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Baikal/Irkutsk/Liljana

Rückkehr

Posted by Sascha Preiß on

In wenigen Tagen werde ich nach knapp einem Jahr – 2013 war ich den gesamten August noch einmal in Irkutsk und Bolshoe Goloustnoe – endlich wieder nach Sibirien reisen. Mit Lili, die unbedingt mitfahren wollte. Sie hat schon sehr oft gefragt, wann wir einmal wieder an den Baikal fahren. Und neulich sagte sie, dass ihr Lieblingsland Russland sei. Dann spielte sie mit einer Plüschfigur des kleinen Maulwurf und mir, vollständig auf russisch. Ich bin noch immer sehr beeindruckt, dass sie mit Hilfe ihres Hamburger Kindergartens noch so viel und gut russisch spricht. Am Samstag morgen sind wir dort. Ужасно радуемся.

Liljana

Märchen zum Advent: Der traurige Junikäfer

Posted by Sascha Preiß on

Am Abend saß der Junikäfer auf einem Stein und war traurig. So ganz genau wusste er auch nicht warum, aber dass er es war, das wusste er. Und je mehr er es wusste, umso trauriger wurde er.
Och, seufzte er, traurig sein macht keinen Spaß.
Und recht hatte er auch noch.
Also schaute er in den dunkler werdenden Abend und seufzte ausführlich.
Kam ein Falter vorüber geflogen und besah sich den Junikäfer, wie er mit hängenden Fühlern herum saß.
Mensch, Käferchen, rief der Falter, dir scheint ja eine große Laus über die Flügel gelaufen zu sein.
Ach, meinte der Käfer, sag lieber nichts.
Hm, machte der Falter. Was hältst du von einer schönen warmen Umarmung mit meinen Flügeln? Wenns mir mal nicht so geht, weil mich fast wieder so ein Vogel geschnappt hätte, muss ich immer erstmal schön kuscheln und jemanden zum Anschmiegen haben, eh es weitergehen kann.
Und der Falter schlang seine Flügel um den Käfer. Aber der war einfach nicht in Stimmung.
He, du knickst meine Fühler, lass mich los.
Der Falter flog schnellstens davon, so ein hübsches Tierchen und so mürrisch! Und er pfiff sich ein Liedchen.
Der Junikäfer lauschte dem Falter nach, und als alles wieder still war, seufzte er aus tiefster Traurigkeit.
Was hast du denn, kam ein Glühwürmchen den Stein hinaufgekrabbelt.
Weiß nicht, brummte der Käfer, bin traurig.
Macht nichts, sagte das Würmchen, lass uns spielen, meine vierzighundertneunundelfzig Verwandten sind hier um die Ecke, wir könnten noch wen beim Verstecken gebrauchen!
Wie wärs, antwortete der Käfer, wenn du dich einfach vor mir versteckst?
Oh, prima Idee, leuchtete das Würmchen aufgeregt, kleiner Tip: ich bin irgendwo da hinten, ok?
Ja, machte der Käfer, ganz weit da hinten, sehr gut.
Das Glühwürmchen schwirrte davon und der Junikäfer wurde beinah fröhlicher, aber nur beinah. Als er sah, dass es wieder ganz dunkel war, musste er unweigerlich aus ganzem Herzen seufzen.
Da hörte er über sich ein Flüstern.
He, kleiner trauriger Käfer, komm doch mal zu mir hoch.
Der Junikäfer schaute verwundert nach oben und sah eine dicke Raupe, die von einem Ast herunterhing. Was soll ich denn bei dir da oben, fragte er entmutigt.
Ach weißt du, sagte die Raupe, wenn mir alles zu viel wird und der ganze Kram von wegen fressen und täglich immer dicker werden und sich kaum bewegen können und so, wenn das einfach keinen Spaß mehr macht, dann häng ich mich hier hin und lass mich baumeln. Man sagt, dass nach einer kurzen Weile ein ganz neues Leben beginnt!
So, sagt man, meinte der Käfer.
Jaja, bestätigte die Raupe, also los, komm, häng dich auch ans Blatt!
Ach, sagte der Käfer, ich hänge hier schon genug durch.
Na wie du willst, sagte die Raupe und zog sich in sich selbst zurück.
Dann wurde es wieder ganz still um den traurigen Junikäfer. Er blickte die ganze Nacht in den Sternenhimmel, aber er wurde einfach nicht munterer. Schließlich wurden die Sterne immer blasser und blasser.
Und plötzlich grinste hinter den Bergen die Sonne hervor.
Ha!, rief da der Junikäfer mit einem breiten Lächeln, genau darauf hab ich gewartet! Und schon surrte er purzelbäumend jubelnd auf sie zu.

