Sascha Preiß


Baikal/Grenzenlos/Russland

Baikalwasser

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Ich wollte eben irgendwas tun, ganz konkret, praktisch, weil ich ein praktischer Mensch bin, da kam mir die Verteilung in den Sinn, von oben nach unten, geografisch gesehen, räumlich, ganz konkret und praktisch, wo doch die Ressourcen so dermaßen ungerecht eingerichtet sind, nicht wahr, dass einem die Tränen kommen, dass man sie gar nicht mehr zurückhalten kann, nicht wahr, wenn man ein ehrlich empfindsamer Mensch ist, nicht gleichgültig dem harten Schicksal gegenüber, das man da unten erdulden muss, wegen dem sich die Leute dort seit beinah ewig ans Kreuz nageln, und das ist doch bedauernswert, da kann man doch gar nicht still sitzen und sein Wässerchen genießen, geweiht oder nicht, auch und schon gar nicht in unseren trockenen, ungläubigen, verwilderten, kontinentalen Breiten, Tiefen oder Höhen, wie Sie wollen. Und wenn jemand Durst hat, da muss man doch helfen, dachte ich mir, wenn dort quasi alles übern Jordan geht und die Meere schon seit Ewigkeiten tot sind und immer toter werden, jeden Tag ein paar Tote mehr, dann kann man eben nicht nein sagen, dann darf man nicht hartherzig und erbarmungslos sein, denn die zahlen ja auch prächtig, und ein jeden rührt das zu tiefst in der Seele, denn wo ein Mitgefühl, da auch ein Verdienst. Das war doch die größte Idee überhaupt, seit Jelzin sich zu Tode gesoffen hat, dass war einfach unsere Natur in Form von Wladimir, dem Dicken, eine selbstzufriedene Frohnatur, die überquillt vor theatraler, clownesker Energie, weil sie sprudelt, wie sie nur im TV kann, und manchmal sagen auch fette Männer in verschwitzten Hemden lustige Sachen, und das rechne ich ihm hoch an, dass er am nächsten Tag schon vergessen hätte, wovon er sprach, wenns nicht die Zeitungen aufgeschrieben hätten, und so floss eins ins andere, denn ich mochte diese Sache, also sagte ich: Ey, Wladimir!, und er sagte: Mensch, dawaj!, und so schütteten wir einfach unsere wilde, rauhe, endlose und beinah unberührte Natur – vergessen Sie so Popelkram wie Zellulose – dort in die Wüste, auf dass denen dort noch mal richtig was blühe, denn seien Sie ehrlich zu sich selbst, sagte der Dicke energisch: Unser Land hat nichts, was es anbieten könnte der Welt, außer seine Natur, und jetzt lassen wir mal den ganzen Mumpitz von wegen Öl und Gas und Holz und wiedergeborenen prähistorischen Blümchen weg, sondern konzentrieren wir uns auf das Wesentliche, ohne das das Leben ja einfach unmöglich ist, und da fließt nun mal seit Jahrtausenden der Rubel hektoliterweise ungenutzt durch unsere riesigen, menschenleeren, entvölkerten und seelenlosen Gegenden, wo es keiner braucht, während woanders die Leute ihr schönes Geld für Gewehre und so Sachen rausschmeißen, wovon sie täglich noch untoter werden als die versalzenen Meere und vertrocknenden Flüsse, aus denen sie leider schlürfen müssen, das muss man sich mal vorstellen: tiefste russische Lebensfreude, reinste Seele, klar und kalt, an überhitzte Mittelmeergemüter ohne Vorhaut, für 4 Dollar die 0,33l-Flasche! Damit hat man sich dann ne heilige Nase am See verdient.

