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Das Wetter/minimal stories

minimal story 21

Posted by Sascha Preiß on

Die beiden jungen Apothekerinnen haben bei dieser sibirischen Sommerhitze wenig zu tun. Schon mehrere Tage wurde es über 30° warm und auch durch diesem Sonntag Nachmittag weht kein Lüftchen. Die übliche Arznei-Kundschaft, 40-70jährige, die sich über handgeschriebene Einkaufslisten mit Schmerz- und Heilmittelchen versorgen, bleibt fern. So ist der junge Mann, der eine Großpackung Windeln kauft, beinah schon ein Ereignis, den die beiden Frauen neugierig und argwöhnisch zugleich betrachten. Als er nach weiteren Einkäufen erneut an der Apotheke vorbeikommt, stehen die beiden gelangweilten Frauen vor dem Laden. Eine verdrückt sich in die Ecke des kleinen Vorbaus und versucht unübersehbar, die Bierflasche unter verschränkten Armen zu verstecken. Als ihr selbst klar wird, dass dies nur unzureichend gelingt, wendet sie sich verschämt der Wand zu. Das Bild einer sich am Nachmittag während der Arbeit betrinkenden Apothekerin ist ihr offenkundig peinlich. Der Mine ihrer Kollegin ist dazu keinerlei Kommentar zu entnehmen.

Irkutsk/Russland/Ulica

Mit dem Bus durch die Stadt

Posted by Sascha Preiß on

Nach dem hochverdienten Sieg der Sbornaja gegen die Auswahl Tschechiens gestern Nacht sah man sehr vereinzelt Autos begeistert hupend und fahnenschwenkend durch die Stadt fahren. Die EM 2012 wird, wie auch alle vorherigen Europameisterschaften und die meisten Weltmeisterschaften, in Irkutsk zwar wahrgenommen – es gibt tatsächlich Cafés und Kneipen, die wenigstens die russischen Spiele live ab 03.45 Uhr zeigen -, aber Fußball ist in Sibirien kein Sport, der die Leute von den Sitzen bzw aus den Betten reißt, selbst wenn es um die Nationalmannschaft geht. Zumal die ja zu einem Drittel aus Spielern von Zenit St. Petersburg besteht (was die tageszeitung in eine sehr hübsche Titelzeile umsetzte).

Statt also patriotische Trikolores an den irkutsker Autos kann man seit inzwischen einem Monat ein ganz anderes Gefährt patriotischer Prägung durch die Stadt fahren sehen: den Stalinobus.

Busaufschrift: "Ich möchte das Glas erheben auf die Gesundheit des sowjetischen Volkes, vor allem auf die des russischen Volkes." Marschall J. Stalin beim Empfang im Kreml am 24. Mai 1945

Der Bus in all seiner Pracht bezieht sich selbstverständlich auf den Großen vaterländischen Krieg und den Tag des Sieges der Sowjetarmee über das nationalsozialistische Deutschland. Die Würdigung für diesen außerordentlich verlustreich erarbeiteten Sieg erfährt ausschließlich der verkitschte Oberbefehlshaber der Roten Armee, während die offiziellen Feierlichkeiten allgemein das russische Volk und die Verdienste der Rote Armee (Veteranen) ehren. Irgendwelche „Verfehlungen“ des Diktators (brutale Kollektivierung der Landwirtschaft, rücksichtslose Industrialisierung, Massenterror und GULag) bleiben ausgeblendet für den Glanz des Sieges. Stalin als „problematische Figur“ der russischen Geschichte spielt im offiziellen Gedenken (und bislang auch im öffentlichen Raum) keine Rolle. Indes: Er wird offenkundig wieder salonfähig.

