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Liljana

Salto vom Fensterbrett

Posted by Sascha Preiß on

Und dann hat Lili heute einen Salto vom Fensterbrett gemacht. Jetzt ist ihr Arm genauso in Gips, wie der unseres Kindermädchens. Es muss ja rückblickend nicht alles zum Omen aufgewertet werden. Aber schon die Frau vom Fluglinienbüro, bei der ich die Flugtickets Irkutsk-München noch bezahlen musste, war während ihrer Arbeitszeit abwesend. Im Krankenhaus, sagte ein Mitarbeiter. Nach einer halben Stunde kam sie wieder – humpelnd. Unser Kindermädchen ist vor einer Woche Opfer des Irkutsker Tauwetters geworden. Und im Januar erzählte der Besitzer der kleinen Tourbasa in Bolshoe Goloustnoe freudestrahlend, dass sich sein Söhnchen mit einem Jahr das Bein auf der Treppe gebrochen habe, auf der Lili auf- und abturnte. Alles nicht so schlimm, findet er. Recht hat er. Lili mag ihren Gips zwar überhaupt nicht, weil er sie in ihrem Bewegungsdrang enorm einschränkt, aber in zwei Wochen ist er ja wahrscheinlich schon wieder runter.

Unterhaltsam auch der Besuch in der Kinderunfallstelle. Einerseits ist für Kleinkinder die Versorgung zwangsweise kostenlos, niemand will von uns irgendeinen Rubel haben, den wir sehr gern zahlen möchten. Aber die freundliche Sekretärin hat dennoch abgelehnt, wohl auch weil sie davon überfordert war, dass ernsthaft jemand in Russland freiwillig Geld zahlen möchte. Während Sekretärinnen also freundlich zu jedermann sind, dürfen die Ärzte einfach Mensch sein. Die Dame am Röntgenapparat sprach sehr laut und – sagen wir einmal: schnörkellos auf das minutenlang heulende Kind ein, dass halbnackt auf der kalten Pritsche festgebunden lag, den schmerzenden Arm ausgestreckt zur Durchleuchtung. Und weil die ersten Bilder nicht so recht gelangen, drehte sie den Arm noch ein bisschen hierhin und dorthin. Dass das Kind sich davon nicht beruhigen ließ, machte sie der an die Seite geschobenen Mutter eindringlich zum Vorwurf. Aber die neuen Aufnahmen waren dann ausreichend. Die Augen des als nächstes an die Reihe kommendenden Kindes, das sich im niedrigen, schmalen, gelbgrau gefärbten Gang der Kinderklinikkatakomben an ihre Mama klammerte, hatten währenddessen alle Ausdrücke von Angst und dunkler Vorahnung durchlebt, als die Tür zum Röntgenkabinett aufging. Und tatsächlich unterschieden sich die Geräusche hinter der Eisentür nicht von Lilis Weinkrampf. Dass für die schlechte Bezahlung von Klinikärzten nicht die Patienten verantwortlich sind, zumal wenn die auch noch zahlen wollen, muss ja kein Grund sein, sie nicht trotzdem spüren zu lassen, wie miserabel die Situation ist.

Lili hat, nachdem sie wieder zu Hause war, gleich wieder geweint. Weil sie mit ihrem Gipsarm nicht schaukeln oder auf die Tische klettern kann. Zur Beruhigung sollte ich ihr Lieblingsbuch der letzten Wochen vorlesen: Igelin Paula Stich hat sich den rechten Arm gebrochen und wird von ihren Freunden mit einer Geburtstagsfeier getröstet. Trotzdem unterstelle ich meiner anderthalbjährigen Tochter keinerlei strategisches Handeln.

minimal stories/Ulica

0,01% der Reisezeit

Posted by Sascha Preiß on

Der Reisende, mit der Straßenbahn auf dem Weg zum Bahnhof, von dort weiter ins 5200km entfernte Moskau, wurde von seinem müden Blick auf die morgendliche Stadt durch eine hektische Bewegung in Kopfhöhe abgelenkt. Eine Kohlmeise hatte sich auf ihrem Weg zur anderen Straßenseite an der Haltestelle durch eine offene Tür in den Waggon verflogen, suchte nun an den Fenstern einen Weg hinaus. Der Reisende sah dem irrenden Vogel gleichgültig-interessiert aus den Augenwinkeln zu, wie dieser nach 5 Sekunden durch eine zweite offene Waggontür hinausflog und sich zur Erholung vom Schreckmoment in wohl jenen Baum setzte, von dem er losgeflogen war.  Als die Bahn anfuhr, wendete sich der Mann wieder seiner Morgenmüdigkeit zu. Er hat ein wenig mehr als 0,01 Prozent seiner gesamten Reisezeit für den Seitenblick auf den Vogel verbraucht.