Und die konnten wir dann in die Luft halten und das Aroma genießen. Obwohl: Unsere Luft ist so trocken, so staubig und so ohne Feuchtigkeit, verwüstet regelrecht, und die Schornsteine in der Stadt tun ihr Übriges, da fühlt man sich meist wie ein geräucherter Omul, den man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte, solange es noch welche gibt, aber wir haben hier von allem dermaßen viel, eigentlich, da können die da unten nur von träumen, wenn sie tot sind. Hier sind Robben und Fische und Angler ohne Lateinkenntnisse und durchs Eis eingebrochene Fahrzeuge und verkrüppelte Kiefern und jede Menge Mülldeponien in freier Wildbahn, weil Platz, so viel Platz, dass wir für unsere Anlage gar nicht wussten, wo bauen, weil alles frei, keinen störts, und das ist ja quasi paradiesisch, aber wie anders doch in Jerusalem, komplementäre Welten, weil es da ringsum hauptsächlich Probleme mit dem Bauen und dem Platz gibt, was wir ja für uns wahrlich nicht behaupten können, hier ist ja alles viel zu groß, viel zu breit, viel zu viel und sowieso unendlich, entgrenzt, quasi irre, dass ein einzelner Mann das gar nicht erfassen könnte, weshalb unsere Firma auch von mehreren Leuten geleitet wird. Schauen Sie unseren See, er ist ein Wunder, ein Mirakel, ein Menetekel, voller Schekel, ein Brunnen und Quell reinster Freude, bzw eigentlich, recht und halbwegs nüchtern besehen, ein Unding von einem See, niemand weiß so recht, wieso der sich ausgerechnet hier, wo sowieso noch nie, jedenfalls nicht in prähistorischer Perspektive, etwas war und wahrscheinlich auch so bald nichts wirklich sein wird, denn der See bricht mit der kümmerlichen Geschwindigkeit von allerhöchsten 2cm pro Jahr auseinander und wird wohl auch ein bisschen tiefer dabei, man weiß es nicht, also auf die Jahre hochgerechnet haben wir in 50 Jahren gerademal einen einzigen Meter Ost-West-Ausdehnung hinter uns gebracht, wobei die Ufer an der breitesten Stelle nicht ganz 40km auseinander liegen, wofür sie also ungefähr 50x1000x40 = 2 Millionen Jahre gebraucht haben müssen, die gleiche Geschwindigkeit von Anfang an vorausgesetzt, Pi mal Daumen. Und nur ein Mal, ein einziges klitzekleines Mälchen hat man daran herumgebastelt, und prompt ging Alexanders zaristische Eisenbahn zur Hälfte baden. Aber als wir das Wasser wieder abpumpten und verschifften, konnte sie ja wieder auftauchen, das war wie einen Schatz heben, wie präparierte Amphoren für ehemalige Präsidenten im Tauchgang, super Aktion das, aber konnte man ahnen, dass so bald sich alles auflöst und weggespült wird, was bis dahin als Stabilität und Entwicklung ins Land gemeißelt wurde?

Ja man konnte, also sagen wir uns: Der ganze Baikal, der hier rumliegt, völlig umsonst, und die Leute tun nichts anderes, als sich das nur anzuschauen und kommen extra hierher, um romantisch zu werden, als sei es das Größte und Schönste, ist ja schließlich auch das Einzige, was es hier gibt und was man hier machen kann: Baikalspotting. Oder, hihi, nach dem Genuss von frischem Wässerchen, Baikalpissing, macht am meisten Spaß nachts, wenns schön kalt ist, nach der Banja, dann nackig rein ins Wasser und Wowa mit seiner riesen Wampe der Selbstzufriedenheit blieb am Ufer stehen, entblößte seinen ungeheuren, im Mondlicht bedrohlich farblos schimmernden Leib, in dessen unterer Mitte ein schnuckelig kleines Pimmelchen baumelte, das er ergriff, und pisste so gewaltige Mengen dampfenden Urins in den arschkalten See, dass wir daran sicher ersoffen wären, wenn uns Wowas viehisches Gelächter nicht gerettet hätte, und danach mussten wir uns selbstverständlich mit guten, sündhaft teurem Wässerchen reinigen, ist doch einleuchtend. Aber weil das natürlich wenig Zukunft zur Folge hat, zumindest keine rosige, muss man eingreifen, handeln, vor allem handeln, einen Markt schaffen, also logische Folge: verkaufen, alles, radikal und ratzekahl, in 300 Jahren spätestens sollte alles weg sein, wahrscheinlich, so lange noch mussten die Leute hier auf ihre Zukunft trinken, bevor sie endlich losgehen könnte, mit den vielen schönen Schekeln, die uns die durstigen Israelis dafür in unseren Rachen schmeißen würden. So fing es damals an, getan fast eh’s gedacht, und schwupps, schon stand die Anlage an der Angara und der Fluss wurde abgezapft und in schönstes Plastik verpfropft und die ersten Ladungen wurden verfrachtet. Da war nicht mehr viel Zeit, sie drängte, die allgemeine Stimmung im Land war so komisch, so ohne Humor und Wässerchen, dass man ahnte, es geht vielleicht doch nicht mehr so lange, wie der See den Bach runterfließt, also nehmen wir uns noch schnell, was uns gehören soll, bevor einer kommt, der meint, er müsse jetzt selbst hier nach Gold tauchen.

