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Baikal/Interkultur

Ausflug auf die Insel

Posted by Sascha Preiß on

Endlich auch einmal auf Olchon, ein Trip für fünf Tage im Sommer, Temperaturen um die 25°. Bei der Anreise – vier Autostunden ab Irkutsk zur Fähre, die letzten 60km auf Sand und Schotter, auf der Insel nur noch Sand – verabschiedet sich geräuschlos ein Hinterreifen, was uns 7000 Rubel kosten wird. Die Schönheit der größten Baikalinsel wird zurecht gerühmt, ein echtes Erlebnis für Zivilisationsflüchtlinge und Backpacker auf der Suche nach möglichst viel menschenleerer Natur. Ein Ort für Kinder wie in unserem Fall ist Olchon jedoch leider nicht. Es gibt zwar eine Schule, aber keine Spielplätze. Außer Nikita, der die größte Unterkunft in Khuzhir betreibt, ist keine Herberge auf Kinder eingestellt: Zielpublikum ist der wander- und/oder trinkfreudige Mensch aus dem In- und Ausland, der in der einzigartigen Natur des Baikalsees ausspannen möchte. Eine geleitete Exkursion etwa zum Nordkap der Insel, dem „Mys Khoboy“, kostet 1800 Rubel und dauert 10 Stunden, 6 davon im robusten Kleinbus UAZ 2206, danach geht es mit dem Schiff zurück.

Der Bus ist für 10 Personen gebucht, hinzu kommen noch drei Kinder im Alter von 2, 6 und 12 Jahren – die dürfen sich irgendwo dazwischen drängen. Der Fahrer beginnt seine Ausführungen über die Insel mit einer Touristenschelte: Wie schön die Insel tatsächlich ist und wie sehr die ganzen Touristen den wundervollen Ort verdrecken, denn sie lassen ihren Müll überall liegen. Die Geschichte vom Müll der Touristen, welcher die Sauberkeit der Baikalnatur gefährde, kann man im Irkutsker Gebiet täglich hören. Es ist nicht eindeutig zu klären, wer mit „Touristen“ gemeint ist, Ausländer, Russen aus anderen Teilen der Föderation, oder einfach keine Einheimischen. Fest steht jedoch in dieser Legende vom Baikalmüll, dass das Übel von Außen in die Welt dringt. Und tatsächlich lassen Urlauber, die von der schönen Natur schwärmen, oft genug ihren Abfall, ihre Flaschen, Plastetüten und Zigarettenschachteln an Grillstellen in freier Wildbahn liegen. Aber unser schimpfender Fahrer wird wenige Stunden später, nachdem er für die Touristen über offenem Feuer eine Fischsuppe gekocht hat, seine diesbezüglichen Abfälle in der erkaltenden Glut hinterlassen, Speisereste, Servietten, Plastetüten, was dann vom Wind durch die Landschaft getragen wird. Und was er eine Tour später wieder ausgiebig wird schelten können.

Touristen sind allgemein das Lieblingsthema des Fahrers. Gerade nähert er sich einer Gruppe von drei jugendlichen Wanderern. Was wir denn nun annehmen würden, woher diese Touristen kommen, ob das Russen oder Ausländer seien, will er wissen. Woher wir das wissen sollen, ohne zu fragen. Er aber lächelt und verspricht eine sichere Methode es herauszufinden: und als er sie überholt, hupt er kurz. Die Wanderer sehen das Auto mit den Touristen an und die Touristen sehen die Wanderer auf ihrem Weg an. Sehen Sie, freut sich der Fahrer, das sind zweifelsfrei hundertprozentige Russen. Russen nämlich unterscheiden sich von Ausländern dadurch, dass sie hupende Autos nur anschauen und einfach weiterlaufen würden. Ausländer aber hätten in jedem Fall sofort angefangen zu lachen und dem Auto zuzuwinken, vielleicht noch ein Foto gemacht.