(nach Alexander Kluge)

minimal stories/Russland

Ein Feiertagsgeschenk

Posted by Sascha Preiß on

Die kleine Ustinja wird im Frühling 4 Jahre und geht seit einem halben Jahr in den Kindergarten. Das macht Spaß und ist immer aufregend. Zum heutigen Tag des Vaterlandsverteidigers haben sich die Erzieherinnen für ihre Gruppen eine thematische Bastelstunde ausgedacht. Alle Kinder basteln ein kleines Geschenk für den Papa. Als die Mama ihre Tochter abholen kommt, ruft die Erzieherin: Ustinja, vergiss deinen Panzer nicht! Zu Hause steckt Papa das Geschenk aus dunkelgrüner Pappe mit dem Rohr in einen Blumentopf. Sieht doch aus wie ein Baum, sagt er.

Anti-Terror/Interkultur/Irkutsk/Liljana

Wie ich einmal dem Wachmann der Bankfiliale unter Zeugen die Hand schüttelte und übers Leben plauderte

Posted by Sascha Preiß on

Eines Tages kam es sogar soweit, dass meine Frau Geld brauchte und wir einen Bankautomaten aufsuchen mussten. Das ist im Normalfall nichts, was meine Anwesenheit erforderte, so auch diesmal. Aber wir hatten uns aus nicht mehr bekannten Gründen wohl irgendwo getroffen, womöglich sogar verabredet, vielleicht auf einen Kaffee, wie wir das inzwischen recht häufig tun, nach der Arbeit und vor dem zu Hause sein, denn wenn so ein Kind zu Hause ist und die Eltern quiekend vor Freude an der Tür erwartet und dringend von Mama-Papa bespaßt werden möchte und die aufopferungsvolle Njanja den Tagesbericht abgibt und sich schnell verabschiedet auf den morgigen Tag, dann ist es nicht mehr so mit dem Ausruhen und gemütlich ein Käffchen trinken, dann ist der zweite Teil des Arbeitstages angebrochen bis die Kleine dann irgendwann wenns dunkel ist im Bettchen schlummert, aber dann will man auch kein Käffchen mehr. Und nun war es passiert, dass meine Frau kein Geld mehr hatte, aber glücklicherweise eine Bankfiliale auf dem Heimweg herumstand. Dann taten wir das Naheliegende und gingen hinein. Zum absoluten Erstaunen meiner Frau aber tat ich drinnen nun das ganz und gar nicht mehr Naheliegende, denn ich wandte mich kurzerhand dem diensthabenden Wachmann zu, der mir mit einem fröhlichen Gesicht entgegenkam, und wir gaben uns freundschaftlich die Hand, begrüßten uns wie alte Kumpel und begannen eine kleine Plauderei.

Sie müssen jetzt wissen, dass das Wachmann-Business in Russland eines der verbreitetsten, wenn nicht das Business mit der höchsten Verbreitungsdichte in Russland überhaupt ist. Wachmänner gibt es überall, jedes Geschäft (ausgenommen die kleinen Straßenkioske) hat mindestens einen Охраник (Ochranik) angestellt, der den ganzen Tag nichts anderes tut, als im Geschäft zu gucken und auf der Straße zu rauchen. Nichtrauchende Ochraniki gibt es nicht. Das Wachpersonal muss dabei unbedingt in blaugrüner Camouflage und schweren Stiefeln gekleidet sein, üblicherweise ist solche armee-ähnliche Spezialkleidung gesondert gepolstert, um Muskulatur zu verdeutlichen und entsprechend Schrecken zu verbreiten. Was bei der hohen Zahl der städtischen Fitnesscenter und deren maskulinen Mitgliedern muskelüberladener Mannsbilder, die dann meist auch als Ochranik arbeiten, zu einem schönen Verdopplungseffekt führt. Üblicherweise ist das Sicherheitsbusiness das zivile Altersheim ehemaliger Soldaten, insbesondere der aus Überzeugung. Alte Afghanistan- und Tschetschenienveteranen gründen allerorts Dutzende von Wachfirmen, vom Detektivbüro über Personenschutzdienste über Signaltechnik bis zu Waffenläden ist alles in fachkundigen Händen. Die 91 für Irkutsk registrierten Wachschutzagenturen tragen einprägsame Namen, etwa „Avantgarde-Security“, „Ranger“ oder „Sheriff“, die Agentur bei uns um die Ecke heißt „Das Erbe“, warum auch immer. Und die Wohnung unserer schräg gegenüber wird von denen beschützt, steht auf der großen Plakette an der Tür, warum auch immer. Die Sicherheit wird überall geschützt. Auch Universitäten können nur durch Personenschranken und mit Ausweis betreten werden, männliche Studenten absolvieren im zweiten Hochschuljahr einen Ochranik-Pflichtdienst. Das soll dann verhindern, dass im Bildungssystem geklaut wird wie die Raben, vor allem durch die vielen unbefugten Personen, die sich allerorts widerrechtlich in den Universitätsgebäuden aufhalten. So die Theorie. Als Ferienjobs für Studenten sind Wachdienste einfach zu haben, einer meiner Studenten hat mal im Sommer einen Monat im Buchladen gewächtert. Das war die vollendete Ödnis, sagte er, täglich 8h (außer sonntags) für ganze 7.000 Rubel, keine 200 Euro, und absolut nichts los, kein Diebstahl, kein Überfall, nur hinguckende Absicherung, wie die Bücher gemächlich einstauben, zwischendurch rauchen. Nun wollen wir aber nicht zu sehr darüber spotten, immerhin hat katastrophales Versagen der Sicherheitsdienste – der kleinen sichtbaren und dem einen großen unsichtbaren – innerhalb eines Jahres zwei Moskauer Tragödien ermöglicht, wobei wir hoffen bzw fest der Ansicht sind, dass die fernere sibirische Provinz, die laut neuestem Index nicht einmal zu den 30 wichtigsten Investitionsstandorten Russlands zählt, auch nicht für Ochraniki, von derartigen Grausamkeiten verschont bleibt.