Aber so ist das dann, irgendwann ist man nur noch von Flaschen umgeben und nachher nur noch von Kalashnikows, und bald sieht man kein Wasser mehr und vom Land nur noch kleine Ausschnitte hinter hohen Mauern, weil irgendeiner pisst dir immer ins Glas und hatte bessere Verbindungen. So werden dann die folgenden 300 Jahre auch zugebracht sein. Nehmen Sie doch ein Glas, auf die Freundschaft und den Weltfrieden!

Architektur/Ästhetik/Irkutsk

Novostrojki

Posted by Sascha Preiß on

Wohnt ihr eigentlich in einem Plattenbau?, fragte mich jemand, den ich nicht kannte und der sehr weit weg wohnte, ungeheuer weit hinter dem Horizont, den ich von hier aus sehen kann, wenn die Fenster nicht vereist sind, aber im Internet spielt das ja nur bedingt eine Rolle.

Vermutlich existierte im Fragenden, da er wusste, dass ich in Russland, und zwar ziemlich tief in der finsteren sibirischen Provinz lebte, ein dunkles Imago vom sowjetischen Sozialismus, wie er einem feurigen, dröhnenden, omnipotenten Dämon gleich mit gewaltiger Energie und energischer Gewalt über das riesige Reich gezogen war, sich von den Kremlmauern erhebend, von der Zentrale sich ausbreitend, begleitet von wütenden Propheten und grimmigen Aposteln in allerlei Uniformen, fliegend bis in die trübsten, schlafendsten, totesten Winkel seines Imperiums, und gen Osten entlang der eisernen Ader TransSib rauschend, kreischend, fauchend, ein giftiger Cherub in eiserner Rüstung, und überall, wo es ihm möglich, notwendig oder zu Versuchszwecken angebracht scheint, errichtet er etwas, monströse Werke seines die Natur unterwerfenden Geistes, Industrie, Staudämme, Kraftwerke, umgeben von ins unwürdige Nichts gerammte Plattenbauten als Wohneinheiten, Batterien zur Versorgung der Anlagen mit menschlicher Arbeitskraft. Diese Funktionsbauten prägen den Anblick der sowjetischen Städte bis heute, eine Epoche des maschinellen Fortschritts, erdacht mit der Euphorie technisch zu errichtenden Heils, eine Chimäre der Jahrhundertwende, ausgeführt nach Stalins lang ersehntem Tod, nachdem dieser als Erzengel des Kommunismus tiefe Spuren ins Land furchte, mit Palästen vom Moskauer Erdreich und bis zum Himmel, mit einem blutigen Netz aus Mülldeponien für die Widerspenstigen im restlichen Land. Chrushchows Paläste jedoch sind glanzlos, zwergenwüchsig, grau, trocken, funktional, rational, hässlich, doch belebten sie das Reich und illustrierten den Ausbruch aus dem Frost ins Tauende, Warme, halbwegs Moderne – eine Vision, die sich in den führenden Köpfen des Riesenreiches fast bis zum Schluss hielt als Wandbild, uralte, verschrumpelnde, schimmelnde, halbblinde, taube Köpfe, deren innere Mechanik sich nur unter Umständen bewegte, vielleicht nur mit der tröstenden Kraft des Wässerchens, doch eigentlich lahmte und oft genug still stand wie der ganze verdammte Fortschritt und die scheiß schlechten Autos auf den miserablen Straßen und die rostigen Turbinen in den schon wieder einstürzenden Hallen und zum Schluss nicht mal mehr die Raketen richtig Bock hatten, irgendwohin aufzubrechen, geschweige denn der wegdämmernde, eisern zugehängte, irgendwann einmal neu gewesene Mensch.

Ob wir in so etwas wohnten, wollte der also hinterm Horizont wissen, aber dennoch war ich der Ansicht, die Frage sei irgendwie freundlich gestellt und ernst gemeint, also sah ich einen Anlass, sie zu beantworten: nein. Nicht mehr. Auch wenn wir die längste Zeit unseres sibirischen Lebens in solchen, heute ganz ohne jede nostalgische Verklärung als Viehsilos, Schlafställen benannten Steinquadern verbrachten. Und davor, so wie es auch vor Geburt der Chrushchowkas gewesen ist, lebten wir in einer sibirischen Hütte, ein Babajaga-Häuschen im Stadtzentrum, hölzern, knorrig, mit krummnasigem Charakter, für uns wie für den gar nicht schrumpeligen Alten, der darin hauste, furchtbar liebenswert, eine zu kurze Zeit brachten wir darin zu, als Gäste, und eines dieser meist ungepflegten Schlösschen verbrennt jeden Tag, denn mit dem Geruch von Märchen und Freiluftkloake ködert man heute niemanden, sie verkörpern das Alte, Überkommene, Matschige, Hygienelose, Vorzivilisatorische, Eingeborene, Höhlenhafte, Eiszeitliche, Verachtenswerte, auch wenn sie, sollten sie gepflegt sein oder gänzlich neu errichtet, Schönheit besitzen. Doch meist stehen sie im Weg.

