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Baikal/Irkutsk/Liljana

Rückkehr

Posted by Sascha Preiß on

In wenigen Tagen werde ich nach knapp einem Jahr – 2013 war ich den gesamten August noch einmal in Irkutsk und Bolshoe Goloustnoe – endlich wieder nach Sibirien reisen. Mit Lili, die unbedingt mitfahren wollte. Sie hat schon sehr oft gefragt, wann wir einmal wieder an den Baikal fahren. Und neulich sagte sie, dass ihr Lieblingsland Russland sei. Dann spielte sie mit einer Plüschfigur des kleinen Maulwurf und mir, vollständig auf russisch. Ich bin noch immer sehr beeindruckt, dass sie mit Hilfe ihres Hamburger Kindergartens noch so viel und gut russisch spricht. Am Samstag morgen sind wir dort. Ужасно радуемся.

Irkutsk/Ulica

Über den Humor von Stadtplanern

Posted by Sascha Preiß on

Die nachfolgend vorgestellte Straße befindet sich mitten im Stadtzentrum von Irkutsk, unweit des Zentralmarktes, der Oper und der Kreuzerhöhungskirche. Und vor allem in historisch wahrem, asphaltfreiem Zustand. Trekking-Begeisterten und Freunden individueller Stadterkundungen abseits der Mainstream-Sehenswürdigkeiten soll dieses Kleinod wärmstens ans Herz gelegt sein. Denn gerade zur Zeit des sibirischen Tauwetters, aber auch im feuchten Herbst, entwickelt dieser Ort erst seinen eigentlichen, besonderen Charme.

Man beginne die Tour am Fuße der Straße bei den offenen Müllcontainern, um die herum Wind, Hunde und unkontrollierte Wurfleistungen allerlei Reste auf die Straße verteilt haben (Bild 1). Dann arbeite man sich durch die Schlucht die leichte Anhöhe hinauf, weniger experimentierfreudige Wanderer können auf die gebrechliche Holztreppe links daneben zurückgreifen (Bilder 2, 3). Ist man oben auf dem Plateau angekommen, sieht man sich unweigerlich der Herausforderung ausgesetzt, sich einen Weg durch die Fahrspuren zu bahnen – es ist dies eine authentische und ungekünstelte Begegnung mit der sibirischen Stadt von vor ca. 150 Jahren (Bilder 4, 5). Der Weg endet am Aufeinandertreffen der nun absolvierten Straße mit einer halbasphaltierten Querung – genau da, wo erneut Müllcontainer platziert wurden (Bild 6). Man sollte an dieser Stelle innehalten: der Anblick der Fußbekleidung wird unvergesslich bleiben.

Der Name dieser Straße darf bei all dem nicht vergessen werden: ulica Grjasnowa, die Grjasnow-Straße. Grjasnow ist der Familienname einer in der Straßenbeschilderung nicht näher bezeichneten russischen Persönlichkeit; der Nachname wiederum leitet sich vom durchaus treffenden Adjektiv „schmutzig“ ab. Manche Stadtplaner verwirklichen auf diese Weise offenkundig ihre Anfälle von Humor.

(Fotos: Jenny.)

Irkutsk/Russland/Wildbahn

Neue Mieter

Posted by Sascha Preiß on

Da waren wir also gerade neu eingezogen, vor wenigen Wochen, nach der Geburt von Tolja, und ich beschäftigte mich mit Lilis erstem Ins-Bett-Bringen in der neuen Wohnung, da klingelte es gegen halb 10 Uhr abends an der Tür. Eine junge Frau in häuslich formloser Kleidung, T-Shirt, Sporthose, unbestrumpfte Füße in hellblauen Plastesandalen, und begrüßte mich.

– Also Sie sind unsere neuen Nachbarn, ja? Ich wohne nämlich unter Ihnen und da wollte ich Sie bitten, nach 21 Uhr nicht mehr so laut zu sein. Wenn Sie nämlich so laut trampeln, wackeln unsere Deckenlampen. Aber ich sehe, Sie haben ein Kind, na wir haben auch eins und deshalb wäre es schön, wenn es bei Ihnen etwas ruhiger wäre, nicht wahr?

Und damit ging sie auch wieder davon. Ich fühlte mich ein bisschen überfahren. Hatte die Dame das jetzt ernst gemeint, hatte ich das richtig verstanden? Lili war in meiner Wahrnehmung nicht mehr als sonst durch ihr Zimmer gelaufen und hatte keinerlei Stampforgien veranstaltet. Sollte der von außen doch recht solide wirkende Hochhausneubau derart hellhörig sein und das Gehen eines 13kg schweren Kindes die Deckenbeleuchtung der tiefergelegenen Etage ernsthaft in Schwingung versetzen können? Warum mussten ausgerechnet unsere Nachbarn der Inbegriff von Kleinstbürgertum sein, dass sie eine halbe Stunde nach ihrem persönlichen Ruhebedürfnistermin sofort ringsum ermahnen gingen? Auf jeden Fall begann das neue Wohnen mehr oder weniger großartig.

Die folgenden Abende bemühte ich mich, Lili so ruhig wie möglich ins Bett zu bringen. Offenbar mit Erfolg, denn vier Tage nach dem Auftritt der Frau klingelte es erneut an unserer Tür, diesmal sogar schon zwei Minuten nach 21 Uhr. Draußen stand ein angetrunkener, nach Zigarette duftender junger Mann. (Ich Idiot, schoss es mir durch den Kopf, wie oft hat man dir eingeschärft, Unbekannten keinesfalls die Tür zu öffnen. Aber es war zu spät.)

