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Architektur/Interkultur/Russland

[Update] Fotoausstellung

Posted by Sascha Preiß on

Unlängst wurde im Irkutsker Kunstmuseum „Gutshof von Sukachov“ eine Fotoausstellung eröffnet, die Bilder des deutschen Fotografen Stefan Koppelkamm aus der Reihe „Ortszeit – local time“ präsentierte. Die seit 2006 existierende und mittels Goethe-Institut weltweit verbreitete Ausstellung zeigt Fotografien von Gebäuden ostdeutscher Innenstädte kurz nach der Wende und noch einmal rund 12 Jahre später. Die schwarzweißen Ansichten werden kommentarlos dem Betrachter überlassen, als Hinweis dienen nur Stadt, Straße und Jahr der Aufnahme.

Die Ausstellungseröffnung verlief ohne größere Zwischenfälle. Der Chor „Poj-Friend“ (= Singfreunde) der TU Irkutsk sang ein Ode-an-die-Freude-Medley, in das auch einige sowjetische Pionierlieder eingeflochten waren. Die Bilderrahmen wurden erst kurz vor der Eröffnung fertig und nachdem alle Gäste gegangen waren brach ein Rahmen auseinander. Der Mitarbeiter des Kulturministeriums, der mir die Ausstellung zu organisieren ermöglicht hatte, lag mit Hüftbeschwerden im Krankenhaus. Und eine Kollegin einer anderen Universität antwortete auf die Frage, wie ihr die Ausstellung gefalle, dass das Bierfest vor wenigen Tagen ganz toll gewesen sei.

Ich hatte wenig Gelegenheit, mit den Anwesenden zu reden, da ich vor und nach der Eröffnungszeremonie mit der unerwarteten Flut geladener Journalisten zu tun hatte. Es gab zwei TV-Kanäle, eine Radioreporterin und einige Zeitungs- bzw Internetjournalisten. (Weil ich keinen Fernseher habe, bleibt mir von meinen eigenen Minuten TV-Ruhm nur ein einziges Foto.)

Nachdem dann wirklich alle gegangen waren, hielt mich noch die diensthabende Wachfrau auf und fragte, ob sie die Bilder richtig verstanden hätte. Denn die älteren der beiden Aufnahmen zeigten doch den wirklich hässlichen Zustand der Gebäude aus sozialistischer Zeit, also als „die Russen“ in der DDR waren. Und im Vergleich zu den schönen Fassaden der neueren Aufnahmen sei das doch dann ein ganz eindeutiges negatives Statement, also insgesamt eine antirussische Ausstellung. Meine Anmerkung, dass die Fotos keinerlei antirussische Propaganda intendierten und dies zu keiner Zeit im Sinne des Fotografen sei, ließ sie nicht gelten. Jaja, sie wisse doch, jeder habe nunmal seine Meinung und sie sähe in den Bildern nunmal eine Aufwertung Deutschlands und eine Abwertung Russlands. Und nein, sie möge und unterstütze diese Ausstellung überhaupt nicht. Dazu lachte sie höflich. Aber ich bräuchte mich nicht beunruhigen. Ihre Meinung behalte sie natürlich für sich und sage sie keinem weiter.

Und ich solle doch unbedingt wiederkommen.

[Update 04.11.2010] Nun kann man doch noch den Nachrichtenbeitrag des TV-Senders vesti.irk ansehen. Iwan, der Mann der Mitarbeiterin meiner Frau, arbeitet als Kameramann für den Sender (was mir zum Zeitpunkt der Aufnahme unbekannt war) und hat mir eine Kopie des Beitrags zukommen lassen. Die Einblendungen des Senders während der Nachrichten zu Personen etc, wie im Foto der Website, fehlen. Dafür bin nicht nur ich selbst zu sehen, sondern als allererstes Maria, die Frau des Kameramanns beim Betrachten der Bilder (nette Liebeserklärung), und später auch meine Frau, die unsere Tochter trägt. Herzlichen Dank!