So ist das nämlich mit den Russen und den Ausländern, mit der unterschiedlichen Natur der Menschen in der Natur. Ausländer könnten mit freier Natur nichts anfangen, sagt er. Fällt ein Löffel beim Mittag vom Tisch, frage der Ausländer nach Wasser und Lappen zum Reinigen. Ein richtiger Russe wischt das Besteck kurz an der Hose ab, die kann man dann zu Hause waschen. Ausländer haben immer Angst vor Schmutz, aber in der Natur gäbe es keinen Schmutz, ein Russe wisse das. Ob ich übrigens Brot schneiden könne. In Deutschland, wisse er, würde das Brot ja immer schon geschnitten verkauft. Damit ich meine Brotschneidefähigkeiten üben könne, erhalte ich zwei Laibe und ein Taschenmesser. Ich mache meine Sache offenbar gut, auf das Thema kommt er nicht mehr zurück. Aber ich solle mich doch beim Tee eingießen nicht so anstellen und den heißen Kessel richtig anfassen. Außerdem empfiehlt er mir, mal ein halbes Jahr mindestens in der russischen Armee zu dienen, dort würde mir dann das richtige Verhalten in Russland beigebracht.

Apropos Armee. Der 6jährige Junge, der im Bus vorn bei seinem Vater sitzt, Sportanzug und ein Tuch im Camouflage-Look trägt (während das ca. 12jährige Mädchen geschminkt ist und helle Sonntagskleidung mit Sandalen angezogen hat), lernt in der Schule deutsch, weil seine Eltern das so wollen. Ein paar Sätze kann er schon. Auf dem Schiff spielt er mit Lili. Doch plötzlich steht er vor mir und sagt, er habe gehört, dass sich Deutsche noch immer in Russland für den Krieg entschuldigen würden, ob das wahr sei. Nun ja, antworte ich, der Krieg Nazideutschlands gegen die Sowjetunion war außerordentlich brutal und grausam, das kann man nicht einfach so ignorieren. Kurz darauf hat er seine große Spielzeugpistole herausgeholt und wird den Rest der Schiffsfahrt auf mich schießen.

In der kleinen Kombüse des für Tourismuszwecke umgebauten Fischkutters wird Tee gereicht. Die einzige echte Möglichkeit, sich von der kalten Seeluft zu erholen und zu wärmen. Lili wagt sich kaum an Deck, spielt die meiste Zeit in einer kleinen engen Kajüte auf dem Bett. Erst spät entdecke ich ein Buch, das dort von irgendjemandem vergessen wurde. Ein ehemaliger Tschetschenien-Soldat hat einen Armee-Roman geschrieben: „Und zuletzt lacht Spezialeinheit“. Das abgegriffene Taschenbuch ist mein Souvenir von der Exkursion durch die Insel Olchon. Ansonsten hab ich natürlich noch jede Menge Fotos und einen ordentlichen Sonnenbrand auf der Nase mitgebracht. Schließlich wars doch auch ein Urlaub.

Anti-Terror/Irkutsk/Ulica/Wildbahn

Irkutsker Schießereien

Posted by Sascha Preiß on

Dieser Blogeintrag verdient eigentlich einen reißerischen Kriminalfilm-Titel: 2011 ist nicht das beste Jahr in dieser Stadt. Während nämlich die meisten Irkutsker am vergangenen Samstag das Stadtfest mit großem Karneval begingen, gerieten ein Mercedes-Fahrer und der Fahrer eines Schulbusses derart in Streit, dass der Fahrer des Mercedes schließlich auf den Bus schoss. Nach eigener Aussage, weil der Schulbus seinem Auto den Weg versperrte, auf dem er seine hochschwangere Frau ins Krankenhaus fahren wollte. Glücklicherweise wurde niemand verletzt.

Gut, mag man jetzt sagen, sowas kommt eben vor, zumal im wilden Osten Sibiriens. Deutlich weniger beruhigend dafür der heutige Montag: Erschossen wurde heute ein Mitarbeiter einer Inkassofirma vor dem Irkutsker Gebietsgericht. Drei unbekannte Männer in Sportkleidung eröffneten kurzerhand das Feuer auf den Mann, als er aus dem Auto steigen und die Einnahmen abgeben wollte. Die Täter konnten mit über 2 Mio Rubeln entkommen.

Verhaftet hingegen wurden zwei dringend Tatverdächtige, die für einen aufsehenerregenden Doppelmord an Straßenwächtern verantwortlich gemacht wurden. In den frühen Morgenstunden des 12. April wurde über Polizeifunk Hilfe bei der Verfolgung eines Autos angefordert, das Auto eines außerbehördlichen Straßenwachdienstes konnte das verdächtige Fahrzeug anhalten. Die beiden Insassen des „Zhiguli“ stiegen umgehend aus und schossen ein Dutzend mal auf die Wachdienstmitarbeiter, zwei starben, ein dritter wurde schwer verletzt.

