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minimal stories/Russland/Universität

Der Feiertag

Posted by Sascha Preiß on

Montag am Englisch-Lehrstuhl. Dort verfügt man über ganz ansprechende PC-Kabinette, die wollte ich mir für ein paar Tage unter den Nagel reißen. Vergeblich: Die Kabinette sind seit ein paar Tagen ohne Internet und werden wohl auch für den Rest des Monats abgeschaltet bleiben. Nur weil man an einer Technischen Universität arbeitet, bedeutet das nicht, dass die Technik auch funktioniert. Dafür ist im Büro des Lehrstuhls eine Tafel festlich gedeckt. Wem darf man denn heute zum Feiertag gratulieren, frage ich. Na uns allen, antwortet die Lehrstuhl-Älteste, heute ist doch der große Festtag! Offensichtlich scheine ich ungläubig auszusehen. Mit dem Stolz der Tradition ruft sie: Es ist Tag der Revolution, der 7. November! Und gekränkt sinkt sie in ihren Stuhl: Und nicht dieser falsche Tag da. Die anderen Mitarbeiterinnen im Raum nicken verhalten. Dieser beharrende Trotz, Feste zu feiern, die schon längst staatlich überarbeitet wurden, ist auf seine Weise beeindruckend und erweckt in mir Lust auf einen Essay zur ewigen Allgegenwart Lenins und die Werbeplakate der Russischen Kommunisten mit Stalins Konterfei. Aber für solche Kommentare habe ich keine Zeit, ich brauche dringend ein Computer-Kabinett mit benutzbarem Internet-Zugang. Ich habe nicht einmal Zeit, mich zu fragen, was Lenin zu Facebook sagen würde.

Interkultur/minimal stories/Russland

minimal story 16

Posted by Sascha Preiß on

Auf dem Rückflug von einer Dienstreise. Neben mir ein redseliger Patriot, der dem Fremden von Russland erzählt: Es gibt Geschichten über freudenvolle Wodkaexzesse, die Frage, ob man in Deutschland auch in Dollar bezahlt, und die unwiderlegbare Behauptung, dass russische Mädchen mit Abstand die Schönsten sind. Der Mann ist älter und unverheiratet, er schwärmt für die junge Stewardess und die Schönheit in der Komsomolskaja Prawda. Zwei Reihen hinter uns steht der Pilot aus einem Gespräch mit einem Fluggast auf, er müsse jetzt doch mal die Landung einleiten, das sei überfällig. Mein monologischer Gesprächspartner begeistert sich und brüllt aus vollster patriotischer Kehle mir ins Ohr: „Das ist Russland, nur keine Panik! Wenn du zurückkommst nach Deutschland, musst du unbedingt erzählen, dass hier das Land der Wunder ist: Man asphaltiert zuerst die Straße, und dann legt man die Rohre.“

minimal stories/Statistik/Ulica/Universität

Postsowjetische Numismatik

Posted by Sascha Preiß on

Seinerzeit, damals, davnym-davno war Mathematik die Königsdisziplin sowjetischer Hochschulen, Kopfrechnen, Algebra, Analysis, Geometrie – seit Beginn der modernen Wissenschaften in Russland unter Peter I. zählte Mathematik zu den Kerndisziplinen der Naturwissenschaften, nur noch übertroffen von der Kunst des Schachspiels. Das goldene Zeitalter der russischen Bildung ist leider längst vorbei, und manchmal scheint man auch ein bisschen zu verstehen, wie grundlegend sich seither der Wille zur Mathematik, an der jeder Sowjetbürger getreu Lenins Auftrag schon im Alltag teilhatte, gewandelt hat. Gestern stolperte ich tatsächlich über eine aus dem Fugenschmutz der Gehwegplatten schimmernde sowjetische Münze – im Wert von 15 Kopeken. Meine Bewunderung für das sowjetische Bildungssystem war umfassend.

Halbe Münzwerte, in der überwiegenden Mehrzahl als 50/100el einer Dezimalwährungshaupteinheit wiedergegeben (z.B. 50 Pfennig, aber auch 1/2 franc †), sind in Europa und weiten Teilen der Welt ebenso gewöhnlich wie Viertel-, Fünftel- oder Zehntel-Münzen (Quarter Dollar, 20 Cent, 10 Lipa). Dass man jedoch auf die Idee kommen könnte, eine Münze im Wert von Drei-Zwanzigstel der Hauptwährung zu entwerfen (zzgl. eines 3-Kopeken-Stücks, also ein Fünftel des Drei-Zwanzigstel-Stückes, das mir bislang aber noch nicht auf den Irkutsker Straßen begegnet ist), ist in der Tat höhere Alltagsmathematik.