Liljana

Salto vom Fensterbrett

Posted by Sascha Preiß on

Und dann hat Lili heute einen Salto vom Fensterbrett gemacht. Jetzt ist ihr Arm genauso in Gips, wie der unseres Kindermädchens. Es muss ja rückblickend nicht alles zum Omen aufgewertet werden. Aber schon die Frau vom Fluglinienbüro, bei der ich die Flugtickets Irkutsk-München noch bezahlen musste, war während ihrer Arbeitszeit abwesend. Im Krankenhaus, sagte ein Mitarbeiter. Nach einer halben Stunde kam sie wieder – humpelnd. Unser Kindermädchen ist vor einer Woche Opfer des Irkutsker Tauwetters geworden. Und im Januar erzählte der Besitzer der kleinen Tourbasa in Bolshoe Goloustnoe freudestrahlend, dass sich sein Söhnchen mit einem Jahr das Bein auf der Treppe gebrochen habe, auf der Lili auf- und abturnte. Alles nicht so schlimm, findet er. Recht hat er. Lili mag ihren Gips zwar überhaupt nicht, weil er sie in ihrem Bewegungsdrang enorm einschränkt, aber in zwei Wochen ist er ja wahrscheinlich schon wieder runter.

Unterhaltsam auch der Besuch in der Kinderunfallstelle. Einerseits ist für Kleinkinder die Versorgung zwangsweise kostenlos, niemand will von uns irgendeinen Rubel haben, den wir sehr gern zahlen möchten. Aber die freundliche Sekretärin hat dennoch abgelehnt, wohl auch weil sie davon überfordert war, dass ernsthaft jemand in Russland freiwillig Geld zahlen möchte. Während Sekretärinnen also freundlich zu jedermann sind, dürfen die Ärzte einfach Mensch sein. Die Dame am Röntgenapparat sprach sehr laut und – sagen wir einmal: schnörkellos auf das minutenlang heulende Kind ein, dass halbnackt auf der kalten Pritsche festgebunden lag, den schmerzenden Arm ausgestreckt zur Durchleuchtung. Und weil die ersten Bilder nicht so recht gelangen, drehte sie den Arm noch ein bisschen hierhin und dorthin. Dass das Kind sich davon nicht beruhigen ließ, machte sie der an die Seite geschobenen Mutter eindringlich zum Vorwurf. Aber die neuen Aufnahmen waren dann ausreichend. Die Augen des als nächstes an die Reihe kommendenden Kindes, das sich im niedrigen, schmalen, gelbgrau gefärbten Gang der Kinderklinikkatakomben an ihre Mama klammerte, hatten währenddessen alle Ausdrücke von Angst und dunkler Vorahnung durchlebt, als die Tür zum Röntgenkabinett aufging. Und tatsächlich unterschieden sich die Geräusche hinter der Eisentür nicht von Lilis Weinkrampf. Dass für die schlechte Bezahlung von Klinikärzten nicht die Patienten verantwortlich sind, zumal wenn die auch noch zahlen wollen, muss ja kein Grund sein, sie nicht trotzdem spüren zu lassen, wie miserabel die Situation ist.