Und damals, zur Zeit der metallischen Visionen, versprachen die aus platten Einzelteilen und im ganzen Land völlig identisch, humorlos, planmäßig errichteten Bauten gegenüber dem sibirischen Holzgehäuse einen wesentlichen Aufstieg, Ansehen, Komfort, Elektrizität und fließend Wasser. Dabei blieb es. Doch die in ihnen lebenden Familien wuchsen und es wurde nicht mehr gebaut, denn die Räder in den Hirnen der Uralten, die an den Hebeln saßen und kaum mehr sprechen konnten, standen still. Also blieben die Familien zusammengepresst in die immer enger werdenden Platten, die einfach nicht aus ihren Nähten platzen wollten, weil sie zu massiv errichtet waren. Erst ganz spät, nachdem das Riesenreich zusammengebrochen war und es wirklich unübersichtlich wurde ringsum, machte es plopp und wer konnte, rette sich irgendwo hin oder machte sinnlos viel Geld mit irgendwas, wahlweise auch sein Unglück oder was auch immer grad greifbar war, erst dann entstanden neue Häuser, die sprossen so hektisch aus dem Boden wie sonst nur die Blumen und Blätter im sibirischen Frühling, und fraßen dabei die Holzhüttchens weg wie warme Semmeln, als gäbe es in Kürze nichts mehr, und neulich stand ein noch nicht alter Mann in dieser Wohnung in der quasi hundertneunzehnten Etage und schaute ganz nach unten und sagte, in dem Haus, das noch bis vor wenigen Jahren da stand, wo jetzt unser ebenso hochaufragendes Nachbarhaus steht, in dem sei er geboren worden und habe sprechen gelernt, aber er empfinde nichts deswegen, er hat auch kein Foto davon und ist schon ganz gut so, wie es ist.

Und wir haben also in der knappen Zeit unserer Anwesenheit alle Stufen sibirischer Zivilisation des 20. Jahrhunderts durchlaufen und können, wenn es Sommer wird und die Flora der Stadt vor Glück explodiert wie sonst nur Immobilienpreise und Feuerwerk, beruhigt ausziehen und das Weite suchen.

Anti-Terror/Unter Deutschen

Einfach den Finger draufhalten

Posted by Sascha Preiß on

Heute erhielt ich aus Nowosibirsk die Information, die an alle potentiellen Stipendiaten weitergegeben werden soll, dass sich in Kürze die Visabeantragung nach Deutschland für Bürger der Russischen Föderation grundlegend ändern wird. Die zwei wichtigsten Punkte sind:

1. Vor allem für Personen, die aus entfernteren Regionen nach Deutschland reisen möchten, wird die Antragstellung [durch die Ausgliederung der Annahme von Visaanträgen] einfacher, weil im Bereich der kurzen Aufenthalte bis 3 Monate die persönliche Vorsprache in Nowosibirsk wegfällt. […]

2. Ab dem 1. Februar werden […] für nationale Visa, also Aufenthalte über 3 Monate, die Fingerabdrücke der Antragsteller erfasst. Da diese Erfassung ausnahmslos erfolgen muss, kann das Generalkonsulat die bisher eingeräumten Erleichterungen für Stipendiaten leider nicht mehr gewähren. Sie müssen in Zukunft persönlich im Generalkonsulat erscheinen. Die Bearbeitungszeit für Anträge wird sich dadurch jedoch nicht verlängern.

Bedeutet: Für ein Visum bis maximal 3 Monaten Aufenthalt in Deutschland („Schengen-Visum“) kann man den Antrag per Post in Nowosibirsk einreichen. (Und es steht zu hoffen, dass man das Visum dann auch auf dem Postweg zurück erhält.) Alle längerfristigen nationalen Visa sind nur mit umfangreichen biometrischen Daten gültig. Ausnahmen von dieser Regel wird es nur in sehr wenigen Fällen geben, wie etwa auf der Webseite der Deutschen Botschaft in Tripolis / Libyen zu lesen ist (wobei die konkreten Ausnahmeregelungen für Russland noch nicht bekannt sind, aber allzu stark werden sie nicht abweichen).

