Irkutsker Weihnachtsgeschichte 2009

Ende April hat sie geheiratet, ich war ebenfalls eingeladen, bin aber nicht hingegangen. Es gibt nicht vieles, was man keineswegs versäumen sollte. Wie oft ich noch die Möglichkeit erhalte, bei einer echten russischen Hochzeit anwesend sein zu können, kann ich mir selbst ausrechnen. Von meinen Kolleginnen, mit zwei Ausnahmen, sind alle verheiratet, seit 2 bis 3 Jahren die jüngeren, die älteren seit 20 bis 30 Jahren. Die beiden Ausnahmen sind in der unglücklichen Lage, mit Mitte 20 noch immer keinen Partner gefunden zu haben, was im russischen Normalfall bedeutet, dass auch keiner mehr kommen wird, der sie aus ihrer Einsamkeit erlöst. Irkutsk ist eine von sehr vielen Städten, in denen es deutlich mehr Frauen gibt, welche zudem sehr wählerisch sind. Russische Männer haben unter russischen Frauen nicht unbedingt den besten Ruf, ihnen wird Faulheit und Egoismus vorgeworfen, wo sie selbst aufwändig umworben werden wollen. Keine einfache Ausgangssituation für beide Geschlechter zueinander zu finden; glücklich, wer sich dauerhaft binden kann. Meiner Kollegin war es gelungen und das wurde entsprechend zelebriert, ihre Fotos zeigten eine wunderschön ausgestattete Hochzeit mit vielen fröhlichen Gesichtern. Ich aber, wie gesagt, bin darauf nicht zu sehen. Tatsächlich: Etwas so Triviales wie unaufschiebbar dringende Arbeit hielt mich fern. Sie war nicht enttäuscht, jedenfalls konnte sie ihre Enttäuschung sehr gut vor mir verbergen. Das sei normal so, sagte sie, als wir uns nach ihrer kleinen Hochzeitspause in der Universität wieder trafen. Oft genug, wenn wir in seriösem Ton die Arbeit absprechen, errate ich ihre Laune nicht. Normal gehe es ihr, sagt sie. Das heißt alles und nichts. Was kann ich mit dieser Aussage anfangen. Ich bin deutlich schlechter im Verbergen meiner Launen. Ich habe ihr also nachher im Büro eine Glückwunschkarte, darin verborgen etwas Geld überreicht, unsicher, ob das ein angemessenes Geschenk ist, und selbstverständlich entschuldigend für mein Fernbleiben. Sie dankte und ging. Ob das so in Ordnung gewesen wäre, wollte ich später wissen. Jaja, das sei absolut normal.

Meine Frau war da bereits deutlich sichtbar schwanger, im Sommer erwarteten wir unser Töchterchen. Die Frage nach Kindern stellt wohl so ziemlich jeder einem frisch vermählten, jungen Paar. Wir selbst hatten uns damals Zeit gelassen, die Hochzeit kam schnell, aber Kinder wollten wir noch keine. Beinah zwei Jahre nach unserer kleinen Ehezeremonie war es dann soweit, von den Familien ungeduldig erwartet und mit Erleichterung aufgenommen. Auch sie werde oft nach Kindern gefragt, sagte sie lächelnd, aber das wäre auch für sie beide im Augenblick noch kein Thema, später, nicht im Frühjahr und nicht im Sommer, irgendwann später. Und damit widmeten wir uns der Arbeit. Unser Kind kam zur Welt, eine andere Kollegin ging in Mutterschutz, wir arbeiteten weiter. Der Sommer kam und ging, die Ferienzeit kam und ging, ich hatte nun eine kleine Tochter und eine junge Mutter zu Hause, der Herbst zog schnell vorüber, der Winter war wechselhaft, kalt, sehr feucht, sehr unangenehm, in vielen Stadtteilen wurde die Heizung erst spät eingeschaltet. Eine Grippewelle ging daher durch die Stadt. Verschonte mich, ließ aber sie nicht aus. Eine Woche schleppte sie sich ins Büro, um die Arbeit zu bewältigen, die nicht liegen gelassen werden konnte und sie unbedingt noch zu erledigen hatte. Die nächste Woche blieb sie doch zu Hause. In der Stadt wurden Schulen geschlossen, unter Quarantäne gestellt, aber die Universitäten nicht. Sie kam wieder zur Arbeit, wir bereiteten eine Konferenz für das nächste Jahr vor. Einen Monat später fuhr ich auf Dienstreise, kam zurück, sie war nicht da, obwohl ich sie dringend sprechen musste. Sie war krank, schrieb sie per SMS. Das Jahr ging zu Ende, ich hatte noch ein paar Weihnachtsfeiern zu bewältigen, rief sie an, um sie zu einer einzuladen. Sie antwortete, dass sie noch im Krankenhaus sei, morgen wäre sie wohl wieder auf Arbeit, zumindest halbtags. Wieso Krankenhaus, wollte ich wissen, was sei denn passiert. Es sei wieder in Ordnung, es wäre nur nicht so angenehm gewesen, sie erzähle es mir später. Sie sagte nicht, dass alles normal sei. Sie versuchte, so normal wie möglich zu klingen, ihre Stimmer wackelte etwas.