Anti-Terror/Russland

Das Leben kann so einfach sein

Posted by Sascha Preiß on

Heute: Ein russischer Vorschlag zur Überwindung von Finanzkrisen.

„Der russische Finanzminister Alexej Kudrin hat ein einfaches Rezept zur Aufbesserung der Staatsfinanzen: Er rief seine Landsleute am Mittwoch zum Rauchen und Trinken auf, um so die Steuereinnahmen zu erhöhen. Damit die Leute es verstehen: Wer Wodka trinkt und raucht, hilft dem Staat.

Indem jemand eine Packung Zigaretten rauche, trage er finanziell dazu bei, soziale Probleme zu lösen, führte Kudrin nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax aus.“

Kudrins Originalwortlaut bei vesti.ru.

Muss man dazu sonst noch etwas anmerken?

Russland/Universität

Das Schloss

Posted by Sascha Preiß on

Und dann kamen wir eines Maientags zu meinem Unibüro. Meine Mitarbeiterin und ich waren etwas bepackt, hatten für eine größere Veranstaltung eingekauft. Sie steckt ihren Schlüssel ins Schloss, es lässt sich nicht öffnen. Ich stecke meinen Schlüssel ins Schloss, das gleiche Ergebnis. Auf dem Korridorboden vor der Tür Späne und die Pappschachtel eines Türschlosses. Offensichtlich ausgewechselt, ohne uns zu informieren. Ratlosigkeit, Nervosität.

Vor zwei Wochen war eine Dame bei mir im Büro, die mich zu überreden suchte, das Büro zu wechseln. Die Uni bräuchte meinen Platz für Verwaltungsdienste und es wäre zwei Etagen tiefer etwas frei, das könne ich haben. Ob denn meine Arbeit so wichtig wäre, dass ich an diesem Platz mein Büro bräuchte, das Büro da unten sei der zukünftigen Mitarbeiterin, die viel mit dem Rektor zu tun haben würde, nicht zuzumuten. Nach Besichtigung des leeren Büroraumes und Rücksprache mit meinen Kollegen lehnte ich ab. Die Dame zeigte wenig Begeisterung, sie würde darüber mit dem Rektor sprechen.

Und dann war das Schloss ausgewechselt. Die Mitarbeiterinnen des Auslandsamtes, die vor einigen Jahren den Raum eigenhändig renoviert und eingerichtet haben, sind aufgebracht. Es werden Telefonate geführt, nicht laut, aber resolut. Wir gehen von einer Diensstelle zur nächsten. Dass die Unileitung derart aggressiv ihre ausländischen Arbeitskräfte umquartiert, kann sich niemand wirklich vorstellen. Ein Einbruch scheint auch nicht stattgefunden zu haben, nach allem, was man durch den Türspalt sehen kann, ist nichts entwendet worden. Und tatsächlich stellt sich heraus, dass die universitäre Raumplanerin zu Unrecht verdächtig wurde.

Dem Wachdienst lag ein Auftrag vor, das beschädigte Schloss zum Raum I-315 zu wechseln. Offenbar sind die beschäftigten Handwerker der Uni des Lesens und Schreibens unkundig. Mein Büro trägt die Nummer E-315, was eigentlich an der Tür zu lesen ist. Während ich mein Lachen unterdrücke, eilt die stellvertretende Leiterin des Auslandsamtes durch die Gänge, das sei wirklich nicht komisch, sie müsse jetzt ein ernstes Wörtchen mit den Technikern dieses Hauses sprechen. Als sie zurückkommt, drückt sie mir die neuen Türschlüssel in die Hand und entschuldigt sich, ich könne mir kaum vorstellen, wer so alles in der Uni arbeite. Ihre minutenlange Rede kann ich mir nicht merken, sie spricht von Arbeitsmoral, Unfähigkeit und falscher Personalpolitik. Unsere russischen Männer, sagt sie abschließend und klopft intensiv auf das Holz meiner Bürotür. Was solle man von denen schon verlangen. Damit ist die Sache beendet und wir widmen uns der Arbeit.