Im Klartext: Jetzt darf jeder Russe, der mehr als 3 Monate nach Europa fährt und sonst noch nicht im Knast war, endlich auch das Verbrecherstempelkissen anfassen. Einfach den Finger draufhalten, und Europa öffnet sich.

Hintergrund dieser Neuregelung sind das in der europäischen Öffentlichkeit eher unbekannte Visa-Informationssystem VIS, und das Schengen-Informationssystem SIS. Beides sind Regelungen der Europäischen Union zur Vereinheitlichung der europäischen Visapolitik, die bereits seit 26. März 1995 (SIS) bzw 11. Oktober 2011 (VIS) in Kraft sind. Während das VIS die Visa-Vergabe in die EU und den Schengen-Raum vereinfachen soll, sind doch beide Systeme miteinander verknüpft: Denn das SIS ist ein Schengen-weites polizeiliches Fahndungssystem, und das VIS setzt auf das SIS auf, denn es soll vor Visa-Missbrauch schützen, „illegale Migration“ entdecken und „Bedrohungen der inneren Sicherheit der Mitgliedsstaaten“ verhindern. Damit sind SIS und VIS inhaltlich nicht nur verwandt – tatsächlich ist es ein einziges System zur Beobachtung und Kontrolle der EU-Außen- und Binnengrenzen.

Bei SIS und VIS handelt es sich um mehrere aufeinander bezogene Datenbanken, wobei die zentralen Datenbanken in Straßburg / Frankreich angelegt sind. Da das VIS vorrangig an den biometrischen Daten und Fingerabdrücke der in den Schengenraum Einreisenden interessiert ist, gibt es für die Fingerabdrücke eine eigene Datenbank: EURODAC. In ihr werden sämtliche Fingerabdrücke und weitere Daten aller Asylbewerber und sog. Drittausländer, die mind. 14 Jahre alt sind, aufgenommen. Beide Systemen, das ältere SIS und das jüngere VIS, sind immer wieder und sehr deutlich kritisiert worden. Insbesondere der mangelnde Datenschutz und die wenig aussagekräftigen Formulierungen zum Schutz von Persönlichkeitsrechten der erfassten Personen sind hierbei zu nennen. Denn erstens haben sehr viele Behörden und damit Personen Zugriff auf diese Datenbanken (Visumsbehörden, Asylbehörden, Einwanderungsbehörden, Europol, nationale Sicherheitsbehörden), zweitens ist die Abfragebegründung außerordentlich schwammig gehalten (Zugriffe werden gestattet bei Erwartung eines „wesentlichen Beitrags“ zur Arbeit der Sicherheitsbehörden), und drittens gibt es keinerlei rechtliche Grundlage, auf der „sich ein Visa-Reisender über die Abfrage seiner Daten und deren Weiterverarbeitung informieren kann“. Der Europäische Datenschutzbeauftrage Peter Hustinx nennt in seiner ausführlichen Kritik am VIS dieses „die größte grenzüberschreitende Datenbank Europas“ – erhoben werden pro Jahr bis zu 20 Mio Datensätze. Die unabhängige Plattform von Medienorganisationen und Journalisten indymedia.org nennt SIS und VIS und weitere Datenerfassungen durch die Europäische Union das „panoptische Gedächtnis der Festung Europa“ – wobei sich die „Festung Europa“ als Politik- und Wirtschaftsraum nicht nur an der Grenzgestaltung USA-Mexico orientiert.

Mit der nun angekündigten nächsten Stufe des VIS (begonnen im Oktober 2011 für Nordafrika, nachfolgend Naher Osten und Golf-Region, zudem Ostasien) und der Ausweitung der Datensammlung auf Russland, geraten damit also vorerst alle längerfristig nach Deutschland Einreisenden der Russischen Föderation in den Blick der Sicherheitsbehörden und werden polizeilich relevant erfasst. Und weil das natürlich nicht ausreicht, wird aller Wahrscheinlichkeit nach die Erfassung in einigen Jahren auf sämtliche Visaanträge ausgedehnt.

Soviel also zur albernen Hoffnung eines visafreien Reiseverkehrs zwischen Russland und der EU.

