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Ästhetik/Interkultur/Liljana/selbst

Eine Geschmacksfrage

Posted by Sascha Preiß on

Zur Ausgestaltung des Kinderzimmers haben wir ein paar Regale gekauft. Wie fast alle Einrichtungshäuser in Irkutsk bietet auch die „Welt der Möbel“ mehrheitlich einheimisch produzierte Ware zum selbst Zusammenbauen für Kunden mit Geld und Jevro-Geschmack, was bedeutet: Es sollte europäisch wirken, stilvoll sein und dabei teuer aussehen. Wir suchten eher schlichtes Mobiliar und fanden zwischen den bunten Modell-Kinderzimmern zwei Regale mit farbigen Schalen anstelle von Schubfächern. Beim Aufbau zu Hause stellten wir fest, dass wir Ikea-Mobiliar gekauft hatten. In einer Stadt, von der die nächstgelegene Filiale 1600km entfernt liegt, ist das möglicherweise ein Glücksfall. Bislang war uns nur ein Händler bekannt, der einige wenige Möbelstücke von dort importiert und zu überhöhten Preisen anbietet.

Dass sich unser Geschmack, inmitten eines russischen Möbelgeschäftes, inmitten für russische Kunden konzipierten Möbeln, dann doch sehr zielstrebig und ohne echten Widerstand für Ikea-Möbel entschied, erstaunte mich. Ist es nun so, dass unser ästhetisches Empfinden in Deutschland am allgegenwärtigen Ikea-Design geschult wurde, so dass uns selbst in fremder Luft wenig anderes mehr akzeptabel erscheint? Wären wir überhaupt in der Lage gewesen, eine andere Geschmacksentscheidung zu treffen? Ist ein anderes Empfinden jetzt noch lernbar? Möglicherweise irritierte mich auch weniger die Tatsache, dass Emotionen erlernte Handlungen sind, als vielmehr, dass auch wir – sogar unbewusst – in der Fremde die uns bekannte Wohnwelt nachahmen, konservieren. Dass unsere Risikobereitschaft zur Aufnahme nicht-eigener Emotionalität nicht allzu hoch zu sein scheint.

Ist das aber wirklich problematisch?

Interkultur/Kulinarisches

Skepsis

Posted by Sascha Preiß on

Alessandra, eine italienische Freundin, die seit einiger Zeit in Irkutsk lebt und am liebsten hier bleiben möchte, erzählte uns kürzlich von einem neuen Restaurant. Ein wirkliches italienisches Restaurant, schwärmte sie, im Stadtzentrum, das auch der ehemalige Bürgermeister der Stadt unterstützte. Alessandra hatte dessen Sohn dereinst Italienisch-Unterricht erteilt, was dem romanophilen Bürgermeister gefiel, weshalb er sie auch ein wenig unterstützte. Für das neue Restaurant, erzählte sie, habe sie nicht nur bei Ausstattung und Rezepten für die Speisekarte beraten, sondern auch den Namen des Restaurants beigesteuert: Antico Borgo, das alte Dorf. Küche und Einrichtung des Lokals seien daher auch ländlich gehalten, toskanisch, schlicht und ursprünglich, und durchaus nicht immer so, wie man sich italienisches Essen vorstelle. Das beschränkt sich ja im Grunde auf Tiefkühlpizza und Spaghetti Bolognese aus der Dose.

Nun bin ich bereits zwei Mal im Alten Dorf gewesen und reise dort sehr gerne immer wieder hin. In der Tat ein wunderschönes Lokal, in dem man ganz hervorragend essen kann. Beide Male aber war das Restaurant fast vollkommen leer. Die Preise sind vergleichbar mit den „deutschen“ oder sonstigen „nationalen“ Restaurants (empfehlenswert: Mongolisch!), die weit teureren Sushi-Lokale sind ebenfalls deutlich frequentierter. Qualitativ kann kein Pizza-Bäcker der Stadt mithalten, in der populären Fastfood-Kette „MacFood“ wird gern auch mal Pizza mit Majonnaise als Käseersatz angeboten. Auch Reklame ist vorhanden, ein großes Werbebanner ist über die vielbefahrene ulica Karla Marksa gespannt, eine Pappfigur weist den Weg in die ruhige Nebenstraße, in der das Antico Borgo gelegen ist.

