Wildbahn

Dichtung in freier Natur

Posted by Sascha Preiß on

Literatur in russischer Sprache wird in Russland verehrt wie sonst kaum noch auf der Welt. Insbesondere der Einfluss Puschkins auf die vielzitierte und mit unter betrunkene Volksseele kann gar nicht anders als maßlos überbewertet werden.
Literarische Begegnungen sollte man an möglichst unvorhersehbaren Orten einplanen, als Beispiel heute sei der Aufruf zu Ökologiebewusstsein in Gedichtform aus dem Sajan-Gebirge südlich des Baikal erwähnt, der sich leicht übersehbar in 4m Höhe irgendwo am Wegesrand befindet:

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Der Schönheit halber sei es zum Einprägen und für den fließenden Vortrag im unsauberen Daktylus wiederholt:

Природу Аршана
Курортный наш край
Всем сердцем люби
и всегда охраняй !

(O Natur von Arshan
Unserer Region Erholungsort
Sei von ganzem Herzen geliebt
und für immer beschützt!)

Es lebe die Dichtung in Russlands freier Natur!

Grenzenlos/Universität

Nicht nachvollziehbare Gründe der Einreise

Posted by Sascha Preiß on

Ein junger russischer Biologe aus Irkutsk beantragt im Herbst 2005 ein 6-monatiges Stipendium für einen Forschungsaufenthalt in Deutschland, um seine Doktorarbeit vorzubereiten. Dazu benötigt er neben einem ausgearbeiteten Forschungsplan auch die schriftliche Betreuungszusage eines deutschen Professors und die Einladung seines Instituts. Die Kontaktaufnahme zu einem Biologieprofessor aus Hannover verläuft problemlos, er ist mit seinem Forschungsvorhaben einverstanden und hat die notwendige Einladung geschickt. Das Forschungsstipendium wird bewilligt und mit der schriftlichen Einladung aus Hannover begibt sich der russische Nachwuchswissenschaftler in das knapp 2000km und zwei Zeitzonen entfernte Generalkonsulat Nowosibirsk, um ein Visum für die Einreise nach Deutschland zu beantragen. Das Stipendium und das Visum sollen am 01.10.2006 beginnen.

Die Freundin des jungen russischen Biologen – sie haben sich während einer Reise nach Russland kennengelernt und sie ist oft wegen ihm an den Baikal gefahren, auch im Winter 2005/06 – ist in ihre Dresdener Wohngemeinschaft zurückgekehrt und hat ihre Schwangerschaft festgestellt. Die Ärzte prognostizieren die Geburt des deutsch-russischen Kindes für Ende September 2006. Die Nachricht von der Stipendienzusage ihres Freundes erreicht sie rechtzeitig, um die Wohngemeinschaft zu kündigen und sich auf Wohnungssuche in Hannover zu begeben. Sie planen, nach Ablauf des Stipendiums gemeinsam nach Irkutsk zu ziehen und dort ein Leben aufzubauen. Weil ihr Freund gern bei der Geburt des Kindes anwesend sein möchte, bittet er in Absprache mit seiner Freundin den Hannoveraner Professor, die Einladung für seinen Stipendiensaufenthalt aus nachvollziehbaren Gründen um zwei Wochen auf Mitte September vorzudatieren. Der Professor antwortet ihm, er habe erwartet, dass der russische Kollege nach Deutschland kommen wolle, um seine Forschungspläne zu verfolgen, statt dessen scheine er diese als Vorwand für private Pläne zu nutzen. Gleichzeitig entzieht er ihm die bereits ausgesprochene Einladung.

Trotz dieser Rückschläge möchte der junge Biologe die Geburt seines Kindes in Deutschland erleben. Um zu seiner Frau zu gelangen, die inzwischen die Vorbereitungen zum Umzug nach Kiel rückgängig gemacht hat und zwischenzeitlich nach Auszug aus ihrer Wohngemeinschaft hochschwanger bei ihren Eltern lebt, beantragt der junge Mann ein Touristenvisum nach Deutschland, und besorgt sich auf Anraten eines Freundes einen neuen Pass, in dem die Ablehnungsvermerke nicht ersichtlich sind. Doch das Generalkonsulat führt eine Liste, auf der endgültig abgelehnte Antragsteller verzeichnet sind – und auch er neue Pass schützt nicht vor der Einreiseverweigerung. Schließlich beantragt er ein Visum bei der finnischen Botschaft und reist Anfang Oktober 2006 über Skandinavien ohne Einreiseerlaubnis nach Deutschland zu seiner Freundin und seiner inzwischen drei Wochen alten Tochter. Die junge Familie verlässt Deutschland wenige Wochen später über die Tschechische Republik in Richtung Baikal.