Falls sich nun aber irgendwelche rundum abgesicherten EU-Bürger zurücklehnen sollten, weil sie das ja alles nicht betrifft und nur der Sicherheit dient: Laden Sie mal ein paar Freunde aus dem visapflichtigen Ausland ein – und schon sind sie in einer „Visa-Warndatei“ drin. Sicher ist sicher: so einfach handelt man sich den Friedensnobelpreis ein.

Und ganz ehrlich: Verglichen mit Europa stellt sich Russland bei seinen Migrationserfassungsmethoden und Grenzsicherungen (Migrationskarte, Registrierung, FSB) wirklich dilettantisch an.

Kulinarisches/Russland

Nüchtern soll das Jahr beginnen

Posted by Sascha Preiß on

Während die Supermärkte sich vor dem Jahreswechsel noch kistenweise Sekt, Wodka und Bier in die Verkaufsräume stellten, beginnt 2013 in Russland mit dem durchaus ernst zu nehmenden Versuch, die Dinge etwas nüchterner zu betrachten. Nicht allein, dass die Preise für Wodka deutlich angehoben wurden. Auch sind in den vielen kleinen Kiosken der Innenstädte seit 1. Januar der Verkauf alkoholischer Getränke verboten.

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Diesen Pavillion, in dem sich gern die Intellktuellen des Mikroraions trafen, wird man seit Neujahr vermissen.

Grund für diesen Angriff auf das Russland-Stereotyp schlechthin ist der enorme Alkoholismus, an dem jährlich etwa eine halbe Million Menschen in Russland sterben. Im abgelaufenen Jahr traten mehrere Regelungen in Kraft mit dem Ziel, den Alkoholkonsum einzuschränken. So wurde Werbung für Hochprozentiges und Bier in beinah allen Medien untersagt. Dazu gibt es gesetzliche Versuche, den Alkoholkonsum in Flugzeugen vollständig zu verbieten. Bereits verboten ist der Verkauf von hochprozentigem Alkohol nach 22 Uhr. Und die bereits seit 2010 regional geltende Ausgangssperre für Jugendliche soll insbesondere den Alkoholkonsum Minderjähriger begrenzen. Wobei stark bezweifelt wird, ob diese Maßnahmen tatsächlich greifen.

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„Nur ein nüchternes Russland wird groß!“ Beworben wird ein Seminar für neue medizinische Ausnüchterungstechnologien.

Immerhin aber gibt es inzwischen auch Versuche, Nüchternheit jenseits von Alkoholverboten attraktiv zu machen. Insbesondere nationalistische Gruppen betrachten die russische Alkoholsucht als größtes Hemmnis gegen staatliche Prosperität. Auf vkontakte.ru, dem russischen Facebook, gibt es jährlich verschiedene Aktionen, den Jahreswechsel russisch zu feiern, also nüchtern und am Neujahrstag mit einem ordentlichen Skilanglauf. Und Gennadi Onishchenko, der Vorsitzende der russischen Verbraucherschutzbehörde, der nicht nur am geplanten und sehr weitreichenden Rauchverbot in Russland beteiligt ist, warb vor dem Jahreswechsel für ein alkoholfreies Fest im Kreis der Familie.

Wobei das neue Jahr wenig hoffnungsvoll begann: am Abend des 1.1.2013 wurde ein junger Mann auf dem zugefrorenen Irkutsker Stausee von einem betrunkenen Autofahrer überfahren und starb.

Blogroll/selbst

Irkutskblog 2012

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minimal stories/Sprache/Universität

Rhetorische Gründe

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Vor dem Stadion der Arbeit fand eine Demonstration statt. Man befürchtete einen umfangreichen Arbeitsplatzverlust aufgrund angekündigter, weitreichender Umstrukturierungen. Der gesamte Sektor am Arbeitsmarkt würde sich grundlegend wandeln, womöglich gar irreparable Schäden davon  tragen. Die Beschäftigten waren zu tiefst verunsichert. Alle waren angehalten zu erscheinen, doch nicht alle folgten. Eine Mitarbeiterin etwa gab später an, sie sei ferngeblieben, da sie von der Protestveranstaltung nur allgemein erfahren hatte, nicht aber von ihrer Vorgesetzten konkret zu Zeit und Ort eingeladen worden war. Man hätte annehmen können, dass der Erhalt des Arbeitsplatzes wichtig genug sei, doch über allem Inhalt wacht die Strenge der zu wahrenden Form: Ihr Fehlen hatte ausschließlich rhetorische Gründe.