– Sie sind unsere Nachbarn, ich wohne unter Ihnen. Und ich wollte mich bei Ihnen bedanken: Wegen Ihnen können wir nämlich jetzt endlich wieder schlafen. (Leider war er zu betrunken, um meinen dummen Gesichtsausdruck zu kommentieren. Ich hatte keine Ahnung, wovon er redete.)

– Meinen Sie das ernst, ist das irgendwie ironisch gemeint? (Ich hatte die Befürchtung, gleich setzt der Mann zu einer Schimpf- und Rauftirade an.)

Statt dessen guckte er ausnehmend blöd und verstand gar nicht, was ich von ihm wollte, und ich fand es sehr schade, aus Furcht vor seiner Reaktion nicht lachen zu dürfen. Wir einigten uns darauf, dass er sich bedankte und ich nicht wusste wofür und er feststellte, dass wir Ausländer waren und er mir das Du anbot. Das war schön, denn seither grüßen wir uns per Handschlag und man hat so ein bisschen das Gefühl, in diesem Haus nicht ganz allein zu sein.

Also hielten wir das Pärchen, dass uns manchmal mit ihrem kleinen Kindchen im Lift begegnet, für skurrile Vögel mit überzogen spießiger Attitüde. Sie hielt das Kind vor fremden Blicken bedeckt, er wirkte bei jedem Sehen betrunken, aber fuhr ein endgeiles weißes Motorrad. Sie klingelten seither nie wieder und ich nahm an, der Auftritt der Frau war tatsächlich ein Flehen in erster Sekunde und der Mann hatte ganz ernsthaft Dankbarkeit geäußert. Ich machte mir Sorgen, was in diesen unseren Räumen wohl ehedem abgegangen sein mag. Bis es heute Mittag gegen halb 1 wieder klingelte, diesmal an der Haustür unten. Ich erwartete niemanden, unser Kindermädchen ging ans Domofon.

– Wer ist denn da?

– Ich.

– Wer ist bitte ich?

– Na ich eben.

– So.

– Ja.

– Und was wollen Sie?

– Was will ich schon wollen?

– Nun, das möchte ich gerne wissen.

– Was ich halt will.

– Und was ist das?

– Na — ficken.

– Äh.

– Nicht wahr?

– Und da kommen Sie hierher? —

Das Kindermädchen kam irritiert-amüsiert zurück. Die Sache mit der schaukelnden Deckenbeleuchtung nahm Gestalt an – in etwa jene, welche sich gerade enttäuscht mit weiblicher Begleitung vom Hauseingang entfernte: Wir wohnten in einem ehemaligen Stundenhotel. Der Kerl, der soeben abgeblitzt war, hatte die neuesten Entwicklungen nicht mibekommen und musste sich mit seiner Mittagsbüropausengeliebten – in Russland macht jedes Büro zwischen 12 und 13 Uhr Mittagspause – ein anderes Lager fürs Schäferstündchen suchen. Da unsere Nachbarn gleich am ersten Abend um Zurückhaltung bei eventuell geplanter Ruhestörung baten, muss es vorher ein hochfrequentiertes Domizil gewesen sein. Und wenn man sich so umhörte, bei weitem nicht das Einzige. Ein paar Etagen über der Wohnung unseres Kindermädchens ging es ebenfalls heiß her, wie sie verriet. Und in unserem Wohnviertel, wie so ziemlich überall in der Stadt, finden sich an Laternenmasten angeklebte Zettel, die für Stunden- oder Tageshotels werben, pro Nacht 600 Rubel, etwa 15 Euro, dazu Handynummern. Wer unser Appartement professionell betrieben hat, ist nicht so wichtig, es lässt sich eine ganze Menge vorstellen. Angesichts einer Wohnungssituation, die Frischverliebten wenig Spielraum lässt – hohe Preise, geringes Einkommen -, sind vermutlich nicht wenige froh über jedes Angebot, seinen Trieben freien Lauf lassen zu können, und sei es auch des Ehebruchs wegen. Auf Nachbarn kann man da klar wenig Rücksicht nehmen. Zumal jetzt, wo der Frühling auch in Irkutsk endlich Knospen treibt, wird die Jagd- und Spielsaison vermutlich noch das eine oder andere verirrte Pärchen an die guten alten Plätze führen. Leider ist für die zwischen zwei Bürostühlen wild gewordenen Tiere mit dem Einzug der neuen Mieter eine weitere Höhle urbar gemacht, aber selbst wenn ich da jetzt ganz viel Verständnis für aufbringe – es ist mir total egal und wir sind sehr froh, für unsere gewachsene Familie ein schönes Zuhause gefunden zu haben.

Anti-Terror/Irkutsk/Statistik/Ulica

Der verschwundene Schal der Maria Wolkonskaja

Posted by Sascha Preiß on

Inzwischen ist die Situation wieder unter Kontrolle. Es wurden Schuldige gesucht und gefunden und der Bürgermeister hat mit den zuständigen Polizeiorganen Statements über das Ende der Stadtpanik abgegeben. Außerdem wurde sicherheitshalber ein bekiffter Busfahrer dingfest gemacht und der gestohlene Schal von Maria Wolkonskaja ist endlich auch wieder da.