Ebenfalls Aufsehen erregte die Mordserie in Akademgorodok. In diesem Stadtteil abseits des Stadtzentrums wurden zwischen Dezember 2010 und März 2011 mindestens 6 Menschen ermordet. Anfang März wurde nach zwei weiteren Morden eine Bürgerwehr gebildet, schließlich patrouillierte die Polizei durch nahezu alle Straßen, auch der Bürgermeister machte die Mordserie zu einer Angelegenheit unter seiner persönlichen Kontrolle. Anfang April wurden zwei verdächtige junge Männer verhaftet, die zumindest einen Mord zugaben. Inzwischen wurde ihre Untersuchungshaft, die heute abgelaufen wäre, bis Oktober verlängert, sie sollen unter psychologische Beobachtung gestellt werden.

Außerdem lieferte sich ein Mann am 22.Februar mit Mitarbeitern der Wachfirmen im Einkausfzentrum „Passage“ eine ausgiebige Schießerei, bei der glücklicherweise niemand verletzt wurde, aber der Schütze festgenommen werden konnte. Woher er seine Waffen hatte, ist unbekannt, vermutlich wollte er von Firmen im Einkaufszentrum Geld erpressen.

Im Dezember 2010 hat ein betrunkener Mann seine Nachbarin erschossen und ihren Mann schwer verletzt. Was genau zu dieser Tat geführt hat, wurde nicht mehr mitgeteilt. Ein Familienstreit hingegen war Anlass dafür, dass ein pensionierter Polizist seinen Schwiegersohn mit einem Jagdgewehr erschoss, seine Tochter schwer verletzte und sich anschließend selbst tötete. Und im März 2010 wurde der Prozess gegen die Gruppe „Die Magie des Blutes“ eröffnet, die mindestens 5 brutale Morde und mehrere schwerwiegende Misshandlungen zu verantworten hat. Ein 21jähriger hatte mit vier minderjährigen Schülern aus reiner Mordlust seine Opfern zu Tode gequält, indem ihnen u.a. nacheinander die Arme und Beine abgeschnitten oder mit Steinen zertrümmert wurden.

Man möge mir also meine kurze Panik verzeihen, als gestern ein junger Mann die Straßenbahn mit einer Kettensäge betrat. Aber er setzte sich einfach nur ganz vorne hin und stieg zwei Stationen später wieder aus, ohne von der Säge Gebrauch gemacht zu haben. Sehr angenehm, zur Abwechslung.

Grenzenlos/Wildbahn

Neues aus dem sibirischen Weltall

Posted by Sascha Preiß on

Begeben wir uns einmal in die Welt der Wunder. Russland ist ja nun ziemlich groß bzw „unsinnig groß“ (Daniel Kehlmann). Groß genug auf jeden Fall, dass die Wahrscheinlichkeit, in Russland Landungen von Außerirdischen beobachten zu können, deutlich (unsinnig) größer ist als etwa in den USA, obwohl es dort nach Einschätzung der Filmproduzenten beinah täglich der Fall ist. Aber auch Russland bzw die (noch viel unsinnig größere) Sowjetunion ist reich an Sichtungen unbekannter Flugobjekte und/oder wundervollen Phänomenen, die mit der Anwesenheit erdferner Lebenwesen erklärt wurden. Vorzugsweise tauchten UFOs in Moskau auf oder das ganze Land wurde außerirdisch infiziert; relativ viel diskutiert in UFO-Fachkreisen ist die Sichtung von Woronesch, die angeblich auch offiziell bestätigt wurde, einen Monat vor dem Fall der Berliner Mauer.

