Eine Meldung für potentielle Zivilisationsflüchtlinge

Während sich in Deutschland die Bundesnetzagentur auf die Versteigerung alter und neuer Frequenzen vorbereitet, um eine lückenlose Internetnutzung in Deutschland zu gewährleisten, ist eine Internetlandkarte ohne weiße Flecken im Irkutsker Gebiet auf absehbare Zeit nicht zu erwarten. Auf der Hand liegt, dass die enorme Gebietsgröße (mehr als doppelt so groß wie Deutschland) und schwache Besiedlung (71,5 mal geringer als Deutschland) eine flächendeckende Internetnutzung auch kaum wahrscheinlich werden lässt.  Wer sich also vor den Zurichtungen modernen Lebens in Sicherheit bringen möchte, ist hier gut aufgehoben, herzlich willkommen.

Dass man als Universitätsdozent in der russischen Provinz nach wie vor mit völliger Nicht-Nutzung des Internet von Studierenden konfrontiert wird, ist dennoch immer wieder überraschend.

– Wo finde ich Informationen über dies und das in Deutschland?
– Schauen Sie dafür am besten auf folgende Webseiten.
– Haben Sie nichts, was ich kopieren und mitnehmen kann?

Mag sein, dass auf Papier Gedrucktes grundsätzlich vertrauenerweckender ist als gestaltloser Bildschirmtext. (Papierbasierte Kommunikation ist eine der Säulen, auf denen u.a. hiesige Verwaltungsarbeit, mithin Gesellschaft beruht. Papier, auf denen eine Unterschrift steht, ist Zeugnis menschlicher Existenz. Maschinenerstellte, unterschriftslos gültige Dokumente sind ein Paradox und nicht vorstellbar.)

Mag auch sein, dass die Anschaffung eines Computers die finanziellen Möglichkeiten mancher Familien deutlich übersteigt.

Mag auch einfach sein, dass der Fragende mal nur hineinschauen und ein kleines Souvenir vom Büro des Ausländers mitnehmen wollte.

Die jetzt veröffentlichten Zahlen zur Internetnutzung im Irkutsker Gebiet legen den Schluss sehr nahe, dass Internetnutzung für den Großteil der Bevölkerung schlicht zu teuer und unattraktiv ist. Zumal es hier immer noch ein neues Medium ist, das durchaus umfangreicher beworben werden muss. Die Statistik zum Internet in Irkutsk weisen die Region als eine der schwach entwickelten Regionen im russischen Durchschnitt aus. Von den insgesamt 2,5Mio Einwohnern des Irkutsker Gebietes nutzen deutlich weniger als die Hälfte, 1,08Mio, überhaupt das Internet. Zum Vergleich die Internetnutzung in Deutschland 2009: 67,1%.

Bemerkenswert für den Irkutsker Raum sind dabei eine ganze Reihe von Punkten: Nicht nur ist die Nutzung von mobilem Internetzugang über Telefon oder USBstick im Gegensatz zu Kabelanschluss zu Hause überproportional hoch (926.000 : 154.000). Jeder Mobilfunkanbieter hat gleichzeitig Internettarife und entsprechende USBsticks im Angebot, die einfach zu bedienen sind und zuverlässig funktionieren – allerdings teuer in der Nutzung sind.

Gleichzeitig gibt es eine Vielzahl von Internetanbietern (im Artikel sind 10 regionale aufgeführt, die überregionalen kommen noch dazu), unter denen offenkundig deutlich zu wenig marktwirtschaftliche Konkurrenz existiert, um ein verbraucherfreundliches Angebot für mehr Heimanschlüsse zu gewährleisten. So nutzen nur die Hälfte aller Internetnutzer die höheren, schnelleren Tarife, ein Viertel nutzen den jeweils niedrigsten Tarif (56k-Qualität und darunter) und 20% klagen über Verbindungsstörungen. In den „besserverdienenden“ Gegenden haben gerade einmal 30% der Einwohner einem Heimanschluss, ansonsten ganze 10%. Zum Vergleich das eine Zeitzone bzw 1000km westlich gelegene Krasnojarsk: dort ist ein Internetanschluss deutlich günstiger zu haben und wesentlich zuverlässiger, im Ergebnis surfen immerhin schon 50% der Einwohner von zu Hause.

Gründe für diese Situation, die spätestens seit Medwedjews Rede an die Nation als problematisch wahrgenommen wird, liegen an der völligen Zersplitterung des Internetmarktes. Allein das Stadtgebiet Irkutsk wird nur partiell von einigen Anbietern versorgt, selbst im Stadtzentrum ist es möglich, dass nur ein einziger Provider eine Verbindungseinrichtung anbietet, weil es anderen unmöglich ist, eine stabile, schnelle Verbindung zu gewährleisten. Eigene Erfahrungen bestätigen das. Ursache sind oftmals die hoffnungslos veraltete Infrastruktur, etwa noch aus sowjetischer Zeit stammende Telefonkabel, über die mehrheitlich der Webzugang geschaltet wird und die damit hoffnungslos überfordert sind. Im Ergebnis bleiben deutlich zu hohe Preise (die im Laufe der vergangenen 12 Monate gesunken sind) bei tendenziell schlechter Qualität. Im Moment zahlen wir für eine Flatrate mit Übertragungsrate deutlich unter DSL-Geschwindigkeit (bis 1024 Kb/s) 25 Euro pro Monat. Moskauer Tarife sehen da schon etwas europäischer aus.

Ausweg: die noch teureren mobilen Tarife. Oder das gute alte geduldige Papier. Oder Funkstille.

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