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Anti-Terror/Baikal/Das Wetter/Irkutsk/Ulica

Zwischenstand

Posted by Sascha Preiß on

Was seither geschah:

Das Jahr 2010 hält Irkutsk mit ungewohnt langem, strengem Frost gefangen, weshalb schon einmal Warmwasserleitungen unter der Straße platzen oder sich Autos entzünden. Aufgrund der starken Schneefälle gibt es bereits Befürchtungen starker Frühjahrshochwasser und die Aufforderung, bis zum 1. März die Dächer von Schnee und Eis befreit zu haben. Trotz eigener Schwierigkeiten hat sich aber der Irkutsker Oblast an der humanitären Hilfe für die vom Winter hart getroffene Mongolei beteiligt.

Die Sehnsucht nach wärmeren Temperaturen scheint für viele ein Grund zu sein, auch dem politischen Klima etwas  Feuer zu machen. Manche sind deutlich sichtbar politisch aktiv geworden und werden die für den 14. März angesetzten Bürgermeisterwahlen kritisch zu begleiten wissen und weiterhin für die Stillegung des Zellulosekraftwerks Baikalsk demonstrieren.

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Apropos Feuer: Anfang Februar ist ein Teil des Schelechower Aluminiumwerks durch eine Brandexplosion zerstört worden, wobei drei Arbeiter getötet und eine unbekannte Zahl Arbeiter verletzt wurden. Aufgrund der Rauchentwicklung waren die Einwohner Schelechows und des Dorfes Olcha aufgefordert, sicherheitshalber in ihren luftdicht abgeschlossenen Wohnungen zu bleiben. Die dunkelgrüne, aluminiumoxid-haltige Rauchsäule zog gen Süden ab. Als Brandursache wird ein Kurzschluss vermutet.

Deutlich klarer scheinen die Ursachen der Brände im geplanten Museumsviertel an der Straße des 3. Juli in Irkutsk. Eine ganze Reihe von bewohnten alten Holzhäusern der Straßen des 3. Juli und Sedova sind in kurzem Abstand ausgebrannt. Die Feuerwehr vermutet einen Pyromanen am Werk, manch einer munkelt aber eher Brandstiftung, um die Häuser für die Sanierung als sibirisches Vorzeigeviertel vorzubereiten.

Ansonsten sind die Olympioniken des Irkutsker Oblastes, wie die Mehrheit der russischen Sportler, in Vancouver nicht ganz so erfolgreich wie erhofft. Trotz vorderer Platzierungen ist erst ein Edelmetall nach Irkutsk gekommen. Aber das war spektakulär: Erstmals in der olympischen Geschichte gewannen mit Aleksander Subkov  und Alexej Voevoda zwei russische Sportler im Zweierbob die Bronzemedaille.

Dafür sind die Renten auf 1862 Rubel erhöht worden, das sind nun monatlich 46 Euro.

Und manchmal kommt es vor, dass die Erde auch in Irkutsk deutlich spürbar bebt.