Russland

Frauentag

Posted by Sascha Preiß on

Es hat Blumen gegeben, bunt und reichlich. Dazu überschwenglich glitzernde Glückwunschkarten. Und prunkvolle Pralinenkästen. Gabs überall zu kaufen und war heute der geehrten Dame zu überbringen. Glückwunschtage sind Festtage. Warum dieser Tag, weiß wohl kaum noch wer. Erhalten hat sich in Irkutsk eine Clara-Zetkin-Straße, erhalten haben sich in Russland viele alte Heldennamen. Wer das mal war, irrelevant. Wichtig ist: achter März ist arbeitssfrei, da kauft Mann Blumen für die Frau. Was soll man sonst tun als Mann für seine Frau.

Am fünften März steht meine zukünftig schwangere Mitarbeiterin im Zimmer und leuchtet etwas, als sie von Plänen spricht, ein halbes Jahr Fortbildungsstipendium in Deutschland, dann Arbeit als Lehrerin, Dozentin, berufliche Perspektive. Sie wird ruhiger. Ihr Mann verbietet ihr das Stipendium, sie soll sich ums Kind kümmern, das sei halt normal.

Der junge Mann beugt sich im Bus über die sitzende Frau und versucht sie zu küssen. Sie ignoriert ihn, seine Versuche, zornig. Er zupft ihr in den Haaren, sie verscheucht seine Hand. Er redet auf sie ein, angetrunken, spricht von seinen Gefühlen für sie. Sie schaut angestrengt aus dem Fenster. Er küsst sie immer wieder ins Gesicht. Sie will in Ruhe gelassen werden, windet sich unter ihm. Er achtet gar nicht darauf, drückt sie erneut an sich.

minimal stories/Russland

minimal story 10

Posted by Sascha Preiß on

Wenn man am Nachmittag mit der kleinen Tochter im Tragetuch durch den kleinen, verwilderten Park hinter dem Dom Sukachova geht und von einer unbekannten jungen Frau mit Kind angesprochen wird, ob man ihr sagen könne, wo denn das Tuch gekauft sei, das gäbe es doch ganz sicher nicht in Irkutsk, das sei ganz bestimmt aus Deutschland, denn sie wisse ja, dass man selbst auch aus Deutschland sei und hier in Irkutsk für einige Zeit mit Familie lebe und beide, Mann und Frau, in je einer Universität als Deutschlehrer arbeite und die Tochter hier im Juni geboren wurde und Liljana heiße, die anderen Namen habe sie auch mal gewusst, und das wisse sie deshalb, weil ihr Kind genau wie Liljana auch immer eine Massage der Kinderärztin Larissa erhalte, die ihr das alles erzählt habe – dann also weiß man ganz zweifellos, dass die 600.000-Einwohner-Metropole am Baikal tiefste (russische) Provinz ist.

Irkutsk/minimal stories/Russland

minimal story 9

Posted by Sascha Preiß on

Während des Gesprächs klingelt ein Telefon, von den drei auf dem Tisch liegenden gehört Igor das läutende. Ein seriös geführtes Telefonat, es geht um die Aufführung, die er für die Weihnachtszeit vorbereitet. Eine Geschichte mit Djed Moroz, Väterchen Frost, dem russischen Weihnachtsmann, und Snjegurotschka, dem Schneeflöckchen, seiner weiblichen Begleitung, dazu Winnie Pooh und eine ganze Reihe anderer Figuren aus allerlei russischen Märchen (ja, Winnie Pooh zählt auch dazu, denn es existiert eine außerordentlich populäre sowjetische Kopie, Винни-Пух), eine Aufführung für Kinder sei das, aber auch für Erwachsene. Diese Veranstaltung, erzählt er nachher, ist sogar schon von einem Freund für ein Gastspiel in Moskau gebucht. Als das Telefonat zu Ende ist, lacht Igor plötzlich laut los. Das wäre ein sehr russischer Anrufer gewesen. „Ich habe ihm alles zu unserer Aufführung gesagt, er fand das gut und wollte das für sich zu Hause haben. Und er wollte wissen, ob wir dazu auch einen Striptease anbieten.“