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Irkutsk/Universität

Die Besucherin

Posted by Sascha Preiß on

Es klopft und herein kommt ein Student mit seiner Mutter, zdravstvujte, ob ich bitte kurz Zeit hätte. Natürlich habe ich, die Sprechstunde ist ruhig geworden nach Ablauf der Bewerbungsfristen. Der Student, Anfang 20, setzt sich lächelnd, sagt nichts, während seine Mutter, vielleicht 50, zu reden beginnt. Auf deutsch, was ihr nicht leicht fällt. Eine Frage zum DAAD, ob sich ihr Sohn im zweiten Studienjahr für ein Stipendium bewerben kann. Ich antworte auf russisch, weil ich ebenfalls höflich sein möchte, muss ihr aber leider absagen und verweise auf die Informationen der Broschüre. Die Frau winkt lächelnd ab, mir wird klar, dass sie das eigentlich gar nicht wissen wollte. Sie lacht, nimmt ihre Mütze vom Kopf, sitzt wie eine junge Studentin am Tisch, lustig und schüchtern, trotz der zu hohen Raumtemperaturen legt sie ihren Pelzmantel nicht ab. Statt dessen beginnt sie zu plaudern, sie hat gehört, dass ich ein bisschen russisch spreche, wie lange ich schon hier sei, ob es mir gefällt. Zwischendurch entschuldigt sie wiederholt ihr vermeintlich schlechtes deutsch. Ihr Sohn schweigt dazu, schaut das Gespräch an, es ist nicht zu erkennen, ob er seine Mutter in dieser Sprache versteht. Er lernt deutsch an der Uni, sie hat sich die Sprache selbständig beigebracht, sagt sie und grinst schelmisch. Ihre verbliebenen Zähne sind alt geworden, fleckig und dunkel wie der Mantel, die Haare sind dünn, ihre Hände sind klein, kräftig, von Arbeit geprägt, Ränder an den Fingernägeln. Eine ungewöhnliche Besucherin im Vergleich zu den betont gepflegten jungen Frauen an der Uni. Ich stelle mir vor, dass sie mit ihrem Sohn am Stadtrand in einer alten Holzhütte lebt, vielleicht auch in einem nahen Dorf. Solche Hütten stehen noch viele in Irkutsk, prägen das Stadtbild, meist wohnen alte Leute darin. Hübsch sehen sie aus, romantisch, sibirisch, verziert, bemalt, windschief, bei der Bevölkerung sind sie unbeliebt: keine Fernheizung, kein fließend Wasser, oft keine Stromversorgung, dünne Wände, undichte Fenster, Außentoilette, wer etwas besseres finden kann, zieht weg, für Renovierungen haben die Bewohner in der Regel kein Geld, die Hütten verfallen. Die Frau in meinem Büro möchte gern wissen, ob ich zum Jahreswechsel nach Deutschland fahre und schaut erwartungsfroh. Ich hatte das nicht vor, sage ich, wollte nach Semesterende in der Stadt bleiben oder an den Baikal fahren, auf jeden Fall den sibirischen Winter erleben. Schade, sagt sie und fragt noch einmal, ob ich ganz bestimmt nicht fahre. Nein, ich bleibe ganz bestimmt hier. Sie blickt mich nun traurig an, das habe sie nicht erwartet, dass jemand den Winter hier verbringen möchte, wo es in Deutschland doch viel wärmer sei. Außerdem hatte sie gehofft, dass ich ihr zwei Bände der DUDEN-Reihe würde mitbringen können, die bräuchte sie und könne sie in den hiesigen Läden nicht kaufen. Sie ist Mathematikprofessorin an der Uni, erklärt sie, den Band zur Mathematik hat sie bereits, jetzt würden sie noch Physik und Chemie interessieren. Ich muss ihr leider absagen, vielleicht im Sommer. Was kann man da machen, sagt sie.

Ein Anruf unterbricht das Gespräch. Mutter und Sohn verlassen den Raum, ohne dass ich sie darum gebeten habe, warten vor der Tür. Und kommen zurück mit einem Zettel, auf dem etwas auf deutsch geschrieben ist, was ich schlecht lesen kann. Ob ich ebay.de kenne, fragt mich die Frau wieder ganz fröhlich. Ich verstehe nicht ganz, ja, kenne ich natürlich. Ob ich etwas für sie dort kaufen könnte, sie selbst haben zu hause keinen PC, es geht um einen Holzkamm aus dem Jahr 1900 der Firma FLORA. Wollte sie nicht Bücher haben? Wozu braucht sie jetzt diesen Kamm? Und wieso über ebay? Und wieso ich? Sie bittet ihren Sohn, ihr eine Tüte zu geben, ich könne ihn mir anschauen, er habe den Namen eines deutschen Generals eingraviert. Ach, denke ich, sie ist Sammlerin alter Kämme und hat einen wertvollen entdeckt? Ist sie sicher, dass so ein Ding auf ebay angeboten wird? Sie zeigt mir die Tüte, darin, sorgsam eingewickelt, lässt sich ein großer Holzkamm erkennen. Und dann verstehe ich doch noch: Sie möchte, dass ich ihren alten Kamm verkaufe, über ebay, in Deutschland, für Euro. Aus meiner Mathematikprofessorin mit Leidenschaft für Holzkämme wird eine alte Frau, die auf ihre Weise versucht, ihren Lohn aufzubessern. Freundlich lächelnd packt sie die Tüte wieder ein, als ich ihr auch auf diese Frage nicht die erhoffte Antwort gebe, verlässt unter vielen Verbeugungen das Büro, vielen Dank, auf wiedersehen. Ihr schweigsamer Sohn hat eine E-Mail-Adresse hinterlassen. Bis zum nächsten Mal.

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