnde Apothekerin und die gezielt desinteressierte Beamtin nicht gewusst hätten, wozu der Mann eine frische Spritze braucht. Und dass er sich das Zeug bei laufendem Motor reinzieht, vor der Apotheke, zum Feierabend. Und dass auch ich eigentlich nur mental mit den Schultern zucke: Hm.

Naja.

minimal stories/Sprache/Universität

Rhetorische Gründe

Posted by Sascha Preiß on

Vor dem Stadion der Arbeit fand eine Demonstration statt. Man befürchtete einen umfangreichen Arbeitsplatzverlust aufgrund angekündigter, weitreichender Umstrukturierungen. Der gesamte Sektor am Arbeitsmarkt würde sich grundlegend wandeln, womöglich gar irreparable Schäden davon  tragen. Die Beschäftigten waren zu tiefst verunsichert. Alle waren angehalten zu erscheinen, doch nicht alle folgten. Eine Mitarbeiterin etwa gab später an, sie sei ferngeblieben, da sie von der Protestveranstaltung nur allgemein erfahren hatte, nicht aber von ihrer Vorgesetzten konkret zu Zeit und Ort eingeladen worden war. Man hätte annehmen können, dass der Erhalt des Arbeitsplatzes wichtig genug sei, doch über allem Inhalt wacht die Strenge der zu wahrenden Form: Ihr Fehlen hatte ausschließlich rhetorische Gründe.

Kulinarisches/minimal stories

Der Nuckel

Posted by Sascha Preiß on

Die Kellnerin des Restaurants „Pivovarnya“ im 130. Quartal öffnet die Tür. Sie trägt eine strenge, antiquiert wirkende Bedienstetenkleidung, schwarzer Rock, weiße Schürze. In Brusthöhe ist ein Schild angebracht, das ihren (vermutlich realen) Vornamen angibt. An diesem Namensschild trägt sie, wie alle ihre Kolleginnen, vollkommen unpassend, einen großen bunten Nuckel. Die Gäste, drei junge Männer, treten ein, schauen sich im eher leeren Gastraum um, bewundern die hinter der Bar stehenden Braukessel. Einer der Gäste schielt wiederholt, irritiert, auf den lieblos, mit einer aufgebogenen Büroklammer am hellen Schürzenstoff befestigten Nuckel. Den Namen der jungen Frau liest er nicht. Während sie die Kleidung der Gäste in die Garderobe hängt, bittet er um Erlaubnis, ihr eine Frage stellen zu dürfen. Die Kellnerin hat bislang kein unnötiges Wort verloren, nun wendet sie sich ihm aufmerksam zu. Wieso sie denn diesen Nuckel trage, was das denn mit Bier brauen zu tun habe? Ihr Interesse ist augenblicklich verschwunden, sie lächelt gequält und sagt, das Restaurant sei jetzt ein Jahr alt, der Nuckel symbolisiere das. Es ist unverkennbar, dass das humoristisch gemeinte Accessoire niemand witzig findet, es aber für eine Weile zur Arbeitskleidung gehört. Die jungen Männer setzen sich, die Kellnerin bedient. Als sie irgendwann gehen, gibt eine andere Kellnerin die Jacken aus, sie trägt keinen Nuckel. Wo sei ihrer denn geblieben, fragt der Gast. Ach irgendwo da an der Theke, antwortet sie gemütlich, ihr sei das Ding allzu blöd. Es gäbe doch nichts Schöneres, meint er später zu seinen Kumpeln, die sich über vegetarische Lebensweise unterhalten, als ein gesundes Selbstbewusstsein.

Irkutsk/minimal stories/Ulica

Suburbia

Posted by Sascha Preiß on

Die Hunde blicken drohend, als sie vorüber laufen. Irgendetwas muss sie von ihren üblichen Quartieren vertrieben haben. In einer ungewöhnlich großen Gruppe, beinah zehn Tiere, sind sie auf der Suche nach einer ruhigeren Ecke ihres Reviers und laufen über die frequentierte Straße. Die Autos sind vom Straßenschlamm verdreckt. Ein dunkler, schwerer Off-Roader, aus dem dunkle, schwere Gitarrenriffs dröhnen, biegt in den Innenhof ein und bremst hart vor der Haustür. Niemand steigt aus. Stattdessen ertönt bestimmt die Hupe. Etwas weiter steht eine Limousine mit laufendem Motor herum, ohne Insassen. Die Sandkästen des Spielplatzes sind zugeschneit, vereist, teilweise wieder aufgetaut, Dreck und Matsch. Im Sommer liegen hier die Hunde, die Mütter mit ihren Kleinkindern an verbogener Schaukel, Wippe und Karussel ignorierend. Unter den Bänken, auf denen pelzig die Hofältesten bei besserem Wetter sitzen und die verdorbene Jugend von heute beklagen, liegen ein paar Bierflaschen. Können aber auch vom umgestoßenen Mülleimer sein. Zwei Jungs übernehmen den Platz, um zu bolzen. Der eine drischt den Ball in Richtung Tor, verfehlt es klar und trifft ein parkendes Auto. Von der minutenlangen Alarmanlage lassen sie sich nicht stören. Auch hinter den Gardinen keine Regung. Es ist an diesem arbeitsfreien Montag mal einfach gar nichts los.