Nun ist es aber so, dass sich auch in den unendlichen Weiten Sibiriens hin und wieder Außerirdische den Hobbyfotografen zeigen. Die jüngste Sichtung eines UFO-Absturzes fand Anfang März 2011 ganz in der Nähe des Baikalsees bei Irkutsk statt. Die Anwohner mehrerer Dörfer waren durch Licht, Knall und Geruch derart irritiert, dass sich schließlich der Katastrophenschutz um die Sache kümmern musste. Auch wenn bei der Suche erwartbarerweise nicht allzu viel Sinnvolles zum Vorschein kam, das mit Außerirdischen zu tun gehabt hätte – ein YouTube-Video brachte ordentlich Schwung in die rasch abebbende Aufregung: Darin zu sehen ist ein überhaupt nicht großes, sondern zerbrechlich kleines, offenbar durch den Absturz letal verletztes Alien, das eigentlich niedlich wirken könnte, wenn es nicht leicht nach gegrilltem Hühnchen aussähe. Das Video bzw das Alien ist bis heute knapp 10 Millionen mal angeschaut worden. Der Film ist selbstverständlich nur ein netter Schülerstreich, der kleine Außerirdische besteht eben wirklich u.a. aus Hühnerhaut. Wäre ja auch zu schön gewesen, wenn es so ein Knirps quer durch die Galaxien (per Anhalter?) bis an den Baikal geschafft hätte. Ob er die Region dann ebenfalls mit Natur und Erholung assoziieren würde, ist eine andere Frage.

Und das ist der Unterschied zwischen Russland und den USA: was im wahnsinnig großen Russland als Handyfilm im Internet endet, wird dort unsinnig gewaltig auf die Leinwände der Multiplexsäle projeziert. Dabei fände ich es mal einen interessanten Versuch, einen Alien-Film aus Sicht der russischen Provinz zu erzählen.

– Hast du gehört, die haben ein Alien gefunden.

– Sowas kommt vor.

– Das soll nur so groß wie ein Hühnchen sein.

– Zu klein für guten Schaschlik.

– Vor allem Kopf und Leber sollen enorm groß sein.

– Den trink ich trotzdem untern Tisch.

– Und was, wenn es viele von denen gibt, sie sich hier vermehren und bleiben wollen?

– Gegen unsere Bürokratie haben die keine Chance.

(etc)

minimal stories/Statistik/Ulica/Universität

Postsowjetische Numismatik

Posted by Sascha Preiß on

Seinerzeit, damals, davnym-davno war Mathematik die Königsdisziplin sowjetischer Hochschulen, Kopfrechnen, Algebra, Analysis, Geometrie – seit Beginn der modernen Wissenschaften in Russland unter Peter I. zählte Mathematik zu den Kerndisziplinen der Naturwissenschaften, nur noch übertroffen von der Kunst des Schachspiels. Das goldene Zeitalter der russischen Bildung ist leider längst vorbei, und manchmal scheint man auch ein bisschen zu verstehen, wie grundlegend sich seither der Wille zur Mathematik, an der jeder Sowjetbürger getreu Lenins Auftrag schon im Alltag teilhatte, gewandelt hat. Gestern stolperte ich tatsächlich über eine aus dem Fugenschmutz der Gehwegplatten schimmernde sowjetische Münze – im Wert von 15 Kopeken. Meine Bewunderung für das sowjetische Bildungssystem war umfassend.

Halbe Münzwerte, in der überwiegenden Mehrzahl als 50/100el einer Dezimalwährungshaupteinheit wiedergegeben (z.B. 50 Pfennig, aber auch 1/2 franc †), sind in Europa und weiten Teilen der Welt ebenso gewöhnlich wie Viertel-, Fünftel- oder Zehntel-Münzen (Quarter Dollar, 20 Cent, 10 Lipa). Dass man jedoch auf die Idee kommen könnte, eine Münze im Wert von Drei-Zwanzigstel der Hauptwährung zu entwerfen (zzgl. eines 3-Kopeken-Stücks, also ein Fünftel des Drei-Zwanzigstel-Stückes, das mir bislang aber noch nicht auf den Irkutsker Straßen begegnet ist), ist in der Tat höhere Alltagsmathematik.

