Ein Gast im Hausflur

Vorhin bin ich wieder einmal nach Hause gekommen. Auf dem ersten Treppenabsatz saß ein junges Kätzchen, sah mich an, ob es von mir irgendetwas zu erwarten hätte. Sah mir nach. Auf dem Treppenabsatz vor unserer Wohnungstür eine kleine Schale mit Milch und etwas Futter. Daran kann ich mich zukünftig beteiligen, ansonsten bin ich meiner Katzenhaarallergie ausgeliefert und werde das Tierchen leider nicht adoptieren können.

Dies ist ein Déja-vu. Damals in Kasachstan traf ich schon einmal ein Kätzchen in meinem Treppenhaus an. Womöglich sind herrenlose Katzenjungen nichts Ungewöhnliches in russischen Treppenhäusern, auf jeden Fall werden Tiere gut versorgt. Das Kätzchen und die Gesänge der Nacht hielten mich damals wach. Die folgende Geschichte ist das Resultat dieser Heimkehr von vor sechs Jahren. Ich gehe davon aus, diese Nacht ruhiger verlaufen wird.

Nachtgedanken bei gleißendem Sonnenlicht

Ich bin nach Hause gekommen. Im Hausflur fand ich eine weiße Plastikschale umgekippt vor, ein paar Möhren, Grünzeug, Wasser. Für wen denn das, hier im unwohnlichen Hausflur. Ich erinnerte mich, vor kurzem hatte ein obdachloses Paar vor meiner Tür übernachtet. Aber das war doch zu abwegig, ihnen eine Plastikschale mit Gemüse hinzustellen. Ich ging weiter, die Treppe hinauf. Aus einer dunklen Ecke blickte mich mit enormen Augen ein ganz kleines Kätzchen an, wenige Wochen oder nur Tage alt. Es rührte sich nicht, saß ganz klein in seiner Ecke und schaute nach mir. Ich zwinkerte ihm zu, als erwartete ich, dass es dadurch zu einem Lächeln verführt würde. Natürlich keinerlei Regung. Wir sahen uns noch eine Weile an, dann ging ich weiter. Ich hatte keine Lust auf eine streichelnde Annäherung. Mag es noch lange in seiner dunklen Ecke sitzen und meinen Schritten ängstlich lauschen, bevor es zum Futternapf zurückkehrte. Ich schloss die Wohnung auf, hinter mir wieder ab. Setzte mich. Schaltete den Laptop ein. Tat dieses und jenes. Musik, 5’nizza novyj djen, immer und immer wieder. Schrieb Emails. Versuchte einen Film aus einer anderen Wirklichkeit, einer sorgfältig verborgenen und beinah heilen Welt. Keinerlei Müdigkeit. Schlafen konnte ich nicht, so spät es auch immer war. Ich war nach Hause gekommen und fand ein Kätzchen in einer vorborgenen Ecke. Dann ging ich doch schlafen, den Film sah ich nicht zu ende. Ich legte mich in die Dunkelheit, wälzte mich unter der warmen Decke. Presste das Kissen an mich. Drehte mich hin und her. Aus purer Gewohnheit wohl muss ich eingeschlafen sein. Ich erwachte, es war noch immer dunkel. Ich hatte erwartet, dass ich in der Nacht erwachen würde, wenn ich mich schlafen legte. Ich warf mich hin und her. Presste das Kissen an mich. Ich kam nach Hause und konnte nicht schlafen. Wie spät es auch immer sein mochte. Ein Vogel rief sein lautes, monotones Lied. Eine große Terz aufwärts, immer und immer wieder. Bis auf diesen Vogel schien die Nacht ruhig zu sein. Ich drehte mich auf die andere Seite, das Kissen an mich gepresst, die Decke mit den Beinen immer wieder zurechtschiebend. Ohne Decke war es zu kalt, mit zu warm. Der Vogel rief. Ein Auto fuhr. Ich hörte deutliche Lustschreie einer Frau. Der Hinterhof war groß und bot nachts viel Platz für intensive Geräusche. Der Vogel rief unbeeindruckt weiter. Die