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Irkutsk/Russland/Ulica

Zwischen den Wahlen

Posted by Sascha Preiß on

Die Wahlen zur russischen Duma liegen zehn Tage zurück, an den massenhaften Protesten in Russland gegen Wahlfälschungen und Einflussnahme bei der Stimmabgabe hat sich am Samstag auch die Irkutsker Bevölkerung beteiligt, vorerst nur mit etwa 1000 Menschen. In drei Tagen ist aber eine größere Protestdemonstration angekündigt. Die Proteste verliefen absolut friedlich, obwohl ursprünglich nur 300 Menschen für den Kirow-Platz zugelassen waren und die Demonstration kurzerhand vor den Zirkus verlegt werden musste, aus Sichtweite der Gebietsverwaltung. Allerdings gibt es dennoch reichlich Unterstützer des Protests und beinah alles wird im Internet dokumentiert. Dieses bislang als unzensiert geltende Medium hat in der Tat stark an Bedeutung in Russland gewonnen und damit auch die Aufmerksamkeit der politischen Führung – Prognosen sehen eine zunehmende Überwachung voraus. Auch in Irkutsk wurden am 4.Dezember die Server der freien Wahlbeobachter von „Golos“ blockiert (Meldung um 17:15), inzwischen machen Meldungen über behördliche Beobachtung aller mit Irkutsk verknüpften Profile bei vkontakte und facebook die Runde.

Die Duma-Wahlen sind im Irkutsker Gebiet nicht besonders berauschend für „Einiges Russland“ ausgegangen, im gesamten Oblast erreichte ER gerade einmal knapp 35%, relativ dicht gefolgt von den Kommunisten (27,79%) und mit großem Abstand zu Schirinowskis LDPR (17,34%) und „Gerechtes Russland“ (13,36%). In Irkutsk und Angarsk lagen die Kommunisten sogar deutlich vor ER, auch wenn die gesamte Familie des ehemals kommunistischen Bürgermeisters V. Kondraschow, der nach den Bürgermeisterwahlen im März 2010 recht bald zu „Einiges Russland“ überlief, für „Stabilität“, einem Schlüsselwort im Wahlkampf von ER, stimmte. Offenkundig ist seine Popularität nicht wahlbedeutend. Ebensowenig wie die im Irkutsker Gebiet gemeldeten Verletzungen des Wahlrechts, wie „Golos“ zur Liste anmerkt.

Dennoch sind die Ängste oder Hoffnungen auf ein Abflauen des Protestes wohl unbegründet – solange Identitätsfiguren wie Alexei Navalnyj noch in Haft sitzen, wird es weiterhin Guerilla-Aktion wie die der russischen feministischen Punk-Band „Pussy Riot“ geben, die kurzerhand eine Art Konzert für die Inhaftierten an den Gefängnismauern veranstalteten. (Wobei insbesondere bei Navalnyj nicht klar ist, wo Aufklärung und nationale Verklärung beginnt: Immerhin ist er einer der Mitunterstützer des diesjährigen „Russki Marsch“ in Moskau, einer ultranationalistischen Veranstaltung. Und für den Moskauer Protest am 24.12. haben sich bereits reichlich Nationalisten angekündigt.)

Wahlplakat der Kommunisten: Zur Wahl mit (einer) Kalaschnikow

Unabhängig von der weiteren Entwicklung der Proteste und dem gegen sie gerichteten Vorgehen der Behörden – wenn es nun ganz schlecht für V.V. Putin bei den im März 2012 anstehenden Präsidentschaftswahlen läuft, könnte tatsächlich ein gegenwärtiger Irkutsker die Russische Föderation anführen: Der Gouverneur des Irkutsker Gebietes, Parteimitglied von ER und gebürtige Leningrader Dmitrij Mesentsev ist einverstanden, sich als Kandidat für das Präsidentenamt aufzustellen. Auf die Frage von Journalisten, dass er damit auch Putin selbst direkte Konkurrenz macht, antwortete er: „Für mich bleibt Vladimir Vladimirowitsch erst einmal Regierungsvorsitzender.“ Außerdem sei er kein Parteimitglied von ER – eine Haltung, die Putin und dessen Distanzierung von seiner eigenen Partei bekräftigt. Nun, wir dürfen davon ausgehen, dass man sich außerhalb des Irkutsker Gebietes und jenseits der russischen Grenzen nicht wirklich an den Namen Mesentsev wird gewöhnen müssen. Auch wenn in diesem heißen russischen Winter viel möglich scheint. (Ob der Weihnachtsmann in Russland die Kommunisten wählt?)