Das Wetter/minimal stories

minimal story 21

Posted by Sascha Preiß on

Die beiden jungen Apothekerinnen haben bei dieser sibirischen Sommerhitze wenig zu tun. Schon mehrere Tage wurde es über 30° warm und auch durch diesem Sonntag Nachmittag weht kein Lüftchen. Die übliche Arznei-Kundschaft, 40-70jährige, die sich über handgeschriebene Einkaufslisten mit Schmerz- und Heilmittelchen versorgen, bleibt fern. So ist der junge Mann, der eine Großpackung Windeln kauft, beinah schon ein Ereignis, den die beiden Frauen neugierig und argwöhnisch zugleich betrachten. Als er nach weiteren Einkäufen erneut an der Apotheke vorbeikommt, stehen die beiden gelangweilten Frauen vor dem Laden. Eine verdrückt sich in die Ecke des kleinen Vorbaus und versucht unübersehbar, die Bierflasche unter verschränkten Armen zu verstecken. Als ihr selbst klar wird, dass dies nur unzureichend gelingt, wendet sie sich verschämt der Wand zu. Das Bild einer sich am Nachmittag während der Arbeit betrinkenden Apothekerin ist ihr offenkundig peinlich. Der Mine ihrer Kollegin ist dazu keinerlei Kommentar zu entnehmen.

Liljana/minimal stories

Der Scharik

Posted by Sascha Preiß on
minimal stories

minimal story 19

Posted by Sascha Preiß on

Aus einigen Meter Entfernung beobachten die Filialleiterin und ihre Stellvertreterin die neue junge Kassiererin bei der Arbeit. Offenbar sind sie zufrieden mit ihrer betont sachlichen Kundenabfertigung nach vorgegebenem Schema. Plötzlich aber wird die Chefin hektisch, eilt zum Kassenbereich: Ein Obdachloser hat den Supermarkt betreten, die Kleidung schmutzig, das Gesicht dunkel und fleckig, schlurft er gekrümmt an den Regalen vorbei. He, was…… ruft die Chefin und starrt mit ihren Angestellten dem Gespenst hinterher. In sicherem Abstand folgt sie ihm, bereit sofort laut zu werden, sollte es die gute Ware berühren. Ein zweiter Bomsch erscheint im Eingang, klein, dunkel, tonlos. Die junge Kassiererin kichert ihn betrachtend. Der erste beendet seine Runde durch den Raum und hält auf ihre Kasse zu, an der Stellvertreterin vorbei, die einige Schritte beiseite gegangen ist. Irgendetwas murmelnd stellt er sich vor die blonde Frau, die auf ihrer Seite des Förderbandes den Atem angehalten hat, betrachtet das Schild, auf dem der Name Nadeshda steht, schaut ihr in die erschrockenen Augen, blickt noch einmal auf das Namensschild, murmelt etwas, läuft weiter zu seinem Kumpel. Und jetzt gehen Sie aber, ruft die Filialleiterin den beiden Gestalten nach, hinter ihnen schließt sich die automatische Tür. Die Kassiererin sucht einen Kaugummi gegen den Schluckauf, die Chefin wirft dem schläfrigen Wachmann einen strafenden Blick zu, dann ist auch die Luft wieder rein.

minimal stories/Ulica

Anmerkung zur Situation des russischen Sports

Posted by Sascha Preiß on

Die hochgewachsene Studentin in Turnschuhen und Sportjacke tritt leichten Schrittes aus dem Bus auf die Straße. In der Hand hält sie eine daumennagelgroße Papierkugel, wahrscheinlich ein eingewickelter Kaugummi. An der Bordsteinkante hält sie inne und peilt den Mülleimer an. Routiniert wirft sie den Abfall zum Korb, konzentriert verfolgt sie, wie die Kugel deutlich vorbeifliegt. Ebenso routiniert ärgert sie sich kurz und geht schnell weiter. Ein Student in einer Bosco-Jacke, der dies beobachtete, hat inzwischen seine Zigarette aufgeraucht und geht auf den Bus zu. An der Bordsteinkante dreht er sich um und wirft die Zigarette Richtung Korb. Er trifft ebenfalls nicht. Auch wenn sportliche Ertüchtigung zum schulischen und universitären Pflichtprogramm in Russland gehört: Die Erschütterungen im Selbstverständnis aufgrund des schlechten Abschneidens bei den vergangenen beiden Olympischen Spielen in Peking und Vancouver sind nach wie vor deutlich sichtbar.

minimal stories/Russland/Universität

Der Feiertag

Posted by Sascha Preiß on

Montag am Englisch-Lehrstuhl. Dort verfügt man über ganz ansprechende PC-Kabinette, die wollte ich mir für ein paar Tage unter den Nagel reißen. Vergeblich: Die Kabinette sind seit ein paar Tagen ohne Internet und werden wohl auch für den Rest des Monats abgeschaltet bleiben. Nur weil man an einer Technischen Universität arbeitet, bedeutet das nicht, dass die Technik auch funktioniert. Dafür ist im Büro des Lehrstuhls eine Tafel festlich gedeckt. Wem darf man denn heute zum Feiertag gratulieren, frage ich. Na uns allen, antwortet die Lehrstuhl-Älteste, heute ist doch der große Festtag! Offensichtlich scheine ich ungläubig auszusehen. Mit dem Stolz der Tradition ruft sie: Es ist Tag der Revolution, der 7. November! Und gekränkt sinkt sie in ihren Stuhl: Und nicht dieser falsche Tag da. Die anderen Mitarbeiterinnen im Raum nicken verhalten. Dieser beharrende Trotz, Feste zu feiern, die schon längst staatlich überarbeitet wurden, ist auf seine Weise beeindruckend und erweckt in mir Lust auf einen Essay zur ewigen Allgegenwart Lenins und die Werbeplakate der Russischen Kommunisten mit Stalins Konterfei. Aber für solche Kommentare habe ich keine Zeit, ich brauche dringend ein Computer-Kabinett mit benutzbarem Internet-Zugang. Ich habe nicht einmal Zeit, mich zu fragen, was Lenin zu Facebook sagen würde.