Also muss das Verschmähen des vor zwei Monaten eröffneten, einzigartigen Lokals einen anderen Grund haben. Meine Mitarbeiterin aber sagte, das sei völlig normal. Ein neu eröffnetes Restaurant ist in Russland anfangs immer leer. Die Leute seien sehr zurückhaltend, um nicht zu sagen skeptisch, zwar auch neugierig, aber eben abwartend. Es brauche ein bisschen seine Zeit, bis es sich herumgesprochen hat und mit Gästen füllt. Aber dann kommen die Leute.

– Wenn niemand hingeht, wie soll es sich denn herumsprechen?

– Wir sind doch gerade drin.

– Zu wem gehst du nachher und berichtest?

– Weiß noch nicht. Vielleicht der Familie, Freunden. Geburtstage sind ein guter Anlass für Restaurantbesuche.

– Wissen Kunden eines neuen Lokals um ihren informellen Werbeauftrag?

– Selbstverständlich. Mündliche Weitergabe von Informationen ist unabdingbar für das Bestehen der russischen Gesellschaft. Jeder beteiligt sich daran, wie könnte er nicht?

– Wie kann man abwartend neugierig sein?

– Man könnte sagen, man möchte wohl gern, wartet aber auf einen Anlass mit persönlicher Einladung, mindestens aber auf persönliche mündliche Empfehlung einer vertrauten Person, um endlich ausprobieren zu dürfen.

– Die Information ist also, Zutrauen zu wecken?

– Zutrauen zur Neugier, ja.

– Ich vermute, interkulturelle Forschung ist nicht in Russland erfunden worden?

– Vermutlich nicht, nein.

Womöglich habe ich Alessandra ein paar zukünftige Gäste ins Dorf gelockt. Ein Kritikpunkt aber – und den hatte sie selbst angesprochen – ist das musikalische Ambiente.  Selbst für ein Restaurant, das ein antico im Namen führt, ist Italopop (Ramazzotti, Celentano etc) jenseits aller Atmosphäre.

Interkultur

Getarnte Fremde

Posted by Sascha Preiß on

Ausländer sind in Russland schnell als Ausländer bzw Nicht-Russen erkannt. Ob der Taxifahrer annimmt, man komme des Akzentes wegen sicherlich aus Jugoslawien, oder die Kellnerin vermutet, man müsse mindestens aus Tschechien wenn nicht sogar Polen kommen, man habe so ein unverkennbar polnisches Gesicht, ist eigentlich unerheblich. Man ist Ausländer. Wenn man dann antwortet, man sei in Wahrheit in Deutschland gebürtig, wird mancher verwundert, mit dem Lächeln des Bedauerns oder fassungslos hysterisch fragen, was einen als Deutscher denn nun ausgerechnet hierher verschlagen habe. Es kann sogar vorkommen, dass man gefragt wird, ob ein Foto aufgenommen werden könne, weil man für den Fragenden die erste leibhaftige Begegnung mit einem Ausländer darstellt. So z.B. ein jugendlicher Mitarbeiter in einem kleinen Handyladen im Irkutsker Stadtzentrum. (Sein Kollege winkte jedoch ab, er sei aus Vladivostok und dort so vielen Ausländern begegnet, das würde überbewertet. So blieben wir ungeknipst.) Viele Möglichkeiten der Tarnung indes hat man nicht. Ein neues Handy mit viel bunt und Kram ist aber ein guter Anfang. Als wir aus dem Laden wieder heraustraten, sagte eine russische Freundin: Deutsche in Sibirien erkenne man stets an ihren uralten, spartanischen Mobiltelefonen, jetzt, da ich ein neues habe, sei es bedeutend schwerer, mich als Ausländer auszumachen. Dann lachten wir.