Mit dem Schal der berühmtesten Dekabristin der Stadt verhält es sich so: In den 1970er Jahren wurde dem Museum der Schal von Marina Perfiljewa übergeben. Nach ihrer Aussage sei dies der Schal, den Maria Wolkonskaja von der Irkutsker Waise Varvara Rodionova als Hochzeitsgeschenk erhielt. Nach fünf Jahren verschwand der Schal aus dem Museum und galt als verschollen. Anfang der 2000er Jahre tauchte ein ähnlicher Schal beim Heimatmuseum des Tschitaer Gebietes auf (19 Bahnstunden von Irkutsk entfernt). Bei einem Fotovergleich des verschwundenen Schals von Frau Wolkonskaja mit dem nun aufgetauchten wurde festgestellt, dass die Schals identisch seien. Aufgrund von Überlegungen zur Berufsethik und eingedenk der Tatsache, dass der Schal als Erinnerungsreliquie unauflösbar mit der Geschichte Irkutsks verbunden ist, wurde im Heimatmuseum Tschita beschlossen, den Schal dem Irkutsker Dekabristenmuseum zurückzugeben. Das geschah schließlich, nach etwa zehn Jahren, vor wenigen Tagen. Morgen wird im Dekabristenmuseum der zurückgekehrte Schal präsentiert, dann bis zum 9. März erstmals wieder gezeigt, bevor er für einige Jahre zur Restauration verschwindet und erst danach endgültig öffentlich zugänglich sein wird.

Man kann anhand des Schals auf jeden Fall feststellen, dass Dinge, die verschwinden, auch wieder auftauchen, es braucht nur ein bisschen Zeit. Was sind schon 19 Bahnstunden oder zehn Jahre, wenn der Schal über 25 Jahre verschollen war und selbst über 150 Jahre alt ist. Auf keinen Fall lohnt es sich, wegen abhanden gekommenen Sachen in Panik zu verfallen. Es ist eine glückliche Fügung, dass just im Moment der Rückkehr des verlorenen Schals nun also auch Polizei und Bürgermeister ein Ende der öffentlichen Unruhe anmahnen.

Auch wenn diese Unruhe durch das Verschwinden von Personen ausgelöst wurde. Üblicherweise werden in den ersten anderthalb Monaten des Jahres mehr als 65 Personen des Irkutsker Gebietes als vermisst gemeldet, in diesem Jahr verschwanden allein 25 Leute aus Irkutsk. An den Haltestellen, Laternenmasten und Häuserwänden kleben Zettel mit Fotos und Beschreibungen der Vermissten. In diesem Jahr nun schien es, als wären deutlich mehr Menschen als üblich abhanden gekommen, es verbreitete sich das Gerücht, eine Bande würde gezielt Personen fangen und sie zu Organspendezwecken obskuren Ärzten übergeben. Offensichtlich sahen sich die Behörden einem gewaltigen Ansturm an Vermisstenmeldungen und Anfragen Verunsicherter gegenüber, so dass schließlich ein Mitarbeiter des Chefarztes für Organtransplantation im Gebietskrankenhaus um offizielle Stellungnahme gebeten wurde: Es gebe aufs ganze Jahr verteilt gerade einmal 20 entsprechende Operationen, ein Anstieg sei unbekannt und unwahrscheinlich. Man bitte also gemeinsam mit der Polizei, den Gerüchten kein Gehör zu schenken. Dieser Schritt an die Öffentlichkeit war von so ausbleibender Wirkung, so dass man sich entschied, noch einmal sehr deutlich nachzulegen: Der Gebietsgouverneur Dmitri Mesenzev, ehemaliger Kandidat für die Präsidentschaftswahl im März, dem inkorrekte Unterschriften als Ausschlussgrund zur Last gelegt wurde, verfügte daher, dass die Verbreitung irreführender Gerüchte als Straftatbestand zur Unruhestiftung wider die öffentliche Ordnung zu werten sei und die Polizei nun also die Gerüchteköche zu verfolgen habe. Schließlich seien von den 65 als vermisst Gemeldeten inzwischen 59 wieder aufgetaucht oder gefunden. Man sollte sich nicht wundern, dass diese Ankündigung durchaus Verwunderung auslöste: Sucht eigentlich auch jemand die Vermissten? Man muss sich nun klar werden, dass das Vertrauen in die Organe öffentlicher Ordnungshütung traditionell nicht das höchste in Russland ist. Ein Freund berichtete mir den Fall seiner verschwundenen Nachbarstochter vom vergangenen Jahr. Die Meldung ihres Verschwindens auf der Polizeidienststelle habe zunächst keinerlei Aktivität ausgelöst, denn erst nach einer Inkubationszeit von mindestens 10 Tagen schalte sich die Polizei ein, da in den überwiegenden Fällen, siehe der verschwundene Schal der Maria Wolkonskaja, kehrten die Vermissten irgendwann von selbst zurück. Tatsächlich wurde das Mädchen gefunden, kurz nach Ablauf der polizeilichen Schonfrist, vergewaltigt, bereits über eine Woche tot, ermordet, um Spuren zu verwischen, mit ihrem Schal. Die Polizei reagierte und konnte den Täter innerhalb eines Tages aufgrund von SMS, die beim Telefonanbieter abrufbar waren, ausfindig machen und festnehmen. Einer der wenigen Fälle, bei dem die Vermisste nicht mehr zurückkehrte. Angesichts der gewöhnlichen Erfolgsquote ist das zweifellos tragisch zu nennen.

Nun also wurden die Gerüchteverbreiter gesucht und in kurzer Zeit, deren Betriebsamkeit man nicht hektisch nennen sollte, auch gefunden. Nun fehlen nur noch 6 aus 65. Es besteht kein ernsthafter Anlass zur Sorge. Eine schriftliche Anfrage nach Tschita wurde bereits versendet, um auch Möglichkeiten außerhalb des Irkutsker Gebietes in Betracht zu ziehen. Es ist also bitte wieder ruhig.