Irkutsk/Universität

Irkutsker Weihnachtsgeschichte 2009

Posted by Sascha Preiß on

Ende April hat sie geheiratet, ich war ebenfalls eingeladen, bin aber nicht hingegangen. Es gibt nicht vieles, was man keineswegs versäumen sollte. Wie oft ich noch die Möglichkeit erhalte, bei einer echten russischen Hochzeit anwesend sein zu können, kann ich mir selbst ausrechnen. Von meinen Kolleginnen, mit zwei Ausnahmen, sind alle verheiratet, seit 2 bis 3 Jahren die jüngeren, die älteren seit 20 bis 30 Jahren. Die beiden Ausnahmen sind in der unglücklichen Lage, mit Mitte 20 noch immer keinen Partner gefunden zu haben, was im russischen Normalfall bedeutet, dass auch keiner mehr kommen wird, der sie aus ihrer Einsamkeit erlöst. Irkutsk ist eine von sehr vielen Städten, in denen es deutlich mehr Frauen gibt, welche zudem sehr wählerisch sind. Russische Männer haben unter russischen Frauen nicht unbedingt den besten Ruf, ihnen wird Faulheit und Egoismus vorgeworfen, wo sie selbst aufwändig umworben werden wollen. Keine einfache Ausgangssituation für beide Geschlechter zueinander zu finden; glücklich, wer sich dauerhaft binden kann. Meiner Kollegin war es gelungen und das wurde entsprechend zelebriert, ihre Fotos zeigten eine wunderschön ausgestattete Hochzeit mit vielen fröhlichen Gesichtern. Ich aber, wie gesagt, bin darauf nicht zu sehen. Tatsächlich: Etwas so Triviales wie unaufschiebbar dringende Arbeit hielt mich fern. Sie war nicht enttäuscht, jedenfalls konnte sie ihre Enttäuschung sehr gut vor mir verbergen. Das sei normal so, sagte sie, als wir uns nach ihrer kleinen Hochzeitspause in der Universität wieder trafen. Oft genug, wenn wir in seriösem Ton die Arbeit absprechen, errate ich ihre Laune nicht. Normal gehe es ihr, sagt sie. Das heißt alles und nichts. Was kann ich mit dieser Aussage anfangen. Ich bin deutlich schlechter im Verbergen meiner Launen. Ich habe ihr also nachher im Büro eine Glückwunschkarte, darin verborgen etwas Geld überreicht, unsicher, ob das ein angemessenes Geschenk ist, und selbstverständlich entschuldigend für mein Fernbleiben. Sie dankte und ging. Ob das so in Ordnung gewesen wäre, wollte ich später wissen. Jaja, das sei absolut normal.

Meine Frau war da bereits deutlich sichtbar schwanger, im Sommer erwarteten wir unser Töchterchen. Die Frage nach Kindern stellt wohl so ziemlich jeder einem frisch vermählten, jungen Paar. Wir selbst hatten uns damals Zeit gelassen, die Hochzeit kam schnell, aber Kinder wollten wir noch keine. Beinah zwei Jahre nach unserer kleinen Ehezeremonie war es dann soweit, von den Familien ungeduldig erwartet und mit Erleichterung aufgenommen. Auch sie werde oft nach Kindern gefragt, sagte sie lächelnd, aber das wäre auch für sie beide im Augenblick noch kein Thema, später, nicht im Frühjahr und nicht im Sommer, irgendwann später. Und damit widmeten wir uns der Arbeit. Unser Kind kam zur Welt, eine andere Kollegin ging in Mutterschutz, wir arbeiteten weiter. Der Sommer kam und ging, die Ferienzeit kam und ging, ich hatte nun eine kleine Tochter und eine junge Mutter zu Hause, der Herbst zog schnell vorüber, der Winter war wechselhaft, kalt, sehr feucht, sehr unangenehm, in vielen Stadtteilen wurde die Heizung erst spät eingeschaltet. Eine Grippewelle ging daher durch die Stadt. Verschonte mich, ließ aber sie nicht aus. Eine Woche schleppte sie sich ins Büro, um die Arbeit zu bewältigen, die nicht liegen gelassen werden konnte und sie unbedingt noch zu erledigen hatte. Die nächste Woche blieb sie doch zu Hause. In der Stadt wurden Schulen geschlossen, unter Quarantäne gestellt, aber die Universitäten nicht. Sie kam wieder zur Arbeit, wir bereiteten eine Konferenz für das nächste Jahr vor. Einen Monat später fuhr ich auf Dienstreise, kam zurück, sie war nicht da, obwohl ich sie dringend sprechen musste. Sie war krank, schrieb sie per SMS. Das Jahr ging zu Ende, ich hatte noch ein paar Weihnachtsfeiern zu bewältigen, rief sie an, um sie zu einer einzuladen. Sie antwortete, dass sie noch im Krankenhaus sei, morgen wäre sie wohl wieder auf Arbeit, zumindest halbtags. Wieso Krankenhaus, wollte ich wissen, was sei denn passiert. Es sei wieder in Ordnung, es wäre nur nicht so angenehm gewesen, sie erzähle es mir später. Sie sagte nicht, dass alles normal sei. Sie versuchte, so normal wie möglich zu klingen, ihre Stimmer wackelte etwas.