Der Bus bzw das käufliche Busdesign fährt seit 2010 durch Russland. Initiiert von einigen Enthusiasten aus St. Petersburg – hoffentlich nicht aus dem Umkreis von Zenit -, kann man für jede beliebige Stadt und beinah jeden beliebigen Bustyp die Plakatierung erwerben. Der „Bus des Sieges“ ist recht modern im Internet breit aufgestellt: via Facebook, Twitter, vKontakte und diverse Blogs wird die Existenz des Busses russlandweit dokumentiert. Allerdings ist die Beliebtheit dieses Werbeprojekts in Sachen russischer Geschichtsrevanchismus derzeit nicht überzubewerten: Gerade einmal 65 Twitter-Follower, 104 „Gefällt-mir“-Bekenntnisse bei Facebook und 651 vKontakte-Mitglieder (dem innerrussischen Facebook-Klon) lassen momentan keine Massenbewegung vermuten. Und durchaus gibt es neben erwartbaren Verherrlichungen des „Generalissimus“ (Frau Afanassjewa etwa meint, dass „mit diesem Namen die ruhmreichste Epoche unserer Geschichte“ verbunden sei) auch Kritik an der Aktion (Herr Stomachin nennt die Initiatoren „stalinischen, rotfaschistischen Abschaum“). Dennoch ist gegenwärtig eine zunehmende Positivdeutung Stalins zu beobachten. Auch die Kommunistische Partei wirbt seit den Präsidentschaftswahlen ganz offen mit ihm, auf der Startseite des Webauftritts ist das nach Stalin benannte „Antikorruptionskomittee“ verlinkt. Mit entsprechender Härte sollen dort die Verfehlungen der gegenwärtigen politischen Elite Russlands aufgedeckt und, vielleicht, verfolgt werden: Ziel kann nur ein (stalinistisch) sauberes Russland sein.

Auch hier gibt es von keiner Seite hörbaren Protest. Wie auch: Gefragt, wer Stalin denn so war und was er so gemacht hat, wird man z.B. von Schülern und Studierenden nicht allzu viel in Erfahrung bringen. Weshalb es da auch nicht weiter ins Gewicht fällt, dass etwa zu Beginn einer russlandweiten Schüler-Olympiade für Fremdsprachen die russische Hymne gespielt wird und diese mit einem Film zur russischen Geschichte bebildert ist, in dem von Lenin bis Putin/Medwedjew sämtliche Staatschefs bzw Präsidenten der Sowjetunion und Russlands in einer völlig selbstverständlichen Ahnengalerie zu sehen sind. Kontinuität und Fortschritt, oder auch Stabilität und Entwicklung (Wahlslogan von Einiges Russland) – eine Programmatik, die mit einem positiv-patriotischen, kritiklosen Bezug zur Sowjetunion ihre eigene Bedeutung erhält.

Für den Busfahrer ist es nichts weiter als ein Arbeitsplatz. Wohin die Reise geht und wie lange er noch das jahrelang aus der Öffentlichkeit verschwundene, aber liebevoll geheiligte Potentatenabbild durch die Stadt fahren muss, ist ihm unbekannt. Meine Befürchtung: Weit über die Dauer der EM hinaus, mag die (St. Petersburger) Sbornaja noch so eindrucksvoll auftreten – der (St. Petersburger, aber auch Moskauer) Umgang mit Stalin wird sich wohl als deutlich zählebiger erweisen. Perspektivisch die Einschätzung von Stefan Creuzberger: „Stalin symbolisiert den Aufstieg der UdSSR zur Welt- und Supermacht – ein Status, den […] die gegenwärtige Führung in Moskau wieder zurückerlangen möchte.“ (Sehr anregend der Aufsatz „Stalinismus und Erinnerungskultur“. In: APuZ 49-50/2011, S. 42-47, ebenso die Bücher „Stalin. Machtpolitiker und Ideologe“ (Creuzberger), „Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus“ (Jörg Baberowski) und „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“ (Baberowski).)

Architektur/Ästhetik/Interkultur

Entwürfe

Posted by Sascha Preiß on

Unlängst entstand die Idee, aus der Stadt Irkutsk einen Comic zu machen, konkrete Stilvorgabe keine. Die folgenden Bilder sind stark bearbeitete Fotografien und als Entwurf für den Hintergrund einer nicht näher beleuchteten Geschichte gedacht.