Dass es nach dem Ende der Sowjetunion mit der Volksbildung rapide abwärts gehen muss, lässt sich ohne weiteres an den einfallslosen Währungsunterteilungen des russischen Rubel ablesen: Es gibt lediglich 1er und 5er-Teilungen, beginnend von einer und fünf Kopeken (die aber im realen Zahlungsverkehr keine Rolle spielen, statt dessen bei Hochzeiten als „echtes Konfetti“ Verwendung finden), zehn und fünfzig Kopeken, einem und fünf Rubel etc. Einzige Ausnahme aufgrund des häufigen Gebrauchs: die Zwei-Rubel-Münze. Bei soviel numismatischer Ödnis kann das postsowjetische Hirn wahrlich zu keinerlei intellektueller Leistung herausgefordert werden. Doch die Vereinfachung des Währungssystems hat auch pragmatische Gründe, denn bei aller Liebe zur Mathematik sind Kopfrechnenkenntnisse nicht überzubewerten. Denn schließlich gilt: Es gibt keinen Nobelpreis für Mathematik.

minimal stories/Ulica

0,01% der Reisezeit

Posted by Sascha Preiß on

Der Reisende, mit der Straßenbahn auf dem Weg zum Bahnhof, von dort weiter ins 5200km entfernte Moskau, wurde von seinem müden Blick auf die morgendliche Stadt durch eine hektische Bewegung in Kopfhöhe abgelenkt. Eine Kohlmeise hatte sich auf ihrem Weg zur anderen Straßenseite an der Haltestelle durch eine offene Tür in den Waggon verflogen, suchte nun an den Fenstern einen Weg hinaus. Der Reisende sah dem irrenden Vogel gleichgültig-interessiert aus den Augenwinkeln zu, wie dieser nach 5 Sekunden durch eine zweite offene Waggontür hinausflog und sich zur Erholung vom Schreckmoment in wohl jenen Baum setzte, von dem er losgeflogen war.  Als die Bahn anfuhr, wendete sich der Mann wieder seiner Morgenmüdigkeit zu. Er hat ein wenig mehr als 0,01 Prozent seiner gesamten Reisezeit für den Seitenblick auf den Vogel verbraucht.

(nach Alexander Kluge)

minimal stories/Russland

Ein Feiertagsgeschenk

Posted by Sascha Preiß on

Die kleine Ustinja wird im Frühling 4 Jahre und geht seit einem halben Jahr in den Kindergarten. Das macht Spaß und ist immer aufregend. Zum heutigen Tag des Vaterlandsverteidigers haben sich die Erzieherinnen für ihre Gruppen eine thematische Bastelstunde ausgedacht. Alle Kinder basteln ein kleines Geschenk für den Papa. Als die Mama ihre Tochter abholen kommt, ruft die Erzieherin: Ustinja, vergiss deinen Panzer nicht! Zu Hause steckt Papa das Geschenk aus dunkelgrüner Pappe mit dem Rohr in einen Blumentopf. Sieht doch aus wie ein Baum, sagt er.

minimal stories/Ulica

minimal story 12

Posted by Sascha Preiß on

Ich hatte den Koffer, in dem wir einige ausrangierte Kleidungsstücke aufbewahrten, mit reichlich Papierabfällen aufgefüllt und in den Müllcontainer geworfen. Aus Nostalgiegründen hatte ich vorher noch einmal die nicht mehr genutzte Kleidung durchgesehen und mich zu erinnern versucht, warum ich z.B. dieses T-Shirt, das einmal ein Geburtstagsgeschenk war, nicht mehr tragen wollte. Aus irgendwelchen Gründen passte ich nicht mehr hinein oder es zu mir. Dass es wohl immer noch ganz gut aussehen kann, wurde mir erst wieder bewusst, als der Mann mit dem Kinderwagen am Zigarettenkiosk jenes Shirt trug. Oder wenigstens sah es meinem alten verwirrend ähnlich. Der Mann lachte das Baby im Kinderwagen an. Es machte nicht den Anschein, als würde er seine Nachmittage mit dem Durchstochern von Müllcontainern verbringen. Andererseits schien er, ausgehen vom Rest seiner Kleidung, nicht allzu wohlhabend zu sein. Ich mochte mir vorstellen, dass er ein bisschen stolz und glücklich über den gut erhaltenen Fund sei und daher fröhlicher als sonst. Dabei hatte ich ihn noch nie gesehen. Ich bemerkte, dass ich ihn taxierte, wandte mich ab und lief beschämt weiter. Es war eben auch möglich, dass schlicht zweimal das gleiche Shirt in direkter Nachbarschaft existiert hatten, und mir fiel das nur in diesem seltsamen Zusammentreffen auf.

