Russland von nah und fern: Zur Medienkritik in Deutschland

2014 war ein miserables Jahr für die russisch-europäischen Beziehungen. Die innerukrainischen politischen Proteste, die am 18. Februar mit 80 Toten eskalierten, führten schließlich zur Flucht des Präsidenten und seiner Absetzung, einer vollständigen politischen Reorganisation der Ukraine, zum illegalen Verlust der Halbinsel Krim und zum Bürgerkrieg im Osten des Landes, bei dem im Sommer ein völlig unbeteiligtes Verkehrsflugzeug abgeschossen wurde. Ereignisse, die bei allen beteiligten Parteien (Ukraine, Russland, EU, USA) bislang nur Verlierer hervorgebracht haben: in erster Linie die Bevölkerung der Ukraine – man geht bislang von rund 4500 Toten aus, mehreren Hunderttausend Flüchtlingen, einer desaströsen Versorgungslage und kaum Hoffnung auf Beendigung des Konfliktes -; durch Sanktionsregelungen enorm belastete politische und wirtschaftliche Beziehungen, die bislang keineswegs geholfen haben, den Konflikt irgendwie zu entschärfen; eine von extremer Abwertung und starker Rezession betroffene russische Währung und Wirtschaft; eine Renaissance simplifizierender Denk- und Handlungsmuster aus dem Kalten Krieg. Diese gesamteuropäische Katastrophe, vor einem Jahr noch absolut undenkbar, wurde medial außerordentlich breit und intensiv diskutiert. In Deutschland löste die Berichterstattung in den großen überregionalen Medien (ARD/ZDF, Deutschlandradio, Zeit, Süddeutsche, Spiegel etc) z.T. sehr heftige, z.T. sehr berechtigte Kritik aus, da sie als zu einseitig, deutlich propagandistisch und abwertend gegenüber der russischen Seite wahrgenommen wurde. Das Unbehagen gegenüber den politischen Ereignissen, ihren Akteuren und der medialen Darstellung äußerte sich schließlich in einem hohen Vertrauensverlust gerade in die Medien, der sich zu klassischen Verschwörungstheorien (Medien sind in der Hand einer kleinen Gruppe, diese verbreiten amerikanisch gesteuerte bzw staatlich kontrollierte Propaganda und seien daher sowieso nur eine „Lügenpresse“, mit der man sicherheitshalber den Kontakt meiden sollte) auswuchs.

In dieser Situation reiste ich im August für etwas mehr als drei Wochen zu Freunden nach Irkutsk und an den Baikal. Als ich wieder zurückkehrte, war ich sehr müde und irritiert. Mein Onkel fragte mich per Mail, ob ich es nicht bereuen würde, wieder in Deutschland zu sein angesichts einer antirussischen Medienlandschaft. Doch ich hatte im medialen Russland gerade etwas ganz anderes erlebt: antiwestlicher, antiamerikanischer, antiukrainischer, unversöhnlicher Zorn.

Damals in Kroatien habe ich erstaunt zugehört, als davon erzählt wurde, wie der Krieg die Familien zerstörte. Beinahe von einem auf den anderen Tag zerstritten sich Ehepaare, trennten sich auf nimmer Wiedersehen oder schlugen sich die Schädel ein. Vormals interkulturelle Familien, die sich scheinbar von einem auf den anderen Tag, während und nach dem Krieg „reinigten“. Was für ein unbegreiflicher Wahnsinn hatte die Leute ergriffen! Es waren Erzählungen, greifbar nahe, aber mir blieb nichts als stumm, fasziniert, geschüttelt vor Irrsinn und Kälte zuzuhören.

