Neue Mieter

Da waren wir also gerade neu eingezogen, vor wenigen Wochen, nach der Geburt von Tolja, und ich beschäftigte mich mit Lilis erstem Ins-Bett-Bringen in der neuen Wohnung, da klingelte es gegen halb 10 Uhr abends an der Tür. Eine junge Frau in häuslich formloser Kleidung, T-Shirt, Sporthose, unbestrumpfte Füße in hellblauen Plastesandalen, und begrüßte mich.

– Also Sie sind unsere neuen Nachbarn, ja? Ich wohne nämlich unter Ihnen und da wollte ich Sie bitten, nach 21 Uhr nicht mehr so laut zu sein. Wenn Sie nämlich so laut trampeln, wackeln unsere Deckenlampen. Aber ich sehe, Sie haben ein Kind, na wir haben auch eins und deshalb wäre es schön, wenn es bei Ihnen etwas ruhiger wäre, nicht wahr?

Und damit ging sie auch wieder davon. Ich fühlte mich ein bisschen überfahren. Hatte die Dame das jetzt ernst gemeint, hatte ich das richtig verstanden? Lili war in meiner Wahrnehmung nicht mehr als sonst durch ihr Zimmer gelaufen und hatte keinerlei Stampforgien veranstaltet. Sollte der von außen doch recht solide wirkende Hochhausneubau derart hellhörig sein und das Gehen eines 13kg schweren Kindes die Deckenbeleuchtung der tiefergelegenen Etage ernsthaft in Schwingung versetzen können? Warum mussten ausgerechnet unsere Nachbarn der Inbegriff von Kleinstbürgertum sein, dass sie eine halbe Stunde nach ihrem persönlichen Ruhebedürfnistermin sofort ringsum ermahnen gingen? Auf jeden Fall begann das neue Wohnen mehr oder weniger großartig.

Die folgenden Abende bemühte ich mich, Lili so ruhig wie möglich ins Bett zu bringen. Offenbar mit Erfolg, denn vier Tage nach dem Auftritt der Frau klingelte es erneut an unserer Tür, diesmal sogar schon zwei Minuten nach 21 Uhr. Draußen stand ein angetrunkener, nach Zigarette duftender junger Mann. (Ich Idiot, schoss es mir durch den Kopf, wie oft hat man dir eingeschärft, Unbekannten keinesfalls die Tür zu öffnen. Aber es war zu spät.)

– Sie sind unsere Nachbarn, ich wohne unter Ihnen. Und ich wollte mich bei Ihnen bedanken: Wegen Ihnen können wir nämlich jetzt endlich wieder schlafen. (Leider war er zu betrunken, um meinen dummen Gesichtsausdruck zu kommentieren. Ich hatte keine Ahnung, wovon er redete.)

– Meinen Sie das ernst, ist das irgendwie ironisch gemeint? (Ich hatte die Befürchtung, gleich setzt der Mann zu einer Schimpf- und Rauftirade an.)

Statt dessen guckte er ausnehmend blöd und verstand gar nicht, was ich von ihm wollte, und ich fand es sehr schade, aus Furcht vor seiner Reaktion nicht lachen zu dürfen. Wir einigten uns darauf, dass er sich bedankte und ich nicht wusste wofür und er feststellte, dass wir Ausländer waren und er mir das Du anbot. Das war schön, denn seither grüßen wir uns per Handschlag und man hat so ein bisschen das Gefühl, in diesem Haus nicht ganz allein zu sein.

Also hielten wir das Pärchen, dass uns manchmal mit ihrem kleinen Kindchen im Lift begegnet, für skurrile Vögel mit überzogen spießiger Attitüde. Sie hielt das Kind vor fremden Blicken bedeckt, er wirkte bei jedem Sehen betrunken, aber fuhr ein endgeiles weißes Motorrad. Sie klingelten seither nie wieder und ich nahm an, der Auftritt der Frau war tatsächlich ein Flehen in erster Sekunde und der Mann hatte ganz ernsthaft Dankbarkeit geäußert. Ich machte mir Sorgen, was in diesen unseren Räumen wohl ehedem abgegangen sein mag. Bis es heute Mittag gegen halb 1 wieder klingelte, diesmal an der Haustür unten. Ich erwartete niemanden, unser Kindermädchen ging ans Domofon.

– Wer ist denn da?

– Ich.

– Wer ist bitte ich?

– Na ich eben.

– So.

– Ja.

– Und was wollen Sie?

– Was will ich schon wollen?

– Nun, das möchte ich gerne wissen.

– Was ich halt will.

– Und was ist das?

– Na — ficken.

– Äh.

– Nicht wahr?

– Und da kommen Sie hierher? —

Das Kindermädchen kam irritiert-amüsiert zurück. Die Sache mit der schaukelnden Deckenbeleuchtung nahm Gestalt an – in etwa jene, welche sich gerade enttäuscht mit weiblicher Begleitung vom Hauseingang entfernte: Wir wohnten in einem ehemaligen Stundenhotel. Der Kerl, der soeben abgeblitzt war, hatte die neuesten Entwicklungen nicht mibekommen und musste sich mit seiner Mittagsbüropausengeliebten – in Russland macht jedes Büro zwischen 12 und 13 Uhr Mittagspause – ein anderes Lager fürs Schäferstündchen suchen. Da unsere Nachbarn gleich am ersten Abend um Zurückhaltung bei eventuell geplanter Ruhestörung baten, muss es vorher ein hochfrequentiertes Domizil gewesen sein. Und wenn man sich so umhörte, bei weitem nicht das Einzige. Ein paar Etagen über der Wohnung unseres Kindermädchens ging es ebenfalls heiß her, wie sie verriet. Und in unserem Wohnviertel, wie so ziemlich überall in der Stadt, finden sich an Laternenmasten angeklebte Zettel, die für Stunden- oder Tageshotels werben, pro Nacht 600 Rubel, etwa 15 Euro, dazu Handynummern. Wer unser Appartement professionell betrieben hat, ist nicht so wichtig, es lässt sich eine ganze Menge vorstellen. Angesichts einer Wohnungssituation, die Frischverliebten wenig Spielraum lässt – hohe Preise, geringes Einkommen -, sind vermutlich nicht wenige froh über jedes Angebot, seinen Trieben freien Lauf lassen zu können, und sei es auch des Ehebruchs wegen. Auf Nachbarn kann man da klar wenig Rücksicht nehmen. Zumal jetzt, wo der Frühling auch in Irkutsk endlich Knospen treibt, wird die Jagd- und Spielsaison vermutlich noch das eine oder andere verirrte Pärchen an die guten alten Plätze führen. Leider ist für die zwischen zwei Bürostühlen wild gewordenen Tiere mit dem Einzug der neuen Mieter eine weitere Höhle urbar gemacht, aber selbst wenn ich da jetzt ganz viel Verständnis für aufbringe – es ist mir total egal und wir sind sehr froh, für unsere gewachsene Familie ein schönes Zuhause gefunden zu haben.

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