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minimal stories/Sprache/Universität

Hölle (minimal story 8)

Posted by Sascha Preiß on

Wortspiele als Auszeichen eines liebevoll-intimen Verhältnisses zur Sprache sind in Russland sehr populär. Ob ein Buchladen „Лас Книгас“ heißt oder ein Saft „Индиана Джус“ – ein kleiner Kalauer darfs immer mal wieder sein. Und aus diesem Grund hatte ein wortspielender Student kurzerhand zwei Buchstaben vom Schild meiner Unibürotür geklaut. Die weißen Lettern sind auf die blaue Plaste nur aufgeklebt und wer möchte, nimmt sich in einem unbeobachteten Moment einen mit. Ursprünglich stand dort etwas vom „Лекторат ДААД“ zu lesen, jetzt ist es das „Lektorat HÖLLE“. Die Suche bzw Wiederbeschaffung der verlorenen Buchstaben wird nun ein längerer Weg durch die Administrationskatakomben der Universität bedeuten. Dennoch: Weil mich dieser Scherz durchaus zum Lachen brachte, weigere ich mich, darin irgendeine Kritik an meiner Arbeit zu erkennen.

Lektorat HÖLLE

Irkutsk/minimal stories

minimal story 7

Posted by Sascha Preiß on

Das im April eröffnete neue, moderne Gebäude des Irkutsker Flughafens, in dem Abflug und Ankunft von Inlandsflügen abgefertigt werden, hat im Gegensatz zum alten Gebäude, das zur Abfertigung von Auslandsflügen genutzt wird, und aus Gründen der Sicherheit einen separaten Eingang mit Kontrollschranke und einen Ausgang ohne Kontrolle. Die Passagierin des soeben gelandeten Fluges aus Moskau betritt das Gebäude durch den „Ausgang“, durch welchen sie das Gebäude für eine Zigarettenpause, während sie auf ihr Gepäck wartet, verlassen hatte. Der Wachmann am Eingang verweigert ihr den Zutritt, es sei grundsätzlich unmöglich, den Flughafen durch den „Ausgang“ zu betreten, sie habe den offiziellen „Eingang“ zu benutzen. Dort staut sich ein langer Strom von Passagieren an der Kontrollschranke, die mit dem Flugzeug nach Moskau fliegen wollen. Die Passagierin zeigt ihre Bordkarte und erklärt, dass sie lediglich für fünf Minuten das Gebäude verlassen hatte und auf ihr Gepäck wartet. Der Wachmann verweist auf den für alle Passagiere geltenden Eingang. Es entwickelt sich ein gestenreich geführter, von steigender Lautstärke geprägter Dialog, in dem die Dialogparteien beharrlich ihren jeweiligen Standpunkt durchzusetzen gedenken. Als die Passagierin einsieht, dass Argumente vergebens gewechselt sind, drückt sie den Wachmann beiseite und schiebt sich wütend ins Gebäude. Der Wachmann ruft ihr aufgebracht etwas hinterher. Beide schütteln frustriert die Köpfe.

minimal stories/Ulica

minimal story 6

Posted by Sascha Preiß on

Es ist noch früh am Morgen, der Rush-Hour-Verkehr staut sich bereits beträchtlich. Der Arbeitstag der jungen Straßenbahnfahrerin ist schon einige Stunden alt. Auf dem Weg zum Bahnhofsvorplatz hat sie nun zwischen gedrängten Automobilen, Stadt- und Überlandbussen, Lastwagen und reichlich Fußgängern etwas Zeit, ihr Äußeres aufzufrischen. Während sie den Waggon im Schritttempo, mit einer Hand, aus den Augenwinkeln, zur Haltestelle fährt, trägt sie sorgfältig neue Wimperntusche auf. Der Lack auf ihren Fingernägeln glänzt in der Morgensonne.

Interkultur/minimal stories/Universität

minimal story 5

Posted by Sascha Preiß on

Die erkältete russische Kollegin trinkt mit ihrem erkälteten deutschen Kollegen einen Bio-Kräutertee im Beutel, den er aus einer deutschen Apotheke mitbrachte.  Nach wenigen Schlucken hat sie die wesentlichen Teekräuter am Geschmack erkannt, wohingegen er die Zusammensetzung von der Packungsangabe erfährt. Kräutertee kauft hier eigentlich niemand, sagt sie, wir pflücken uns die Sachen im Sommer und machen die Tees alle selber. Er wüsste nicht einmal zu sagen, wie z.B. Süßholz oder blühender Fenchel genau aussieht.