Als junger Vater interessieren sich alle für das Wohlergehen des Kindes, ob es wächst, wem es ähnlich sieht, wieviel es wiegt. So auch einige Kollegen einer Verwaltungsabteilung der Universität, mit denen ich regelmäßig zu tun und viel Gelegenheit zum plaudern mit ihnen habe. Sie erzählten mir aufgeregt und heiter, dass ich die Kollegin, die im Sommer in Mutterschutz gegangen war, gerade verpasst habe, vor wenigen Minuten sei sie hier gewesen. Sie hatte ihr Kind vor zwei Monaten bekommen, alles sei ganz wunderbar. Und wie es bei meiner Kollegin aussähe, ich wisse doch ganz sicher, ob es wahr wäre, dass sie auch schwanger sei, man habe ihnen davon erzählt. Im zweiten oder dritten Monat. Wer erzählte denn sowas. Ich wusste nichts davon, hatte in diesem augenblick ein scheußliches Gefühl. Wenn es wahr wäre, und warum sollte dieses Gerücht nicht wahr sein, der russische Buschfunk ist grundsätzlich besser informiert als die Nachrichtendienste, dann war klar, weshalb sie im Krankenhaus lag und es keinesfalls als normal beschrieb. Mein Verdacht allerdings stieß hier jedoch auf wenig Verständnis: Das wüssten sie ja wohl auch schon längst. Was bleibt da zu denken übrig. Auf den kommenden Tag warten.

Eine Freundin hatte ein werdendes Kind verloren, wegen einer Erkältung, im dritten Monat. Eines Morgens Bauchschmerzen und der Körper trieb den Fötus aus, weil er ihn nicht mehr ausreichend versorgen konnte, beim Gang aufs Klo. Sie hatte sich danach immer wieder übergeben wollen, hatte aber keine Kraft dafür. So ihr Kind zu sehen, sei kaum auszuhalten. Sie fühle sich von ihrem Körper verraten, aber könne ihn gut verstehen, sagte sie später. Ich hoffte, meiner Kollegin würde das erspart bleiben und sie sei wegen einer unangenehmen, aber harmlosen Verletzung im Krankenhaus. Am nächsten Tag, 24.12., war sie nicht in der Universität. Ich erhielt von ihr eine SMS, sie wünschte mir von ganzem Herzen Glück, Freude, Erfüllung meiner Wünsche, eine lange und farbenfrohe Kaskade russischer Glückwunschkunst. Darauf zu antworten, war unmöglich, jedenfalls für mich. Ich überlegte mir ein paar Varianten, aber es gelang überhaupt nicht, also ließ ich es. Wie war ihre wackelige Stimme tags zuvor und dieser hochoptimistischer Weihnachtsgruß zusammen zu führen? Eine junge Frau, die sehr wahrscheinlich ihr Kind verloren hatte, wünschte mir Freude. Darauf mit einem Gruß überquellend von Glück und Gesundheit zu antworten, erschien mir obszön. Ich hoffte, dass ich mit meiner Vermutung unrecht hatte, malte mir in langen Busfahrten durch die eiskalte Stadt aus, was tatsächlich passiert sein könnte und kam immer wieder auf den einen Gedanken. Sie beherrschte die Kunst perfekt, ihre Emotionen ganz im Privaten zu belassen und in der Öffentlichkeit Normalität zu wahren, eine bewunderungswürdige Fähigkeit. Ohne ihre wackelnde Stimme hätte ich das kaum bemerkt. Wer aufmerksam und sensibel war, konnte jederzeit unterscheiden, was normales Alltagsgespräch und was Schutz ihrer selbst war. Deuten und verstehen ließ es sich nicht.