Das Wetter/Irkutsk

„Unser Schnee lässt sich schlecht zu Bällen verarbeiten“

Posted by Sascha Preiß on

In Deutschland wird seit einigen Tagen über die angekündigte sibirische Kältewelle gesprochen. Mit Peter Wagner, Redakteur bei jetzt.de, dem Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung, war ich gestern Abend zu einem Skype-Chat verabredet. Nachfolgend das dort erstveröffentlichte vollständige Interview über gefriergetrocknete Kleidung, eingecremte Gelenke und verrückte deutsche Radfahrer.

Seit dreieinhalb Jahren lebt Sascha Preiß, 35, in Sibirien. Er arbeitet dort als Lektor des Deutschen Akademischen Austauschdienstes an der Technischen Universität von Irkutsk. Aufmerksame jetzt.de-Leser kennen ihn unter dem Usernamen ruebezahl und verfolgen vielleicht auch seinen Irkutskblog, in dem er sein Leben in Russland beschreibt und fotografiert. (Die Bilder im Text unten entstammen dem Blog.) Im Skype-Chat mit jetzt.de erzählt Sascha vom Leben in der Kälte – als Einstimmung auf Hoch „Cooper“, das Deutschland bis Ende der Woche tiefgefroren haben soll.   

jetzt.de: Sascha, bei mir in München ist es jetzt 10 Uhr, bei dir 18 Uhr. Wie kalt ist es?
Sascha:
Minus 27 Grad. Es ist also etwas wärmer geworden.

Wie kalt war es gestern?
Minus 41 Grad.

War es dein Wunsch, in diese Ecke der Welt zu ziehen, um dort zu arbeiten?
Ja, ich wollte schon immer mal in Russland leben und arbeiten. Ich habe zuvor ein Jahr in Kasachstan gearbeitet, später zwei Jahre in Kroatien. Und als sich die Möglichkeit bot, in Baikal-Nähe zu leben, habe ich mich beworben und die Stelle bekommen.

Zu welcher Jahreszeit bist du damals angekommen?
Damals war es früher Herbst und als wir mit dem Flugzeug, einer alten TU-134, von Nowosibirsk aus ankamen, hat es ziemlich geregnet. Wenig erfreulich im ersten Moment, weil dadurch von der Stadt absolut nichts zu sehen war. Aber das hat sich schnell gebessert. Die Stadt empfand ich damals im Herbst als wirklich sehr schön. Und auch im Winter!

Das Wetter/Irkutsk/Russland

Frohe Weihnachten!

Posted by Sascha Preiß on

Heute, da die russlandweiten Anti-Wahl-Proteste einen weiteren Höhepunkt erreicht haben, fiel nun also den sechsten Tag in Folge in Irkutsk Schnee und die für den örtlichen Demonstrationsplatz am Station „Trud“ angekündigten Proteste so gut wie aus. Es kamen offenbar so wenige, dass selbst die Berichterstattung nicht mehr lohnt. Andererseits hatte ja vor einer Woche der Bürgermeister selbst sein ganzes politisches Gewicht in den Ring geworfen, als er nach Putins 4,5stündiger TV-Fragestunde (bzw moderierte Monologe) ebenfalls zu der Behauptung griff, die Proteste gegen die Wahl in Irkutsk seien von „ausländischen Sonderdiensten“ finanziert und sowieso gegenstandslos, weil ja in Irkutsk nicht wirklich etwas zu beanstanden sei: Also werde er, Viktor Kondraschow, ab sofort mit einem weißen Helm gegen die „Weißen Bänder“ (die Putin als Kondome verhöhnt hatte) vorgehen.

Wie auch immer Putin (von Medwedjew hat in den vergangenen Monaten in Russland niemand mehr gesprochen, obwohl er ja eigentlich Präsident ist, aber offenkundig derart unwichtig, dass selbst seine nett gemeinten Ansprachen unerhört vergehen) nun auf die neuerlichen Proteste reagieren wird – schaut man sich die Liste seiner Präsidentschaftsgegner an, muss man sich noch immer um seine Wiederwahl keine Sorgen machen.

Sorgen hingegen muss man sich allmählich um eine touristische Attraktion am Baikalufer machen: Der Betrieb der Baikalrundbahn könnte im kommenden Jahr mangels Geldes eingestellt werden. Noch wird die Strecke vom Südufer des Sees (Sljudjanka) zum Port Baikal regelmäßig angeboten, doch ein durchgehender Verkehr von Irkutsk und wieder zurück ist vorerst auf Eis gelegt. Bislang jedenfalls konnte man für alles, was schief zu gehen drohte, nach Putin rufen, und wenn er kam, wurde alles irgendwie gut. Ob das auch im kommenden Jahr so bleibt, ist ungewiss.

Und apropos: Es ist, wie eingangs erwähnt, Winter und ein ganz wunderbarer dazu, vielleicht auch deshalb, weil die winterliche Idylle so gar nicht zur politischen Situation passen will.

Allen LeserInnen des Irkutskblogs wünsche ich ein fröhliches Weihnachtsfest, с рождеством!