Auch zum Neujahrsfest sind Kalaschnikows der Knaller: Weihnachtsmann und Snegurotschka gut gerüstet in Camouflage-Mänteln

Im Übrigen: Während sich in Moskau die meisten Kinos vor der Dumawahl schlicht nicht wagten, den kontroversen Film „Chodorkovskij“ auszustrahlen, wird der Film ab Freitag für zwei Wochen im „Dom Kino“ gezeigt. Dies als Ankündigung für alle Interessenten, die noch keine Gelegenheit hatten, den Film zu sehen, mich inbegriffen.

Irkutsk/Ulica

Wundervolles Irkutsk

Posted by Sascha Preiß on

Vor wenigen Tagen begann Vater Nikolai, die Flugzeuge der Irkutsker Fluglinie IrAero zu weihen. Nun ist es so, dass das Vertrauen in die eigenen menschlichen und technischen Fähigkeiten in Russland traditionell nicht das höchste ist. Selbst gute, in Russland produzierte Produkte würde man kaum mit dem eher ironischen „Russkoe Kachestvo“ bewerben. Man fährt auch lieber ein japanisches, noch besser deutsches Auto als ein russisches, denn auf den Straßen kann allerhand passieren. Und leider passiert auf Russlands Straßen erheblich zu viel, im Jahr 2008 wurden knapp 220.000 Unfälle registriert, bei denen etwa 30.000 Menschen starben und 270.000 verletzt wurden. Diese katastrophalen Zahlen sind zwar Jahr für Jahr rückläufig, doch viel zu langsam. 2010 starben immer noch 26.567 Menschen bei knapp 200.000 Verkehrsunfällen. Es steht außer Frage, dass dringend gehandelt werden muss. Vater Alexander hat das nun gestern in Irkutsk getan. Er hat unter Mithilfe von Mitarbeitern der „Staatlichen Sicherheitsüberwachung der Verkehrswege“ (GIBDD), Abteilung Irkutsk, die gefährlichsten und unfallanfälligsten Straßenstellen in Irkutsk – nun ja, geweiht. Damit hat er nach den Worten von Iwan Dobrowolski, dem „Inspektor für Propaganda“ im GIBDD, schon einmal vor drei Jahren begonnen, offenbar „mit Effekt“: Jetzt gäbe es bei Unfällen an der geweihten Stelle nur noch Blechschäden. Wenn das mal kein vielversprechender Ansatz für eine Verbesserung der russischen Verkehrssicherheit ist.

Wunder über Wunder. Irkutsk hat davon seit heute offiziell 10. Es gab nämlich im Internet die Wahl „Die 10 Wunder von Irkutsk“ – wobei es gar nicht um das Wirken Jesu in Irkutsk geht, sondern um weitaus weltlichere und der Vergänglichkeit ausgesetzte Dinge: Gesucht wurden die schönsten Orte der Stadt, je einer sollte es aus diesen 10 Kategorien sein: romantischer Ort, geheimnisvoller Ort, extremer Ort, freundlicher Ort, patriotischer Ort, historischer Ort, sauberer Ort, futuristischer Ort, ungewöhnlicher Ort und Ort am Wasser. Vergänglich sind die zu erwartenden Wunder allein schon deshalb, weil sich in den vergangenen 100 Jahren die russischen Städte mehrfach sehr radikal gewandelt haben, nicht immer zum Wunderbaren. Nun aber stehen sie fest, die Wunder der Stadt. Und das ist eine unterhaltsame Mischung aus Sehenswürdigkeiten und sehr seltsamen Orten, wobei nicht sicher ist, dass etwa die Wahl des Eispalastes oder einer Fußgängerunterführung nicht ganz ironiefrei ist. Mein Vorschlag nun wäre, diese Wunder-Orte schnellstmöglich vor dem Verfall und anderen Unfällen zu bewahren, indem sie von Vater Alexander und Vater Nikolai gemeinsam geweiht werden. Man kann nie wissen, nachher gibt es noch ein ungeweihtes Erdbeben oder so und alles ist wieder futsch. Wir rechnen daher fest mit himmlischem Beistand.