Als junger Vater interessieren sich alle für das Wohlergehen des Kindes, ob es wächst, wem es ähnlich sieht, wieviel es wiegt. So auch einige Kollegen einer Verwaltungsabteilung der Universität, mit denen ich regelmäßig zu tun und viel Gelegenheit zum plaudern mit ihnen habe. Sie erzählten mir aufgeregt und heiter, dass ich die Kollegin, die im Sommer in Mutterschutz gegangen war, gerade verpasst habe, vor wenigen Minuten sei sie hier gewesen. Sie hatte ihr Kind vor zwei Monaten bekommen, alles sei ganz wunderbar. Und wie es bei meiner Kollegin aussähe, ich wisse doch ganz sicher, ob es wahr wäre, dass sie auch schwanger sei, man habe ihnen davon erzählt. Im zweiten oder dritten Monat. Wer erzählte denn sowas. Ich wusste nichts davon, hatte in diesem augenblick ein scheußliches Gefühl. Wenn es wahr wäre, und warum sollte dieses Gerücht nicht wahr sein, der russische Buschfunk ist grundsätzlich besser informiert als die Nachrichtendienste, dann war klar, weshalb sie im Krankenhaus lag und es keinesfalls als normal beschrieb. Mein Verdacht allerdings stieß hier jedoch auf wenig Verständnis: Das wüssten sie ja wohl auch schon längst. Was bleibt da zu denken übrig. Auf den kommenden Tag warten.

Eine Freundin hatte ein werdendes Kind verloren, wegen einer Erkältung, im dritten Monat. Eines Morgens Bauchschmerzen und der Körper trieb den Fötus aus, weil er ihn nicht mehr ausreichend versorgen konnte, beim Gang aufs Klo. Sie hatte sich danach immer wieder übergeben wollen, hatte aber keine Kraft dafür. So ihr Kind zu sehen, sei kaum auszuhalten. Sie fühle sich von ihrem Körper verraten, aber könne ihn gut verstehen, sagte sie später. Ich hoffte, meiner Kollegin würde das erspart bleiben und sie sei wegen einer unangenehmen, aber harmlosen Verletzung im Krankenhaus. Am nächsten Tag, 24.12., war sie nicht in der Universität. Ich erhielt von ihr eine SMS, sie wünschte mir von ganzem Herzen Glück, Freude, Erfüllung meiner Wünsche, eine lange und farbenfrohe Kaskade russischer Glückwunschkunst. Darauf zu antworten, war unmöglich, jedenfalls für mich. Ich überlegte mir ein paar Varianten, aber es gelang überhaupt nicht, also ließ ich es. Wie war ihre wackelige Stimme tags zuvor und dieser hochoptimistischer Weihnachtsgruß zusammen zu führen? Eine junge Frau, die sehr wahrscheinlich ihr Kind verloren hatte, wünschte mir Freude. Darauf mit einem Gruß überquellend von Glück und Gesundheit zu antworten, erschien mir obszön. Ich hoffte, dass ich mit meiner Vermutung unrecht hatte, malte mir in langen Busfahrten durch die eiskalte Stadt aus, was tatsächlich passiert sein könnte und kam immer wieder auf den einen Gedanken. Sie beherrschte die Kunst perfekt, ihre Emotionen ganz im Privaten zu belassen und in der Öffentlichkeit Normalität zu wahren, eine bewunderungswürdige Fähigkeit. Ohne ihre wackelnde Stimme hätte ich das kaum bemerkt. Wer aufmerksam und sensibel war, konnte jederzeit unterscheiden, was normales Alltagsgespräch und was Schutz ihrer selbst war. Deuten und verstehen ließ es sich nicht.