Anti-Terror/Irkutsk/Russland

Kontraterror

Posted by Sascha Preiß on

Vom 11. bis 25. November sind in Irkutsk, erstmals in Russland, Kriegsaufnahmen des „Argumenty i Fakty“-Fotoreporters Vladimir Svartsevich unter dem Titel „Kontraterror“ zu sehen. Die Ausstellung versammelt die Aufnahmen aus Kriegseinsatzgebieten der russischen Armee im Kaukasus, von der südossetischen Interventionen 1991 bis hin zum Schulmassaker in Beslan 2004. Zur Eröffnung am 10.11. war fast ausschließlich Militär anwesend. Svartsevich ist ebenfalls ehemaliger Soldat, der lange Zeit im Kaukasus im EInsatz war. Aus dieser Zeit stammen seine Aufnahmen.

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Die Bilder sind sowohl in ihren Motiven als auch in der Aufhängung verstörend. Zu sehen sind  auf einer Fotografie z.B. russische Soldaten, die nackt und fröhlich aus der Sauna kommen, während auf dem Bild daneben zu einem Fleischberg zusammengeworfene zerstückelte Leichen von „abgeknallten“ Terroristen liegen. Es ist für die Ausstellung unerheblich, ob sich beide Szenen im gleichen Jahr und Kriegsgebiet ereigneten oder weiter auseinander liegen. Die Ausstellung zielt in erster Linie auf den Schockeffekt beim Betrachter, offizielle Lesarten der kaukasischen Kriege grundsätzlich in Frage zu stellen. Jetzt, 9 Jahre nach dem offiziellen Ende des zweiten Tschetschenienkrieges und ein halbes nach Abzug eines Großteils der russischen Armee. Da die Fotos weder in chronologischer noch in sichtbar inhaltlicher Logik gehängt sind und außer Zeit, Ort und Titel keinerlei Angaben beigegeben wurden, bleiben nach dem Schock eine ganze Reihe von Fragen unbeantwortet. Etwa: Ob mit diesen Fotografien nun auch eine inhaltliche und sogar juristische Aufarbeitung der vergangenen Kriegsjahre eingeläutet ist.

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Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf die offizielle Bezeichnung, mit der unter Putin immer wieder Kriegshandlungen in der Kaukasusregion rechtfertigt wurden. „Kontraterroristische Operationen“ würden durchgeführt, in Tschetschenien wie in Inguschetien und anderswo. Gezeigt wird, wie diese Anti-Terror-Einsätze tatsächlich aussahen: Soldaten in machistischer Pose und voller Erschöpfung, Söldner, Erniedrigung Gefangener. Es gibt keinerlei erläuternde Texte, welche die Sachverhalte und Umstände, unter denen die Bilder entstanden oder die Grundidee der Ausstellung beschreiben. Der Betrachter bleibt mit seiner Deutung allein. Ist „Kontraterror“ eigentlich Terror gegen den Terror, ist die russische Armee terroristisch? Offensichtliche Kritik am Vorgehen der russischen Armee im Kaukasus wechselt mit Fotografien, die durchaus auch als Werbung für diese Armee aufgefasst sein können. Dazwischen reich geschmückte Begräbniszeremonien für russische Gefallene und allgemeine Fotografien aus dem Alltag in den Kriegsgebieten, etwa ein Brotverkaufsstand vor Häuserruinen. Getötete tschetschenische Kämpfer werden hingegen auf den Bildtiteln durchgängig aus Terroristen bezeichnet, ohne Anführungszeichen und unabhängig davon, ob sie gerade von einem russischen Soldaten geplündert werden oder auf einer Mülldeponie abgeworfen wurden. „Keine mustergültigen Kriege“ titelt die Wochenzeitung „Argumenty i Fakty“, für die Svartsevich arbeitet und vermutet, dass die Ausstellung eigentlich den falschen Titel trägt, sie hätte besser „Gesichter des Krieges“ genannt werden sollen.