Tags darauf, am 25., trafen wir uns auf einem Parkplatz im Stadtzentrum, das Auto war vollgepackt mit Obstkisten und Tüten, Vorbereitungen für das Neujahrsfest. Ich war fröhlich, weil ich in drei Tagen einen längeren Urlaub antreten konnte. Sie war fröhlich, weil – nun, sie war eben fröhlich. Ihr Mann begrüßte mich mit Handschlag, sie saß auf dem Beifahrersitz und lächelte. Und hielt mir eine große, bunte, glitzernde Tüte hin mit einem Geschenk, eine schöne sibirische Holzschnitzkunst. Ich hatte nur eine ganz kleine für sie. Mit einem Buch. Am Abend vorher hatten meine Frau und ich über Geschenke für Kollegen gesprochen und festgestellt, dass viele Russen Bücher nicht als vollwertige Geschenke auffassen. Richtige Geschenke wären Blumen, Schmuck, Parfüm, etwas Schönes also. Ich hatte an Blumen für sie gedacht, oder wenigstens eine Topfpflanze, etwas Lebendiges, Hoffnungsfrohes, aber mich doch anders entschieden. Das Buch hatte ich schon eine ganze Weile für sie ausgesucht, etwas über Schokolade. Weihnachten ist grundsätzlich kein schlechter Anlass für dieses Thema. Also saßen wir zu dritt im Auto, sie, ihr Mann und ich, überreichten unsere ungleichen Geschenktüten und ich schämte mich. Wir sprachen über meinen Urlaub, meine Familie, ob ich deutsche Weihnachten vermissen würde. Ich wollte nicht von mir erzählen, ich wollte von ihr ein Dementi aller meiner Befürchtungen hören. Als wir auf die Wetterverhältnisse und die Gesundheit zu sprechen kamen – blieb es aus. Sie erzählte nicht viel vom Krankenhaus, sprach vom Vorfall in der 7. Woche. Und legte ihr Lächeln nicht ab. Ich hatte auf eine irgendwie weihnachtliche Wende gehofft, ein Happy End. Der Arzt, sagte sie, habe versichert, dass alles wieder in Ordnung sei, nach der Operation. Sie würden es eben wieder probieren, nächstes Jahr. Es sei eine starke Erkältung gewesen. Die Kisten, wies sie auf das ganze Obst im Auto, haben sie von ihrer beider Eltern, sie feiern Neujahr in Irkutsk und bereiten jetzt alles zu Hause vor, ob sie mich wohin mitnehmen können. Ich wohnte jedoch in entgegengesetzter Richtung. Wir verabschiedeten uns, ich stieg aus und sie fuhren los. Ich stand im Schnee mit meiner großen Tüte, auf der golden Frohes Neues Jahr funkelte, und vermisste etwas, einen Schlusssatz oder etwas ähnlich Nützliches, dass mich nicht so hilflos auf der Straße rumstehen ließ.

Da dort so etwas nicht vorhanden war, ging ich los, nach Hause, ins Warme.

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