Tags darauf, am 25., trafen wir uns auf einem Parkplatz im Stadtzentrum, das Auto war vollgepackt mit Obstkisten und Tüten, Vorbereitungen für das Neujahrsfest. Ich war fröhlich, weil ich in drei Tagen einen längeren Urlaub antreten konnte. Sie war fröhlich, weil – nun, sie war eben fröhlich. Ihr Mann begrüßte mich mit Handschlag, sie saß auf dem Beifahrersitz und lächelte. Und hielt mir eine große, bunte, glitzernde Tüte hin mit einem Geschenk, eine schöne sibirische Holzschnitzkunst. Ich hatte nur eine ganz kleine für sie. Mit einem Buch. Am Abend vorher hatten meine Frau und ich über Geschenke für Kollegen gesprochen und festgestellt, dass viele Russen Bücher nicht als vollwertige Geschenke auffassen. Richtige Geschenke wären Blumen, Schmuck, Parfüm, etwas Schönes also. Ich hatte an Blumen für sie gedacht, oder wenigstens eine Topfpflanze, etwas Lebendiges, Hoffnungsfrohes, aber mich doch anders entschieden. Das Buch hatte ich schon eine ganze Weile für sie ausgesucht, etwas über Schokolade. Weihnachten ist grundsätzlich kein schlechter Anlass für dieses Thema. Also saßen wir zu dritt im Auto, sie, ihr Mann und ich, überreichten unsere ungleichen Geschenktüten und ich schämte mich. Wir sprachen über meinen Urlaub, meine Familie, ob ich deutsche Weihnachten vermissen würde. Ich wollte nicht von mir erzählen, ich wollte von ihr ein Dementi aller meiner Befürchtungen hören. Als wir auf die Wetterverhältnisse und die Gesundheit zu sprechen kamen – blieb es aus. Sie erzählte nicht viel vom Krankenhaus, sprach vom Vorfall in der 7. Woche. Und legte ihr Lächeln nicht ab. Ich hatte auf eine irgendwie weihnachtliche Wende gehofft, ein Happy End. Der Arzt, sagte sie, habe versichert, dass alles wieder in Ordnung sei, nach der Operation. Sie würden es eben wieder probieren, nächstes Jahr. Es sei eine starke Erkältung gewesen. Die Kisten, wies sie auf das ganze Obst im Auto, haben sie von ihrer beider Eltern, sie feiern Neujahr in Irkutsk und bereiten jetzt alles zu Hause vor, ob sie mich wohin mitnehmen können. Ich wohnte jedoch in entgegengesetzter Richtung. Wir verabschiedeten uns, ich stieg aus und sie fuhren los. Ich stand im Schnee mit meiner großen Tüte, auf der golden Frohes Neues Jahr funkelte, und vermisste etwas, einen Schlusssatz oder etwas ähnlich Nützliches, dass mich nicht so hilflos auf der Straße rumstehen ließ.

Da dort so etwas nicht vorhanden war, ging ich los, nach Hause, ins Warme.

Architektur/Das Wetter/Irkutsk/Ulica

Kristallenes Märchen

Posted by Sascha Preiß on

Während in Deutschland berühmte Märkte aufgebaut werden, um Winter, Weihnachtsfest und Jahreswechsel einzuläuten, baut man in Sibirien nicht minder legendäre Eisstädte. Seit dem 4.12. können sich Familien in Irkutsk für 100 Rubel in der Eisstadt „Kristallenes Märchen“ vergnügen, ein vor allem für Kinder attraktiv gestalteter Winterpark. Es gibt Eisrutschen, Eisfiguren, kostenlos Tee und vor den Toren der Stadt Pferdekutschen.

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Die detailreich gearbeitete Eisstadt ist das diesjährige Wintermotiv im gesamten Irkutsker Oblast. Auch in Listwjanka am Baikal wird ein „Kristallenes Märchen“ errichtet, deren Figuren im Februar 2010 am jählichen Eiskünstlerwettbewerb „Kristallene Robbe“ teilnehmen werden, diesmal unter dem Motto „Das Kollier des Baikals“.

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Im Irkutsker Oblast ist der diesjährige Winter bislang besonders kalt, der momentane Temperaturrekord von -52° ist vor einer Woche im Norden des Gebietes gemessen worden. Zudem ist es ungewöhnlich feucht in der Luft, weshalb die Stadt wie von Zuckerguss glänzt.