Lili hat, nachdem sie wieder zu Hause war, gleich wieder geweint. Weil sie mit ihrem Gipsarm nicht schaukeln oder auf die Tische klettern kann. Zur Beruhigung sollte ich ihr Lieblingsbuch der letzten Wochen vorlesen: Igelin Paula Stich hat sich den rechten Arm gebrochen und wird von ihren Freunden mit einer Geburtstagsfeier getröstet. Trotzdem unterstelle ich meiner anderthalbjährigen Tochter keinerlei strategisches Handeln.

Interkultur/Irkutsk/Liljana/selbst/Unter Deutschen

Erschöpfungsgrad. Eine kurze Retrospektive

Posted by Sascha Preiß on

Anfangs, als ich Irkutsk zum ersten Mal durch die Scheiben der TU-134 sah, war ich wohl etwas enttäuscht. Ich hatte auf symbolisches Wetter gehofft. Aber es regnete nur. Klima: mangelhaft. Das änderte sich rasch und seither gibt es nichts zu bemängeln.

Wie ist es so in der Stadt? Es lässt sich konsumieren, so viel man möchte, jeden Scheiß, jeden Tag. Ruhetage sind Museen und Behörden vorbehalten, auch die Post arbeitet sonntags. Deutsches Bier, Nutella, Ikea-Kram und iPhones, alles da. Für deutsche Medien gibts schnelles Internet, Bücher schickt Amazon in 10 Tagen, Musik per download. Irgendwo in dieser Stadt, vermute ich, bekommt man wohl auch geröstete Affenärsche. Welcher Mangel?

Reden wir also nicht weiter davon.

Und sonst so? In den vergangenen zweikommafünf Jahren sind mir ein halbes Dutzend Fälle bzw deutsche Personen begegnet, für die Baikaltourismus lebensentscheidend war: und sie kehrten erst verliebt, dann verheiratet und-oder verkindert zurück. Es gibt wohl keinen gradlinigeren Weg, Land und Leute kennenzulernen. Hat man nach Russland geheiratet, umsorgt einen eine enorme Familie. Und die Freunde sowieso. Wenn man nun aber bereits verheiratet ist und als Ausländerpaar nahe des Baikalufers ein Kind in die Welt wirft, dann gibt es wohl keinen gradlinigeren Weg, dass man von Land und Leuten ziemlich in Ruhe gelassen wird. Keiner kommt gratulieren, keiner ruft glückwünschend an oder schickt Blumen: das junge Glück soll sich ungestört erholen. Und da wären wir nun. Zu dritt. Allein.

Die Sache ist: Alle paar Wochen gehen wir uns aus dem Weg oder auf den Geist, mehr Optionen sind da nicht. Allabendlich nach der Arbeit aufeinanderhocken, jeder mit seiner Arbeit beschäftigt und lieber nicht das Kind ins Bett schaukeln. Es fehlt – Zeit. Für uns. Ein Zeitmangel ohne Eile und Hast, sondern ein Mangel an Gemeinsamkeit. Filme haben wir schon monatelang nicht mehr zu zweit gesehen. Der Kinobesuch für dieses Jahr lief so: Samstag sie, Sonntag ich, der andere machte derweil den Hirten. Das letzte Buch, das mir gelang durchzulesen, war Hertha Müller „Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt“. Für die 120 Seiten benötigte ich 4 Wochen und ich bin mir sicher, nichts mehr davon zu wissen. Meine Frau hat mir neulich Warlam Schalamow „Durch den Schnee – Erzählungen aus Korlyma 1-3“ geschenkt, 1250 Seiten. Ihr unerschütterlicher Optimismus, ein minutiöser Gulag-Bericht als kiloschwere Druchhalteparole. Das gemeinsame Gespräch ist auf symbolische Handlungen reduziert. Weil die Zeit knapp ist. Auf elterliche Unterstützung muss aus geografischen Gründen verzichtet werden. Von den Freunden nicht zu reden, Skype ist kein Ersatz für durchqualmte Kneipenabende. Immerhin haben wir ein Kindermädchen für die Tagesbetreuung, so können wir arbeiten fahren, 30min hin, 60min zurück, Abendstau. Kinderkrippen gibt es keine, Kinderbetreuung in Gruppen so gut wie nicht. Unser Töchterchen sucht Gesellschaft. Sie schaut sich tagtäglich den Schwangerschaftsratgeber von GU an, der hat viele Abbildungen. Wo kleine Kinder zu sehen sind, legt sie ihren Kopf hin und kuschelt mit ihnen. Schnee mag sie nicht so, da steht sie auf der Straße und bewegt sich nicht mehr. Mir wäre der Sinn nach Schneeballschlacht, aber mit wem. Und zu lange bei -15 geht auch nicht: Je tiefer die Temperaturen, umso höher das Schlafbedürfnis. Die Skala zeigt Erschöpfungsgrad an. Inzwischen kann ich locker 12h am Stück durchschlafen. Ich weiß nur nicht wann. Bin ich müde, gehen mir alle gewaltig auf den Geist bzw ich ihnen am liebsten aus dem Weg.