Kulinarisches/minimal stories

Der Nuckel

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Die Kellnerin des Restaurants „Pivovarnya“ im 130. Quartal öffnet die Tür. Sie trägt eine strenge, antiquiert wirkende Bedienstetenkleidung, schwarzer Rock, weiße Schürze. In Brusthöhe ist ein Schild angebracht, das ihren (vermutlich realen) Vornamen angibt. An diesem Namensschild trägt sie, wie alle ihre Kolleginnen, vollkommen unpassend, einen großen bunten Nuckel. Die Gäste, drei junge Männer, treten ein, schauen sich im eher leeren Gastraum um, bewundern die hinter der Bar stehenden Braukessel. Einer der Gäste schielt wiederholt, irritiert, auf den lieblos, mit einer aufgebogenen Büroklammer am hellen Schürzenstoff befestigten Nuckel. Den Namen der jungen Frau liest er nicht. Während sie die Kleidung der Gäste in die Garderobe hängt, bittet er um Erlaubnis, ihr eine Frage stellen zu dürfen. Die Kellnerin hat bislang kein unnötiges Wort verloren, nun wendet sie sich ihm aufmerksam zu. Wieso sie denn diesen Nuckel trage, was das denn mit Bier brauen zu tun habe? Ihr Interesse ist augenblicklich verschwunden, sie lächelt gequält und sagt, das Restaurant sei jetzt ein Jahr alt, der Nuckel symbolisiere das. Es ist unverkennbar, dass das humoristisch gemeinte Accessoire niemand witzig findet, es aber für eine Weile zur Arbeitskleidung gehört. Die jungen Männer setzen sich, die Kellnerin bedient. Als sie irgendwann gehen, gibt eine andere Kellnerin die Jacken aus, sie trägt keinen Nuckel. Wo sei ihrer denn geblieben, fragt der Gast. Ach irgendwo da an der Theke, antwortet sie gemütlich, ihr sei das Ding allzu blöd. Es gäbe doch nichts Schöneres, meint er später zu seinen Kumpeln, die sich über vegetarische Lebensweise unterhalten, als ein gesundes Selbstbewusstsein.

Architektur/Irkutsk/Russland/Statistik

Produktive Arbeit

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Die Sache mit den Ausländern ist für Inländer so ziemlich überall ein irgendwie unangenehmes Thema. Denn so ein Migrant, ist er erstmal da, schafft, scheints, hauptsächlich Probleme. Deswegen sind in vielen Ländern, z.B. in Deutschland, viele Inländer, die befürchten allerhand vom Ausländer und sogar, dass sich das Inland schließlich abschafft. So in ähnlich auch in Russland. Nur schreiben die Inländer da keine Bücher, sondern sie marschieren, z.B. durch Moskau. Oder sie machen Gesetze, die unerwünschten Umgang mit dem Ausländer zur verbotenen Tat werden lässt. Ich bin auch Ausländer in Russland und verrate jetzt mal was: Das ist eigentlich alles doch nur gut gemeint. Zum Wohle des Volkes. Schöner unsere Städte und Gemeinden. Wirklich!

Wie zum Beispiel diese schöne Broschüre aus St. Petersburg, die den Ausländern, die hier „Arbeitsmigranten“ heißen und sonst eher mit dem aus Deutschland importierten Begriff „Gastarbeiter“ bezeichnet werden, das Leben so leicht wie möglich machen soll, damit sie gute Arbeit leisten, über die sich die Inländer freuen können. Gastarbeiter eben. Daher sind sie auch konsequent als Werkzeug abgebildet. Ist ja auch so, die meisten Ausländer kommen nach Russland, um hier zu arbeiten, meist im Baugewerbe. Werkzeuge eben. Wo ist das Problem? Ist doch nur gut gemeint.

In Irkutsk aber scheint es mit der Qualität der Gastarbeiterarbeit nicht mehr so zum Besten zu stehen. Jedenfalls möchte der Gouverneur des Irkutsker Gebietes nicht mehr ganz so viele Gastarbeiter, sondern ab 2013 nur noch halb so viele. Und die andere Hälfte soll mit den Inländern gefüllt werden, die zur freien Arbeitsverfügung stehen: Studenten. Damit nämlich kann man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: auf ganz legalem Weg wird man die nicht ganz so populären Leute los, und gleichzeitig erhöhe sich nach Ansicht des Gouverneurs die Qualität der Arbeit. „Daran glaube ich“, sagt der Gouverneur.