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Die Kindergärten haben sich ebenfalls festlich geschmückt, wenn auch nicht ganz so leuchtend. Krokodile, Schneemänner, selbstgebastelte Vogelhäuschen und Weihnachtsbäume können trotzdem überzeugen.

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Irkutsk/minimal stories/Russland

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Posted by Sascha Preiß on

Während des Gesprächs klingelt ein Telefon, von den drei auf dem Tisch liegenden gehört Igor das läutende. Ein seriös geführtes Telefonat, es geht um die Aufführung, die er für die Weihnachtszeit vorbereitet. Eine Geschichte mit Djed Moroz, Väterchen Frost, dem russischen Weihnachtsmann, und Snjegurotschka, dem Schneeflöckchen, seiner weiblichen Begleitung, dazu Winnie Pooh und eine ganze Reihe anderer Figuren aus allerlei russischen Märchen (ja, Winnie Pooh zählt auch dazu, denn es existiert eine außerordentlich populäre sowjetische Kopie, Винни-Пух), eine Aufführung für Kinder sei das, aber auch für Erwachsene. Diese Veranstaltung, erzählt er nachher, ist sogar schon von einem Freund für ein Gastspiel in Moskau gebucht. Als das Telefonat zu Ende ist, lacht Igor plötzlich laut los. Das wäre ein sehr russischer Anrufer gewesen. „Ich habe ihm alles zu unserer Aufführung gesagt, er fand das gut und wollte das für sich zu Hause haben. Und er wollte wissen, ob wir dazu auch einen Striptease anbieten.“

Irkutsk/Ulica

Was vom Feuer übrig blieb

Posted by Sascha Preiß on

In der Stadt brennen regelmäßig Gebäude. Irkutsk zählt zu den Städten mit weltweit höchstem Anteil an Holzarchitektur. Etwa 50% der Gebäude auf dem gesamten Stadtgebiet sind überwiegend aus Holz errichtet, der ursprünglich sehr dörfliche Charakter hat sich über die Jahrhunderte und trotz großem Stadtbrandes 1877 und stalinistischer Bauintensivierung weitgehend erhalten. Auch wenn bei moderneren Gebäuden die Außenfassade deutlich widerstandsfähiger wirkt, so ist doch der Gebäudekern nach wie vor hölzern und anfällig für große, kaum einzudämmende Brände. So auch vor wenigen Tagen am Zentralmarkt, ein mehrstöckiges Geschäftshaus brannte in der Mittagspause innerhalb kürzester Zeit vollständig aus, insgesamt 300 m2. Trotz der schnellen Ausbreitung des Feuers gelang glücklicherweise allen im Gebäude befindlichen Personen die Flucht ins Freie. Wegen der umfangreichen Löscharbeiten und polizeilichen Untersuchungen war der Verkehr rings um den Zentralmarkt bis in den Abend stark behindert. Die von der Brandzerstörung betroffenen Geschäfte – eine Anwaltskanzlei, eine Apotheke, ein Friseur, ein Immobilien- und ein Reisebüro – stellen einen Querschnitt der im Irkutsker Stadtzentrum verbreitetsten Geschäftsmodelle dar.

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– Ein typischer Brand?

– In vielerlei Hinsicht. Brände, auch in dieser Größenordnung, sind in sibirischen Städten keine Seltenheit.

– Weshalb die besondere Aufmerksamkeit auf diesen?

– Es wird untersucht, ob es ein Brandziel gab. Das kann Insolvenzvermeidung sein oder eine offen ausgetragene Rivalität unter Geschäftsleuten. Die betroffenen Geschäfte haben mit Abstand die meisten Konkurrenten in der Stadt. Es existieren inoffizielle Agenturen zur „Beilegung“ irgendwelcher Rivalitäten.

– Auftragsbrandstiftung? Das Feuer brach zu einem für die Mitarbeiter günstigen Zeitpunkt aus.

– Zu dieser Zeit sind die meisten Angestellten in den Verpflegungspunkten um den Markt zu finden. Solange es keine Beweise gibt, bleiben das glückliche Zufälle oder göttliche Fügung, je nach Standpunkt.