Interkultur/Universität

minimal story 11

Posted by Sascha Preiß on

Ein junger Student sagte neulich, über das Thema „Reisen“ philosphierend, mit Nachdruck und prinzenhafter Würde, er sehe nicht, wozu das gut sein solle, er würde daher nicht reisen, insbesondere nicht ins Ausland, das interessiere ihn nicht, er habe seine Datscha im Wald am See und seine Freunde, die ebenfalls ihre Datscha im Wald am See hätten, kämen ihn jeden Sommer dort besuchen. Ein klares Weltbild, aufgeräumt, übersichtlich, erdbebensicher vor äußeren Einflüssen. Dass der junge Mann an der Universität eine Fremdsprache erlernt, gehört wohl zu den unbedeutenden Pointen der sibirischen Wildnis.

Interkultur/Sprache/Universität

International Office

Posted by Sascha Preiß on

Die Beziehung Russland zu China ist alles andere als freundschaftlich, eher fußt sie auf reichlich Angst und neidvoller Verachtung gegenüber den wirtschaftlichen Errungenschaften des Reiches der Mitte. Manchmal wächst sich das zu Phobien vor einer chinesischen Invasion aus, die in der Literatur fröhlich karikiert werden, um nur eines von unzähligen Beispielen zu nennen.

Tatsächlich herrscht in Russland, nicht ausgelöst aber verstärkt durch die Wirtschaftskrise, eine recht umfassende Stagnation. Die Geburtenraten geben Anlass zur Sorge, Jahr für Jahr verlassen weniger Schüler die Schulen, schreiben sich weniger Studenten in den Hochschulen ein. Seit diesem Jahr steigen die Geburtenzahlen erstmals wieder, doch davon profitieren die Hochschulen in etwa 20 Jahren. Die Mehrzahl der sibirischen Universitäten ist deshalb dazu übergegangen, zu hunderten Studenten aus China anzuwerben und zu immatrikulieren, um so den stetigen Schwund russischer Studenten aufzufangen und gleichzeitig zahlungskräftige Kundschaft zu erhalten, denn die ungeliebten, aber notwendigen Fremdstudenten sind mehrheitlich für teure Wirtschaftsstudiengänge eingeschrieben, bei denen das Semester schon mal 1000 Euro kosten kann. Für die chinesischen Studenten lohnt sich aber das Geschäft, sie bekommen ein russisches Diplom und erstklassigen Zugang zum begehrten russischen Markt, woraus ein stabiler Handel erwächst, der für beide Seiten ertragreich ist. Chinesen aber bleiben in Russland ungern gesehene Gäste, denen mit Höflichkeit nicht grundsätzlich zu begegnen ist.

Der Honorativ ist eine zentrale Kategorie der russischen Sprache. Unbekannte Personen nicht in der höflichen Sie-Form anzureden bedeutet, ihnen ohne Achtung zu begegnen, sie zu beleidigen. Die Mitarbeiterinnen des Akademischen Auslandsamtes (International Office) der TU Irkutsk sind seit Herbst 2009 mit den mehr als 300 chinesischen Studenten, die mühsam russisch lernen und von der Universität betreut werden, sichtlich überfordert. Insbesondere zu Ferienzeiten sinkt daher die Höflichkeitsschwelle enorm, wird keine Energie in überflüssige Formulierungen verschwendet. Den jungen Chinesen, der wegen seiner polizeilichen Registrierung nachfragt, wirft die Beauftragte für Registrierungsfragen die Worte hin: Setz dich, warte bis du drankommst. Den europäischen Gaststudenten, der eine ähnliche Frage hat, schaut sie an: Und was wollen Sie?