Liljana/minimal stories

Der Scharik

Posted by Sascha Preiß on

Lilis Luftballon hat nach zwei Wochen ein bisschen Helium eingebüßt. Die Verkäuferin im Geschäft, spezialisiert auf Ballonschmuck, gab die Fluggarantie mit 72 Stunden an. Seit Tagen schwebt der Ballon ein bisschen verloren und meditativ durch unsere Wohnung.

Anatol

Kabinettstückchen

Posted by Sascha Preiß on

Jenny war heute, wie auch schon die vergangenen und die kommenden Tage, beim Gynäkologen, eine Untersuchungsreihe im Nachvollzug von Toljas Geburt. Die Ärzte des Geburtshauses, wo er zur Welt kam, hatten nämlich u.a. übersehen, dass die Nachgeburt mehrheitlich in ihrem Körper verblieben war, trotz heftiger Schmerzen und starken Blutungen. Das wurde beim Stillen weniger, setzte aber nach 6 Wochen wieder ein, weshalb Jenny am Freitag mit Blaulicht zur Gebärmutteroperation gefahren wurde und nach drei Tagen wieder nach Hause durfte. Soweit so humorlos.

Die Nachuntersuchungen empfindet sie inzwischen als durchaus unterhaltsam, weil es sie an eine 90er-Jahre-TV-Serie erinnert. Zunächst einmal gibt es für alles ein eigenes Zimmer mit eigenem Arzt: Die Spritzen mit den Antibiotika werden z.B. im prozedurnij kabinet verabreicht. Das ist ein kleiner, gräulich gestrichener Raum ohne überflüssige Einrichtung, da erwartet sie der Arzt vor der Tür, ein kleiner Mann mit schütterem Haar, in rosa Sandalen und glitzernder Krawatte unter dem Kittel. Sie geht hinein, der Arzt leicht gekrümmt und mit den Händen in den Manteltaschen hinterher, sie zieht die Hose runter, er macht die Tür nicht zu, und dann beugt sie sich eben nach vorn und erwartet Spritze Nr.1 in den Hintern, in den ihr alle im Gang Vorbeikommenden anerkennend hineinblicken können. In 15 Minuten die zweite, sagt der Arzt, und nachdem Jenny sich angezogen hat, meint er: Ach kommen Sie, machen wir gleich die zweite. Und was ist mit den 15min Pause, fragt Jenny. Ach, winkt er ab, kakaja rasniza, das macht doch keinen Unterschied.

Anschließend geht sie ins smotrennij kabinet, das eigentliche Untersuchungszimmer mit der eigentlichen Gynäkologin. Die empfängt sie im Vorraum mit einem glockenhellen Singsang: Gehen Sie doch schon hinein, legen Sie sich doch schon auf den Stuhl, und lassen Sie sich von den anderen einfach nicht stören. Denn das smotrennij kabinet wird praktischerweise nicht nur von einem Arzt genutzt, so viel Platz ist selbst in den modernen Kliniken einfach nicht vorhanden bzw auch gar nicht notwendig. Der andere Arzt, streng gekämmt, in geblümten Hemd und grauer Anzughose, führt gerade ein ernstes Gespräch mit einer jungen Frau um die 20 Jahre, von der er wissen möchte, warum sie sicher ist, dass sie das sich in ihr entwickelnde Kind nicht haben möchte. Sie antwortet: Weil ich nicht will. Da nickt der Arzt, notiert sich was in ein Heftchen und sagt noch etwas über die Schwere des Eingriffs und dass es möglich ist, dass sie nach der Operation keine Kinder mehr bekommen kann. Aber die junge Frau in silbernen Ballerinas, knallenger Jeans und tief ausgeschnittener graugoldener Bluse zuckt nur kurz die Schultern, das würde schon nicht passieren. Dann unterschreibt er etwas, macht ein Handzeichen, die junge Frau steht entschlossen auf und schreitet hinaus. Jenny hat sich derweil auf den Behandlungsstuhl gelegt, Hose runter, Beine breit, die Tür hat sie zugemacht. Da fliegt auch die Ärztin herein und fragt ihren Kollegen munter wie nach dem Genuss eines riesigen Stücks Pfirsich-Creme-Torte: Na, wieviele Abtreibungen haben wir denn heute schon? Drei, trällert der Arzt und begibt sich auf den Weg zu seinem Stück Kuchen oder der Zigarette zwischendurch.

