Dead End

Plötzlich stand eine junge, maximal 25jährige Frau im Bus, verlangte Aufmerksamkeit, erklärte zornig ihre Lage und bat verbittert um Geld. Das war sicherlich keine besondere Situation in Städten wie Berlin oder Paris. Auch in der russischen Provinz ist der Anblick von Armut alltäglich, aber keinesfalls in dieser offensiven Form im engen Bus, wo man nicht weitergehen kann, man aktiv wegschauen muss, um sich nicht betroffen zu fühlen. Seit 4 Monaten fuhr ich mit dem Bus zur Arbeit, saß wie alle anderen leicht beengt auf einem etwas abgewetzten Sitz, meine Musik in die Ohren gestöpselt, um während der Fahrt dem anstrengenden russischen Popradio zu entkommen, meinen Kopf in Richtung Fenster gewendet, obwohl ich wegen der vereisten Scheiben draußen nichts sehen konnte (ein pawlowscher Reflex des öffentlichen Nahverkehrs). Trat beim Einstieg einer Mitfahrerin auf den schwarzen Velourlederschuh, sie spendierte mir aus geschminkten Augen einen tiefempfundenen zornigen Blick. So bedeutungslos hätte das gerne eine halbe Stunde Fahrt weitergehen können. Die junge Frau aber schob sich mitten in den Bus und rief Vnimanje, Achtung. Für gewöhnlich schweigen die Leute in öffentlichen Transportmitteln, reden maximal mit ihren Telefonen. Es gibt in Irkutsk keine Fahrscheine zu kontrollieren, daher auch keine Kontrolleure, man zahlt beim Aussteigen, lediglich in der Straßenbahn holt man beim Einsteigen einen Fahrschein. Betteln im Bus – sie musste wenigstens das Fahrgeld beim Busfahrer zahlen zu können, bei Misserfolg war das Fahrzeug ein dead end, es gab nur eine Tür. Ihre Klage war bekannt, arbeits- und obdachlos, kein Geld für Essen, wie kommt eine 25jährige Frau zu so einem Leben? Eine etwa 50jährige Frau spuckte eine abfällige Bemerkung hin, 5 Fahrgäste incl mir kramten Geldscheine heraus, andere quetschten sich an ihr vorbei Richtung Ausstieg, an der nächsten Station war sie wieder weg. Seit 4 Monaten fuhr ich mit dem Bus quer durch die Stadt, die die drittgrößte Armutsrate in Russland aufweist, unter den ersten fünf in der Statistik der Alkohol-/Drogenabhängigen zu finden ist und ebenfalls einen vorderen Platz bei den Arbeitslosenzahlen erreicht. Das Aussehen von Armut unterscheidet sich weltweit nicht, die Leute leben in Parks, in unvollendeten Gebäuden, im Winter in Hauseingängen. Oder in Familien, die mit sich selbst überfordert sind wie die meines Nachbarn, der ebenfalls höchstens 25, arbeitslos ist und sich regelmäßig betrinkt, was immer wieder zu endlosen Streits mit seinen Eltern führt, die das ganze Haus miterlebt. Bisher ist er nie aggressiv geworden, nur laut, aber heute drohte er, jemanden umzubringen. Die Polizei, ja die war schon hier, die hämmert an die Wohnungstür, bis es dahinter ruhig ist. In allen Bussen gibt es Werbung für Drogenberatung. Es gibt aber sonst keine sozialen Dienste oder Hilfseinrichtungen. Arbeitslosengeld? Rentenversicherung? Ein Sozialamt? Familienhelfer? Charity? Der Moskauer Bürgermeister wollte vor kurzem ein Zentrum für Obdachlose gründen und bat große russische Unternehmen mit Sitz in Moskau um Spenden, die weigerten sich, weil sie kein Geld zum Fenster rauswerfen wollten. Die Überzeugungsarbeit des Bürgermeisters bestand darin, den Unternehmen kurzerhand den Strom abzuschalten, bis das gewünschte Geld da war. Gemeinnützigkeit wird in Russland nicht verstanden, sagte meine Freundin, die für eine ausländische Kinderhilfsorganisation arbeitet. Man hüte sich vor Mentalisierung und Rückschlüssen auf die russische Kultur. Das Land hatte in den vergangenen 18 Jahren mehrfach Krisen erlebt, die mit der gegenwärtigen nur den Namen gemein haben. Der Zerfall der Sowjetunion war alles andere als friedlich abgelaufen, man führte teure Kriege im Namen der nationalen Sicherheit, die unfähige Wirtschaft wurde so radikal privatisiert und umgeformt, dass der Rubel zwei Mal sturzflugartig an Wert verlor, monatelang blieben Lohnzahlungen aus, Ersparnisse lösten sich auf, staatliche Invesitionen in Infrastruktur oder Bildung existierten kaum mehr, man ernährte sich aus dem Vorgarten oder der nahen Datsche, von der Hand in den Mund. Das hat sich grundsätzlich nicht geändert. Wer etwas anbieten kann zum Verkauf, bietet es an, ein Glas Pilze, selbstgemachte Sahne, Socken. Privates Sparen existiert nicht, Vorsorge für später auch nicht. Die staatlichen Apparate sollen die Wirtschaft beflügeln, sagte Putin, aber nicht die Partizipierung der Bevölkerung daran. Wie bedürftigen Leuten helfen, wenn man sich selbst nicht zu helfen weiß, das Kapital des reichen Landes an der Öffentlichkeit vorbeigeht? Und eigentlich: Warum? Die junge Frau im Bus hatte sich mit Zorn in den Bus gestellt, um Geld gebeten, war mit etwa 100 Rubeln, 2,50 Euro, wieder ausgestiegen. Heute konnte sie die Fahrt bezahlen, ihr Zorn galt der Zukunft, wenn sie irgendwann wie Kafkas Maus in der Fabel festsitzt, im dead end.

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