Ingenieure der Zukunft

Die Studenten sind im letzten Ausbildungsjahr, im kommenden Semester sollen sie ihre Diplomarbeit schreiben. Mechatroniker sollen es im Sommer sein, die ersten diplomierten in Irkutsk, Ingenieure mit interdisziplinären Fähigkeiten zu Maschinenbau, Mechanik, Sensortechnik, Elektrotechnik, Informatik und Optik, eine Spezialisierung mit viel Potential für die Zukunft, der Studiengang ist vor vier Jahren erstmals angeboten worden. Gefragt, für welche Themen der Abschlussarbeit sie sich eventuell schon entschieden haben oder was sie interessieren würde, antworten alle, dass sie ihr Thema erst nach den Prüfungen im Januar erfahren werden und es sowieso nur im Bereich Maschinenbau oder Elektrotechnik liegen wird. Wieso sie ihre Themen nicht selbst wählen würden? Das wäre, sagt einer, vielleicht eine schöne Idee, aber diese Frage stelle sich gar nicht, der Professor gibt vor und fertig. Und ein mechatronisches Thema? Die Studenten betrachten sehr konzentriert die Maserung der Tischplatte. Wie ihnen denn ihr Studium gefallen habe? Ein verhaltenes Schulterzucken. Dann meint einer, er würde gern weiter den Deutschkurs besuchen. Auf den Gesichtern der anderen zeichnet sich Entspannung ab, Lächeln, Nicken. Hier hätten sie mehr als irgendwo anders über Mechatronik gelernt. Mehr Lächeln, mehr Nicken. Der studienbegleitende Deutschkurs sollte eigentlich ein Fachsprachenkurs sein, extra für den Studiengang gab es ein Austauschprogramm mit Hannover. Ich hatte stets den Eindruck, eher ein technisches Fachseminar anzubieten (Wie funktioniert eine Magnetschwebebahn? Wie arbeitet eine CPU?) und mich gewundert, dass mein eigenes technisches Wissen mit dem der studierenden Spezialisten mithalten kann. Vor 2,5 Jahren trafen wir uns das erste Mal, damals fragte ich sie nach ihren Erwartungen und Zukunftsideen und danach, was sie in Deutsch und von Mechatronik bereits wissen. Damals wurde ich erstmals mit dem mechatronischen Hund konfrontiert. Dieses Wesen tauchte immer dann auf, wenn der Begriff Mechatronik erklärt werden sollte. Ein Roboter in Hundeform, der laufen und seine Umgebung wahrnehmen kann, so dass er nicht vor eine Wand läuft. Anfänglich nahm ich an, dieses technologische Tier wandert zu Lernzwecken hier irgendwo durch die Seminarräume. Recht schnell war klar, dass es für die Studenten eine echte Chimäre ist, etwas das sie nur aus Büchern kennen, an das sie aber fest glauben, dass es irgendwo existiert. Die Studenten sind inzwischen lebendig geworden und reden offen über ihre Erfahrungen: Der Professor, bei dem sie eigentlich jeden Tag Mechatronik als Spezialisierung hätten, erschien im Monat ein halbes Dutzend Mal oder weniger, ansonsten hatte er irgendwas anderes zu tun, war im Garten oder hatte einfach keine Lust. Ein älterer Herr jenseits der Pensionsgrenze, der sich vom Dekanat zu den Stunden mit der Gruppe habe überreden lassen, und dann eben die Sache ein bisschen schleifen ließ. Und ob sie gegen diese Situation bei der Universität protestiert haben, immerhin zahlen sie für ihre Ausbildung nicht ganz wenig? Schon, aber was zähle denn der Protest von einem Häufchen Studenten im Dekanat gegen einen angesehenen, verdienten Professor, überall hieß es nur, man könne jetzt auch nichts tun und habe sie abgewiesen. Immerhin haben sie seit September einen neuen Professor, einen deutlich jüngeren, der auch relativ regelmäßig kommt. Von Mechatronik hat er aber keine Ahnung, dafür erzählt er liebend gern ausschweifend von seinem Leben als Soldat. Er habe nämlich zuerst an der Militärakademie Irkutsk unterrichtet und als diese vor wenigen Jahren geschlossen wurde, kam er an diese Universität. Er könne ein Haus mit nur einer Hand verschieben, war seine bislang eindrücklichste Erzählung, die geht so: Man nehme ein Holzhaus ohne Fundament und eine großen Sack Handgranaten. Unter jede Ecke des Hauses schiebe man eine Granate, entsichere sie gleichzeitig und wenn die Dinger dann explodieren, hüpft das Haus und in diesem Moment kann man es einfach mit einer Hand verschieben, das habe er im Feld gelernt, praktische Ausbildung. Danach zeige er seine Armmuskeln und am Ende der Stunde lasse er die ganze Gruppe hinter den Stühlen strammstehen, damit sie in 10 Sekunden über das in der Stunde gelernte nachdenken können. Anschließend hat sich die Gruppe für den Unterricht stets laut vernehmlich zu bedanken. So gehe bei ihnen Mechatronik, warum sollte man da seine Diplomarbeit schreiben wollen? Und was haben sie für Pläne nach dem Abschluss? Wie sich herausstellte, konnten fast alle ihre Zukunft sehr konkret benennen, einer ging zum Militär, ein anderer machte was im Bereich Bodybuilding, manche strebten ein Doktoratsstudium an, eine arbeitete bereits jetzt schon als Sekretärin bei einer Irkutsker Duma-Abgeordneten, die anderen, eher schweigsamen Mädchen der Gruppe planten eine Familie. Vor 2,5 Jahren wurden von ihnen noch Firmen mit Schwerpunkt im russisch-deutschen Technologietransfer entworfen und sie sahen eine vielfältige mechatronische Zukunft, echte Kosmonautenphantasien begeisterungsfähiger, 18jähriger Studenten. Nachher sind sie aber noch alle rechtzeitig auf den Hund gekommen und das Studium hat ihnen die Flausen aus dem Kopf getrieben. Eine pragmatisch-realistische Einschätzung ihrer Lebenslage ist es, was die Universität den Studenten beizubringen im Stande ist, die rückstandslose Austreibung der Chimären. Denn Mechatroniker mit solider deutscher Fachsprachenausbildung finden in Irkutsk sowieso keine Anstellung.


Sascha Preiß

http://www.pselbst.de

siehe http://www.pselbst.de/irkutsk/uber-mich/

Comment ( 1 )

  1. ReplyHans
    "Eine pragmatisch-realistische Einschätzung ihrer Lebenslage ist es, was die Universität den Studenten beizubringen im Stande ist, die rückstandslose Austreibung der Chimären. Denn Mechatroniker mit solider deutscher Fachsprachenausbildung finden in Irkutsk sowieso keine Anstellung." So wird das russische Volk weiterhin degenerieren. Wir hatten mit einem "Ingenieur" aus Russland zu tun. Freundlich, leicht unangenehm unerwürfig, und auf dem Wissensstand eines Studenten im 1. Sememster. Ich hoffen, dass die den Anschluß an den Rest der Welt nicht komplett verlieren und versaufen.

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