Irkutsk/Russland/Ulica

Zwischen den Wahlen

Posted by Sascha Preiß on

Die Wahlen zur russischen Duma liegen zehn Tage zurück, an den massenhaften Protesten in Russland gegen Wahlfälschungen und Einflussnahme bei der Stimmabgabe hat sich am Samstag auch die Irkutsker Bevölkerung beteiligt, vorerst nur mit etwa 1000 Menschen. In drei Tagen ist aber eine größere Protestdemonstration angekündigt. Die Proteste verliefen absolut friedlich, obwohl ursprünglich nur 300 Menschen für den Kirow-Platz zugelassen waren und die Demonstration kurzerhand vor den Zirkus verlegt werden musste, aus Sichtweite der Gebietsverwaltung. Allerdings gibt es dennoch reichlich Unterstützer des Protests und beinah alles wird im Internet dokumentiert. Dieses bislang als unzensiert geltende Medium hat in der Tat stark an Bedeutung in Russland gewonnen und damit auch die Aufmerksamkeit der politischen Führung – Prognosen sehen eine zunehmende Überwachung voraus. Auch in Irkutsk wurden am 4.Dezember die Server der freien Wahlbeobachter von „Golos“ blockiert (Meldung um 17:15), inzwischen machen Meldungen über behördliche Beobachtung aller mit Irkutsk verknüpften Profile bei vkontakte und facebook die Runde.

Die Duma-Wahlen sind im Irkutsker Gebiet nicht besonders berauschend für „Einiges Russland“ ausgegangen, im gesamten Oblast erreichte ER gerade einmal knapp 35%, relativ dicht gefolgt von den Kommunisten (27,79%) und mit großem Abstand zu Schirinowskis LDPR (17,34%) und „Gerechtes Russland“ (13,36%). In Irkutsk und Angarsk lagen die Kommunisten sogar deutlich vor ER, auch wenn die gesamte Familie des ehemals kommunistischen Bürgermeisters V. Kondraschow, der nach den Bürgermeisterwahlen im März 2010 recht bald zu „Einiges Russland“ überlief, für „Stabilität“, einem Schlüsselwort im Wahlkampf von ER, stimmte. Offenkundig ist seine Popularität nicht wahlbedeutend. Ebensowenig wie die im Irkutsker Gebiet gemeldeten Verletzungen des Wahlrechts, wie „Golos“ zur Liste anmerkt.

Dennoch sind die Ängste oder Hoffnungen auf ein Abflauen des Protestes wohl unbegründet – solange Identitätsfiguren wie Alexei Navalnyj noch in Haft sitzen, wird es weiterhin Guerilla-Aktion wie die der russischen feministischen Punk-Band „Pussy Riot“ geben, die kurzerhand eine Art Konzert für die Inhaftierten an den Gefängnismauern veranstalteten. (Wobei insbesondere bei Navalnyj nicht klar ist, wo Aufklärung und nationale Verklärung beginnt: Immerhin ist er einer der Mitunterstützer des diesjährigen „Russki Marsch“ in Moskau, einer ultranationalistischen Veranstaltung. Und für den Moskauer Protest am 24.12. haben sich bereits reichlich Nationalisten angekündigt.)

Wahlplakat der Kommunisten: Zur Wahl mit (einer) Kalaschnikow

Unabhängig von der weiteren Entwicklung der Proteste und dem gegen sie gerichteten Vorgehen der Behörden – wenn es nun ganz schlecht für V.V. Putin bei den im März 2012 anstehenden Präsidentschaftswahlen läuft, könnte tatsächlich ein gegenwärtiger Irkutsker die Russische Föderation anführen: Der Gouverneur des Irkutsker Gebietes, Parteimitglied von ER und gebürtige Leningrader Dmitrij Mesentsev ist einverstanden, sich als Kandidat für das Präsidentenamt aufzustellen. Auf die Frage von Journalisten, dass er damit auch Putin selbst direkte Konkurrenz macht, antwortete er: „Für mich bleibt Vladimir Vladimirowitsch erst einmal Regierungsvorsitzender.“ Außerdem sei er kein Parteimitglied von ER – eine Haltung, die Putin und dessen Distanzierung von seiner eigenen Partei bekräftigt. Nun, wir dürfen davon ausgehen, dass man sich außerhalb des Irkutsker Gebietes und jenseits der russischen Grenzen nicht wirklich an den Namen Mesentsev wird gewöhnen müssen. Auch wenn in diesem heißen russischen Winter viel möglich scheint. (Ob der Weihnachtsmann in Russland die Kommunisten wählt?)

Auch zum Neujahrsfest sind Kalaschnikows der Knaller: Weihnachtsmann und Snegurotschka gut gerüstet in Camouflage-Mänteln

Im Übrigen: Während sich in Moskau die meisten Kinos vor der Dumawahl schlicht nicht wagten, den kontroversen Film „Chodorkovskij“ auszustrahlen, wird der Film ab Freitag für zwei Wochen im „Dom Kino“ gezeigt. Dies als Ankündigung für alle Interessenten, die noch keine Gelegenheit hatten, den Film zu sehen, mich inbegriffen.