Frau schrie. Ich hörte beiden eine Weile zu. Ich überlegte, aus welcher Wohnung die Lustschreie kommen könnten und wo der Vogel sitzt. Irgendwo entfernt hob ein Hund zu bellen an. Ein seltsames Terzett aus Rufen. Die Tiere kontinuierlich, die Frau immer mal wieder, mal lauter, mal leiser, mal länger, mal kürzer. Plötzlich eine Männerstimme, mahnte die Frau in ihrer Lust zur Nachtruhe. Danach eine relative Stille, nur Vogel und Hund. Dann ein neuer Ton, ein Schnarchen drang durch ein Fenster, leise, aber deutlich. Bald setzte auch die Frau wieder ein. Ein zweiter Vogel variierte das Lied des ersten, der daraufhin aufgab. Ich warf mich hin und her. Arbeitete mich an der Decke und meiner richtigen Liegeposition ab. Presste das Kissen an mich. Ich war nach Hause gekommen, sie hatte mir gegenüber gesessen. Ihre Gedanken waren so intensiv wie traurig. Ich war erstaunt, dass ich ihre fremde Sprache verstand, sie aber überhaupt nicht. Ich war nach Hause gekommen und hörte den Nachtgeräuschen zu. Frau, Vogel, Hund. Der Schnarcher war verstummt. Derb setzte mein Kühlschrank ein, brachte den spärlichen Inhalt wieder auf Kühlmaß Stufe 4. Im Hausflur konnte man Schritte vernehmen. Der Vogel rief unaufhörlich, der Hund bellte immer weiter. Die Frau schrie ihre Lust in die Nacht. Im Hinterhof gab es bald darauf einen energischen Wortwechsel, die Frau ließ ihre Lust leiser werden. Ich drehte mich zur Seite. Der Kühlschrank beendete seine Kühlungsrunde. Ich war nach Hause gekommen und dachte an die Augen der Nacht. An das schneeblasse Gesicht ihrer Gedanken. Ich hörte in die hinterhöfliche Nacht. Ich war nach Hause gekommen und fand eine weiße Schale und ein Kätzchen. Ich schloss die Wohnung auf und hinter mir zu. Ich war nach Hause gekommen und setzte mich. Machte dies und jenes. Ich war nach Hause gekommen und wie erwartet wieder erwacht. Ich war nach Hause gekommen und begann immer wieder von vorn, alles aufzuzählen. Ich presste das Kissen an mich. Der Vogel rief, ein anderer antortete endlich, ein anderes Lied. Ich lauschte in die Nacht. Ich drehte mich zur Seite. Ich träumte, wie in einem Haus aus Pappe, dessen Räume ich nachts wechselte, mich plötzlich eine alte Bekannte küsste, obwohl ich das nicht wollte. Dann bin ich mit einem Freund durch die Stadt gegangen. Soldaten versperrten den Weg, es geht hier nicht lang, Richtung Magdeburger Allee hat die Rebellion begonnen. In der ganzen Stadt hat die Rebellion begonnen, es geht nur noch die Johannesstraße hinauf. Meine Geburtsstadt lag in seltsamen dunklen Licht. Soldaten spritzten Kinder mit Schläuchen weiß an, damit sie sich in der weißen Fassade dieses Hauses verstecken konnten. Die ganze Häuserfront bestand aus weißgefärbten Kindern, die sich kaum bewegten. Ich überlegte, ob das eine so gute Tarnung war. Wir gingen in ein italienisches Restaurant. Eine Maschine produzierte unaufhörlich grüne Nudeln, die sie in eine Lostrommel warf. Der Mann hinter dem Thresen sagte, wenn die erste blaue Nudel produziert ist, wird das Restaurant geschlossen. In einer Glasvitrine lag ein halber toter Mann, der langsam in einen Zerkleinerungsapparat gezogen wurde, wo er zu Teig für Pizza und Nudeln verarbeitet wurde. Der Mann hinter dem Thresen schöpfte aus der Lostrommel eine Handvoll blauer Nudeln. Es ist vorbei, wir