minimal story 26

Kaum war ich aus dem Auto gestiegen, das mich vom Baikal zurück nach Hause gebracht hatte, kam der junge Mann schon auf mich zugerannt. „Kein Witz: In welcher Stadt bin ich?“ Er war etwa 25 Jahre, hatte ein sonnengerötetes Gesicht und trug unauffällige Kleidung. Der verhetzte, leicht panische Ausdruck in seinen Augen überzeugte mich. „In Irkutsk“, antwortete ich, woraufhin er sich an den Kopf fasste und tief Luft holte. Als er ausgeatmet hatte, fragte er drängend: „Wie komme ich zum Flughafen?“ Ich stand neben dem Auto mit meinem Gepäck in der Hand und wollte diesen verirrten jungen Menschen auch einiges fragen, von wo er denn her sei, denn ein benötigtes Flugzeug deutete auf eine etwas entferntere Region Russlands hin; oder wie es ihn so sehr durch das Land geweht hatte, dass er die Orientierung verloren hatte. Statt dessen erklärte ich ihm ein bisschen zu ausführlich den Weg zum Flughafen. Es schien, als ob er zuhörte, während er doch beständig in die Gegend schaute, auf der Suche nach etwas, was ihm Halt böte, das er wiedererkennen oder begreifen könne, das diese unwirklichen Kulissen als gewaltigen Scherz entlarven ließen; als suche er verzweifelt denjenigen, der auf ihn zuläuft und ihm freudestrahlend das Versteck der Kamera offenbart. Aber er dankte nur für meine Wegbeschreibung und murmelte eine Erklärung seiner Lage vor sich hin, dass er mit Kumpels in ..(vernuschelt).. am 1. Mai unterwegs gewesen wäre und schließlich hier aufgewacht sei, allein und ohne Pass und dass er nicht wisse, was das alles soll. Ich wünschte ihm etwas dümmlich „Viel Glück“ und hatte doch Zweifel, als er so ungefähr in die Richtung trottelte, die ich ihm genannt hatte. Trotzdem konnte ich mir beim Hinterherblicken ein breites Grinsen nicht verkneifen.

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