Ulica

An der Haltestelle

Posted by Sascha Preiß on

In der Griboedov-Straße wurde nun endlich der staubige Sandweg geteert. Die Straßenbahn hielt an der Haltestelle Zhukovskovo, direkt vor dem Holzhaus Nr. 38. Die mittlere Wagentür öffnete sich, eine schlanke Frau mit zwei Plastebeuteln vom Markt stieg aus, stolperte und fiel von der zweiten Stufe ungebremst und volles Rohr auf die Fresse, direkt mit ihrem von Schreck geöffnetem Mund auf den noch dampfenden schwarzen Asphalt. Ein paar Minuten blieb sie reglos so liegen, dann rappelte sie sich auf und ging fort, im Asphalt steckte ein abgebrochener fauliger Schneidezahn. Die nächste Straßenbahn hielt und erneut stolperte beim Ausstieg aus der Mitteltür eine hochgewachsene schlanke Frau mit zwei Beuteln voll Gemüse vom Markt und krachte volles Rohr mit der Fresse auf den dampfenden frischen Asphalt. Nach einigen Minuten hatte sie sich aufgerappelt und ging ohne den größten Teil ihres linken oberen, kariösen Schneidezahns, der im Asphalt steckte, von dannen. Als sich bei der nächsten Bahn die Türen öffneten, stiegt niemand aus. Wohingegen bei der übernächsten Bahn aus der vorderen und der hinteren Wagentür je eine junge Frau fielen und mit der Fresse voran volle Kanne auf den Asphalt knallten, neben ihren Einkaufstüten minutenlang liegen blieben und dann mit abgebrochenen, angefaulten Zähnen weitergingen. Aus der nächsten Bahn fielen eine ältere Frau und zwei junge dürre Männer heraus, die Frau eine modische Pirouette drehend, da sich eine ihrer Einkaufstüten an einer herrausstehenden Schraube verfangen hatte. Alle drei krachten sie richtig heftig auf die Fresse, dass man ihre modrigen Kiefer brechen hörte, und blieben eine Weile so liegen. Aus der nächsten Bahn stolperten aus allen drei Türen insgesamt sieben Personen und donnerten mit ihren Fressen volles Rohr auf den Asphalt, so dass dann schon mehr Zähne im Asphalt steckten, als die Straßenbahnschaffnerin selbst noch hatte, als sie ebenfalls ausstieg und sich die Zigarette ins Maul steckte, dann aber – krach! – mit der Fresse voran auf den Asphalt bretterte. Sie verlor zwei Goldkronen. Aus der Bahn auf der Gegenrichtung knallte ebenfalls ein Mann ganz exakt auf die Fresse, obwohl er gar keine Vorderzähne mehr hatte und dort gar nicht asphaltiert worden war, sondern nur einige Müllkübel überquollen, zwischen denen der Mann aber nicht weiter auffiel. Die nächste anrollende Bahn war mir inzwischen völlig egal, daher rief ich Kolja an und schlug vor, am Markt ein paar Bengels ein paar Rubel abzunehmen, die wir dann gehörig auf den Kopf hauen wollten.