Irkutsk/Ulica

Wundervolles Irkutsk

Posted by Sascha Preiß on

Vor wenigen Tagen begann Vater Nikolai, die Flugzeuge der Irkutsker Fluglinie IrAero zu weihen. Nun ist es so, dass das Vertrauen in die eigenen menschlichen und technischen Fähigkeiten in Russland traditionell nicht das höchste ist. Selbst gute, in Russland produzierte Produkte würde man kaum mit dem eher ironischen „Russkoe Kachestvo“ bewerben. Man fährt auch lieber ein japanisches, noch besser deutsches Auto als ein russisches, denn auf den Straßen kann allerhand passieren. Und leider passiert auf Russlands Straßen erheblich zu viel, im Jahr 2008 wurden knapp 220.000 Unfälle registriert, bei denen etwa 30.000 Menschen starben und 270.000 verletzt wurden. Diese katastrophalen Zahlen sind zwar Jahr für Jahr rückläufig, doch viel zu langsam. 2010 starben immer noch 26.567 Menschen bei knapp 200.000 Verkehrsunfällen. Es steht außer Frage, dass dringend gehandelt werden muss. Vater Alexander hat das nun gestern in Irkutsk getan. Er hat unter Mithilfe von Mitarbeitern der „Staatlichen Sicherheitsüberwachung der Verkehrswege“ (GIBDD), Abteilung Irkutsk, die gefährlichsten und unfallanfälligsten Straßenstellen in Irkutsk – nun ja, geweiht. Damit hat er nach den Worten von Iwan Dobrowolski, dem „Inspektor für Propaganda“ im GIBDD, schon einmal vor drei Jahren begonnen, offenbar „mit Effekt“: Jetzt gäbe es bei Unfällen an der geweihten Stelle nur noch Blechschäden. Wenn das mal kein vielversprechender Ansatz für eine Verbesserung der russischen Verkehrssicherheit ist.

Wunder über Wunder. Irkutsk hat davon seit heute offiziell 10. Es gab nämlich im Internet die Wahl „Die 10 Wunder von Irkutsk“ – wobei es gar nicht um das Wirken Jesu in Irkutsk geht, sondern um weitaus weltlichere und der Vergänglichkeit ausgesetzte Dinge: Gesucht wurden die schönsten Orte der Stadt, je einer sollte es aus diesen 10 Kategorien sein: romantischer Ort, geheimnisvoller Ort, extremer Ort, freundlicher Ort, patriotischer Ort, historischer Ort, sauberer Ort, futuristischer Ort, ungewöhnlicher Ort und Ort am Wasser. Vergänglich sind die zu erwartenden Wunder allein schon deshalb, weil sich in den vergangenen 100 Jahren die russischen Städte mehrfach sehr radikal gewandelt haben, nicht immer zum Wunderbaren. Nun aber stehen sie fest, die Wunder der Stadt. Und das ist eine unterhaltsame Mischung aus Sehenswürdigkeiten und sehr seltsamen Orten, wobei nicht sicher ist, dass etwa die Wahl des Eispalastes oder einer Fußgängerunterführung nicht ganz ironiefrei ist. Mein Vorschlag nun wäre, diese Wunder-Orte schnellstmöglich vor dem Verfall und anderen Unfällen zu bewahren, indem sie von Vater Alexander und Vater Nikolai gemeinsam geweiht werden. Man kann nie wissen, nachher gibt es noch ein ungeweihtes Erdbeben oder so und alles ist wieder futsch. Wir rechnen daher fest mit himmlischem Beistand.

Baikal/Begraben

Direktflug? Welcher Direktflug? [UPDATE]

Posted by Sascha Preiß on

Eine wahrscheinlich erfreuliche Nachricht, die auch überhaupt nicht mehr verwundern sollte, zwischendurch: Nach den z.T. verheerenden russischen Flugzeugunglücken in diesem Jahr, sind der Fluggesellschaft VIM Avia von der russischen Flugaufsichtsbehörde vorläufig Flüge in die EU verboten worden. Anderen Airlines, darunter die „Yak-Service“, die den Tod des gesamten Eishockeyteams aus Jaroslawl Anfang September zu verantworten hat, wurde die Lizenz vollständig entzogen.

Das etwas Beunruhigende an dieser Nachricht: Auch die Fluglinie „Yakutia“ steht vor dem (wiederholten) Flugverbot in der EU. „Yakutia“ bediente in diesem Jahr ab Ende April bis Anfang Oktober den Direktflug Irkutsk-München. Allerdings war dieser Airline 2007 auf EU-Empfehlung ein Einflugverbot in die EU erteilt worden. Der Direktflug wurde mit einer nicht mehr ganz taufrischen Boing 757-200 absolviert, wovon ich mich als einmaliger Passagier im Juni selbst überzeugen konnte, es gab aber auf keinem der durchgeführten Flüge irgendwelche Zwischenfälle zu melden. Allerdings wurden bei der offiziellen Pressekonferenz zur Inbetriebnahme des Fluges auch keinerlei Fragen von Journalisten (etwa zu den Gründen der Wiederaufhebung des Flugverbotes) zugelassen. Inzwischen ist der Direktflug wieder eingestellt, vorerst aus vermeintlich saisonalen Gründen. Ob er im kommenden Jahr wieder aufgenommen wird, ist sehr fraglich, es laufen Planungen für einen „Yakutia“-Direktflug ins nahegelegene und günstigere Prag. Ob dieser überhaupt angeboten werden kann, darf wegen des drohenden erneuten Flugverbotes in die EU stark bezweifelt werden.