Dass es nach dem Ende der Sowjetunion mit der Volksbildung rapide abwärts gehen muss, lässt sich ohne weiteres an den einfallslosen Währungsunterteilungen des russischen Rubel ablesen: Es gibt lediglich 1er und 5er-Teilungen, beginnend von einer und fünf Kopeken (die aber im realen Zahlungsverkehr keine Rolle spielen, statt dessen bei Hochzeiten als „echtes Konfetti“ Verwendung finden), zehn und fünfzig Kopeken, einem und fünf Rubel etc. Einzige Ausnahme aufgrund des häufigen Gebrauchs: die Zwei-Rubel-Münze. Bei soviel numismatischer Ödnis kann das postsowjetische Hirn wahrlich zu keinerlei intellektueller Leistung herausgefordert werden. Doch die Vereinfachung des Währungssystems hat auch pragmatische Gründe, denn bei aller Liebe zur Mathematik sind Kopfrechnenkenntnisse nicht überzubewerten. Denn schließlich gilt: Es gibt keinen Nobelpreis für Mathematik.

Kulinarisches

Eier von christlichen Hühnern

Posted by Sascha Preiß on

Weil Ostern bzw Пасха (Pas-cha) das wichtigste Fest christlicher Kirchen ist, und nach dem Ende der Sowjetunion der orthodoxe Glaube in Russland deutlich zugelegt hat, werden neuerdings auch die Tiere missioniert. Erfolgreich. Auf den Eiern dieser gläubigen Hühner ist der Ostergruß „Christus ist auferstanden!“ zu lesen: Христос воскресе!, gemeinsam mit der Sortenbezeichnung С1. Über die Methoden von Missionstätigkeit und Religionsausübung in den „Vogelfabriken“ – gibt es Hühnerkapellen, gibt es einen Hühnergott? – ist bislang nichts bekannt.

Irkutsk/Russland/Sprache/Statistik

Schöner unsere Städte und Gemeinden

Posted by Sascha Preiß on

Unlängst saß eine Studentin in meinem Büro, sie suchte eine Möglichkeit, sich endlich mal wieder auf deutsch zu unterhalten, also plauderten wir. Unter anderem über unsere Reiseerfahrungen in Russland. Ob ich schon in Moskau gewesen sei und was mein Eindruck der Stadt wäre. Ihr gefalle Moskau nämlich nicht so gut wie früher. Damals (wann genau, sagte sie nicht) wäre Moskau noch schön gewesen, aber heute sei die Stadt voll mit Tadjiken und Tschetschenen, die machten die Stadt ganz schmutzig, würden überall hinspucken, Frauen belästigen und sich überhaupt schrecklich benehmen. Das könne sie auch in ihrer Straße beobachten, wo Tschetschenen auf Baustellen arbeiteten, ganz und gar unangenehm.

Dass sich rassistische Einstellungen in Russland nicht auf Hooligans und Nationalbolschewiken beschränkt, ist keine Neuigkeit. Dass er sich nun so unverblümt  in einer netten Plauderei offenbarte, machte mir einigermaßen zu schaffen. Nicht allein dir Frage, wie darauf angemessen zu reagieren sei – als Ausländer ist man in einer Situation, die wenig Spielraum lässt, man kann wenig mehr als zu konstatieren, dass man selbst grundverschiedene Ansichten hat, womit sich das Thema (und das Gespräch insgesamt) erledigt hat. Aufschlussreicher ist wohl die Frage, wie junge Leute zu derart selbstbewusst vorgetragener, xenophober Weltsicht gelangen und wodurch ein solches Weltbild Bestätigung findet. Einen nicht unerheblichen Anteil hat die russische mediale Berichterstattung, in der „das Wort Tschetschene beinah schon den Status eines Markenzeichens“ hat.

Eine andere Begründung lieferte vorgestern Konstantin Poltoranin, der Pressesekretär des Föderalen Migrationsdienstes Russlands. In einem Interview mit der BBC Russland gab er an, dass „die Zukunft der weißen Rasse gefährdet“ sei bzw.: „Auf dem Spiel steht im Prinzip das Überleben der weißen Rasse, in Russland kann man das spüren.“ Er schlägt deshalb vor, „die Blutvermischung zu regulieren“. Diese „Ideen“ wiederholte er noch einmal auf Nachfragen der Internetzeitung gazeta.ru – selbstredend mit dem Zusatz: „Glauben Sie mir, ich bin weder Nationalist noch Rassist.“ Und das Ganze, weils so schön ist, führt der Pressesekretär noch einmal für den Radiosender „Stimme Russlands“ aus, mit Vorschlägen zu gesteuerter Zuwanderung: Man brauche vor allem hochqualifizierte ausländische Spezialisten…… Ob das für mich auch gilt? Nachdem nun die offiziellen Zahlen zum Zuzug von Ausländern ins Irkutsker Gebiet bekannt gegeben wurden und Poltoranin das Vokabular im Bereich Migration und Zuwanderung ganz offiziell um urrassistische Rhethorik erweitert hat, sollte sich meine Verwunderung über Plaudereien zu Moskau gelegt haben. Ein Kommentator zur Situation in Irkutsk merkt an: „Man kann wegen des ganzen Zustroms hier kaum noch atmen.“Der „Zustrom“ besteht aus 20.500 mehrheitlich befristeten Aufenthaltserlaubnissen im ersten Quartal 2011, bei einer Bevölkerung von 2,5 Millionen im gesamten Gebiet sind das etwa 0,8 Prozent. Aber Rassismus hat ja nichts mit Logik zu tun.