Irkutsk/Ulica

350 Jahre Irkutsk!

Posted by Sascha Preiß on

Am 14. September fanden die offiziellen Feierlichkeiten zum 350. Jubiläum der Stadtgründung Irkutsks statt. Die 1661 am Angara-Ufer gegenüber der Mündung des Flusses Irkut – daher der Name – gegründete Kosakenfestung hat im Laufe ihrer recht kurzen Geschichte doch allerhand erlebt. Hervorzuheben sind dabei die schnelle Entwicklung zum Wirtschafts- und Verwaltungszentrum Ostsibiriens innerhalb eines Jahrhunderts, die unerwartete kulturelle Blüte aufgrund der verbannten Dekabristen, und nicht zuletzt die völlige Neugestaltung der Stadt nach dem verheerenden Brand von 1879. Mit Ausnahme des für den Baikalsee und die Streckenführung der TransSib folgenreichen Baus eines Wasserkraftwerks östlich der Stadt (1950-59) und manchem Kirchenabriss hat die sowjetische Ära vergleichsweise wenige gravierende Spuren im Stadtbild hinterlassen, weshalb Irkutsk eine gewisse sibirische Ursprünglichkeit bewahren konnte. Im Rahmen der Vorbereitungen zu den Geburtstagsfeierlichkeiten wurde das 130. Stadtquartal völlig umgestaltet (zwischen Dezember 2009 und Februar 2010 brannten 9 alte, bewohnte Häuser ab) und im historischen Stil zum Stadtgeburtstag neu eröffnet. Sämtliche Fassaden der Innenstadt wurden renoviert und neu gestrichen, alle Gehwege wurden neu verlegt und werden es z.T. noch immer. Letzteres allerdings sind Arbeiten, die Jahr für Jahr stattfinden, weil der sibirische Frost den Gehwegplatten ziemlich zusetzt. Darüberhinaus sind die Festlichkeiten, mit mehr als 5000 Polizisten gesichert, erstaunlich unfallfrei über die Stadtbühnen gegangen. Das darf ruhig weitere 350 jahre so bleiben.

Hier ein paar Bilder vom Volksfest auf dem zentralen Kirow-Square, unmittelbar vor Beginn des bis in die Nacht dauernden Festtagsprogramms: http://www.flickr.com/photos/51543792@N08/sets/72157627689259602/

Das Wetter/Ulica

Ein weiteres Hochlicht

Posted by Sascha Preiß on

Vor einem Jahr, ganz unerwartet, tauchte bzw trat in Irkutsk ein gewisser Thomas Anders auf, um mal wieder etwas von sich hören zu lassen. Ziemlich genau das Gleiche wird sich dieses Jahr im Oktober wiederholen. Angekündigt auf seiner Website (Meldung 22 vom 23.August) und mit einem einnehmenden, vorfreudigen Lächeln auf dem Plakat wird das Konzert als Best-Of-Show mit den unvermeidlichen „größten Hits der letzten 25 Jahre“ – und damit sind reichlich Lieder aus den Zeiten des Zeitgenössischen Gesprächs (Современный разговор bzw Modern Talking) inklusive.

Wie zeitgenössisch dieses Gespräch in Deutschland inzwischen geworden ist, verrät uns, die wir uns jederzeit brennend dafür interessieren, Spiegel Online mit einer Rezension zu Anders‘ demnächst erscheinender Autobiografie 100 Prozent Anders. Überraschenderweise ist es ein Ex-Kollege-Beschimpfungswälzer, wie es der Ex-Kollege vor Jahren auch schon konnte. Meine Neugier hält sich nun in Grenzen zu erfahren, ob man sich nach dem Irkutsker Konzert ins Russische übersetzte Exemplare vom Meistersänger wird signieren lassen können oder ob das russische Publikum, dessen allgemeiner Musikgeschmack eher zur Nostalgie neigt, irgendetwas von den Dieter-Thomas-Quärelen erfahren möchte und nicht lieber andächtig den alten Hits in neuer Showchoreografie beiwohnen möchte. Schließlich sind die beiden Gesprächigen der berühmteste und beständigste deutsche Musikexportschlager im russischen Riesenreich. Allein die Feierlichkeiten zum gestrigen Irkutsker Stadtjubiläum wurden mit einer You’re my heart, you’re my soul-Eurodanceversion eingeläutet. Bei so viel Ehre muss der Meister dann eben auch ab und an persönlich den Glanz guter alter Zeiten versprühen. Und es ist unbedingt davon auszugehen, dass dies nicht das letzte Mal gewesen sein wird.