Der Flug selbst, anfänglich 2x wöchentlich angeboten, später wegen unzureichender Nachfrage auf 1x reduziert, erwies sich als finanzielles Desaster. Offensichtlich gab es vorher keinerlei Evaluation eines möglichen Fluggastaufkommens, anders sind die katastrophalen Auslastungen des für 192 Passagiere ausgelegten Flugzeuges nicht zu erklären: Minusrekord Ende Mai – 9 Fluggäste auf einem Rückflug aus München. Weiterhin scheinen sich die Werbebemühungen fast ausschließlich auf Russland bzw Ostsibirien beschränkt zu haben. Von deutschen Reiseunternehmen war des öfteren zu hören, dass sie von diesem Flug keinerlei Kenntnis hätten. Aus diesem Grund entschloss sich eine hochrangig besetzte Delegation (Chefs der Airline, Gouverneur des Irkutsker Gebietes, Bürgermeister Irkutsk, Rektoren verschiedener Unis) Anfang Juni zu einem Werbebesuch in München. Die mitreisenden Uni-Rektoren nutzten die Gelegenheit zu Kurzbesuchen an den bekannten Münchner Hochschulen, mit denen u.a. ich das Besuchsprogramm absprechen sollte. Etwas verwundert rief mich eine Mitarbeiterin im Auslandsamt der Münchner TU auf meinem russischen Mobiltelefon an und wollte wissen, warum denn plötzlich diese ganzen Rektoren kommen. Ich erklärte ihr den Hintergrund des unausgelasteten Flugzeuges, woraufhin sie in schallendes Gelächter ausbrach. „Und dafür der ganze Aufwand?“, war ihre durchaus berechtigte Frage. Ich hatte hingegen festzustellen: Ein Direktflug München – Irkutsk ist eben doch die ungleiche Begegnung von Metropole und hinterer Provinz, auch wenn man das naturgemäß in Irkutsk anders sieht.

Nun also sieht es also so aus, als ob dieser Flug ein singuläres Ereignis geblieben sein wird, eine unbedeutende Anekdote in der Geschichte des internationalen Flugverkehrs. Die Gründe dieser zu erwartenden Verbindungseinstellung sind hingegen wenig unterhaltsam: Die russische Luftfahrt ist im Moment leider alles andere als sicher und wird in den kommenden Jahren radikale Veränderungen erleben. Müssen.

[UPDATE]

Die Pointe lässt nicht lange auf sich warten. Soeben wurde vermeldet, dass auf dem Irkutsker Flughafen, der in der Vergangenheit selbst mehrfach Schauplatz schwerer Flugzeugunglücke war, begonnen wurde, die Flugzeuge der Fluggesellschaft von einem Geistlichen zu weihen. Vater Nikolai, der bereits Kriegsflugzeuge weihte, tat dies nun erstmals mit zwei zivilen Flugzeugen – und gab den beiden Maschinen auch neue Namen: Nikolai, der Wunderbewirkende und Innokent von Irkutsk. Geplant ist nun, die gesamte Flotte der Irkutsker Fluggesellschaft IrAero auf gleiche Weise zu weihen. Man fliegt gleich viel sicherer, wenn tiefempfundenes Gottvertrauen das Flugwesen Russlands vor dem Absturz bewahren wird.

Architektur/Irkutsk

Stadtentwicklung, zweiter Teil

Posted by Sascha Preiß on

Kurz nachdem ich in Irkutsk meine Arbeit begonnen hatte, fragte mich eine deutsche Kollegin aus dem ostsibirischen Omsk, ob auch in Irkutsk neuer Baugrund entsteht, indem Holzhäuser einfach abgebrannt würden. Damals konnte ich dies aus eigener Anschauung nicht bestätigen. Während der vergangenen drei Jahre, die ich mittlerweile hier lebe und arbeite, hat sich die Stadt z.T. massiv verändert, insbesondere im Zuge der Feierlichkeiten zum 350jährigen Stadtjubiläum. Das Stadtbild hat sich an manchen Stellen radikal verändert und auf ehemaligen Standorten eben jener alten Holzhäuser, die aus Mangel an Geld und politischem Erhaltungswillen tatsächlich sehr heruntergekommen waren oder noch immer sind, entstehen und entstanden moderne, wenig effektiv gebaute Neubausiedlungen. Die unabhängige Irkutsker Zeitung „Vostochnaya Sibirskaya Pravda“ spricht im Zusammenhang mit Verdrängung sibirischer Holzarchitektur durch Brände auch von einem „Friedhof der verbrannten Häuser“ und fragt nach der Verantwortung des Irkutsker Bürgermeisters. 

Auf studentische Initiative und in Kooperation der TU Irkutsk mit der TU Dresden waren im Frühjahr/Sommer zwei Architekten, die in Dresden Architektur bzw Architekturtheorie unterrichten, fünf Monate in Irkutsk zu Gast. Ihre Eindrücke von der Stadt an der Angara, deren zahlreich vorhandene, jedoch so gut wie nie genutzte oder umgesetzte städtebauliche Möglichkeiten, haben sie zu einem Artikel für die Irkutsker Deutsche Zeitung zusammengefasst (auch in russischer Übersetzung erschienen). Der Irkutskblog veröffentlicht diesen Text seinerseits, da in ihm exemplarisch der Zustand sehr vieler sibirischer Städte abgebildet ist, ebenso auch die (noch?) nicht ergriffenen Chancen, diese alten Städte für sich selbst und mit ihnen das ganze Land deutlich lebenswerter zu gestalten.

Zum Stadtbild von Irkutsk

Deutschland hat in den 60er/70er Jahren große Fehler in der Stadtplanung gemacht – Irkutsk könnte daraus lernen.

Irkutsk liegt in einem einzigartigen Natur- und Landschaftsraum und die Stadt verfügt über ein außergewöhnliches bauliches Erbe vor allem traditioneller Holzarchitektur, welche den Titel UNESCO-Weltkulturerbe verdienen würde. Das Zusammenspiel von Flusslandschaft und Stadt, aber auch die geographische Lage von Irkutsk bieten große Potentiale für zukünftige städtebauliche und wirtschaftliche Entwicklungen. Es gilt jedoch die historischen und natürlichen Schätze zu bewahren und stärker als Lebensqualität für seine Bürger und Besucher zu nutzen.