Ist es eigentlich von Bedeutung, dass seit Jahren sich die Zahl der Einwohner im Irkutsker Gebiet verringert? Ist es wichtig, dass deutlich mehr Menschen aus Irkutsk weggehen als dass sie aus dem Ausland kommen und bleiben? Für die Forderung von weniger Ausländern ja sowieso noch nie gewesen. Und wenn schon Migranten, dann sollten sie bitte schon was können, wenn sie ihre Arbeitskraft in Russland einzusetzen gedenken. Oder es darf der eigene Nachwuchs endlich ran.

Der Irkutsker Gouverneur hat, scheints, den Glauben an die Schaffenskraft der jungen Leute entdeckt: Mit den Klügsten und Aktivsten der Jugend von heute, die die tollsten Vorschläge zur Entwicklung des Irkutsker Gebietes machen, möchte er sich fortan treffen. Es ist wirklich zu begrüßen, dass die Jugendlichen in diesem Umfang von der Politik ernst genommen und mit einbezogen werden. Das scheint die richtige Balance zwischen theoretischer und produktiver Arbeit, zwischen Geist und Körper, zwischen ideellen und materiellen Werten. Früher mal gab es mal in Deutschland ein wunderschönes Lied, das die Euphorie über die jugendliche Schaffenskraft ganz hervorragend ausdrückte bzw diese Kraft beim Singen überhaupt erst hervorbrachte: Und es wäre doch wirklich zu begrüßen, wenn es in Russland gelänge, das so wichtige, so migrantisierte, so vernachlässigte Baugewerbe mit neuer Schaffenskraft zu neuem Leben zu erwecken. Denn es gilt mehr denn je: Schöner unsere Städte und Gemeinden!

Irkutsk/minimal stories/Ulica

Suburbia

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Die Hunde blicken drohend, als sie vorüber laufen. Irgendetwas muss sie von ihren üblichen Quartieren vertrieben haben. In einer ungewöhnlich großen Gruppe, beinah zehn Tiere, sind sie auf der Suche nach einer ruhigeren Ecke ihres Reviers und laufen über die frequentierte Straße. Die Autos sind vom Straßenschlamm verdreckt. Ein dunkler, schwerer Off-Roader, aus dem dunkle, schwere Gitarrenriffs dröhnen, biegt in den Innenhof ein und bremst hart vor der Haustür. Niemand steigt aus. Stattdessen ertönt bestimmt die Hupe. Etwas weiter steht eine Limousine mit laufendem Motor herum, ohne Insassen. Die Sandkästen des Spielplatzes sind zugeschneit, vereist, teilweise wieder aufgetaut, Dreck und Matsch. Im Sommer liegen hier die Hunde, die Mütter mit ihren Kleinkindern an verbogener Schaukel, Wippe und Karussel ignorierend. Unter den Bänken, auf denen pelzig die Hofältesten bei besserem Wetter sitzen und die verdorbene Jugend von heute beklagen, liegen ein paar Bierflaschen. Können aber auch vom umgestoßenen Mülleimer sein. Zwei Jungs übernehmen den Platz, um zu bolzen. Der eine drischt den Ball in Richtung Tor, verfehlt es klar und trifft ein parkendes Auto. Von der minutenlangen Alarmanlage lassen sie sich nicht stören. Auch hinter den Gardinen keine Regung. Es ist an diesem arbeitsfreien Montag mal einfach gar nichts los.

Wildbahn

Fang den Yeti

Posted by Sascha Preiß on

…und weil sonst nichts los ist: Irgendwas mit Schneemensch und Sibirien geht immer. http://german.ruvr.ru/2012_10_28/92638107/ Besonders aufregend, dass der Yeti direkt aus der Hölle, genauer: der „Asasskaja-Hölle“ (es gibt also mehrere, diese liegt bei Kemerovo) kommt.

Die Existenz des Yetis war selbstverständlich erwartet worden, schließlich dient das Höllenwesen zum Touristenfang wie sonst nur Nessi in Schottland und Frodo in Neuseeland. Seit 2009: http://www.russland-news.de/sibirische_provinz_geht_mit_dem_yeti_auf_touristenfang_23739.html

Und seither beschäftigt er offenbar die „Wissenschaft“. http://www.handelsblatt.com/panorama/aus-aller-welt/haarreste-gefunden-russen-wollen-mit-yeti-tourismus-ankurbeln/4739810.html

Sogar zu ethnologischen Studien hat man es gebracht: http://german.ruvr.ru/2012_08_02/83753200/ Und wer jetzt nicht weiß, was ein Hominologe so macht und was Kryptozoologie ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Kryptozoologie

In Kürze gibt es eine ernstzunehmende Veröffentlichung von den Kindern Erich von Dänikens zum Thema.