Interkultur/Liljana/Russland

Vater Mutter Kind

Posted by Sascha Preiß on

Seit knapp drei Wochen hilft uns Anna mit der Betreuung von Lili. Anna ist die Tochter einer Arbeitskollegin von Jenny, 25 Jahre alt und ihre Tochter Polina ist im September in die Schule gekommen. Anna ist selbst ausgebildete Lehrerin, kann Englisch und Spanisch unterrichten. Aber sie ist momentan arbeitslos. Nicht weil es wirklich so schwer wäre, eine Stelle als Lehrerin zu finden. Es werden zwar sehr wenige junge Lehrer eingestellt und die Zahl der Neueinschulungen in Russland sinkt nach wie vor. Lehrerin zu sein ist vor allem wegen des schlechten Gehalts nicht attraktiv. Etwa 8000 Rubel würde sie verdienen, keine 200 Euro. Als Njanja bekommt sie deutlich mehr. Kinderbetreuung macht ihr auch viel mehr Spaß als Englisch-Unterricht. Und Lili fühlt sich ganz wunderbar wohl bei ihr. Anna hat sich in den ersten beiden Wochen an unsere, für russische Verhältnisse sehr ruhige Wohnung (kein Fernsehgerät!) gewöhnen müssen. Wenn Lili im Tragetuch tief und weich auf ihrer kissengroßen Brust schläft, sitzt sie selbst auf dem Sofa und langweilt sich ein bisschen. Dann schaut sie auf ihr Handy oder telefoniert leise.

Einmal hat sie beim telefonieren geweint. Der Vater ihrer Tochter hat sie vor einiger Zeit verlassen, sie weiß nicht genau, wo er wohnt, aber sie hat über Bekannte so etwas Ähnliches wie Kontakt. Anna selbst ist das unwichtig, sie vermisst ihn nicht. Aber Polina ist namentlich ihr Leben lang an diesen Mann gebunden, sie trägt den Familiennamen ihrer Mutter, jedoch den Vatersnamen, den ihr ein Vater eingebracht hat, den sie nur wenig kennt. Ein Leben ohne Otchestvo ist für Russen schlechterdings unmöglich. Sollte ein Kind geboren werden ohne bekannten leiblichen Vater, wird für die offizielle Namensfestlegung des Kindes auf der Geburtsurkunde kurzerhand ein Vater erfunden, irgendein Michail Alexandrowitsch ist immer möglich. Die Mutter ist für amtliche Belange beinahe unwichtig.

Anna würde sich dafür eigentlich nicht interessieren, wenn nicht vom Vater abhinge, was die Tochter in der Schule tun und lassen darf. Ohne seine schriftliche Einwilligung kann sie z.B. nicht mit zur Klassenfahrt. Und dieses und andere Dokumente bekommt sie nicht von ihm, von Unterhaltszahlungen ganz zu schweigen. Wenn es ihn nicht interessiert, was mit seiner Tochter passiert, hat er alle Möglichkeiten, ihr das Leben zu erschweren. Sie als Mutter muss ihm hinterherrennen und stets aufs Neue um etwas bitten. Die Behörden verlangen die Einwilligung beider Elternteile, ungeachtet der Familiensituation. Normalerweise ließe sich so etwas per Gericht klären, aber das raubt Zeit, Geld und Kraft und verspricht wenig Hoffnung. Viele russische Väter kümmern sich nicht um ihre Töchter, sagte Anna. Aber sie beeinflussen ihr Leben so sehr, dass ihr manchmal die Tränen kommen.

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Interkultur/minimal stories/Universität

minimal story 5

Posted by Sascha Preiß on

Die erkältete russische Kollegin trinkt mit ihrem erkälteten deutschen Kollegen einen Bio-Kräutertee im Beutel, den er aus einer deutschen Apotheke mitbrachte.  Nach wenigen Schlucken hat sie die wesentlichen Teekräuter am Geschmack erkannt, wohingegen er die Zusammensetzung von der Packungsangabe erfährt. Kräutertee kauft hier eigentlich niemand, sagt sie, wir pflücken uns die Sachen im Sommer und machen die Tees alle selber. Er wüsste nicht einmal zu sagen, wie z.B. Süßholz oder blühender Fenchel genau aussieht.