– Das Gebäude wird wohl abgerissen werden müssen und durch ein neues ersetzt. Wie groß ist die Versuchung, Hausbrände als Mittel zur Stadtplanung einzusetzen?

– Sie wären überrascht, wie einfach es ist, alte, platzraubende Holzhütten loszuwerden. Für viele Städte Sibiriens etwas Alltägliches.

– Empfinden Sie Löscharbeiten bei minus 15 Grad angenehmer als im Sommer?

– Die Brände sind einfacher zu handhaben, man kann mit Brandhemmern angereichertes Wasser verwenden, der Warmwetterschaum erzielt bei diesen Temperaturen keinerlei Wirkung. Und die Häuser sehen nachher vor lauter Eiszapfen festlich dekoriert aus. Das hält auf jeden Fall bis zum Neujahrsfest.

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Anti-Terror/Irkutsk/Russland

Kontraterror

Posted by Sascha Preiß on

Vom 11. bis 25. November sind in Irkutsk, erstmals in Russland, Kriegsaufnahmen des „Argumenty i Fakty“-Fotoreporters Vladimir Svartsevich unter dem Titel „Kontraterror“ zu sehen. Die Ausstellung versammelt die Aufnahmen aus Kriegseinsatzgebieten der russischen Armee im Kaukasus, von der südossetischen Interventionen 1991 bis hin zum Schulmassaker in Beslan 2004. Zur Eröffnung am 10.11. war fast ausschließlich Militär anwesend. Svartsevich ist ebenfalls ehemaliger Soldat, der lange Zeit im Kaukasus im EInsatz war. Aus dieser Zeit stammen seine Aufnahmen.

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Die Bilder sind sowohl in ihren Motiven als auch in der Aufhängung verstörend. Zu sehen sind  auf einer Fotografie z.B. russische Soldaten, die nackt und fröhlich aus der Sauna kommen, während auf dem Bild daneben zu einem Fleischberg zusammengeworfene zerstückelte Leichen von „abgeknallten“ Terroristen liegen. Es ist für die Ausstellung unerheblich, ob sich beide Szenen im gleichen Jahr und Kriegsgebiet ereigneten oder weiter auseinander liegen. Die Ausstellung zielt in erster Linie auf den Schockeffekt beim Betrachter, offizielle Lesarten der kaukasischen Kriege grundsätzlich in Frage zu stellen. Jetzt, 9 Jahre nach dem offiziellen Ende des zweiten Tschetschenienkrieges und ein halbes nach Abzug eines Großteils der russischen Armee. Da die Fotos weder in chronologischer noch in sichtbar inhaltlicher Logik gehängt sind und außer Zeit, Ort und Titel keinerlei Angaben beigegeben wurden, bleiben nach dem Schock eine ganze Reihe von Fragen unbeantwortet. Etwa: Ob mit diesen Fotografien nun auch eine inhaltliche und sogar juristische Aufarbeitung der vergangenen Kriegsjahre eingeläutet ist.

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Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf die offizielle Bezeichnung, mit der unter Putin immer wieder Kriegshandlungen in der Kaukasusregion rechtfertigt wurden. „Kontraterroristische Operationen“ würden durchgeführt, in Tschetschenien wie in Inguschetien und anderswo. Gezeigt wird, wie diese Anti-Terror-Einsätze tatsächlich aussahen: Soldaten in machistischer Pose und voller Erschöpfung, Söldner, Erniedrigung Gefangener. Es gibt keinerlei erläuternde Texte, welche die Sachverhalte und Umstände, unter denen die Bilder entstanden oder die Grundidee der Ausstellung beschreiben. Der Betrachter bleibt mit seiner Deutung allein. Ist „Kontraterror“ eigentlich Terror gegen den Terror, ist die russische Armee terroristisch? Offensichtliche Kritik am Vorgehen der russischen Armee im Kaukasus wechselt mit Fotografien, die durchaus auch als Werbung für diese Armee aufgefasst sein können. Dazwischen reich geschmückte Begräbniszeremonien für russische Gefallene und allgemeine Fotografien aus dem Alltag in den Kriegsgebieten, etwa ein Brotverkaufsstand vor Häuserruinen. Getötete tschetschenische Kämpfer werden hingegen auf den Bildtiteln durchgängig aus Terroristen bezeichnet, ohne Anführungszeichen und unabhängig davon, ob sie gerade von einem russischen Soldaten geplündert werden oder auf einer Mülldeponie abgeworfen wurden. „Keine mustergültigen Kriege“ titelt die Wochenzeitung „Argumenty i Fakty“, für die Svartsevich arbeitet und vermutet, dass die Ausstellung eigentlich den falschen Titel trägt, sie hätte besser „Gesichter des Krieges“ genannt werden sollen.