Auf dass auch die nächsten 350 Jahre Irkutsk Anders leuchten mögen!

Ästhetik/Das Wetter/Statistik/Ulica

Da kriegst die Motten

Posted by Sascha Preiß on

Schmetterlinge sind eine feine Sache. Wenigstens solange sie das tun, was man von diesen Viechern erwartet: möglichst bunt durch sommerliche Gegenden flattern und sich von Sammlern in Styropor-Glas-Vitrinen aufnadeln lassen. Dann gibt es aber leider auch noch Schmetterlinge, die irgendwie anders drauf sind und Ärger in der urbanen Botanik verbreiten. Seit Jahren schlägt man sich z.B. in Europa mit Miniermotten herum, welche vorrangig die erhabenen Rosskastanien zu unansehnlichen Greisen zerfressen. Zur Behandlung der kranken Bäume gehen Natur und Chemieindustrie eine ganz ansehnliche Symbiose ein (Sexuallockstoffe!), dass man glauben mag, der unansehnliche Falter möge sich eines Tages doch verpisst haben.

Vor einem ähnlichen Problem steht nun auf einmal Irkutsk: zum Auftakt der Tourismus-Saison spinnen irgendwelche dämlichen Schmetterlingsinsekten in der Stadt herum, im wahrsten Wortsinn.

Inwieweit sich die Irkutsker Stadtverwaltung mit subtil-biologischer Schmetterlings-bekämpfung beschäftigen wird, lässt sich zweifelsfrei erahnen: Für die Behandlung von ca 40.000 von Gespinstmotten befallenen Bäumen (Stand: 15.06.) stehen 700.000 Rubel zur Verfügung, ca. 17.500 Euro. Da es der mit der Behandlung beauftragte Dmitri Kakunin als stellvertretender Vorsitzender der Abteilung für Straßenbau und Transportwesen der Stadtverwaltung nicht so genau nimmt mit der biologischen Klassifizierung des Übeltäters – der Artikel spricht von Läusen, wobei das Krankheitsbild der vorrangig befallenen Apfelbäume sehr augenscheinlich nicht auf Läuse hindeutet -, wird sich wohl auch die Wahl der Bekämpfung auf entsprechend gezielte Maßnahmen beschränken: Chemie ist vergleichsweise effektiv, zudem schnell und billig. Und noch billigere Gastarbeiter erledigen eifrig alles, womit sich sonst niemand die Bronchien versauen möchte. Wie genau die Behandlung der massiv befallenen Bäume aussehen wird, ist aber noch längst nicht entschieden, für Sofortmaßnahmen lässt man sich sicherheitshalber 2-3 Wochen Zeit. Täglich sind damit mehr Bäume eingesponnen und die knapp bemessene Summe – bei 40.000 Bäumen kostete die Behandlung eines Baumes 2,30 € bzw 92 Rubel – schrumpft weiter. Bleibt zu hoffen, dass Irkutsk ähnliche Bilder wie aus dem kroatischen Osijek erspart bleiben, als man dort schnell und günstig gegen zu viele Mücken vorgegangen ist:

Fragen nach Ursachen des massiven irkutsker Befalls, insbesondere in den zentrumsfernen „Schlafsilobezirken“ Novo-Lenino und Irkutsk-2, sind im übrigen noch nirgendwo angesprochen worden. Aber muss ja auch nicht. So ein paar olle Schmetterlinge bekommt man schon irgendwie klein, wetten?

 

Anti-Terror/Irkutsk/Ulica/Wildbahn

Irkutsker Schießereien

Posted by Sascha Preiß on

Dieser Blogeintrag verdient eigentlich einen reißerischen Kriminalfilm-Titel: 2011 ist nicht das beste Jahr in dieser Stadt. Während nämlich die meisten Irkutsker am vergangenen Samstag das Stadtfest mit großem Karneval begingen, gerieten ein Mercedes-Fahrer und der Fahrer eines Schulbusses derart in Streit, dass der Fahrer des Mercedes schließlich auf den Bus schoss. Nach eigener Aussage, weil der Schulbus seinem Auto den Weg versperrte, auf dem er seine hochschwangere Frau ins Krankenhaus fahren wollte. Glücklicherweise wurde niemand verletzt.