Und wenn die Untersuchung der Gebärmutter fertig ist, muss Jenny noch ins fisio-kabinet. Dort bekommt sie eine kurze Elektroschockbehandlung des Unterleibs, damit die Durchblutung der Gebärmutter angeregt wird, auf dass diese sich nach der Entfernung der Plazenta-Reste selbst reinige. Dieses Kabinett ist ein großer trüber Saal, in dem sich Frauen und Männer zugleich aufhalten, alle in Unterwäsche, denn Gynäkologie und Urologie sind in direkter Nachbarschaft, und erwarten ihre Elektroschocks, die Frauen meist in der Bauchregion, die Männer meist an den Hoden, wozu auch immer alle diese Behandlungen dienen. Jenny immerhin darf auf eine Liege hinter einem Vorhang, dann bekommt sie von einer stummen, aber ihr nett zuzwinkernden Ärztin zwei Metallplatten angelegt und kurz darauf kribbelt ihr gesamter Bauch, und das hält dann bis nach Hause an. Die zwinkernde Ärztin macht noch ein kleines Häkchen in ihr Behandlungsheft und sagt, freudig erregt: Bis morgen!, als verabredete sie sich mit ihrer Lieblingskundin zu Friseur und Kuchen.

Dann setzt sich Jenny kurz in einen Gang, in weißes Leuchstofflicht genebelt, an den Wänden Zeichnungen von Kindern zum Thema „Arzt“, und sammelt sich und ihre Sachen. Und nach einem kurzen Seufzer und einem freundlichen Nicker des an ihr vorüberfliegenden Arztes aus dem smotrennij kabinet, ist diese Folge der TV-Serie schon wieder vorbei. Doch Fortsetzung folgt bereits morgen, da darf sie schon wieder im Real-Life-TV mitspielen, die gut gelaunten Ärzte erleben und Abtreibungen zählen, auch wenn sie viel lieber drauf verzichtet und zu Hause den kleinen Tolja gestillt hätte. Aber ist ja nicht mehr lange, nur noch ein paar Tage, hoffentlich.

Irkutsk/Russland/Wildbahn

Neue Mieter

Posted by Sascha Preiß on

Da waren wir also gerade neu eingezogen, vor wenigen Wochen, nach der Geburt von Tolja, und ich beschäftigte mich mit Lilis erstem Ins-Bett-Bringen in der neuen Wohnung, da klingelte es gegen halb 10 Uhr abends an der Tür. Eine junge Frau in häuslich formloser Kleidung, T-Shirt, Sporthose, unbestrumpfte Füße in hellblauen Plastesandalen, und begrüßte mich.

– Also Sie sind unsere neuen Nachbarn, ja? Ich wohne nämlich unter Ihnen und da wollte ich Sie bitten, nach 21 Uhr nicht mehr so laut zu sein. Wenn Sie nämlich so laut trampeln, wackeln unsere Deckenlampen. Aber ich sehe, Sie haben ein Kind, na wir haben auch eins und deshalb wäre es schön, wenn es bei Ihnen etwas ruhiger wäre, nicht wahr?

Und damit ging sie auch wieder davon. Ich fühlte mich ein bisschen überfahren. Hatte die Dame das jetzt ernst gemeint, hatte ich das richtig verstanden? Lili war in meiner Wahrnehmung nicht mehr als sonst durch ihr Zimmer gelaufen und hatte keinerlei Stampforgien veranstaltet. Sollte der von außen doch recht solide wirkende Hochhausneubau derart hellhörig sein und das Gehen eines 13kg schweren Kindes die Deckenbeleuchtung der tiefergelegenen Etage ernsthaft in Schwingung versetzen können? Warum mussten ausgerechnet unsere Nachbarn der Inbegriff von Kleinstbürgertum sein, dass sie eine halbe Stunde nach ihrem persönlichen Ruhebedürfnistermin sofort ringsum ermahnen gingen? Auf jeden Fall begann das neue Wohnen mehr oder weniger großartig.