Eines der grausamsten Fotos, aufgenommen 1999 in Dagestan, zu Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges, zeigt drei tote Tschetschenen oder Dagestaner (Terroristen), die an ihren Füßen zusammengebunden und halbnackt von russischen Panzern entlang geschleift werden. „‚Säuberung‘ der Terroristen“ heißt das Bild. Während solche Aufnahmen etwa aus dem Irak zu veritablen Skandalen und dem einen oder anderen Gerichtsprozess führen, bleibt die öffentliche Reaktion hier vollständig aus. Das Gästebuch der Ausstellung aber ist voll mit Danksagungen für diese Bilder, welche erstmals offiziell in Russland zu sehen sind. Manche Kommentatoren halten den Fotografen deshalb auch für einen Volkshelden.

 “Säuberung” der Terroristen

Irkutsk/Russland

Tag der Einheit

Posted by Sascha Preiß on

 Der „Tag der Einheit des Volkes“ ist einer der jüngsten Feiertage in Russland, und um ihn zu popularisieren wird dazu ein umfangreiches nationales Volksfest zelebriert. Das schließt auch aufklärend positive Berichterstattung zu den Feierlichkeiten ein:

День народного единства отметили в Иркутске | Новости Irk.ru

Während das Bild im Artikel von Tanz und Heiterkeit und der Gouverneur des Irkutsker Oblasts von der Einheit der sibirischen Nationalitäten in Zeiten der Krise künden, denn in Krisenzeiten ist nichts so wichtig wie Folklore und nationale Erbauung, so spechen die letzten beiden Absätze die eigentliche nationalistische Kernidee des Feiertags aus: Neben Tanz und Gesang ist der traditionelle „Russische Marsch“ auch wieder veranstaltet worden (Plakate dazu waren in der Stadt angeklebt), auf dem so heitere Rufe wie „Ruhm und Ehre Russlands“, „Ruhm und Ehre dem russischen Imperium“ und „Ruhm und Ehre der Armee“ erklangen. Tief in der russischen Historie liege der Anlass für den modernen Feiertag, der einen verschütteten zaristischen Tag für die heutige Zeit wiederbelebt: Die Befreiung von der polnischen Besatzung 1612 wird gefeiert.

Die Kommentare lesen sich allerdings weniger begeistert, ein „dummer Feiertag“ sei es, Putin könne dem Land mehr oder weniger alles verordnen. Fragt man Studenten und Kollegen, ist häufig lautes Lachen über den 4. November zu hören. Dass sich in Russland die Feiertage jederzeit ändern könnten, sei die eigentliche Tradition.

Eine Datumssuche auf wikipedia.org zeigt für den 4.November u.a. folgenden Eintrag an: „1794: In der Schlacht von Warschau im Warschauer Vorort Praga schlagen russische Truppen den Kościuszko-Aufstand in Polen endgültig nieder. Nach der Schlacht kommt es zu einem Massaker an der Zivilbevölkerung. Der Aufstand bietet den Anlass zur endgültigen Liquidierung Polens 1795.“ Zwar handelt es sich um den 4.November des Gregorianischen Kalenders, der in Russland erst 1918 Einzug hielt, doch spricht dies dennoch von einem nicht zu übersehenden Zynismus des russischen Feiertags, der das russisch-polnische Verhältnis vollständig auf den Kopf stellt und national umwertet zugunsten eines Opfer-Helden-Mythos der russischen Seite.