Anti-Terror/Irkutsk/Russland/Wildbahn

In den Fängen des „Krokodils“

Posted by Sascha Preiß on

Anlässlich des Besuches von Präsident Medwedjew in Irkutsk und der begonnenen Suche nach Lösungen für das Drogenproblem Russlands, veröffentlicht der Irkutskblog eine gekürzte Fassung eines Artikels aus der unabhängigen Zeitung Vostochnaja Sibirskaja Prawda. Die Reportage des Autors Bert Kork beschreibt einen Polizeieinsatz und vorangegangene Untersuchungen gegen eine Gruppe von Drogenabhängigen in der Kleinstadt Schelechow. Die Perspektive von Seiten der Beobachtungs- und Kontrollorgane verlässt der Autor dabei nie. Weitergehende Überlegungen zur Größenordnung des Konsums der Droge Desomorphin bzw. „Krokodil“ speziell oder des gesamten Drogenkonsums in Schelechow (und ganz Ostsibirien) stellt der Artikel leider ebensowenig an, wie Betrachtungen zu möglichen Auswirkungen von Drogenabhängigkeit auf die Demographie Russlands oder eine Analyse des Drogenkonsums als soziales und innergesellschaftliches Problem, wie es im Interview mit Evgenij Rojsmann anklingt. Die Reportage gibt allerdings Aufschluss über die öffentliche Wahrnehmung von und den Umgang mit Abhängigen (Tendenz zur Personalisierung, Verengung auf kriminelle Klein- und Problemgruppen, fehlende Persönlichkeitsrechte in der Berichterstattung, Strafvollzug als Lösungsansatz) und ist damit neben der Information über das gravierende Drogenproblem hinaus auch als Quelle zur Berichterstattung über Drogenkonsum im sibirischen Raum interessant.

Der russische Originaltext ist am 12.03.2011 erschienen und hier abrufbar. Die Fotos entstammen ebenfalls dem Artikel und sind als Slideshow hier zu sehen.

In den Fängen des „Krokodils“

Von Bert Kork

Die Paradoxie der Situation von Rauschgiftsucht und Drogenhandel im Irkutsker Gebiet besteht darin, dass, trotzdem Irkutsk in der russischen Statistik zur Drogenabhängigkeit einen vorderen Platz belegt, die Liste der verbotenen Präparate hier erfreulich stabil bleibt. Seit die Drogenwelle im letzten Jahrzehnt unser Land erreicht hat, ist der Genuss von Hydrochlorid-Diazetylmorphin, allgemein bekannt als Heroin, umgangssprachlich auch „Poroshok“ (Pulver), „Bjelyj“ (Das Weiße), „Hexogen“ oder einfach „Gex“ und „Geroi“ (Held) genannt, bei russischen Drogenkonsumenten nach wie vor am beliebtesten. Das ist deshalb erfreulich, da sowohl Ärzte als auch Rechtschutzorgane den Kampf gegen die Drogen angenommen haben – sie kennen die hiesigen Verbreitungswege der Drogenhändler und die Wirkung des Stoffes auf den Organismus gut.

Nach dem ersten Stich wird die Haut schuppig und der Körper fängt an zu faulen. (Das Foto wurde von "Gorod bez Narkotikov" zur Verfügung gestellt.)