Wenden wir uns wieder dem ungläubigen Gesicht meiner Frau zu, die mit einem Auge Geld aus dem Automaten zaubert, mit dem anderen gierig verfolgt, wie der großgewachsene glatzköpfige Ochranik-Schrank in doppeltgepolsterter Tarnkluft mir vom Gedeihen seines Söhnchens berichtet, der nun bald in den Kindergarten kommt, während unser Töchterchen ja doch um einiges jünger war, nicht? Und wie sie mit dem einen Auge aufpasst, das Geld und die Bankkarte richtig zu verstauen, mit dem anderen fassungslos mitansieht, wie ich dem Ochranik erzähle, dass unser Töchterchen ganz hervorragend russisch und deutsch verstehe und auch schon einige Wörter beider Sprachen sage. Und wie sie durchaus auch amüsiert in der Bankfiliale abwartet, bis ihr Männchen seinen Plausch mit dem Schrank beendet und sich die beiden Smalltalker händeschlagend verabschiedet haben, und mich dann einfach nur anschaut und: „Как?“ – Wie jetzt? Und ich weiß nicht mehr, ob in diesem kurzen Wörtchen Faszination, Aufklärungssucht oder schwelender Verdacht eines anormalen Geheimlebens ihres Mannes überwog. Dabei ist die Auflösung nicht ein Ding mysteriös, kein enttarntes Doppelleben, keine verschwiegenen Nachtclub-Besuche. Nur eine kurze Wartezeit vergangenen Sommer vor dem Puppentheater. Während ich der bislang einzige potentielle Zuschauer bin und auf Freunde warte, zünde ich eine Zigarette an und der Wachmann stellt sich dazu, offenkundig in Plauderstimmung. Und ich erzähle ein bisschen, und er erzählt ein bisschen. Und dann kommen meine Freunde und fragen, was ich denn so allein hier tue. Worauf ich auf den Ochranik zeige und wahrheitsgemäß sage, dass ich doch gar nicht allein wäre und mich nett unterhalten habe. Der Ochranik war dann mit der Zigarette zu ende und unser Kennenlernen auch. Das wars. Später habe ich ihn einmal vor der Bankfiliale rauchen sehen, da hat er mich wiedererkannt und gleich erzählt, dass er jetzt den Job hier hätte, der sei besser bezahlt, das sei eine Stufe aufwärts. Mystischer wirds nicht. Das hat meine Frau natürlich verstanden und wir haben darüber ein bisschen gelächelt und konnten beschwingt den Heimweg zum Kind antreten. Ich hatte allerdings noch ein wenig so eine Laune mit leichtem Anflug von Eigenbewunderung, weil mich der Gedanke so begeisterte, dass ich nun einen guten Bekannten beim Sicherheitsdienst hatte, was sich anfühlte wie den Chefeinlasser vom angesagtesten Edelclub im Handy gespeichert zu haben, was besonders tiefes Eintauchen in die Gesellschaft bezeichnete, die pure Exklusivität – welcher Ausländer konnte das schon von sich behaupten. Und vor allem: Ich war gesehen worden! Was nützen einem supergeheime Spezialkontakte, wenn man sie nicht präsentieren kann? Nicht, dass ich darauf irgendwann mal zurückgegriffen hätte, aber es fühlte sich für einen Moment gut an.