Ach ja, Weihnachten ist auch noch. Meine Frau organisiert einen ganzen Haufen Adventsfeiern. Sie fehlen ihr, weil sie Familie bedeuten. Wärme. Ich kann zu ihrem Unglück darauf verzichten. Unsere Mängel ergänzen sich nicht.

Mit einer Ausnahme: beide wollen wir trotzdem eine Weile hier bleiben. Schließlich haben wir von der Gegend noch kaum etwas gesehen. Die Baikal-Reise ist schon den zweiten Sommer verschoben worden. Im ersten kam das Kind, im zweiten fiel das Schiff aus. Die Herberge auf der Insel hat uns nun solange die Hütte reserviert, bis wir tatsächlich einmal kommen können.

Dort muss es schön sein, die haben offenbar genügend Zeit.

(Der Text entstand im Rahmen einer Tagebuch-Aktion auf jetzt.de.)

Ästhetik/Interkultur/Liljana/selbst

Eine Geschmacksfrage

Posted by Sascha Preiß on

Zur Ausgestaltung des Kinderzimmers haben wir ein paar Regale gekauft. Wie fast alle Einrichtungshäuser in Irkutsk bietet auch die „Welt der Möbel“ mehrheitlich einheimisch produzierte Ware zum selbst Zusammenbauen für Kunden mit Geld und Jevro-Geschmack, was bedeutet: Es sollte europäisch wirken, stilvoll sein und dabei teuer aussehen. Wir suchten eher schlichtes Mobiliar und fanden zwischen den bunten Modell-Kinderzimmern zwei Regale mit farbigen Schalen anstelle von Schubfächern. Beim Aufbau zu Hause stellten wir fest, dass wir Ikea-Mobiliar gekauft hatten. In einer Stadt, von der die nächstgelegene Filiale 1600km entfernt liegt, ist das möglicherweise ein Glücksfall. Bislang war uns nur ein Händler bekannt, der einige wenige Möbelstücke von dort importiert und zu überhöhten Preisen anbietet.

Dass sich unser Geschmack, inmitten eines russischen Möbelgeschäftes, inmitten für russische Kunden konzipierten Möbeln, dann doch sehr zielstrebig und ohne echten Widerstand für Ikea-Möbel entschied, erstaunte mich. Ist es nun so, dass unser ästhetisches Empfinden in Deutschland am allgegenwärtigen Ikea-Design geschult wurde, so dass uns selbst in fremder Luft wenig anderes mehr akzeptabel erscheint? Wären wir überhaupt in der Lage gewesen, eine andere Geschmacksentscheidung zu treffen? Ist ein anderes Empfinden jetzt noch lernbar? Möglicherweise irritierte mich auch weniger die Tatsache, dass Emotionen erlernte Handlungen sind, als vielmehr, dass auch wir – sogar unbewusst – in der Fremde die uns bekannte Wohnwelt nachahmen, konservieren. Dass unsere Risikobereitschaft zur Aufnahme nicht-eigener Emotionalität nicht allzu hoch zu sein scheint.

Ist das aber wirklich problematisch?