Rauchmischungen wie „Dzhiwash“ und „Solej“ sind an Sibirien vorübergegangen (oder erst gar nicht bis zu uns gelangt) – geben Sie zu, Sie haben davon noch nie gehört. Aber im europäischen Russland richten Menschen damit ihren Verstand zu Grunde und sterben daran. Pilze und Halluzinogene sind für uns zu exotisch. Doch die Keime des ‚Neuen Bösen‘ treiben tief in den Osten aus. Meist wird in Berichten auf „synthetische Drogen“ verwiesen – Amphetamine und Ecstasy, die „Drogen der goldenen Jugend“. Vor Kurzem erschien jedoch ein neues Übel: Desomorphin, auch „Krokodil“ genannt. Krokodil kann von jedermann zu Hause aus codeinhaltigen Tabletten in Verbindung mit toxischen Substanzen hergestellt werden. Desomorphin macht die Haut zunächst schuppig, dann „verfault“ der Körper. Krokodil tauchte plötzlich von irgendwoher auf, als niemand es erwartet hatte.

Anti-Terror/Ästhetik/Irkutsk/Russland/Statistik/Ulica

Eine saubere Stadt für den Gesandten Gottes

Posted by Sascha Preiß on

So sauber hat man die Stadt lange nicht gesehen. Gefegte Wege und Straßen, leere Mülleimer, keine parkenden Autos in der Innenstadt. Da wird deutlich, wie eng die meisten Gehwege für Fußgänger sind und dass die Bäume noch immer nicht grünen, trotz seit Tagen frühlingshaften Temperaturen. Aber die Sonne scheint. Und überall stehen Polizisten, alle 100m. Unter der uniformierten Beobachtung läuft der Verkehr heute entschleunigter, weniger gehetzt. Und weil die Wege frei sind (mit Ausnahme der unbeobachteten Seitenstraßen) und alles ruhig rollt, wird die Stadt einen ihrer ganz seltenen unfallfreien Tage erleben. Wenigstens solange der russische Präsident noch in Irkutsk weilt.

Für den Staatsoberhauptsbesuch wirft sich die Stadt in ihren seriösen, zivilisierten Anzug. Ein bisschen aufgehübscht hat man sich, ein paar Straßen werden ausgebessert, Geländer gestrichen, Brücken gereinigt. Obwohl Medwedjew nicht eigentlich die Stadt oder gar deren Bewohner besucht, sondern die örtlichen Institutionen. Ein nächtlicher Ausflug ans Angara-Ufer, begleitet vom Gouverneur des Gebietes, ist der einzige realte Ortskontakt. Kein Menschenbad, kein Händeschütteln oder Winken, kein Fabrik- oder Schulbesuch. Statt dessen in der langen schwarzen Limousine durch die Leninstraße zum Administrationsgebäude, von diesem oder jenem Ausflugsziel am Baikal kommend.

Eher zufällig gerate ich in die Zeit, als die Innenstadt vollständig abgesperrt wird für die Durchfahrt der Präsidentenkolonne. Für etwa eine Stunde kommt im Zentrum nahezu alles zum Erliegen. Die meisten können auf die Behinderungen und Wartezeiten in ihrem Tagesrhythmus liebend gern verzichten. Wenn sie könnten, würden sie alle aufs Land fliehen. Der Busfahrer, dessen Fahrzeug wie alle anderen in den völlig verstopften Nebenstraßen stecken bleibt, verabschiedet mich beim Ausstieg: „Richten Sie Ihre Danksagungen an Präsident Medwedjew!“ Popularität sieht anders aus. Die ist wohl kaum das Ziel der Reise. Das Staatsoberhaupt hat den Innenminister, den Justizminister, die Gesundheits- und Sozialministerin, den Minister für Sport, Tourismus und Jugend, den Bildungsminister und den Minister für Kommunikation und Medien nicht für ein Bad in der Menge mitgebracht. Medwedjew will arbeiten. Unter anderem gilt es, mit vereinten Kräften den Kampf gegen die Drogenabhängigkeit der russischen Jugend aufzunehmen. Ein Thema, das nicht zufällig in Irkutsk auf die Agenda Russlands kommt. Das Irkutsker Gebiet gilt als eine der Hochburgen in Russland mit zweimal mehr Abhängigen als im gesamtrussischen Durchschnitt. In Russland werden nach offiziellen Zahlen mindestens 2,5 Millionen Drogenabhängige vermutet, von denen 70% unter 30 Jahre als sind – mit entsprechend hoher Sterberate. Russland bekommt auf diese Weise ein gewaltiges demographisches Problem. Medwedjew sucht nun, die Kräfte gegen die Abhängigkeit zu vereinen, sieht es als gesamtrussische Aufgabe und fordert zunächst einmal Tests von Schülern, das Sperren von Webseiten mit Anleitungen zur eigenen Drogenproduktion, und denkt über die Einführung einer Zwangsbehandlung anstelle von Gefängnisstrafen für Abhängige und Drogenkonsumenten nach.