Eines der grausamsten Fotos, aufgenommen 1999 in Dagestan, zu Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges, zeigt drei tote Tschetschenen oder Dagestaner (Terroristen), die an ihren Füßen zusammengebunden und halbnackt von russischen Panzern entlang geschleift werden. „‚Säuberung‘ der Terroristen“ heißt das Bild. Während solche Aufnahmen etwa aus dem Irak zu veritablen Skandalen und dem einen oder anderen Gerichtsprozess führen, bleibt die öffentliche Reaktion hier vollständig aus. Das Gästebuch der Ausstellung aber ist voll mit Danksagungen für diese Bilder, welche erstmals offiziell in Russland zu sehen sind. Manche Kommentatoren halten den Fotografen deshalb auch für einen Volkshelden.

 “Säuberung” der Terroristen

Irkutsk/Russland

Tag der Einheit

Posted by Sascha Preiß on

 Der „Tag der Einheit des Volkes“ ist einer der jüngsten Feiertage in Russland, und um ihn zu popularisieren wird dazu ein umfangreiches nationales Volksfest zelebriert. Das schließt auch aufklärend positive Berichterstattung zu den Feierlichkeiten ein:

День народного единства отметили в Иркутске | Новости Irk.ru

Während das Bild im Artikel von Tanz und Heiterkeit und der Gouverneur des Irkutsker Oblasts von der Einheit der sibirischen Nationalitäten in Zeiten der Krise künden, denn in Krisenzeiten ist nichts so wichtig wie Folklore und nationale Erbauung, so spechen die letzten beiden Absätze die eigentliche nationalistische Kernidee des Feiertags aus: Neben Tanz und Gesang ist der traditionelle „Russische Marsch“ auch wieder veranstaltet worden (Plakate dazu waren in der Stadt angeklebt), auf dem so heitere Rufe wie „Ruhm und Ehre Russlands“, „Ruhm und Ehre dem russischen Imperium“ und „Ruhm und Ehre der Armee“ erklangen. Tief in der russischen Historie liege der Anlass für den modernen Feiertag, der einen verschütteten zaristischen Tag für die heutige Zeit wiederbelebt: Die Befreiung von der polnischen Besatzung 1612 wird gefeiert.

Die Kommentare lesen sich allerdings weniger begeistert, ein „dummer Feiertag“ sei es, Putin könne dem Land mehr oder weniger alles verordnen. Fragt man Studenten und Kollegen, ist häufig lautes Lachen über den 4. November zu hören. Dass sich in Russland die Feiertage jederzeit ändern könnten, sei die eigentliche Tradition.

Eine Datumssuche auf wikipedia.org zeigt für den 4.November u.a. folgenden Eintrag an: „1794: In der Schlacht von Warschau im Warschauer Vorort Praga schlagen russische Truppen den Kościuszko-Aufstand in Polen endgültig nieder. Nach der Schlacht kommt es zu einem Massaker an der Zivilbevölkerung. Der Aufstand bietet den Anlass zur endgültigen Liquidierung Polens 1795.“ Zwar handelt es sich um den 4.November des Gregorianischen Kalenders, der in Russland erst 1918 Einzug hielt, doch spricht dies dennoch von einem nicht zu übersehenden Zynismus des russischen Feiertags, der das russisch-polnische Verhältnis vollständig auf den Kopf stellt und national umwertet zugunsten eines Opfer-Helden-Mythos der russischen Seite.

