Das Schloss

Und dann kamen wir eines Maientags zu meinem Unibüro. Meine Mitarbeiterin und ich waren etwas bepackt, hatten für eine größere Veranstaltung eingekauft. Sie steckt ihren Schlüssel ins Schloss, es lässt sich nicht öffnen. Ich stecke meinen Schlüssel ins Schloss, das gleiche Ergebnis. Auf dem Korridorboden vor der Tür Späne und die Pappschachtel eines Türschlosses. Offensichtlich ausgewechselt, ohne uns zu informieren. Ratlosigkeit, Nervosität.

Vor zwei Wochen war eine Dame bei mir im Büro, die mich zu überreden suchte, das Büro zu wechseln. Die Uni bräuchte meinen Platz für Verwaltungsdienste und es wäre zwei Etagen tiefer etwas frei, das könne ich haben. Ob denn meine Arbeit so wichtig wäre, dass ich an diesem Platz mein Büro bräuchte, das Büro da unten sei der zukünftigen Mitarbeiterin, die viel mit dem Rektor zu tun haben würde, nicht zuzumuten. Nach Besichtigung des leeren Büroraumes und Rücksprache mit meinen Kollegen lehnte ich ab. Die Dame zeigte wenig Begeisterung, sie würde darüber mit dem Rektor sprechen.

Und dann war das Schloss ausgewechselt. Die Mitarbeiterinnen des Auslandsamtes, die vor einigen Jahren den Raum eigenhändig renoviert und eingerichtet haben, sind aufgebracht. Es werden Telefonate geführt, nicht laut, aber resolut. Wir gehen von einer Diensstelle zur nächsten. Dass die Unileitung derart aggressiv ihre ausländischen Arbeitskräfte umquartiert, kann sich niemand wirklich vorstellen. Ein Einbruch scheint auch nicht stattgefunden zu haben, nach allem, was man durch den Türspalt sehen kann, ist nichts entwendet worden. Und tatsächlich stellt sich heraus, dass die universitäre Raumplanerin zu Unrecht verdächtig wurde.

Dem Wachdienst lag ein Auftrag vor, das beschädigte Schloss zum Raum I-315 zu wechseln. Offenbar sind die beschäftigten Handwerker der Uni des Lesens und Schreibens unkundig. Mein Büro trägt die Nummer E-315, was eigentlich an der Tür zu lesen ist. Während ich mein Lachen unterdrücke, eilt die stellvertretende Leiterin des Auslandsamtes durch die Gänge, das sei wirklich nicht komisch, sie müsse jetzt ein ernstes Wörtchen mit den Technikern dieses Hauses sprechen. Als sie zurückkommt, drückt sie mir die neuen Türschlüssel in die Hand und entschuldigt sich, ich könne mir kaum vorstellen, wer so alles in der Uni arbeite. Ihre minutenlange Rede kann ich mir nicht merken, sie spricht von Arbeitsmoral, Unfähigkeit und falscher Personalpolitik. Unsere russischen Männer, sagt sie abschließend und klopft intensiv auf das Holz meiner Bürotür. Was solle man von denen schon verlangen. Damit ist die Sache beendet und wir widmen uns der Arbeit.

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