Eine Studentin sagt, Medwedjew sei ihr zu kompliziert, sie mag Putin mehr, der ist einfach, volksnah, verständlich. Aber sie nehme auch diesen, denn alle russischen Präsidenten, hieße es ja, wären von Gott gesandt. An der Leninstraße sind einige hundert Menschen versammelt, die meisten einfach Passanten mit irgendeinem Ziel, dass sie nun zu Fuß erreichen müssen. Die einzigen sichtbaren Fahnen sind in den Händen von Mitgliedern der kommunistischen Partei, manch einer schwenkt die Fahne der Sowjetunion. Ansonsten spannungslose Ruhe, Verkehrspolizisten und stetig weiterschaltende Ampeln, rot, grün, rot, in den Seitenstraßen unendlich viele Fahrzeuge. Der perfekte Moment für einen Häuserbrand, die Feuerwehr hat keine Chance. Über der Stadt liegen dunkle Nebel, die Sonne ist auch verschwunden, kalter Wind kommt auf.

Und dann fährt ein Polizeiauto mit Blaulicht entlang, ermahnt die Fußgänger, die Straße nicht mehr zu betreten. Es ist das Zeichen, woraufhin alle ihre Mobiltelefone ziehen und die anrollenden Fahrzeuge filmen. Aus der Ferne nähern sie sich, rund 20 Autos fahren rasch vorbei. Und als sie vorüber sind, gehen die Menschen weiter, dann strömen aus allen Nebenarmen die Verkehrsfluten hervor und donnern durch die Straßen, solange bis wieder abgesperrt wird, wenn des Gesandten Arbeit getan ist und er weiterfährt.

Sprache/Universität

Brief an die deutschen Wirtschaftsprüfer

Posted by Sascha Preiß on

Heute habe ich Post bekommen. Bei meiner Arbeit bekommt man durchaus häufiger mal Post. Manchmal auch handgeschrieben oder sogar persönlich überbracht. Letztes Jahr zu Weihnachten klopfte ein Mädchen an meine Tür und gab mir verstohlen-aufgeregt eine kleine Tüte. Ich hatte das Mädchen noch nie gesehen. Sie sagte in gebrochenem Deutsch, dass sie hoffe, es möge mir gefallen, und ging. In der Tüte waren ein Paar Handschuhe, selbstgestrickt, in den Deutschlandfarben und stark parfümiert. Ich weiß bis heute nicht, wie ich ihr hätte danken können.

Die heutige Post kam schon vor einigen Tagen elektronisch. Eine betrefflose Mail mit Anhang im docx-Format, das landet notwendig erst einmal in der Postfach-Sülze. Trotzdem hab ichs rausgefischt und geöffnet. Die docx-Datei ist auf russisch „an die deutschen Wirtschaftsprüfer“ genannt:

Guten Morgen, Liebe Kolleginnen und Kollegen! Mit freundlichen Grüßen Sie aus ein Student der Fakultät „Accounting und Audit“ der Baikalsee staatliche Universität für Wirtschaft und Recht Alexej Stepanowitsch Chudjakow*. Einer These schreibe über die Prüfung, ich eine der Verzweigungen „Audit History in Deutschland“, übergeben die Prüfung auf Deutsch, und wir wollen nicht mit deutscher Wissenschaftler in der Buchhaltung zu sprechen kommen und Überwachung, sollten von der deutsche Professor eingeladen werden

Ich bin zwar ein wenig in Sorge wegen der „Überwachung“, dennoch fand ich diese Post aus irgendeinem Grund bemerkenswert. Die Ermittlungen, worum es sich handelt, sind angelaufen.

(*Name geändert.)