Gut, mag man jetzt sagen, sowas kommt eben vor, zumal im wilden Osten Sibiriens. Deutlich weniger beruhigend dafür der heutige Montag: Erschossen wurde heute ein Mitarbeiter einer Inkassofirma vor dem Irkutsker Gebietsgericht. Drei unbekannte Männer in Sportkleidung eröffneten kurzerhand das Feuer auf den Mann, als er aus dem Auto steigen und die Einnahmen abgeben wollte. Die Täter konnten mit über 2 Mio Rubeln entkommen.

Verhaftet hingegen wurden zwei dringend Tatverdächtige, die für einen aufsehenerregenden Doppelmord an Straßenwächtern verantwortlich gemacht wurden. In den frühen Morgenstunden des 12. April wurde über Polizeifunk Hilfe bei der Verfolgung eines Autos angefordert, das Auto eines außerbehördlichen Straßenwachdienstes konnte das verdächtige Fahrzeug anhalten. Die beiden Insassen des „Zhiguli“ stiegen umgehend aus und schossen ein Dutzend mal auf die Wachdienstmitarbeiter, zwei starben, ein dritter wurde schwer verletzt.

Ebenfalls Aufsehen erregte die Mordserie in Akademgorodok. In diesem Stadtteil abseits des Stadtzentrums wurden zwischen Dezember 2010 und März 2011 mindestens 6 Menschen ermordet. Anfang März wurde nach zwei weiteren Morden eine Bürgerwehr gebildet, schließlich patrouillierte die Polizei durch nahezu alle Straßen, auch der Bürgermeister machte die Mordserie zu einer Angelegenheit unter seiner persönlichen Kontrolle. Anfang April wurden zwei verdächtige junge Männer verhaftet, die zumindest einen Mord zugaben. Inzwischen wurde ihre Untersuchungshaft, die heute abgelaufen wäre, bis Oktober verlängert, sie sollen unter psychologische Beobachtung gestellt werden.

Außerdem lieferte sich ein Mann am 22.Februar mit Mitarbeitern der Wachfirmen im Einkausfzentrum „Passage“ eine ausgiebige Schießerei, bei der glücklicherweise niemand verletzt wurde, aber der Schütze festgenommen werden konnte. Woher er seine Waffen hatte, ist unbekannt, vermutlich wollte er von Firmen im Einkaufszentrum Geld erpressen.

Im Dezember 2010 hat ein betrunkener Mann seine Nachbarin erschossen und ihren Mann schwer verletzt. Was genau zu dieser Tat geführt hat, wurde nicht mehr mitgeteilt. Ein Familienstreit hingegen war Anlass dafür, dass ein pensionierter Polizist seinen Schwiegersohn mit einem Jagdgewehr erschoss, seine Tochter schwer verletzte und sich anschließend selbst tötete. Und im März 2010 wurde der Prozess gegen die Gruppe „Die Magie des Blutes“ eröffnet, die mindestens 5 brutale Morde und mehrere schwerwiegende Misshandlungen zu verantworten hat. Ein 21jähriger hatte mit vier minderjährigen Schülern aus reiner Mordlust seine Opfern zu Tode gequält, indem ihnen u.a. nacheinander die Arme und Beine abgeschnitten oder mit Steinen zertrümmert wurden.

Man möge mir also meine kurze Panik verzeihen, als gestern ein junger Mann die Straßenbahn mit einer Kettensäge betrat. Aber er setzte sich einfach nur ganz vorne hin und stieg zwei Stationen später wieder aus, ohne von der Säge Gebrauch gemacht zu haben. Sehr angenehm, zur Abwechslung.