Gesehen hab ich den Mann bislang nicht wieder, so weiß ich grad gar nicht, wie es seinem Söhnchen geht. Möglich, dass er schon nicht mehr in der Bank arbeitet und schon weitergewandert ist zu einem besseren Posten. Was schade ist, denn ich hatte erwogen, nach und nach mit allen meinen Freunden und Bekannten wie zufällig an der Bank vorbeizukommen und schnell mal Geld abzuheben, persönliche Kontakte sollte man pflegen. Und Bewunderung ist einfach eine geile Droge.

Anti-Terror/Ästhetik/Russland

Das Patriarchat schlägt zurück

Posted by Sascha Preiß on

Folgendes wird momentan in Russland ernsthaft diskutiert (etwa in TV-Talkshows):

Sollte in Russland ein Dress-Code für Frauen eingeführt werden?„:

http://www.irk.ru/news/20110202/dresscode/ bzw:

http://www.i38.ru/obschestvo-obichnie/irkutskaya-eparchiya-dress-kod-dlya-zhenschin-neobchodim-vezde-ot-detskogo-sada-do-plyazha

Kurzübersetzung des Artikels von irk.ru: Die Erzpriester der orthodoxen Diözesen, gemeinsam mit einigen Mufti, Psychologen und – selbstredend – der Mode-Industrie schlagen lautstark Alarm: auf „v Kontakte“, dem russischen Facebook, würden u…nansehnliche Fotos von Frauen am Strand gezeigt. Bei manchen Usern habe man bereits erfolgreich auf Löschung der Bilder drängen können. Nach Meinung des Irkutsker Erzpriesters Vjacheslav Pushkarev (im Bild) „versinnbildlichten heutige russische Frauen damit alles, was im Land los ist: Geschmacklosigkeit, Kulturlosigkeit, Egoismus, Arroganz gegenüber anderen“. Deshalb sei für die Frauen ein Dress-Code „vom Kindergarten bis zum Strand“ unabdingbar.

Meine Herren, Russland erwartet Ihre Vorschläge!

Mädchen bitte hübsch und ordentlich kleiden.

Bildquelle: commons.wikimedia.org

Begraben

Die dampfenden Särge

Posted by Sascha Preiß on

Der evangelische Pfarrer reist durch die Region, betreut vorhandene und neu entstehende, kleine evangelische Gemeinden, hält Gottesdienste, Bibelnachmittage, hin und wieder ist auch ein Gemeindemitglied zu beerdigen. Die Friedhofskapelle ist im Winter für die Zeremonie beheizt, zur Außenluft herrschen je nach Witterung bis zu 60° Temperaturunterschied. Die Sargträger warten vor der Tür, bis die Trauergemeinde versammelt ist, dann tragen sie den Sarg in den warmen Raum und öffnen ihn für einen letzten Gruß an den Toten. Er ist gewaschen, frisiert, angekleidet, mit frischen Blumen geschmückt, die Haut glitzert leicht. In der Kapelle herrscht die übliche trockene Luft des kontinentalen, sibirischen Klimas. Während der Zeremonie entweicht aus dem Sarg die feuchte Kühlhauskälte des Toten als zarter Dampf. Ein physikalisches Phänomen mit supranaturalem Charme.

Aufsteigender Wasserdampf der Angara bei -25° Lufttemperatur

Baikal/Transsib

Unterwegs mit der Baikalrundbahn

Posted by Sascha Preiß on

Eine kleine Reise mit dem Кругобайкальский поезд Ende Dezember 2010.

Von Irkutsk aus führte ursprünglich die Bahntrasse der Transsib an der Angara entlang zum Baikal und von dort weiter nach Sjudjanka. Durch den Staudamm und den Bau des Wasserkraftwerks an der Angara 1950-59 stieg der Wasserspiegel von Fluss und See um etwa einen Meter und ein Teil der Strecke versank. Erhalten sind befahrbare 82km am Baikalufer.

Wer selbst fahren möchte: http://www.krugobaikalka.ru
Die Fahrt wird ganzjährig angeboten, jeweils samstags und sonntags, sie beginnt und endet in Irkutsk, Dauer etwa 12h. Ticketpreis pro Person (2010): 1250 Rubel. Im Winter wird kein Essen im Zug angeboten, im Sommer ist die Tour auch auf deutsch und englisch möglich.

Zur Bildergalerie: http://www.flickr.com/photos/51543792@N08 /sets/72157625743489112/