Liljana/selbst

Die Salbe

Posted by Sascha Preiß on

Der junge Lehrer Alexej Michailovich stieg raschen Schrittes die Treppe hinauf, öffnete schwungvoll die Tür und hatte mit dem Einatmen des ewigen Apothekengeruchs augenblicklich den Namen der Salbe vergessen, die er besorgen wollte. Seine Frau, die ihn zu Hause mit ihrem Töchterchen erwartete, hatte ihm am Nachmittag angerufen und gesagt, er solle auf dem Heimweg noch schnell bei der Apotheke vorbei und die Salbe mitbringen, um dann ab 17 Uhr die süße Kleine am Abend ein bisschen zu betreuen. Alexej Michailovich hatte sich beeilt, rechtzeitig von der Schule loszugehen, keine allzu ausufernden Gespräche mit der dienstältesten Kollegin Vera Nikolaevna über die richtige Pflege und Erziehung von Kleinkindern zu führen (ihre als Befehle vorgebrachten Ratschläge zeugten von großem pädagogischen Wissen und lebenslanger mütterlicher Erfahrung, waren aber leider vollkommen unbrauchbar, seine Frau befolgte sowieso nur das, was sie selbst für das Richtige hielt und das war jeden Tag etwas anderes), murmelte während der gesamten Straßenbahnfahrt den Namen der Salbe vor sich hin – und stand nun in der Apotheke wie ein Schüler, der viel zu viel gelernt hat und vor Anspannung die Prüfung versaut. Er wusste immerhin noch den Anfangsbuchstaben, G oder L, oder was mit D. Ansonsten starrte er blöd in den Raum.

Drei in silberbraune Pelzmäntel gehüllte ältere Damen und doppelt so viele Apothekerinnen wandten sich dem Lehrer zu und schauten ihn an. Nach handgestoppten sieben Sekunden, in denen nichts geschah, wandten sich alle wieder ihrer vorigen Beschäftigung zu, warteten ergeben, führten langwierige Verkaufsgespräche oder machten gar nichts. Alexej Michailovich rührte sich ein wenig, setzte die Mütze ab, unter der er schwitzte, kratzte sich und wandte sich den Glasvitrinen an den Wänden zu. Womöglich war die Salbe darin ausgestellt, manchmal hat man ja Glück und das Gesuchte schiebt sich einem direkt unter die Nase. Als er alle Vitrinen durchgesehen hatte und sich sicher war, die Salbe nicht gesehen zu haben, überprüfte er alles noch einmal und kam zu dem gleichen Ergebnis. In seiner Erinnerung war die Salbe in einer blauweißen Schachtel verpackt, auf der gut lesbar der Name geschrieben stand. Glycerol. Nein. Dynvital. Nein. Laktosan. Nein, ein S kam wohl nicht vor. Die Apothekerinnen und Pelzmanteldamen schielten zu Alexej, wie er vor den Glasvitrinen auf und ab ging und fieberhaft überlegte. Aber er wollte niemanden um Rat fragen. Er hätte nur etwas Unverständliches heraus gebracht, er bräuchte so eine Salbe mit G, L oder D, vielleicht auch M, ziemlich sicher ohne S, die in einer blauweißen Verpackung stecke. Zweifellos wären die Apothekerinnen vor unterdrücktem Lachen ganz grün angelaufen, bis es eine nicht mehr hätte zurückhalten können und sich schließlich alle Anwesenden ausgiebig über ihn lustig gemacht hätten. Dass ein Schüler den Tränen nahe war, weil ein Fehler in der Mathearbeit besonders komisch weil tölpelhaft erschien, dass es die gesamten Klasse erfahren und darüber lachen musste, war das eine. Aber hier fühlte er sich doch sehr unwohl. Er schrieb seiner Frau eine SMS. Als sie nach einer halben Minute immer noch nicht geantwortet hatte, rief er sie an. Es klingelte lange, aber seine Frau antwortete nicht. Alexej spürte, wie seine Anspannung in Ärger umschlug. Er rief noch einmal an, das Rufzeichen ertönte mehr als ein Dutzend mal, aber die Stimme seiner Frau ertönte einfach nicht. Alexej zischte fluchend durch die Zähne. Er atmete ein und aus. Nahm das Telefon, wählte noch einmal ihre Nummer und hielt es sich ans Ohr. Seine Frau antwortete nicht. Er rannte aus der Apotheke, ob die da drin über ihn lachten oder nicht, war ihm egal. Wichtiger war, warum zum Teufel seine Frau nicht antwortete. Es gab eine Reihe von Möglichkeiten. Sie hatte sich mit der Kleinen hingelegt und schlief. Aber war das jetzt ihre Schlafzeit oder was? Das Klingeln des Telefons hätte sie trotzdem hören müssen. Oder sie hatte es leise gestellt und hörte es nicht. Verfluchte Scheiße, sie soll doch ihr Telefon nicht leise stellen, es könnte etwas Wichtiges sein und dies war jetzt wichtig. Oder sie war auf dem Klo, oder unter der Dusche. Und das Kind, wo war das dann, auch auf dem Klo? Warum musste sie ausgerechnet jetzt duschen, wo er den Namen der Salbe brauchte? War sie gar nicht zu Hause? Sie musste zu Hause sein, sie hatte gesagt, sie sei zu Hause. Alexej spuckte aus. Er hätte einfach nach Hause gehen und nachsehen können, dann hätte er auch den Namen der Salbe gewusst. Die Apotheke lag keine 5 Minuten von der Wohnung entfernt. Aber wozu hat man denn Telefone?? Außerdem kann er doch nicht mit leeren Händen nach Hause kommen und er hätte noch einmal losgehen müssen. Und dazu hatte er eben einfach keine Lust.