nehmen keine Bestellungen mehr entgegen. Wir gingen einen Bergpfad entlang. Zwei Punks stritten sich um eine Jacke. Mein Freund versuchte zu schlichten. Ich wusste, dass das keine gute Idee war. Ich kannte diesen Moment. Es war der Moment, den ich nicht sehen wollte. Die Punks, in ihrer eigenen, verborgenen, meinem Freund unverständlichen Konversation gestört, wandten sich feindselig an ihn. Ich wusste, sie würden ihm auf brutalste Weise das Gesicht zerschlagen. Diese Szene war berühmt für ihre unerwartet heftige, brutale Härte. Ich drehte mich weg. Ich konnte nicht mitansehen, wie mein Freund zerdroschen wurde. Ich erwachte erneut. Die Vögel riefen, nun schon sehr zahlreich. Wie spät es auch immer sein mochte. Die Frau war nicht mehr zu hören. Auch der Hund hatte aufgehört zu bellen. Ich schwitzte im Nacken, mir war kalt. Ich drehte mich um und grub mich in die Decke. Drehte mich auf den Bauch, das Kissen an mich gepresst. Ich hörte in die Nacht. Ich dachte an meinen Freund und die berühmte brutale Szene. Ich stand auf und schaute auf die Uhr. Die Zeiger waren schlecht in der Dunkelheit zu erkennen. Halb sechs. Ich legte mich wieder hin, warf mich hin und her. Deutlich konnte ich den Lautsprechermuezzin der großen Moschee hören, er rief zum Morgengebet. Ein Auto fuhr eilig, vielleicht zum Gebet. Ich war nach Hause gekommen und fand ein Kätzchen ängstlich in der Ecke. Ich erzählte mir auf dem Bauch liegend alles noch einmal. Ich war nach Hause gekommen und ich schloss die Wohnung ab. Ich müsste das alles jetzt aufschreiben. Ich sollte jetzt aufstehen, das Licht einschalten und die ganze Geschichte von vorne aufschreiben. Ich war wach genug dafür, ich könnte diese Geschichte verstehen. Wie ich ihre Gedanken verstanden, aber nicht begriffen hatte, als sie mir vor ein paar Stunden gegenüber saß. Bevor ich nach Hause gekommen war und mich hin und her wälzte. Ich begann noch einmal von vorn. Ich war nach Hause gekommen und hatte meine Wohnung vorgefunden. Ich wusste, dass ich nichts aufschreiben würde. Jetzt nicht, später nicht. Ich würde weiter nur in die Nacht hören und immer wieder bei der Haustür beginnen. Ich war nach Hause gekommen und ein Kätzchen blickte mich mit enormen Augen an. Ich war nach Hause gekommen, bis ich erneut einschlief. Und ich erneut noch vor Tagesanbruch aufwachen würde. Ich wusste, dass ich aufwachen würde, als ich mich ins Bett legte. Ich wachte immer auf, wenn ich – nach Hause gekommen war. Deshalb wollte ich nicht ins Bett. Und dann das Liegen und Nicht-Einschlafen-Können. Warum war ich nach Hause gekommen. Ich drehte mich um und verfluchte diese lauten Vögel mit ihrem monotonen Rufen. Ich war nach Hause gekommen und auch die Frau ließ wieder ihre Lustschreie vernehmen. Der Kühlschrank drehte eine neue Runde. Der Muezzin war nicht mehr zu hören. Ich wälzte mich auf die andere Seite. Auf die andere Seite. Auf die andere Seite. Ich blieb lange liegen. Nach Hause gekommen, das Kätzchen, Nacht, die enormen Augen und das weiße Gesicht ihrer Gedanken. Ob ich sie geküsste hatte oder sie mich oder ob es nur ein über die Mundwinkel verrutschter Abschied gewesen war, ich war doch nach Hause gekommen. Und hörte in die Nacht aus meiner dunklen Ecke.

(23.IV.05)

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