Intaktes Holzhaus

Die bauliche Geschichte und Identität von Irkutsk, der so genannte „Geist des Ortes“ prägen die Unverwechselbarkeit der Stadt. Um diese zu erhalten, muss die historische Bausubstanz bewahrt werden und neue Architektur sich angemessen auf das Bestehende beziehen. Das heißt zukünftige Bauvorhaben sollten sich in ihrer Formensprache, Maßstäblichkeit und einer für Sibirien klimagerechten Konstruktionsweise sensibel in den städtebaulichen, landschaftlichen und kulturellen Kontext integrieren. Formal willkürliche Neubauten wie beispielsweise große rosafarbene Shoppingcenter im Stadtzentrum bzw. entlang des Flusses, oder der mehrstöckige Geschosswohnungsbau bewahren das Besondere von Irkutsk ebenso wenig wie das Verstellen und Zerstören der historischen Gebäude. Oftmals beeinträchtigen erste Hochhäuser innerhalb eines Quartiers die Identität der gesamten Umgebung. Bespiele dieser Art finden sich in der ganzen Stadt. Die traditionelle Holzarchitektur stellt jedoch einen entscheidenden Beitrag zur wertvollen Irkutsker Baukultur dar. Die Bedeutung der Holztradition wird erkannt, wie sich bei neuen Projekten wie dem Quartier 130 zeigt. Die dortige Verfahrensweise ist jedoch sehr aufwendig und nicht stilgerecht. Zum Erhalt der Holzarchitektur gehört die Sanierung nach heutigen Wohnstandards sowie der teilweise Erhalt der innerstädtischen Wohnnutzung und der zu den Gebäuden gehörenden Nutzgärten. Durch die Zerstörung der Holzhäuser durch Brände oder gar Brandstiftungen, sowie das scheinbar ungebremste Ausdehnen kleiner Containerläden südlich des zentralen Marktes mit ihren dazugehörigen abweisend wirkenden Stahlzäunen, entsteht der Eindruck, dass die Holzbebauung bewusst vernichtet werden soll.

Besondere Sensibilität sollte neben dem historischen Zentrum vor allem an den Flussufern gelten, denn der innerstädtische Landschaftsraum in Irkutsk hat ebenfalls mehr zu bieten. Die derzeitige Betonfassung des Flusses wirkt sehr abweisend. Die sauberen kristallklaren Flüsse Angara und Irkut, ihre Inseln und Ufer sollten intensiver und vielfältiger genutzt werden. Öffentliche Räume könnten durchgehend entlang der Ufer erschlossen und für verschiedene Zielgruppen wie beispielsweise Radfahrer, Spaziergänger, Skater, Skilangläufer, Angler gestaltet werden. Grundsätzlich sind Plätze und Denkmäler oft sehr aufwändig mit Blumen bepflanzt, aber diese in erster Linie repräsentativen Räume bieten wenig Nutzungsspielraum. Man kann Flanieren oder auf einer Bank sitzen, andere Gestaltungstypen und alternative Nutzungen sind kaum zu finden. Es fehlen öffentliche Angebote für verschiedene Sportarten. Statt neuer Denkmäler und Blumenbeete (wie z.B. am Prospekt Marschala Schukowa in Solnezneij) könnte man Aktivitätsräume für Jugendliche schaffen beziehungsweise diese auch mit jungen Leuten oder Vereinen gemeinsam errichten. Beteiligt man bestimmte Gruppen bei der Gestaltung „ihrer“ Plätze, bleibt Vandalismus oftmals aus. Auch das Thema Wohnen am Wasser könnte stärker entfaltet werden. Dabei sollten am Fluss weniger beliebig aussehende Hochhäuser, sondern gestaffelte Bebauungen und öffentliche Zugänge zur Flusslandschaft geschaffen werden. Eine Bebauung könnte sich sensibel mit natürlichen Materialen wie Holzstegen und Holzliegeflächen sowie unversiegelten Wiesen dem Fluss nähern.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Irkutsker schätzt Eure Geschichte und stärkt Eure bauliche Identität, statt austauschbare postmoderne Glashochhäuser zu bauen! Ihr könntet heute von den Fehlern der 1960 und 70er Jahre deutscher Städte lernen. Wir rissen alte Fachwerkhäuser in den Innenstädten ab, wir ersetzten unsere Altstädte mit Neubauten und Schnellstraßen. Seit den 1990er Jahren verfolgen viele deutsche Städte den historischen Wiederaufbau und den Rückbau von Verkehrsbauten. Die Stadt Frankfurt am Main reist ihr Stahlbetonrathaus wieder ab und baut an selber Stelle die früheren Fachwerkhäuser wieder auf. Vielleicht müssen die Fehler der Stadtentwicklung selbst erfahren werden, um zu einer Haltung zu kommen, die die Geschichte und Tradition würdigt und bewahrt. Doch könnte Irkutsk aus den Fehlern anderer Städte lernen, würde viel Mühe gespart, authentische Geschichte erhalten und damit die städtische Identität gestärkt werden. Dafür bedürfte es jedoch nicht nur gut gemeinter Reden oder Schriften einzelner Fachleute, sondern verantwortungsbewusste Politiker und Investoren, die eine nachhaltige Stadtentwicklung und eine steigende Lebensqualität ihrer Einwohner statt unreflektiertes Bauen und kurzfristige Gewinne verfolgen.

Irkutsk, den 30. August 2011

Dr. Katja Friedrich und Andreas Dörrhöfer, Architekten aus Dresden