Also setzte er sich verärgert in die Sakusochnaja um die Ecke und wartete. Es war 5 nach 17 Uhr, er hätte längst zu Hause sein sollen, aber wenn seine Frau nicht antwortete, wartete Alexej eben so lange, bis sie sich bequemte, ihm den Namen der beschissenen Salbe zu sagen. Er verspürte einen ganz und gar unanständigen Appetit nach Bier.

Keine 10 Minuten waren vergangen, dass er die Apotheke verlassen, das erste Bier genusslos hintergestürzt und die dritte Zigarette angezündet hatte und vor dem zweiten Bier saß, da erhielt er eine SMS. Von seiner Frau. Die Salbe heiße Bepanthen, sie habe die Kleine gestillt, das Telefon habe im Nebenzimmer gelegen, wann er nach Hause komme, Küsschen. Alexej drückte die SMS weg. Küsschen, ja ja. Das hätte sie auch ruhig früher schreiben können. Bepanthen, ein bescheuerter, unmerkbarer Name. Jetzt saß er hier, trank und rauchte erst einmal. Und überlegte, gemächlich. In seinem Zustand konnte er nicht einfach so heimgehen und mit der süßen Tochter spielen, nach Alkohol und Zigarette stinkend, als guter Vater, der er war, verbot sich das von selbst. Da musste seine Frau jetzt durch, er würde eben später kommen und eine Ausrede erfinden. Hätte sie rechtzeitig geantwortet, würde er hier nicht sitzen müssen. Außerdem kritisierte sie ihn sowieso die ganze Zeit und wollte eigentlich alles alleine machen, na das konnte sie jetzt.

Alexej überlegte noch, als das drittes Bier gebracht wurde und sein Telefon klingelte. Seine Frau. Etwas panisch schaute er auf das klingelnde Ding. Er konnte auf keinen Fall rangehen. Eine Ausrede war ihm immer noch nicht eingefallen. Er wusste, dass er nur miserable, leicht durchschaubare Lügen zustande kriegte. Also ignorierte er das Klingeln eben. Nach 5 Minuten hörte es endlich auf. Er beschloss, in der Sakusochnaja auszuharren, bis seine Frau mit der Kleinen schlafen gegangen war, noch mindestens 4 Stunden, eher traute er sich nicht zu ihnen.