minimal stories/Statistik/Ulica/Universität

Postsowjetische Numismatik

Posted by Sascha Preiß on

Seinerzeit, damals, davnym-davno war Mathematik die Königsdisziplin sowjetischer Hochschulen, Kopfrechnen, Algebra, Analysis, Geometrie – seit Beginn der modernen Wissenschaften in Russland unter Peter I. zählte Mathematik zu den Kerndisziplinen der Naturwissenschaften, nur noch übertroffen von der Kunst des Schachspiels. Das goldene Zeitalter der russischen Bildung ist leider längst vorbei, und manchmal scheint man auch ein bisschen zu verstehen, wie grundlegend sich seither der Wille zur Mathematik, an der jeder Sowjetbürger getreu Lenins Auftrag schon im Alltag teilhatte, gewandelt hat. Gestern stolperte ich tatsächlich über eine aus dem Fugenschmutz der Gehwegplatten schimmernde sowjetische Münze – im Wert von 15 Kopeken. Meine Bewunderung für das sowjetische Bildungssystem war umfassend.

Halbe Münzwerte, in der überwiegenden Mehrzahl als 50/100el einer Dezimalwährungshaupteinheit wiedergegeben (z.B. 50 Pfennig, aber auch 1/2 franc †), sind in Europa und weiten Teilen der Welt ebenso gewöhnlich wie Viertel-, Fünftel- oder Zehntel-Münzen (Quarter Dollar, 20 Cent, 10 Lipa). Dass man jedoch auf die Idee kommen könnte, eine Münze im Wert von Drei-Zwanzigstel der Hauptwährung zu entwerfen (zzgl. eines 3-Kopeken-Stücks, also ein Fünftel des Drei-Zwanzigstel-Stückes, das mir bislang aber noch nicht auf den Irkutsker Straßen begegnet ist), ist in der Tat höhere Alltagsmathematik.

Dass es nach dem Ende der Sowjetunion mit der Volksbildung rapide abwärts gehen muss, lässt sich ohne weiteres an den einfallslosen Währungsunterteilungen des russischen Rubel ablesen: Es gibt lediglich 1er und 5er-Teilungen, beginnend von einer und fünf Kopeken (die aber im realen Zahlungsverkehr keine Rolle spielen, statt dessen bei Hochzeiten als „echtes Konfetti“ Verwendung finden), zehn und fünfzig Kopeken, einem und fünf Rubel etc. Einzige Ausnahme aufgrund des häufigen Gebrauchs: die Zwei-Rubel-Münze. Bei soviel numismatischer Ödnis kann das postsowjetische Hirn wahrlich zu keinerlei intellektueller Leistung herausgefordert werden. Doch die Vereinfachung des Währungssystems hat auch pragmatische Gründe, denn bei aller Liebe zur Mathematik sind Kopfrechnenkenntnisse nicht überzubewerten. Denn schließlich gilt: Es gibt keinen Nobelpreis für Mathematik.

Anti-Terror/Ästhetik/Irkutsk/Russland/Statistik/Ulica

Eine saubere Stadt für den Gesandten Gottes

Posted by Sascha Preiß on

So sauber hat man die Stadt lange nicht gesehen. Gefegte Wege und Straßen, leere Mülleimer, keine parkenden Autos in der Innenstadt. Da wird deutlich, wie eng die meisten Gehwege für Fußgänger sind und dass die Bäume noch immer nicht grünen, trotz seit Tagen frühlingshaften Temperaturen. Aber die Sonne scheint. Und überall stehen Polizisten, alle 100m. Unter der uniformierten Beobachtung läuft der Verkehr heute entschleunigter, weniger gehetzt. Und weil die Wege frei sind (mit Ausnahme der unbeobachteten Seitenstraßen) und alles ruhig rollt, wird die Stadt einen ihrer ganz seltenen unfallfreien Tage erleben. Wenigstens solange der russische Präsident noch in Irkutsk weilt.

Für den Staatsoberhauptsbesuch wirft sich die Stadt in ihren seriösen, zivilisierten Anzug. Ein bisschen aufgehübscht hat man sich, ein paar Straßen werden ausgebessert, Geländer gestrichen, Brücken gereinigt. Obwohl Medwedjew nicht eigentlich die Stadt oder gar deren Bewohner besucht, sondern die örtlichen Institutionen. Ein nächtlicher Ausflug ans Angara-Ufer, begleitet vom Gouverneur des Gebietes, ist der einzige realte Ortskontakt. Kein Menschenbad, kein Händeschütteln oder Winken, kein Fabrik- oder Schulbesuch. Statt dessen in der langen schwarzen Limousine durch die Leninstraße zum Administrationsgebäude, von diesem oder jenem Ausflugsziel am Baikal kommend.