Sibirien ist normalerweise eine Gegend, in der man vor Krieg ziemlich sicher ist. Das letzte Mal wurde dort während der Eroberung des Landes durch die Kosaken geschossen, vor 350 Jahren. Und doch spürte man die permanente Anwesenheit eines Krieges in mehr als 5000km Entfernung. Da ich von noch etwas weiter weg angereist war – am Baikal bohrte ich ein Holzschild an einen Mast mit der genauen km-Angabe der direkten Luftlinie – wurde ich von allen Seiten gefragt, was denn aus meiner (exemplarisch deutsch-europäischen) Perspektive da hinten, im Grenzland, in der Ukraine los ist. Ich sprach mit sehr vielen, mit Schauspielern, Studenten, Kindergärtnerinnen, Taxifahrern, Dozenten, Wachpersonal, Verkäuferinnen, Bankangestellten, Juristen, unserem ehemaligen Kindermädchen, Freunden, Freunden und nochmals Freunden. Irgendwann hing mir das Thema zum Hals raus. Am Anfang war ich vorsichtig und bemüht, meine Gedanken überhaupt erst einmal auf russisch zu formulieren, dann diplomatisch zu bleiben, denn ich hatte die Frage wohl erwartet, nach dem Beginn der Sanktionen, doch war ich mir uneins meiner eigenen Haltung. Ich verabscheute die russische Politik, weil sie nationalistisch war und Kritik nicht duldete, ich war allerdings auch mit der europäischen Politik nicht einverstanden, weil sie es sich wie so oft viel zu einfach machte und auf Russland wie auf ein ungezogenes Kind blickte. Im Grunde wusste ich: ich war insgesamt nicht einverstanden, aber das ist natürlich keine sehr schwierige Haltung angesichts eines Krieges. Und dann erfuhr ich, wie sehr der Krieg bereits in den Menschen war. Denn sehr sehr viele Russen haben mit der Ukraine zu tun, alle haben Bekannte, Verwandte, Freunde dort. Alle fiebern sie mit und alle schauen sie mit Erregung und Schmerz auf das, was geschieht. Zumindest auf das, was sie von den Geschehnissen sehen können. Und das war etwas ziemlich anderes als das, was ich zu sehen bekam auf der anderen Seite der Ukraine. Wobei ich in diesem Augenblick nicht unbedingt hätte entscheiden wollen, was davon näher an der Realität lag. Jedenfalls erzählte Ediks Frau Anna, die ich gleich in den ersten Tagen traf, von ihren Großeltern in Wladiwostok, seit über 60 Jahren verheiratet, sie Ukrainerin, er Russe, und dass sich plötzlich niemand mehr wagt, in ihrer Gegenwart über die Ukraine zu sprechen, denn die Alten bekommen sich sofort in die Haare. Vollkommen unversöhnlich: Plötzlich stehen sich alte Freunde als Feinde gegenüber oder gehen im Streit getrennte Wege. Ein tiefer Riss steckte in den Familien, und mir war er nicht nachvollziehbar. Eine Freundin, später, bei einer Diskussion auf Facebook, formulierte es völkisch-national: ich könne es nicht verstehen, da ich kein Russe sei. (Eine sehr weit verbreitete Haltung, nicht nur in Russland.)

Das war eine Warnung, den Weg des Versöhnlichen zu suchen, des Diplomatischen. Denn während ich nach meiner Sicht gefragt wurde, interessierte mich doch auch die Sicht meiner Freunde. Insbesondere unter den jungen Leuten gab es viele, die eindeutig auf der russischen Seite standen und die Übernahme der Krim als „schon immer unsere Insel“ verteidigten. Manche freuten sich auch über die Sanktionen, denn nun könne Russland sich von der „amerikanischen Wirtschaft“ befreien und eigene Wege entwickeln. Ein Tontechniker schwärmte von den Fortschritten der russischen Atomenergiegewinnung, denn es gäbe bereits eine ganz neue Generation von Reaktoren, die in der Lage wären, den Atommüll zu fast hundert Prozent in Energie umzusetzen, so dass diese Energieform vollständig sauber sei. Und hochgradig effizient, denn alle regenerativen Energien hätten miserable Energiebilanzen (von Windkraft würden nicht einmal 15% in Strom umgesetzt, von Sonne noch weniger etc), aber aus Atomen gewinne man über 90% ihrer Energie – weshalb Europa auf rückständige Formen setzen und daher bald auf russische Energie angewiesen sein würde, den Sanktionen sei Dank. Es gab aber auch ganz eindeutig weniger begeisterte Töne, wenn auch deutlich seltener. Manche überlegten ganz offen, das Land zu verlassen. Nicht allein aus pazifistischen Gründen, sondern weil das Klima insgesamt giftig wurde. Aggressiv. Politiker forderten in TV-Talkshows einen Eroberungskrieg bis nach Kiew.

Was in der Ukraine passierte, war ganz offensichtlich ein innersowjetischer Krieg, ein Sezessionskrieg, der nicht zu gewinnen war, in dem es nur eindeutige Haltungen gab, ja oder nein, in dem Differenzierungen bereits Differenzen bedeuteten und damit problematisch waren, ein Kampf, bei dem man sich zu entscheiden hatte, auf wessen Seite man stand – ein zutiefst nationalistischer Konflikt. Vladimir Sorokin sprach deshalb auch von den Geburtswehen, mit denen man sich von der Sowjetunion verabschiedete, indem Russland die Ukraine zur Welt brächte als eigenständiges Wesen.