Die folgenden Abende bemühte ich mich, Lili so ruhig wie möglich ins Bett zu bringen. Offenbar mit Erfolg, denn vier Tage nach dem Auftritt der Frau klingelte es erneut an unserer Tür, diesmal sogar schon zwei Minuten nach 21 Uhr. Draußen stand ein angetrunkener, nach Zigarette duftender junger Mann. (Ich Idiot, schoss es mir durch den Kopf, wie oft hat man dir eingeschärft, Unbekannten keinesfalls die Tür zu öffnen. Aber es war zu spät.)

– Sie sind unsere Nachbarn, ich wohne unter Ihnen. Und ich wollte mich bei Ihnen bedanken: Wegen Ihnen können wir nämlich jetzt endlich wieder schlafen. (Leider war er zu betrunken, um meinen dummen Gesichtsausdruck zu kommentieren. Ich hatte keine Ahnung, wovon er redete.)

– Meinen Sie das ernst, ist das irgendwie ironisch gemeint? (Ich hatte die Befürchtung, gleich setzt der Mann zu einer Schimpf- und Rauftirade an.)

Statt dessen guckte er ausnehmend blöd und verstand gar nicht, was ich von ihm wollte, und ich fand es sehr schade, aus Furcht vor seiner Reaktion nicht lachen zu dürfen. Wir einigten uns darauf, dass er sich bedankte und ich nicht wusste wofür und er feststellte, dass wir Ausländer waren und er mir das Du anbot. Das war schön, denn seither grüßen wir uns per Handschlag und man hat so ein bisschen das Gefühl, in diesem Haus nicht ganz allein zu sein.

Also hielten wir das Pärchen, dass uns manchmal mit ihrem kleinen Kindchen im Lift begegnet, für skurrile Vögel mit überzogen spießiger Attitüde. Sie hielt das Kind vor fremden Blicken bedeckt, er wirkte bei jedem Sehen betrunken, aber fuhr ein endgeiles weißes Motorrad. Sie klingelten seither nie wieder und ich nahm an, der Auftritt der Frau war tatsächlich ein Flehen in erster Sekunde und der Mann hatte ganz ernsthaft Dankbarkeit geäußert. Ich machte mir Sorgen, was in diesen unseren Räumen wohl ehedem abgegangen sein mag. Bis es heute Mittag gegen halb 1 wieder klingelte, diesmal an der Haustür unten. Ich erwartete niemanden, unser Kindermädchen ging ans Domofon.

– Wer ist denn da?

– Ich.

– Wer ist bitte ich?

– Na ich eben.

– So.

– Ja.

– Und was wollen Sie?

– Was will ich schon wollen?

– Nun, das möchte ich gerne wissen.

– Was ich halt will.

– Und was ist das?

– Na — ficken.

– Äh.

– Nicht wahr?