Man kann sich nun überlegen, was dies über die politische russische Landschaft aussagt, auch im Zusammenhang mit der Aussage einer Kollegin, die interkulturelle Kommunikation unterrichtet, die sehr bestimmt sagte, dass die Russen ein besonders tolerantes Volk sind.

Irkutsk/minimal stories

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Posted by Sascha Preiß on

Das im April eröffnete neue, moderne Gebäude des Irkutsker Flughafens, in dem Abflug und Ankunft von Inlandsflügen abgefertigt werden, hat im Gegensatz zum alten Gebäude, das zur Abfertigung von Auslandsflügen genutzt wird, und aus Gründen der Sicherheit einen separaten Eingang mit Kontrollschranke und einen Ausgang ohne Kontrolle. Die Passagierin des soeben gelandeten Fluges aus Moskau betritt das Gebäude durch den „Ausgang“, durch welchen sie das Gebäude für eine Zigarettenpause, während sie auf ihr Gepäck wartet, verlassen hatte. Der Wachmann am Eingang verweigert ihr den Zutritt, es sei grundsätzlich unmöglich, den Flughafen durch den „Ausgang“ zu betreten, sie habe den offiziellen „Eingang“ zu benutzen. Dort staut sich ein langer Strom von Passagieren an der Kontrollschranke, die mit dem Flugzeug nach Moskau fliegen wollen. Die Passagierin zeigt ihre Bordkarte und erklärt, dass sie lediglich für fünf Minuten das Gebäude verlassen hatte und auf ihr Gepäck wartet. Der Wachmann verweist auf den für alle Passagiere geltenden Eingang. Es entwickelt sich ein gestenreich geführter, von steigender Lautstärke geprägter Dialog, in dem die Dialogparteien beharrlich ihren jeweiligen Standpunkt durchzusetzen gedenken. Als die Passagierin einsieht, dass Argumente vergebens gewechselt sind, drückt sie den Wachmann beiseite und schiebt sich wütend ins Gebäude. Der Wachmann ruft ihr aufgebracht etwas hinterher. Beide schütteln frustriert die Köpfe.

Irkutsk/minimal stories/Wildbahn

minimal story 4

Posted by Sascha Preiß on

Am Zentralmarkt kaut die Hündin einen Knochen. Sie liegt zwischen geparkten Autos, hinter dem niedrigen Zaun, der Marktgelände und Parkplatz trennt. Als sie den Knochen weitgehend von Fleischresten befreit hat, erhebt sie sich, läuft unter dem Zaun hindurch, an den Passanten vorbei, in Richtung Marktgebäude. Ihr Fell ist straßenschmutzig, etwas verklebt, ihre Zitzen hängen schlaff, leer am Bauch, die Welpen dieses Frühjahres sind bereits irgendwohin entlaufen. Neben dem Eingang zum Gebäude des Zentralmarkts steht ein Karton mit essbaren Abfällen, darin verschwindet die Fähe kurz und kommt mit einem weiteren Knochen im Maul heraus, läuft leichtfüßig, elegant zu ihrem Fressplatz zurück. In ausgiebiger Ruhe, die ihr ganz allein gehört, widmet sie sich der Malzeit.

Irkutsk/Wildbahn

Strandausflug

Posted by Sascha Preiß on

Heute, am Irkutsker Plage

Im Juni, während der Kulturtage, drängte eine Studentin die Gäste, doch unbedingt den herrlichen Tag am Strand zu verbringen. Da er im Südosten der Stadt, unmittelbar vor der Staumauer, über eine halbe Stunde Busfahrt vom Stadtzentrum entfernt liegt, lehnten sie ab und setzten sich in Theaternähe ins schattige Gras. Die Studentin konnte auch in mehrfachen Telefonaten die Gäste nicht umstimmen, hatte bereits Decken und Getränke vorbereitet, ein paar Freunde instruiert, denen sie absagen musste, und ließ missmutig ihren Platz an der Sonne zurück.

HochzeitsfeierIn der StrandbarStrandbarSchaschlik-StandWassersportAm StrandDie BadendeMüllcontainer am StrandAm StrandAm StrandAm StrandAm StrandNachtbarDer Strand