Irkutsk/minimal stories/Wildbahn

minimal story 4

Posted by Sascha Preiß on

Am Zentralmarkt kaut die Hündin einen Knochen. Sie liegt zwischen geparkten Autos, hinter dem niedrigen Zaun, der Marktgelände und Parkplatz trennt. Als sie den Knochen weitgehend von Fleischresten befreit hat, erhebt sie sich, läuft unter dem Zaun hindurch, an den Passanten vorbei, in Richtung Marktgebäude. Ihr Fell ist straßenschmutzig, etwas verklebt, ihre Zitzen hängen schlaff, leer am Bauch, die Welpen dieses Frühjahres sind bereits irgendwohin entlaufen. Neben dem Eingang zum Gebäude des Zentralmarkts steht ein Karton mit essbaren Abfällen, darin verschwindet die Fähe kurz und kommt mit einem weiteren Knochen im Maul heraus, läuft leichtfüßig, elegant zu ihrem Fressplatz zurück. In ausgiebiger Ruhe, die ihr ganz allein gehört, widmet sie sich der Malzeit.

minimal stories/Universität

minimal story 3

Posted by Sascha Preiß on

Für angehende Erstsemester gibt es in Irkutsk besondere Immatrikulationsrituale. Eines davon ist das kollektive Reinigen der zukünftigen Seminarräume. Fünf junge Studierende, die jemand ohne mein Wissen dazu gebeten hatte, verbrachten ihren Vormittag daher heute in meinem Büro, um es mit vereinten Kräften zu putzen, Fenster, Regale, Tische. Eine meiner Kolleginnen wies sie bei der Arbeit an. Die Studierenden taten bereitwillig, wie ihnen aufgetragen, ohne sich gegen diese Art Einführung in das kommende Studentenleben zu wehren. Immerhin konnten sie so schon einmal einige Lehrmaterialien aus der Nähe betrachten, mit denen sie demnächst arbeiten werden. Noch bis Ende August kann man täglich in allen Gängen des Universitätsgebäudes kleine Erstsemester-Putzkolonnen beobachten, wie sie sich und ihre Umgebung auf das Studium vorbereiten. Die Spuren jahrzehntelangen Subbotnik-Trainings lassen sich nicht ohne weiteres leugnen. Angesichts des tatsächlichen Schmutzes in meinem Büro bin ich meinen zukünftigen Élèven zutiefst dankbar für ihre Arbeit.

Irkutsk/minimal stories/Ulica

minimal story 2

Posted by Sascha Preiß on

Auf dem Bahnhofsvorplatz warten die Reisenden nach Mitternacht auf den Zug. Sie betrachten die junge Frau auf der anderen Straßenseite, die ihrer enteilenden Freundin hinterherbrüllt, diese schreit etwas zurück und geht weiter. Die sich streitenden Frauen wirken belustigend auf die Reisenden. Vor der brüllenden Frau auf der Straßenmitte quer über den Straßenbahngleisen liegt ein Mann und bekommt davon überhaupt nichts mit. Auch die Autos, die ihn mit großer Vorsicht umfahren, bemerkt er nicht. Straßenbahnen hat er zu dieser Stunde ebenso nicht mehr zu befürchten. Für die Reisenden ist nicht eindeutig erkennbar, ob sie sich um die Gesundheit des Liegenden sorgen und einen Arzt rufen oder alles so belassen sollte, wie es ist. Einige gehen näher heran. Es sieht so aus, als wäre der Mann unter zu viel Alkohol aus der nahegelegenen Bar zusammengebrochen und ruhe sich aus. Die Reisenden sind erleichtert. Die Frau hat sich neben den Liegenden gekniet, schreit weiterhin Flüche der Enteilten nach und Liebkosungen in den Schlaf ihres Liebsten. Offenbar handelt es sich um eine Szene eines Eifersuchtsdramas, einige Reisende lachen, andere rauchen Zigaretten. Später legt sie sich zu ihm. Noch später steht sie auf und schleift den Mann von der Straße. Am Bahnhof fährt der Zug ein.

Irkutsk/Kulinarisches/minimal stories

minimal story 1

Posted by Sascha Preiß on

In einer der позная am Markt sitzen sich zwei junge Männer am Tisch gegenüber und essen langsam позы. Während des Kauens unterhalten sie sich ein wenig, ebenfalls langsam. Hauptsächlich versuchen sie, Bier zu trinken. Es ist offensichtlich nicht ihr erstes heute. Schließlich schlafen sie ein und beide Köpfe liegen neben den Tellern auf der Tischplatte.  Die junge Kellnerin räumt die nicht vollständig gegessenen позы ab und bringt den bereits bestellten nächsten Gang. Die Gäste am Tisch schlafen. Nach einer Weile stellt sich die Kellnerin neben die Schläfer, rüttelt kräftig an ihnen, weckt sie mit gewaltiger Stimme auf und setzt sie mitsamt dem Essen vor die Tür. Die kaum des Gehens fähigen Männer fügen sich widerspruchslos der resoluten Frau.