– Sie meinen, die anderen Kleidungsstücke hätten auch noch auftauchen müssen?
– Vielleicht. Aber die Container waren zwischenzeitlich geleert worden.
– Wäre die Wiederkehr etwas Anderen aus dem Koffer, ein Hemd, eine Seite aus einer deutschen Zeitung, ein Beweis gewesen?
– Nein. Auch wenn es die Vermutung wohl gestärkt hätte. Ich war froh, nichts anderes wiederzusehen.
– Warum?
– Um den Alltag nicht als Anhäufung von Verdachtsmomenten erleben zu müssen. Was interessierte mich, woher jemand seine T-Shirts hatte.

Anti-Terror/Kulinarisches/minimal stories/Sprache/Wildbahn

Ein Öbstchen

Posted by Sascha Preiß on

Im Wald in Nähe der Stadt Angarsk in Nähe der Stadt Irkutsk in Nähe des Baikalsees irgendwo in Russland ist am 8.April 2010 zu nicht genannter Stunde vom Spürsinn des Hundes eines Wachmanns ein „Gegenstand“ entdeckt worden. Eingeleitete Untersuchungsmaßnahmen identifizierten das Fundobjekt als Handgranate vom Typ F-1. Auf welche Weise die leicht angerostete Granate in den Angarsker Wald gelangte, ist unbekannt. Fest steht, dass es aus Gründen der Gefahren- und Terrorabwehr zu umfangreichen Polizeisicherungen und dem Einsatz von OMON-Spezialkräften kam, im Laufe dessen weiträumige Evakuierungen um die Granate vorgenommen wurden. Fest steht weiterhin, dass sich im Russischen Liebkosungen ebenso wie Ironie durch Diminutiva ausdrücken lassen. Noch am ganz und gar selbigen Tage ward das zärtlich bezeichnete „Zitrönchen“ im Wäldchen unschädlich gemachet. Der Fundort des gefährlichen Obstes befand sich sinnvollerweise in Sichtweite des Einkaufzentrums „Apfelsine„.

minimal stories/Russland

minimal story 10

Posted by Sascha Preiß on

Wenn man am Nachmittag mit der kleinen Tochter im Tragetuch durch den kleinen, verwilderten Park hinter dem Dom Sukachova geht und von einer unbekannten jungen Frau mit Kind angesprochen wird, ob man ihr sagen könne, wo denn das Tuch gekauft sei, das gäbe es doch ganz sicher nicht in Irkutsk, das sei ganz bestimmt aus Deutschland, denn sie wisse ja, dass man selbst auch aus Deutschland sei und hier in Irkutsk für einige Zeit mit Familie lebe und beide, Mann und Frau, in je einer Universität als Deutschlehrer arbeite und die Tochter hier im Juni geboren wurde und Liljana heiße, die anderen Namen habe sie auch mal gewusst, und das wisse sie deshalb, weil ihr Kind genau wie Liljana auch immer eine Massage der Kinderärztin Larissa erhalte, die ihr das alles erzählt habe – dann also weiß man ganz zweifellos, dass die 600.000-Einwohner-Metropole am Baikal tiefste (russische) Provinz ist.

Irkutsk/minimal stories/Russland

minimal story 9

Posted by Sascha Preiß on

Während des Gesprächs klingelt ein Telefon, von den drei auf dem Tisch liegenden gehört Igor das läutende. Ein seriös geführtes Telefonat, es geht um die Aufführung, die er für die Weihnachtszeit vorbereitet. Eine Geschichte mit Djed Moroz, Väterchen Frost, dem russischen Weihnachtsmann, und Snjegurotschka, dem Schneeflöckchen, seiner weiblichen Begleitung, dazu Winnie Pooh und eine ganze Reihe anderer Figuren aus allerlei russischen Märchen (ja, Winnie Pooh zählt auch dazu, denn es existiert eine außerordentlich populäre sowjetische Kopie, Винни-Пух), eine Aufführung für Kinder sei das, aber auch für Erwachsene. Diese Veranstaltung, erzählt er nachher, ist sogar schon von einem Freund für ein Gastspiel in Moskau gebucht. Als das Telefonat zu Ende ist, lacht Igor plötzlich laut los. Das wäre ein sehr russischer Anrufer gewesen. „Ich habe ihm alles zu unserer Aufführung gesagt, er fand das gut und wollte das für sich zu Hause haben. Und er wollte wissen, ob wir dazu auch einen Striptease anbieten.“