– Und da kommen Sie hierher? —

Das Kindermädchen kam irritiert-amüsiert zurück. Die Sache mit der schaukelnden Deckenbeleuchtung nahm Gestalt an – in etwa jene, welche sich gerade enttäuscht mit weiblicher Begleitung vom Hauseingang entfernte: Wir wohnten in einem ehemaligen Stundenhotel. Der Kerl, der soeben abgeblitzt war, hatte die neuesten Entwicklungen nicht mibekommen und musste sich mit seiner Mittagsbüropausengeliebten – in Russland macht jedes Büro zwischen 12 und 13 Uhr Mittagspause – ein anderes Lager fürs Schäferstündchen suchen. Da unsere Nachbarn gleich am ersten Abend um Zurückhaltung bei eventuell geplanter Ruhestörung baten, muss es vorher ein hochfrequentiertes Domizil gewesen sein. Und wenn man sich so umhörte, bei weitem nicht das Einzige. Ein paar Etagen über der Wohnung unseres Kindermädchens ging es ebenfalls heiß her, wie sie verriet. Und in unserem Wohnviertel, wie so ziemlich überall in der Stadt, finden sich an Laternenmasten angeklebte Zettel, die für Stunden- oder Tageshotels werben, pro Nacht 600 Rubel, etwa 15 Euro, dazu Handynummern. Wer unser Appartement professionell betrieben hat, ist nicht so wichtig, es lässt sich eine ganze Menge vorstellen. Angesichts einer Wohnungssituation, die Frischverliebten wenig Spielraum lässt – hohe Preise, geringes Einkommen -, sind vermutlich nicht wenige froh über jedes Angebot, seinen Trieben freien Lauf lassen zu können, und sei es auch des Ehebruchs wegen. Auf Nachbarn kann man da klar wenig Rücksicht nehmen. Zumal jetzt, wo der Frühling auch in Irkutsk endlich Knospen treibt, wird die Jagd- und Spielsaison vermutlich noch das eine oder andere verirrte Pärchen an die guten alten Plätze führen. Leider ist für die zwischen zwei Bürostühlen wild gewordenen Tiere mit dem Einzug der neuen Mieter eine weitere Höhle urbar gemacht, aber selbst wenn ich da jetzt ganz viel Verständnis für aufbringe – es ist mir total egal und wir sind sehr froh, für unsere gewachsene Familie ein schönes Zuhause gefunden zu haben.

Baikal/Unter Deutschen

Geografie und Skandal

Posted by Sascha Preiß on

Hin und wieder kommt es vor, dass mich bei Studierenden der deutschen Sprache die geografischen Kenntnisse über das Land ihrer Fremdsprache und was so drumherum ist interessieren. Sehr oft treffe ich hierbei auf ein ziemliches Defizit, die räumliche Vorstellung über die mitteleuropäischen Verhältnisse ist angesichts der enormen Größe des eigenen Landes bei vielen leider wenig ausgeprägt. Na und, was weiß man denn in Deutschland schon über Sibirien?, fragen manche Deutschstudenten dann trotzig zurück. Ja, was kann man da schon wissen. Wenn selbst jahrelang in Russland lebende Deutsche über den eigentlich berühmten Baikalsee und seine Umgebung außergewöhnlich wenig wissen.

Am 25. April 2012 ereignete sich am Fluss Angara ca. 200km westlich des Baikals eine der größten ökologischen Tragödien der vergangenen Jahrzehnte im Irkutsker Gebiet: Aus anfangs unbekannter Ursache wurden mehr als 300 Tonnen Schweröl in den Fluss in Höhe der Stadt Tscheremchowo eingeleitet. Ein Ölteppich von etwa 10km Länge bildete sich auf dem Fluss. Mit chinesischer Hilfe und Aktivkohle wird bis heute versucht, die unmittelbaren Folgen erst einmal für die Bevölkerung zu lindern. Eine der Folgen für die in der Region lebenden Menschen war es, seither ohne jegliches fließendes Wasser auskommen zu müssen und ausschließlich auf Wasserkanister aus den Märkten angewiesen zu sein. Die ökologischen Folgen sind bislang noch überhaupt nicht ins Blickfeld geraten. Nach wenigen Tagen wurden erste Tatverdächtigte verhaftet.

Diese an sich schon wenig erfreulichen Nachrichten aus einem bis dahin als sehr sauber bekannten Flussgebiet können aber noch weitaus dramatischer klingen, stellte man in Moskau fest. Denn was sind schließlich 200km im russischen Maßstab, zumal aus Moskauer Sicht. Der Redakteur André Ballin der Internetzeitung Russland Aktuell, Nachrichtenportal der deutsch-russischen Nachrichtenagentur RUFO, verlegte den Ölteppich in unmittelbare Nähe zum Baikal und schreibt heute in seinem Artikel „Erste Festnahmen wegen Umweltverschmutzung am Baikal“:

„Durch das Anschneiden der Pipeline schwimmt ein Ölteppich auf den Baikal zu. […] Anwohner entdeckten einen zehn Kilometer langen Ölteppich auf der Angara, dem Zufluss zum Baikalsee.“

