Die dampfenden Särge

Der evangelische Pfarrer reist durch die Region, betreut vorhandene und neu entstehende, kleine evangelische Gemeinden, hält Gottesdienste, Bibelnachmittage, hin und wieder ist auch ein Gemeindemitglied zu beerdigen. Die Friedhofskapelle ist im Winter für die Zeremonie beheizt, zur Außenluft herrschen je nach Witterung bis zu 60° Temperaturunterschied. Die Sargträger warten vor der Tür, bis die Trauergemeinde versammelt ist, dann tragen sie den Sarg in den warmen Raum und öffnen ihn für einen letzten Gruß an den Toten. Er ist gewaschen, frisiert, angekleidet, mit frischen Blumen geschmückt, die Haut glitzert leicht. In der Kapelle herrscht die übliche trockene Luft des kontinentalen, sibirischen Klimas. Während der Zeremonie entweicht aus dem Sarg die feuchte Kühlhauskälte des Toten als zarter Dampf. Ein physikalisches Phänomen mit supranaturalem Charme.

Aufsteigender Wasserdampf der Angara bei -25° Lufttemperatur

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