Als Larissa Vitaljevna, die Alexej an fröhlichen Tagen zärtlich Clara, Chiara oder Jasna nannte, gegen 1 Uhr in der Nacht aufstand, um nach ihrer Tochter Rosalia genannt das Röschen im Kinderzimmer zu sehen, erkannte sie sofort, warum die Kleine laut weinte und nicht mehr einschlafen konnte: Auf der bunten Wolldecke am Boden, umgeben von allerlei Spielzeug für das Kind, lag Alexej Michailovich, die Salbe in den Händen, schnarchte enorm und lächelte im Schlaf.

Interkultur/Liljana/Russland

Vater Mutter Kind

Posted by Sascha Preiß on

Seit knapp drei Wochen hilft uns Anna mit der Betreuung von Lili. Anna ist die Tochter einer Arbeitskollegin von Jenny, 25 Jahre alt und ihre Tochter Polina ist im September in die Schule gekommen. Anna ist selbst ausgebildete Lehrerin, kann Englisch und Spanisch unterrichten. Aber sie ist momentan arbeitslos. Nicht weil es wirklich so schwer wäre, eine Stelle als Lehrerin zu finden. Es werden zwar sehr wenige junge Lehrer eingestellt und die Zahl der Neueinschulungen in Russland sinkt nach wie vor. Lehrerin zu sein ist vor allem wegen des schlechten Gehalts nicht attraktiv. Etwa 8000 Rubel würde sie verdienen, keine 200 Euro. Als Njanja bekommt sie deutlich mehr. Kinderbetreuung macht ihr auch viel mehr Spaß als Englisch-Unterricht. Und Lili fühlt sich ganz wunderbar wohl bei ihr. Anna hat sich in den ersten beiden Wochen an unsere, für russische Verhältnisse sehr ruhige Wohnung (kein Fernsehgerät!) gewöhnen müssen. Wenn Lili im Tragetuch tief und weich auf ihrer kissengroßen Brust schläft, sitzt sie selbst auf dem Sofa und langweilt sich ein bisschen. Dann schaut sie auf ihr Handy oder telefoniert leise.

Einmal hat sie beim telefonieren geweint. Der Vater ihrer Tochter hat sie vor einiger Zeit verlassen, sie weiß nicht genau, wo er wohnt, aber sie hat über Bekannte so etwas Ähnliches wie Kontakt. Anna selbst ist das unwichtig, sie vermisst ihn nicht. Aber Polina ist namentlich ihr Leben lang an diesen Mann gebunden, sie trägt den Familiennamen ihrer Mutter, jedoch den Vatersnamen, den ihr ein Vater eingebracht hat, den sie nur wenig kennt. Ein Leben ohne Otchestvo ist für Russen schlechterdings unmöglich. Sollte ein Kind geboren werden ohne bekannten leiblichen Vater, wird für die offizielle Namensfestlegung des Kindes auf der Geburtsurkunde kurzerhand ein Vater erfunden, irgendein Michail Alexandrowitsch ist immer möglich. Die Mutter ist für amtliche Belange beinahe unwichtig.

Anna würde sich dafür eigentlich nicht interessieren, wenn nicht vom Vater abhinge, was die Tochter in der Schule tun und lassen darf. Ohne seine schriftliche Einwilligung kann sie z.B. nicht mit zur Klassenfahrt. Und dieses und andere Dokumente bekommt sie nicht von ihm, von Unterhaltszahlungen ganz zu schweigen. Wenn es ihn nicht interessiert, was mit seiner Tochter passiert, hat er alle Möglichkeiten, ihr das Leben zu erschweren. Sie als Mutter muss ihm hinterherrennen und stets aufs Neue um etwas bitten. Die Behörden verlangen die Einwilligung beider Elternteile, ungeachtet der Familiensituation. Normalerweise ließe sich so etwas per Gericht klären, aber das raubt Zeit, Geld und Kraft und verspricht wenig Hoffnung. Viele russische Väter kümmern sich nicht um ihre Töchter, sagte Anna. Aber sie beeinflussen ihr Leben so sehr, dass ihr manchmal die Tränen kommen.

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