Eher zufällig gerate ich in die Zeit, als die Innenstadt vollständig abgesperrt wird für die Durchfahrt der Präsidentenkolonne. Für etwa eine Stunde kommt im Zentrum nahezu alles zum Erliegen. Die meisten können auf die Behinderungen und Wartezeiten in ihrem Tagesrhythmus liebend gern verzichten. Wenn sie könnten, würden sie alle aufs Land fliehen. Der Busfahrer, dessen Fahrzeug wie alle anderen in den völlig verstopften Nebenstraßen stecken bleibt, verabschiedet mich beim Ausstieg: „Richten Sie Ihre Danksagungen an Präsident Medwedjew!“ Popularität sieht anders aus. Die ist wohl kaum das Ziel der Reise. Das Staatsoberhaupt hat den Innenminister, den Justizminister, die Gesundheits- und Sozialministerin, den Minister für Sport, Tourismus und Jugend, den Bildungsminister und den Minister für Kommunikation und Medien nicht für ein Bad in der Menge mitgebracht. Medwedjew will arbeiten. Unter anderem gilt es, mit vereinten Kräften den Kampf gegen die Drogenabhängigkeit der russischen Jugend aufzunehmen. Ein Thema, das nicht zufällig in Irkutsk auf die Agenda Russlands kommt. Das Irkutsker Gebiet gilt als eine der Hochburgen in Russland mit zweimal mehr Abhängigen als im gesamtrussischen Durchschnitt. In Russland werden nach offiziellen Zahlen mindestens 2,5 Millionen Drogenabhängige vermutet, von denen 70% unter 30 Jahre als sind – mit entsprechend hoher Sterberate. Russland bekommt auf diese Weise ein gewaltiges demographisches Problem. Medwedjew sucht nun, die Kräfte gegen die Abhängigkeit zu vereinen, sieht es als gesamtrussische Aufgabe und fordert zunächst einmal Tests von Schülern, das Sperren von Webseiten mit Anleitungen zur eigenen Drogenproduktion, und denkt über die Einführung einer Zwangsbehandlung anstelle von Gefängnisstrafen für Abhängige und Drogenkonsumenten nach.

Eine Studentin sagt, Medwedjew sei ihr zu kompliziert, sie mag Putin mehr, der ist einfach, volksnah, verständlich. Aber sie nehme auch diesen, denn alle russischen Präsidenten, hieße es ja, wären von Gott gesandt. An der Leninstraße sind einige hundert Menschen versammelt, die meisten einfach Passanten mit irgendeinem Ziel, dass sie nun zu Fuß erreichen müssen. Die einzigen sichtbaren Fahnen sind in den Händen von Mitgliedern der kommunistischen Partei, manch einer schwenkt die Fahne der Sowjetunion. Ansonsten spannungslose Ruhe, Verkehrspolizisten und stetig weiterschaltende Ampeln, rot, grün, rot, in den Seitenstraßen unendlich viele Fahrzeuge. Der perfekte Moment für einen Häuserbrand, die Feuerwehr hat keine Chance. Über der Stadt liegen dunkle Nebel, die Sonne ist auch verschwunden, kalter Wind kommt auf.

Und dann fährt ein Polizeiauto mit Blaulicht entlang, ermahnt die Fußgänger, die Straße nicht mehr zu betreten. Es ist das Zeichen, woraufhin alle ihre Mobiltelefone ziehen und die anrollenden Fahrzeuge filmen. Aus der Ferne nähern sie sich, rund 20 Autos fahren rasch vorbei. Und als sie vorüber sind, gehen die Menschen weiter, dann strömen aus allen Nebenarmen die Verkehrsfluten hervor und donnern durch die Straßen, solange bis wieder abgesperrt wird, wenn des Gesandten Arbeit getan ist und er weiterfährt.