Das ist so jedoch nicht ganz richtig bzw ganz und gar unmöglich. Erst einmal ist die Angara der einzige Fluss des Sees, der aus ihm abfließt (den Flussteil Obere Angara ganz im Norden des Sees kann man hierbei ignorieren, denn die Angara verlässt den Baikal 600km südlich). Womit sich bereits die Fließrichtung ergibt: vom Baikal weg. Dass nun ein Ölteppich entgegen der Fließrichtung sich den Flusslauf hinaufarbeiten würde, ist allerdings sehr unwahrscheinlich. Doch selbst wenn ihm dies gelänge, stellte sich etwa 70km vor Erreichen des Sees ein unüberwindbares Hindernis in den Weg: der Irkutsker Stausee mit dem dazugehörenden Wasserkraftwerk. Nicht allein, dass es für einen gegen den Strom schwimmenden Ölteppich nahezu unwahrscheinlich ist, dass er gegen die Fließgeschwindigkeit der Angara bei Irkutsk ankommt – denn diese ist so hoch, dass der Fluss selbst bei sibirischsten Winterfrösten kilometerlang nicht zufriert. Als ausgeschlossen jedoch kann es gelten, dass der Ölteppich sich eine etwa 40m hohe Staumauer emporzukämpfen in der Lage ist.

Insofern ist der Artikel bei Russland Aktuell eine journalistische Meisterleistung in Sachen künstlicher Skandalisierung, denn „Ölkatastrophe am Baikal“ klingt nunmal aufregender als „Ölteppich auf ostsibirischem Fluss“. Zudem ist zugunsten des Skandals auf geografische Recherche oder, bei einem jahrelang in Russland lebenden Journalisten sollte man das vorraussetzen dürfen, entsprechende Grundkenntnisse der sibirischen Geografie vollständig verzichtet worden. An sich könnte man einen kleinen Text einer mittelmäßig beachteten Internetzeitung weitestgehend ignorierend. Leider aber hat RUFO ganze Arbeit geleistet: Der Artikel ist mit dem gleichen Blödsinn, leicht bearbeitet und sogar gleich zwei Mal, zuerst um 10:54 Uhr und dann mit Verlinkung zum Artikel bei RA um 16:37 Uhr, bei DRadio Wissen erschienen.

Was die Frage meiner Deutschstudenten hinreichend beantwortet haben dürfte: Leider nicht viel weiß man, gar nicht viel.

minimal stories

minimal story 19

Posted by Sascha Preiß on

Aus einigen Meter Entfernung beobachten die Filialleiterin und ihre Stellvertreterin die neue junge Kassiererin bei der Arbeit. Offenbar sind sie zufrieden mit ihrer betont sachlichen Kundenabfertigung nach vorgegebenem Schema. Plötzlich aber wird die Chefin hektisch, eilt zum Kassenbereich: Ein Obdachloser hat den Supermarkt betreten, die Kleidung schmutzig, das Gesicht dunkel und fleckig, schlurft er gekrümmt an den Regalen vorbei. He, was…… ruft die Chefin und starrt mit ihren Angestellten dem Gespenst hinterher. In sicherem Abstand folgt sie ihm, bereit sofort laut zu werden, sollte es die gute Ware berühren. Ein zweiter Bomsch erscheint im Eingang, klein, dunkel, tonlos. Die junge Kassiererin kichert ihn betrachtend. Der erste beendet seine Runde durch den Raum und hält auf ihre Kasse zu, an der Stellvertreterin vorbei, die einige Schritte beiseite gegangen ist. Irgendetwas murmelnd stellt er sich vor die blonde Frau, die auf ihrer Seite des Förderbandes den Atem angehalten hat, betrachtet das Schild, auf dem der Name Nadeshda steht, schaut ihr in die erschrockenen Augen, blickt noch einmal auf das Namensschild, murmelt etwas, läuft weiter zu seinem Kumpel. Und jetzt gehen Sie aber, ruft die Filialleiterin den beiden Gestalten nach, hinter ihnen schließt sich die automatische Tür. Die Kassiererin sucht einen Kaugummi gegen den Schluckauf, die Chefin wirft dem schläfrigen Wachmann einen strafenden Blick zu, dann ist auch die Luft wieder rein.