Man kann sich nun überlegen, was dies über die politische russische Landschaft aussagt, auch im Zusammenhang mit der Aussage einer Kollegin, die interkulturelle Kommunikation unterrichtet, die sehr bestimmt sagte, dass die Russen ein besonders tolerantes Volk sind.

Interkultur/Liljana/Russland

Vater Mutter Kind

Posted by Sascha Preiß on

Seit knapp drei Wochen hilft uns Anna mit der Betreuung von Lili. Anna ist die Tochter einer Arbeitskollegin von Jenny, 25 Jahre alt und ihre Tochter Polina ist im September in die Schule gekommen. Anna ist selbst ausgebildete Lehrerin, kann Englisch und Spanisch unterrichten. Aber sie ist momentan arbeitslos. Nicht weil es wirklich so schwer wäre, eine Stelle als Lehrerin zu finden. Es werden zwar sehr wenige junge Lehrer eingestellt und die Zahl der Neueinschulungen in Russland sinkt nach wie vor. Lehrerin zu sein ist vor allem wegen des schlechten Gehalts nicht attraktiv. Etwa 8000 Rubel würde sie verdienen, keine 200 Euro. Als Njanja bekommt sie deutlich mehr. Kinderbetreuung macht ihr auch viel mehr Spaß als Englisch-Unterricht. Und Lili fühlt sich ganz wunderbar wohl bei ihr. Anna hat sich in den ersten beiden Wochen an unsere, für russische Verhältnisse sehr ruhige Wohnung (kein Fernsehgerät!) gewöhnen müssen. Wenn Lili im Tragetuch tief und weich auf ihrer kissengroßen Brust schläft, sitzt sie selbst auf dem Sofa und langweilt sich ein bisschen. Dann schaut sie auf ihr Handy oder telefoniert leise.

Einmal hat sie beim telefonieren geweint. Der Vater ihrer Tochter hat sie vor einiger Zeit verlassen, sie weiß nicht genau, wo er wohnt, aber sie hat über Bekannte so etwas Ähnliches wie Kontakt. Anna selbst ist das unwichtig, sie vermisst ihn nicht. Aber Polina ist namentlich ihr Leben lang an diesen Mann gebunden, sie trägt den Familiennamen ihrer Mutter, jedoch den Vatersnamen, den ihr ein Vater eingebracht hat, den sie nur wenig kennt. Ein Leben ohne Otchestvo ist für Russen schlechterdings unmöglich. Sollte ein Kind geboren werden ohne bekannten leiblichen Vater, wird für die offizielle Namensfestlegung des Kindes auf der Geburtsurkunde kurzerhand ein Vater erfunden, irgendein Michail Alexandrowitsch ist immer möglich. Die Mutter ist für amtliche Belange beinahe unwichtig.

Anna würde sich dafür eigentlich nicht interessieren, wenn nicht vom Vater abhinge, was die Tochter in der Schule tun und lassen darf. Ohne seine schriftliche Einwilligung kann sie z.B. nicht mit zur Klassenfahrt. Und dieses und andere Dokumente bekommt sie nicht von ihm, von Unterhaltszahlungen ganz zu schweigen. Wenn es ihn nicht interessiert, was mit seiner Tochter passiert, hat er alle Möglichkeiten, ihr das Leben zu erschweren. Sie als Mutter muss ihm hinterherrennen und stets aufs Neue um etwas bitten. Die Behörden verlangen die Einwilligung beider Elternteile, ungeachtet der Familiensituation. Normalerweise ließe sich so etwas per Gericht klären, aber das raubt Zeit, Geld und Kraft und verspricht wenig Hoffnung. Viele russische Väter kümmern sich nicht um ihre Töchter, sagte Anna. Aber sie beeinflussen ihr Leben so sehr, dass ihr manchmal die Tränen kommen.

