Die Besucherin

Es klopft und herein kommt ein Student mit seiner Mutter, zdravstvujte, ob ich bitte kurz Zeit hätte. Natürlich habe ich, die Sprechstunde ist ruhig geworden nach Ablauf der Bewerbungsfristen. Der Student, Anfang 20, setzt sich lächelnd, sagt nichts, während seine Mutter, vielleicht 50, zu reden beginnt. Auf deutsch, was ihr nicht leicht fällt. Eine Frage zum DAAD, ob sich ihr Sohn im zweiten Studienjahr für ein Stipendium bewerben kann. Ich antworte auf russisch, weil ich ebenfalls höflich sein möchte, muss ihr aber leider absagen und verweise auf die Informationen der Broschüre. Die Frau winkt lächelnd ab, mir wird klar, dass sie das eigentlich gar nicht wissen wollte. Sie lacht, nimmt ihre Mütze vom Kopf, sitzt wie eine junge Studentin am Tisch, lustig und schüchtern, trotz der zu hohen Raumtemperaturen legt sie ihren Pelzmantel nicht ab. Statt dessen beginnt sie zu plaudern, sie hat gehört, dass ich ein bisschen russisch spreche, wie lange ich schon hier sei, ob es mir gefällt. Zwischendurch entschuldigt sie wiederholt ihr vermeintlich schlechtes deutsch. Ihr Sohn schweigt dazu, schaut das Gespräch an, es ist nicht zu erkennen, ob er seine Mutter in dieser Sprache versteht. Er lernt deutsch an der Uni, sie hat sich die Sprache selbständig beigebracht, sagt sie und grinst schelmisch. Ihre verbliebenen Zähne sind alt geworden, fleckig und dunkel wie der Mantel, die Haare sind dünn, ihre Hände sind klein, kräftig, von Arbeit geprägt, Ränder an den Fingernägeln. Eine ungewöhnliche Besucherin im Vergleich zu den betont gepflegten jungen Frauen an der Uni. Ich stelle mir vor, dass sie mit ihrem Sohn am Stadtrand in einer alten Holzhütte lebt, vielleicht auch in einem nahen Dorf. Solche Hütten stehen noch viele in Irkutsk, prägen das Stadtbild, meist wohnen alte Leute darin. Hübsch sehen sie aus, romantisch, sibirisch, verziert, bemalt, windschief, bei der Bevölkerung sind sie unbeliebt: keine Fernheizung, kein fließend Wasser, oft keine Stromversorgung, dünne Wände, undichte Fenster, Außentoilette, wer etwas besseres finden kann, zieht weg, für Renovierungen haben die Bewohner in der Regel kein Geld, die Hütten verfallen. Die Frau in meinem Büro möchte gern wissen, ob ich zum Jahreswechsel nach Deutschland fahre und schaut erwartungsfroh. Ich hatte das nicht vor, sage ich, wollte nach Semesterende in der Stadt bleiben oder an den Baikal fahren, auf jeden Fall den sibirischen Winter erleben. Schade, sagt sie und fragt noch einmal, ob ich ganz bestimmt nicht fahre. Nein, ich bleibe ganz bestimmt hier. Sie blickt mich nun traurig an, das habe sie nicht erwartet, dass jemand den Winter hier verbringen möchte, wo es in Deutschland doch viel wärmer sei. Außerdem hatte sie gehofft, dass ich ihr zwei Bände der DUDEN-Reihe würde mitbringen können, die bräuchte sie und könne sie in den hiesigen Läden nicht kaufen. Sie ist Mathematikprofessorin an der Uni, erklärt sie, den Band zur Mathematik hat sie bereits, jetzt würden sie noch Physik und Chemie interessieren. Ich muss ihr leider absagen, vielleicht im Sommer. Was kann man da machen, sagt sie.

Ein Anruf unterbricht das Gespräch. Mutter und Sohn verlassen den Raum, ohne dass ich sie darum gebeten habe, warten vor der Tür. Und kommen zurück mit einem Zettel, auf dem etwas auf deutsch geschrieben ist, was ich schlecht lesen kann. Ob ich ebay.de kenne, fragt mich die Frau wieder ganz fröhlich. Ich verstehe nicht ganz, ja, kenne ich natürlich. Ob ich etwas für sie dort kaufen könnte, sie selbst haben zu hause keinen PC, es geht um einen Holzkamm aus dem Jahr 1900 der Firma FLORA. Wollte sie nicht Bücher haben? Wozu braucht sie jetzt diesen Kamm? Und wieso über ebay? Und wieso ich? Sie bittet ihren Sohn, ihr eine Tüte zu geben, ich könne ihn mir anschauen, er habe den Namen eines deutschen Generals eingraviert. Ach, denke ich, sie ist Sammlerin alter Kämme und hat einen wertvollen entdeckt? Ist sie sicher, dass so ein Ding auf ebay angeboten wird? Sie zeigt mir die Tüte, darin, sorgsam eingewickelt, lässt sich ein großer Holzkamm erkennen. Und dann verstehe ich doch noch: Sie möchte, dass ich ihren alten Kamm verkaufe, über ebay, in Deutschland, für Euro. Aus meiner Mathematikprofessorin mit Leidenschaft für Holzkämme wird eine alte Frau, die auf ihre Weise versucht, ihren Lohn aufzubessern. Freundlich lächelnd packt sie die Tüte wieder ein, als ich ihr auch auf diese Frage nicht die erhoffte Antwort gebe, verlässt unter vielen Verbeugungen das Büro, vielen Dank, auf wiedersehen. Ihr schweigsamer Sohn hat eine E-Mail-Adresse hinterlassen. Bis zum nächsten Mal.

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