Wie heftig diese Wehen schmerzten und welcher Furor sich damit verband, erlebte ich nach der Hälfte meines Aufenthaltes, als ich bei Edik an einem ruhigen Nachmittag fernsah. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht gesehen, wie im russischen TV über den Konflikt berichtet wurde. Jetzt sah ich es. Erster Kanal. Vesti. NTV. Die Nachrichten über die Lage in der Ukraine präsentierten ausschließlich Verbrechen der ukrainischen Armee an der russischen Bevölkerung (gern dargeboten von einer heulend berichtenden alten Frau vor ihrem Haus, ein ewig wirkungsvoller Topos in der Darstellung) und Mitglieder des „Rechten Sektor“, die irgendeine Forderung an den Ministerpräsidenten stellten und damit den faschistischen Kern der politischen Ukraine bezeugen sollten. Während man also den Medien in Deutschland Einseitigkeit vorwarf, dachte ich mir, was müsste man diesen Nachrichten attestieren? Doch erst, nachdem ich eine Sondersendung zu einem Konzert des in Russland außerordentlich populären Musikers Andrej Makarevich gesehen hatte, wusste ich, wie tief die Euromaidan-Ereignisse Russland irritiert und verstört hatten. Makarevich, der alle wichtigen Staatspreise Russlands als Künstler erhalten hatte, die man erhalten kann und sowohl Solo auftrat als auch mit seiner Band „Mashina Vremeni“ (von Dmitri Medwedjew als seine Lieblingsband bezeichnet), hatte sich nach Putins Ankündgung zur erneuten Präsidentschaft als deutlicher Kritiker der russischen Politik offenbart und hatte dabei keineswegs an Ansehen verloren. Bei einem Konzert in Irkutsk 2012 kamen nicht nur viele KollegInnen von uns, sondern als letzter Zuschauer erschien Viktor Kondrashov im Saal, damals Bürgermeister von Irkutsk und Mitglied von „Edinnaja Rossija“. Nun aber, im August 2014, war Makarevich in tiefste politische Ungnade gefallen, nachdem er bei den Moskauer Bürgermeisterwahlen 2013 den Oppositionskandidaten Navalniy unterstützt hatte und Anfang 2014 am Moskauer Friedensmarsch teilgenommen und sich damit deutlich gegen die russische Unterstützung der Separatisten gestellt hatte, war er im August auf Einladung der ukrainischen Seite nach Svjatogorsk gereist und hatte dort ein Konzert vor Flüchtlingen des Donezker und Lugansker Gebietes gespielt. Aus Sicht des russischen Fernsehens eine Todsünde: Makarevich wurde als Volksverräter, Lügner, Jude und Unterstützer des Faschismus beschimpft, er wurde herabgewürdigt, lächerlich gemacht und beleidigt – für ein Konzert vor (mehrheitlich) ukrainischen Kriegsflüchtlingen. Im Umkehrschluss zu seiner Aufforderung an die Separatisten von Donezk und Lugansk, doch einfach nach Russland zu migrieren statt den Krieg zu forcieren, wurde ihm nahegelegt, die russische Staatsbürgerschaft zurückzugeben und die ukrainische anzunehmen. Abgeordnete der Duma forderten die Aberkennung sämtlicher Auszeichnungen, da Makarevich schon lange ein „Unterstützer des Faschismus“ sei und er „die Seite der Feinde Russlands“ gewählt habe. Die Diskussion über Makarevichs Konzert und die ihm voll tief empfundener Verachtung angedrohten Strafen, dazu die Darstellung Makarevichs in den Medien fand ich schockierend. Mir war bis zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst, welcher Zorn in die russische Gesellschaft gefahren ist, mit welcher Unversöhnlichkeit die Meinungen und Ansichten aufeinanderprallen. Und welche Gewalt im Sprechen über und in der Darstellung von anderen Meinungen herrscht. Makarevich wurde ohne jeglichen Respekt behandelt, seine Beweggründe lächerlich gemacht und als idiotisch abgekanzelt. Ich hatte den Eindruck, dass eine Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage ist, sich selbst in ihrer Meinungsvielfalt zuzuhören, sondern einen unbarmherzigen Furor betreibt aufgrund eines Konzertes für Flüchtlinge (!!!), dass diese Gesellschaft dabei ist, sich selbst zu zerstören.

Und was immer auch in den deutschen Medien (ohne Boulevard-Zeitungen) zu sehen, lesen oder hören ist, wie deutlich die Darstellung auch für eine Sichtweise Partei ergreift oder selbst propagandistisch ist – die hiesigen Medien sind nach wie vor in der Lage, sich selbst wahrzunehmen und Kritik an sich und ihren Beiträgen und Kritik an politisch gefärbten Darstellungen zu üben, einzufordern und wiederzugeben. Derart gewalttätige Beleidigungen, die einem Exorzismus gleichen und das Ziel haben, abweichende Meinungen zu unterdrücken, findet man allerdings hier nicht.

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