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Das Wetter/Russland

Russland heute, die Sowjetunion erinnernd

Posted by Sascha Preiß on

Nach der Zwischenfrage noch eine minimale Auswahl deutschsprachiger Informationen zum gegenwärtigen Stand der Dinge im größten Land der Welt.

Wahlen ohne Auswahl – stellvertretend für den sehr lesenswerten Russland-Blog der Heinrich-Böll-Stiftung

Chodorkowskij erwartet Lebenslänglich – аеродром.ная / tazblogs dokumentiert ein Focus-Interview u.a.

Verbotene Kunst in Moskau ist aber noch im Internet zu besichtigen

Für ausführlichere Zustandsbeschreibungen fragen Sie natürlich den Buchhändler Ihres Vertrauens.

„Und schließlich die dritte Umbruch-Zeit unter Putin. Vor dem Hintergrund einer neuen Phase des russischen Kapitalismus mit unübersehbar postsowjetischem Anstrich. Eines ökonomischen Modells, das der Herrschaftszeit des zweiten Präsidenten Russlands ganz und gar entspricht und gekennzeichnet ist durch einen eklektischen Mix aus Markt und Dogma, eine Vermischung von allem mit allem. Wo es beträchtliche Mengen an disponiblem Kapital gibt und ebenso viel typisch sowjetische Ideologie, die diesem Kapital Vorschub leistet, sowie noch mehr Verarmte und Mittellose. Außerdem erlebte die alte Führungskaste der Nomenklatura einen neuen Aufschwung. Diese breite Schicht sowjetischer Staatsfunktionäre, die wieder in ihre Funktion eingesetzt wurde und sich an die neuen ökonomischen Bedingungen sehr schnell und nur allzu gern anpasste. Die Nomenklatura will jetzt genauso üppig leben wie die „neuen Russen“, und das bei verschwindend geringen offiziellen Gehältern; sie will um keinen Preis der Welt die neue Ordnung gegen die alte sowjetische eintauschen, doch so ganz geheuer ist ihr diese neue Ordnung mit ihrem – von der Gesellschaft immer nachdrücklicher eingeklagten – Streben nach Recht und Ordnung nun auch wieder nicht, also verwendet sie einen Großteil ihrer Zeit darauf, sich unter Umgehung von Recht und Ordnung persönlich zu bereichern. Mit dem Ergebnis, dass die Korruption unter Putin ein beispielloses Ausmaß erreichte, von der neuen, alten Putin’schen Nomenklatura zu einer Blüte geführt, wie sie weder zur Zeit der Kommunisten noch unter Jelzin denkbar war. Diese Korruption verschlingt das kleine und mittlere Unternehmertum, also den Mittelstand, lässt nur das große und supergroße Kapital überleben, Monopole und staatsnahe Unternehmen, denn in Russland sind gerade sie es, die nicht nur für ihre Eigentümer und Manager hohe, stabile Gewinne abwerfen, sondern auch für die jeweiligen Protektoren in den staatlichen Verwaltungsstrukturen, ohne die bei uns kein einziges Großunternehmen existieren kann. In diesem Sumpf, der nichts mit Marktwirtschaft zu tun hat, kann die neue russische Parteinomenklatura (wie sie wieder wie in alten Sowjetzeiten genannt wird) ihre Sehnsucht nach der UdSSR, nach ihren Mythen und Phantomen ausleben. Putin versammelt recht gern „Ehemalige“ – Leute aus den sowjetischen Führungsstäben – unter seinen Fahnen, da nimmt es nicht Wunder, dass der ideologische Überbau des Putin’schen Kapitalismus immer stärker Züge der späten Breshnew-Zeit annimmt, die Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre von extremster wirtschaftlicher Stagnation gekennzeichnet war.“

Quelle: perlentaucher